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Semantik (Zitieren)

Die digitale Strukturierung der Daten ('Digitalisierungsgrad D 3') erlaubt eine differenzierte semantische Analyse der erfassten sprachlichen Ausdrücke, denn Synonymien, Polysemien und Homonymien lassen sich durch die Verknüpfung der 'Bezeichnungen' mit den 'Konzepten' in Gestalt so genannter n:m-Beziehungen abbilden:



Graphik: Stephan Lücke

Im Lichte der dabei zu Tage tretenden Konzeptrelationen lässt sich das synchrone semantische Profil eines jeden polysemen Ausdrucks skizzieren; die wichtigsten Ausprägungen von Polysemie werden im Folgenden genannt.
- Taxonomische Polysemie liegt vor, wenn ein Ausdruck hierarchisch sowohl einander über- als auch untergeordnete Konzepte bezeichnet.
- Meronymische Polysemie liegt vor, wenn ein Ausdruck sowohl komplexe Sachzusammenhänge ('Ganze') als auch Konstituenten dieser Zusammenhänge ('Teile') bezeichnet; so wird die ALM, der für den Bauern wichtige Teil des Berges, häufig schlechthin als 'Berg' bezeichnet: Vgl. Karte Konzept ALM

Meronymische Bezeichnung des Konzepts ALM als Teil des Bergs durch Übertragung der Bezeichnung des Ganzen
Morpho-lex. Typ montagna 'Berg' (roa. fem.) (16 Belege)
Morpho-lex. Typ monte (roa. m.) (67 Belege)

Andererseits kann die ALM, als wirtschaftliches Ganzes (mit allem, was dazu gehört), mit Ausdrücken bezeichnet werden, die eigentlich nur für Komponenten der Almwirtschaft stehen: Vgl. Karte Konzept ALM

Meronymische Bezeichnung des Konzepts ALM als Ganzes durch Übertragung der Bezeichnung von Komponenten
Morpho-lex. Typ cascina 'Sennhütte' (roa. fem.) (1 Beleg)
Morpho-lex. Typ casera 'Sennhütte' (roa. fem.) (1 Beleg)
Morpho-lex. Typ cjampei 'Felder' (roa. m.) (2 Belege)
Morpho-lex. Typ pascol 'Weide' (roa. m.) (1 Beleg)
Morpho-lex. Typ pascolo 'Weide' (roa. m.) (1 Beleg)

- Metonymische Polysemie liegt vor, wenn ein Ausdruck Konzepte bezeichnet, die innerhalb ein und desselben 'Ganzen' unterschiedliche 'Teile' bezeichnen; so gehören zu einer ALM u. a. das VIEH, GEBÄUDE für das PERSONAL und für das Vieh, eine HÜRDE usw. Alle genannten Komponenten können in unterschiedlichen romanischen Ortsdialekten durch den morpho-lexikalischen Typen roa. mandra bezeichnet werden: Vgl. Karte
Metonymische Bedeutungen des morpho-lexikalischen Typs roa. mandra
Konzept ALMHÜTTE (1 Beleg)
Konzept ALMSTALL (2 Belege)
Konzept HERDE (15 Belege)
Konzept RINDERHÜRDE (3 Belege)
- Metaphorische Polysemie liegt vor, wenn ein Ausdruck Konzepte unterschiedlicher Domänen bezeichnet, die in keinem gemeinsamen Zusammenhang stehen. Allein das Konzept RAHM wird mit folgenden Metaphern bzw. metaphorischen Vergleichen bezeichnet:
  1. als 'Kopf': capo (roa. m.), (19 Belege), dazu capo di latte (roa.), wörtlich 'Milchkopf'  (12 Belege), il capo del latte (roa.) (1 Beleg)
  2. als 'Blume': fleur / fiore (roa. m.) (15 Belege), fiora (roa. fem.) (17 Belege), dazu fiora cruda (1 Beleg), wörtlich 'ungekochte Blume', fiore di latte (roa.), wörtlich 'Milchblume' (2 Belege)
  3. als 'Haut': Haut (ger. m.) (2 Belege), peau / pelle (roa. fem.) (1 Beleg), la pelle del latte (roa.) (1 Beleg)
  4. als 'Pelz': pelliccia (roa. fem.) (2 Belege), Pelz (ger. m.) (4 Belege)
  5. als 'Nebel': sbrumacje (roa. fem.) (2 Belege), sbrume (roa. m.) (11 Belege)
  6. als 'Schaum': écume / schiuma (roa. fem.) (2 Belege), spuma (roa. fem.) (1 Beleg), spumacje (roa. fem.) (1 Beleg)
  7. als 'Tuch': toile / tela (roa. m.) (14 Belege), dazu tela del latte (roa.) (1 Beleg) und tela di latte (roa.) (5 Belege), wörtlich 'Milchtuch'
Der 3. Typ zeigt übrigens sehr schön, dass auch Metaphern über die Sprachfamiliengrenze hinweg verbreitet ein können; in diesem Fall repräsentieren deu. Pelz und roa. pelliccia darüber hinaus denselben Basistyp, nämlich lateinisch pellīcia, die feminine Form eines denominalen Adjektivs von lat. pellis 'Haut'.
    Vgl. Karte

      - Antonymische Polysemie liegt vor, wenn ein Ausdruck Konzepte bezeichnet, die im Gegensatz zueinander stehen.
    Selbstverständlich kann ein Ausdruck auch mehrere unterschiedliche semantische Beziehungen bezeichnen, wie die Konzepte, die in unterschiedlichen romanischen Varietäten mit dem Basistyp malg- verbunden sind, exemplarisch zeigen.





(auct. Thomas Krefeld)

Tags: Linguistik



Sprachatlanten im Alpenraum (Zitieren)

Von Westen nach Osten wird die alpine Dialektlandschaft durch die folgenden, teils noch nicht vollständigen Atlanten erschlossen:
  • Romania alpina: ALF, AIS (Details), ALI, ALP, ALJA, ALEPO, CLAPie, APV, ALAVAL, ALD-I, ALD-II, ASLEF;
  • Germania alpina: SDS, VALTS, BSA, SONT, TSA, SAO;
  • Slavia alpina: SLA.
Die große Zahl darf aber nicht über die erheblichen, teils durchaus überraschenden Diskrepanzen zwischen den einzelnen Atlanten hinwegtäuschen. So sind ausgerechnet manche Regionalatlanten, wie z. B. der ALD-II oder auch der BSA keineswegs besonders an ethnolinguistischen Daten interessiert. Gerade das Almwesen – das ja eine der grundlegenden Wirtschaftsformen des Alpenraums repräsentiert – wird so gut wie überhaupt nicht thematisiert; im ALD-II gibt es zwar (im Unterschied zum BSA) einen Stimulus 869 l'alpeggio 'Alm'/ la baita 'Sennhütte'. Aber schon ganz fundamentale Konzepte der Milchverarbeitung wie SENN (ita. casaro, caciaio), MELKEN (ita. mungere), LAB (ita. caglio), ENTRAHMEN (ita. scremare) und der Viehhaltung wie STALL (ita. stalla), HIRTE (ita. pastore), WEIDE (ita. pascolo) usw. fehlen (vgl. das Fragebuch).

(auct. Thomas Krefeld)

Tags: Linguistik



Sprachfamilien im Alpenraum (Zitieren)

Im Territorium der Alpenkonvention und damit im Untersuchungsgebiet von VerbaAlpina werden traditionell Sprachen aus drei Sprachfamilien gesprochen. Alle drei sind durch dialektale Kontinua repräsentiert, deren Ausdifferenzierung offenkundig auch von der Ausdehnung ihres Verbreitungsgebiets abhängt. Die Fragmentierung der romanischen Zone ist stärker als die der germanischen und diese wiederum als die der slawischen; über die dialektalen Verhältnisse informieren die einschlägigen Sprachatlanten, deren Erhebungspunkte hier zu einem umfassenden, mehrsprachigen Netz verknüpft werden. Auf der Ebene der übergeordneten Nationalsprachen bzw. regional implementierten Minderheitensprachen ist jedoch nur die Romania alpina weiter untergliedert. Denn neben dem Französischen und Italienischen sind hier nach Maßgabe der politischen Anerkennung in der Schweiz und in Italien das Okzitanische, das im Aostatal politisch offizialisierte Arpitanische (oder: Frankoprovenzalische), das Rätoromanische, das Dolomitenladinische und das Friaulische zu nennen. Die Slavia alpina und die Germania alpina kennen dagegen mit dem Slowenischen und mit dem Deutschen jeweils nur eine Standardsprache. Was das plurizentrische Deutsche betrifft, sind allerdings mindestens für die Schweiz, für Deutschland und für Österreich koexistierende nationale Standardvarietäten zu unterscheiden.
Das Projekt zielt auf dialektale ('basilektale') Daten; standardsprachliche oder standardnahe ('akrolektale') Varianten werden nicht erhoben; sie können de facto aber jeder Zeit auftauchen, weil die korrespondierenden Dialektformen nicht mehr geläufig oder allenfalls noch passiv bekannt sind; dieser Fall ist in Bereich der traditionellen Lebenswelt nicht selten. Es kann aber ebenso sein, dass lokale Dialektvarianten niemals existiert haben; genau diese Konstellation wird in einer eventuell dritten Phase, in der die moderne Lebenswelt thematisiert werden soll, vermehrt erwartet (vgl. Onomasiologischer Rahmen). Es wäre jedoch zu einfach, die sprachliche Dynamik ausschließlich im Abbau diatopisch markierter Formen zu vermuten: Aktuell fehlende regionale oder lokale Formen schließen zukünftige Entstehungen keineswegs aus.

(auct. Thomas Krefeld)

Tags: Linguistik



Sprachkontakt (Zitieren)

Beim Sprachkontakt, zu dem auch der Varietätenkontakt gehört, sind zwei grundverschiedene Typen zu unterscheiden, je nachdem ob es sich – auf der Ebene des sprachlichen Systems – um feste, sprecherunabhängige Integrate ('Entlehnungen') oder aber – auf der Ebene des Sprechers – um indivuelle Erscheinungen handelt. Letztere wiederum können habitualisierten oder ganz okkasionellen Verwendungen, so genannten switchings, entsprechen. Dieser Vorbehalt ist auch bei der Interpretation älterer Atlasmaterialien immer dann zu berücksichtigen, wenn ein Informant eine standardnahe Form oder, in zweisprachigen Gebieten, eine Form der jeweiligen Zweitsprache liefert. Der theoretisch fundamentale Unterschied ist angesichts der sprachlichen Daten mehr oder weniger wahrscheinlich, jedoch eigentlich nie evident. Nur die Vermehrung der Informanten, die mit social media zu einer durchaus realistischen Option wird, verspricht hier zuverlässige Auskunft.



(auct. Thomas Krefeld)

Tags: Linguistik



Strata (Zitieren)

Die diachrone Linguistik ('Sprachgeschichte') unterscheidet zwei historische Sprachkontaktkonstellationen (vgl. Krefeld 2003); beide sind räumlich fundiert und gehen von der im Untersuchungszeitraum gesprochenen Sprache des jeweiligen Gebiets aus; diese Sprache wird gelegentlich als 'Strat' bezeichnet:
  • ehemals im Untersuchungsraum gesprochene Sprachen ('ältere Schichten') werden als 'Substrate' bezeichnet; diese Sprachen wurden im Lauf der Geschichte durch die im Fokus der jeweiligen Sprachgeschichte stehende Sprache – das Strat – verdrängt;
  • Sprachen, die sekundär, durch Eroberung, in den Untersuchungsraum gelangten und die im Fokus stehende Sprache eine gewisse Zeit lang überlagerten, werden als 'Superstrate' bezeichnet; diese Sprachen konnten die überlagerten Sprachen jedoch nicht verdrängen und verschwanden selbst nach mehr oder weniger langer Zeit, etwa im Gefolge politischer Veränderung. So ist zum Beispiel das deutsche Superstrat der romanisch- und slawischsprachigen Gebiete Österreich-Ungarns mit dem Zerfall dieses Staatsgebildes nach dem Ersten Weltkrieg untergegangen.
  • Von Sub- und Superstraten spricht man also nur rückblickend, aus der Sicht einer Zeit, in der die jeweiligen Sprachen im Untersuchungsgebiet nicht mehr gesprochen werden; dabei müssen oft große Zeitspannen überbrückt werden, so dass man sich kurzerhand an den sprachlichen Systemen orientiert und dort nach kontaktinduzierten Veränderungen, also nach den Resultaten des Sprachkontakts sucht. Für das eigentliche Verständnis der mutmaßlichen Sprachkontakterscheinungen ist jedoch die historische Periode der jeweiligen Zweisprachigkeit entscheidend, d.h. die Zeit, in der beide Sprachen neben- bzw. miteinander gesprochen wurden. Diese gleichzeitig gesprochenen Sprachen heißen 'Adstrate'. Damit muss jedoch unweigerlich eine synchronische Perspektive eingenommen werden, die nicht auf die 'Sprachen' beschränkt werden kann, sondern den 'Sprecher' mit seiner spezifischen Kompetenz und womöglich die konkrete Äußerung, das 'Sprechen' mitberücksichtigt. Das ist in historischer Perspektive zwar häufig unmöglich, muss jedoch grundsätzlich auch bei der Rekonstruktion der Stratigraphie bedacht werden, denn die Äußerung eines zweisprachigen Sprecher ist grundsätzlich anders als die eines einsprachigen zu beurteilen.


    (auct. Thomas Krefeld)

    Tags: Linguistik



    Stratigraphie (Zitieren)

    Allgemeines

    Die Alpen sind seit prähistorischer Zeit ein Gebiet vielfältiger Sprachkontakte, die auf ganz unterschiedliche Stratakonstellationen zurückgehen. Grundsätzlich werden Sprachen, die in einem Gebiet in Kontakt stehen, weil es dort mehr oder weniger viele zweisprachige Sprecher oder gar Sprechergemeinschaften gibt, als Adstrate bezeichnet. Falls ein Basistyp nur in einem bestimmten Gebiet verbreitet ist, also etwa in den Alpen, und in den betroffenen Sprachfamilien ansonsten nicht vorkommt, sind die Entlehnungsrichtung und die Herkunftssprache oft nicht eindeutig (vgl. den Basistyp roa. baita / deu. Beiz, Beisl).
    Wenn die Herkunftssprache des entlehnten Elements im Verbreitungsgebiet, oder in einem Teil davon, nicht mehr gesprochen wird, werden zwei Konstellationen unterschieden: Im Fall des Substrats wurde die Herkunftssprache (Substratsprache) im Verbreitungsgebiet gesprochen, bevor ihre Überlieferungskontinuität abriss und die geltende Sprache sich durchsetzte; das Romanische ist eine Substratsprache des gesamten deutsch- und slowenischsprachigen Alpengebiets. Substratwörter setzen zwar Sprachwechsel voraus; sie zeichnen sich aber trotzdem oft durch außerordentliche regionale oder lokale Kontinuität aus.
    Im Falle des Superstrats galt die Herkunftssprache während eines gewissen Zeitraums im Verbreitungsgebiet, ohne sich dort dauerhaft zu etablieren. So herrschten in Teilen des heute romanischsprachigen Alpenraums nach dem Zusammenbruch der römischen Infrastruktur zeitweise germanische Superstrate (Gotisch, Langobardisch) und in Slowenien spielte das Deutsche während der langen Habsburgerzeit diese Rolle.
    Zwischen den drei Sprachfamilien haben sich nun durchaus unterschiedliche Szenarien ergeben; hinsichtlich der Bedeutung des Sprachkontakts für die Geschichte des sprachlichen Raums ist vor allem die Chronologie der Entlehnung wichtig: Handelt es sich beispielsweise bei Romanismen im germanischen und slawischen Sprachraum um Substratwörter mit regionaler Überlieferungskontinuität seit der Antike oder um jüngere adstratale Übernahmen? Dieselbe Frage gilt mutatis mutandis ebenso für die Germanismen im romanisch- bzw. slawischsprachigen und die Slawismen im deutsch- und romanischsprachigen Raum.
    Entlehnungen sind ein zuverlässiger Indikator historischer Akkulturationsprozesse; deshalb ist eine quantitative Darstellung angebracht, die es gestattet, die relative Häufigkeit der belegten Entlehnungen ortsgenau abzubilden. Die Akkulturationsrichtung ist jedoch keineswegs immer eindeutig; nicht selten koexistieren in eng definierten onomasiologischen Bereichen gegenläufige Entlehnungen. Die folgende Graphik schematisiert die stratigraphische Herausforderung. Sie differenziert die drei heute romanisch-, deutsch- und slowenischsprachigen Gebiete nach Substrat- und Superstratsprachen und symbolisiert (durch Kugeln) die mehrsprachigen Sprechergruppen in Adstratkonstellationen. Gleichzeitig wird die besondere historische Bedeutung der Romanisierung verdeutlicht (vgl. Märtin 2017, 102-129), die – wenn auch in sehr unterschiedlicher Intensität – den gesamten Alpenraum erfasste und deshalb wohl auch alles Ältere, Vorrömische vermittelte. Direkter Kontakt zwischen Sprechern vorrömischer Sprachen und Sprechern der das Lateinisch-Romanische gebietsweise überdeckenden nachfolgenden Sprachen (Slawisch und Germanisch) kann zwar nicht kategorisch ausgeschlossen werden; diese Annahme ist jedoch sicherlich problematisch.



    Die zentrale Aufgabe der Wortgeschichte besteht nun darin, die mutmaßliche Entlehnungen stratigraphisch zu präzisieren. Die gegenläufige Entlehnung vom deu. Schmalz > roa. smalzo und lat.-roa. butyrum > deu. Butter sowie dessen Weiterentlehnung ins Slo. (> puter ließe sich dann wie folgt schematisieren.



    Vorrömische Zeit

    Die neuzeitliche Verteilung der Sprachfamilien im Untersuchungsgebiet lässt die Alpen als eine Barriere, gewissermaßen als gewaltigen Sperrriegel erscheinen, insofern sie grosso modo den deutschsprachigen Raum (nördlich) vom romanisch- und slawischsprachigen Raum (südlich) trennt (Link). Das über den Alpenhauptkamm hinweg deutlich nach Süden ausgreifende, bairischsprachige Südtirol wirkt beinahe als Sonderfall. Diese 'Ansicht' ist in historischer Perspektive irreführend. Schon die ältesten sprachlichen Zeugnisse, Inschriften aus vorrömischer Zeit, sind in einem weitestgehend identischen Alphabet verfasst:



    Quelle

    Die Verbreitung dieser meist als 'rätisch' bezeichneten, nicht entzifferten Texte (vgl. Schumacher 2004) reicht von den Nordalpen (Steinberg am Rofan, in der Nähe des Achensees) bis nach Padua; sie lässt sich nur vor dem Hintergrund eines die Alpen überschreitenden kulturellen Zusammenhangs verstehen:
    rätische_inschrftn In diesem Alphabet wurden, grosso modo, auch die uns erhaltenen Dokumente des Etruskischen geschrieben; es geht offensichtlich auf eine antike westgriechische Schrift zurück.

    Römische Zeit

    Die Römer haben dann den zentralen Alpenraum zwischen 25 und 15 v.Chr. erobert; das Tropaeum Alpium in La Turbie, oberhalb von Monaco, berichtet von 46 eroberten Stämmen, deren Namen sich teils bis heute erhalten haben. Die Inschrift ist leider nur in Bruchstücken erhalten, konnte jedoch durch die Naturgeschichte von Plinius dem Älteren (3, 136-137) vollständig rekonstruiert werden: 

    "Imperatori Caesari divi filio Augusto / pont(ifici) max(imo) imp(eratori) XIIII trib(unicia) pot(estate) XVII / senatus populusque Romanus / quod eius ductu auspiciisque gentes Alpinae omnes quae a mari supero ad inferum pertinebant sub imperium p(opuli) R(omani) sunt redactae / gentes Alpinae devictae Trumpilini Camunni Vennonetes Vennostes Isarci Breuni Genaunes Focunates / Vindelicorum gentes quattuor Cosuanetes Rucinates Licates Catenates Ambisontes Rugusci Suanetes Calucones / Brixentes Leponti Viberi Nantuates Seduni Veragri Salassi Acitavones Medulli Ucenni Caturiges Brigiani / Sogiontii Brodionti Nemaloni Edenates (V)esubiani Veamini Gallitae Triullatti Ectini / Vergunni Egui Turi Nemeturi Oratelli Nerusi Velauni Suetri" (Datenquelle: Epigraphik-Datenbank Clauss / Slaby

    Die folgende Übersicht zeigt die Namen aus der Aufzählung, die sich allem Anschein nach in aktuellen Namen identifizieren lassen.
    (Dép. Hautes-Alpes)
    auf dem Trop.Alpium erwähnter Name aktueller Name Geodaten (Breite ; Länge)
    Trumpilini   Val Trompia   45°44'5.87"N ;  10°12'2.20"E
    Camunni  Val Camonica    45°57'17.71"N ;  10°17'21.08"E
    Vennonetes Vinschgau   46°39'44.81"N ;  10°34'39.75"E
    Venostes   46°39'44.81"N ;  10°34'39.75"E
    Isarci Vgl. die Flussnamen Isère, Isar, Isarco (= deu. Eisack   47°23'13.25"N ;  11°16'30.42"E
    Breuni Brenner   47° 9'59.75"N ;  11°25'0.14"E
    Licates Flussname Lech (lat. Likias [2 Jh. n. Chr.], später Licca [570 n. Chr.]  
    Brixentes  eventuell der Gemeindename Brixen   47°30'2.70"N ;   9°44'32.31"E
    Leponti  Val Leventina   46° 6'47.60"N ;   8°17'31.10"E
    Seduni Sitten im Kanton Wallis, Schweiz    46°13'59.25"N ;   7°21'37.80"E
    Caturiges  der Gemeindename Chorges (Dép. Hautes-Alpes)   44°32'44.67"N ;   6°16'31.60"E
    Brigiani der Gemeindename Briançon  44° 53′ 47″N, 6° 38′ 08″E
    Ectini eventuell der Flussname Tinée    43°55'0.23"N ;   7°11'14.69"E
    Vergunni  der Gemeindename Vergons (Dép. Alpes-de-Haute-Provence)   43°19'23.90"N ;   6°17'3.20"E

    Im Gefolge der Eroberung richten die Römer im geographischen Anschluss an die Gallia Cisalpina Provinzen ein, die entweder in den Alpen selbst angesiedelt sind (Alpes Maritimae, Nr. 3 auf der folgenden Skizze; Alpes Cottidae, Nr. 2 auf der Skizze; Alpes Poeniae auch: Alpes Graiae, Nr. 1 auf der Skizze) oder aber die Alpen nach Norden überschreiten Raetia, Noricum):



    Römische Alpenprovinzen (Ausschnitt aus dieser Quelle)

    Die römische Provinzeinteilung im alpinen Raum ist im einzelnen nicht leicht zu beurteilen; insbesondere fällt es schwer, sie direkt auf sprachlich-ethnische Verhältnisse abzubilden. Das größte Rätsel bilden die Raetii 'Räter', d.h. die Namensgeber einer der beiden großen Provinzen im Alpenraum. Über sie konnte sehr wenig und allenfalls Archäologisches in Erfahrung gebracht werden, abgesehen von der kaum bezweifelbaren, allgemeinen Forschungsmeinung, dass es sich nicht um Indogermanen handelte (vgl. dazu Jürg Rageth im HLS). Es ist fraglich, ob sie mit den Etruskern identifiziert werden können; für eine Verbindung sprechen die alpinen Inschriften im etruskischen Alphabet. Allerdings decken sich die Fundorte gerade nicht mit den Provinzgrenzen. Überhaupt deckt sich das Territorium der Raetia höchstwahrscheintlich nicht mit dem Wohngebiet der Räter und auch die spätere Teilung in eine Raetia prima mit der Hauptstadt Curia (heute: Chur) und eine Raetia secunda mit der Hauptstadt Augusta Vindelicorum (heute: Augsburg), ist in dieser Hinsicht keineswegs eindeutig. Die Funde der letzten vorchristlichen Jahrhunderte aus Chur "scheinen eher einem kelt. als einem rät. Kulturkreis nahe zu stehen" (Jürg Rageth im HLS) und die auf dem Tropaeum Alpium erwähnten Vindeliker werden von der Forschung einhellig als Kelten beschrieben; man beachte auch die Kontinuität des Provinznamens Raetia in Gestalt des heutigen Landschaftsnamens Ries (vgl. die Karte zu den römischen Inschriften in dieser Gegend nordwestlich von Augsburg).

    In jedem Fall darf man davon ausgehen, dass der nordalpine Raum intensiver romanisiert war als die eigentliche Gebirgszone; es liegt daher nahe, in spätrömischer Zeit von einer stärkeren Ähnlichkeit zwischen dem nord- und  südalpinen Alpenvorland auszugehen, als zwischen den Alpen'vorländern' und der Gebirgszone. Eine große, kaum geklärte Frage betrifft die Fortdauer der vorrömischen Sprachen nach der Eingliederung des Gebiets in das Imperium Romanum. Es ist ja grundsätzlich denkbar, dass die germanischen und slawischen Einwanderer oder Invasoren nicht nur auf ein lateinisch-/romanischsprechende Bevölkerung, sondern womöglich auch noch auf Kelten trafen. In diesem Fall, dessen Wahrscheinlichkeit schwer einzuschätzen ist, hätten sprachliche Elemente unmittelbar aus vorrömischen Sprachen (jedenfalls aus dem Keltischen) ins Germanische und Slawische entlehnt werden können. In der Regel muss man jedoch davon ausgehen, dass alles Vorrömische in romanisierter Gestalt, d.h. als romanische Form an die nachrömischen Strata vermittelt wurde.

    Zur unterschiedlich starken, womöglich speziell inneralpin schwächeren Romanisierung sind die archäologischen Erkenntnisse über die Lepontier aufschlussreich:

    "Als Folge der röm. Expansion in der Poebene kamen die L. ab dem 2. Jh. v.Chr. schrittweise mit römisch geprägten Sitten und Gebräuchen in Kontakt und sie übernahmen erneut – in einem radikal veränderten hist. Umfeld – die Rolle von Mittlern zwischen der Nord- und der Südseite der Alpen. Mit den Feldzügen des Augustus (35-15 v.Chr.), deren Ziel die Unterwerfung der Alpenvölker zur Sicherung der Handelswege und des militär. Durchgangs durch die Alpen war, wurden die L. ins röm. Verwaltungs- und Wirtschaftssystem integriert. Trotz tiefgreifender Akkulturationsprozesse überlebten einige traditionelle Elemente der L., besonders bei der weibl. Bekleidung und den Bestattungsriten, bis ins 2.-3. Jh. n.Chr." (Gianluca Vietti im HLS)

    In jedem Fall ist es zum Verständnis möglicher Sprachkontaktszenarien sinnvoll, georeferenzierbare historische Daten in die Datenbank mit aufzunehmen, also zum Beispiel archäologische Funde, das spätantike Straßenverzeichnis der so genannten Tabula Peutingeriana (Link_1, Link_2), die römischen Alpenpässe, die römische Epigraphik usw. So zeigt diese Karte einerseits, dass die früh im bairischen Raum gegründeten Klöster und die ersten germanischen Funde sich offenkundig an romanische Infrastruktur anlagern, die sich in Gestalt von Inschriften, antiken Ortsnamen und der frühmittelalterlichen Bezeichnung anwesender Romanen (Walchen) manifestiert. Andererseits ist in eben diesen Verdichtungsgebieten gleichzeitig mit mutmaßlich frühen Entlehnungen zu rechnen, wie caseareus, -a zeigt.



    (auct. Thomas Krefeld)

    Tags: Linguistik



    Stratigraphie und Onomasiologie (Zitieren)

    Manche onomasiologische Bereiche weisen deutliche Affinitäten zu Entlehnungen auf; so finden sich für etliche Konzepte aus dem Bereich des Almwesens, speziell der Milchverarbeitung im Deutschen romanische bzw. vorrömische Bezeichnungstypen (vgl. die Basistypen: butyru(m), caseu(m), caseāria, crama, tegia, stabulum u. a.).
    Das spricht in unmissverständlicher Weise dafür, dass die entsprechenden grundlegenden Kulturtechniken im Alpenraum sehr alt sind und an jeweils hinzukommende Ethnien und ihre Sprachen weitergegeben wurden. Aber es wäre natürlich zu einfach, bestimmte onomasiologische Teilbereiche zur Gänze mit bestimmten sprachlichen 'Schichten' zu verknüpfen. Es ist vielmehr bemerkenswert, dass gerade auch Entlehnungen in entgegengesetzter Richtung belegt sind und daher dauerhafter gegenseitige kultureller Austausch anzunehmen ist. Charakteristisch sind die komplementären Bezeichnungstypen für das Konzept BUTTER. Während sich im Bairischen der romanische Typus Butter durchgesetzt hat, ist der deutsche Typ Schmalz in einem Teil der romanischen Mundarten etabliert: Vgl. die synoptische Karte der Basistypen butyrum und Schmalz.

    Es scheint also, als ob sich das Auslassen, d. h. das Schmelzen (daher Schmalz) der Butter als elementare Konservierungstechnik ausgehend vom deutschsprachigen Gebiet nach Süden verbreitet hätte.
    Ein vergleichbares Bild geben die Bezeichnungstypen lat. stabulu(m) und deu. Stall für einfache Almgebäude: Vgl. die synoptische Karte zu den Basistypen lat. stabulu(m) und deu. Stall.



    (auct. Thomas Krefeld)

    Tags: Linguistik



    Stratigraphie: Romanismen (Zitieren)

    Als 'Romanismen' werden in VA alle im heute deutsch- bzw. slawischsprachigen Teilgebiet des Untersuchungsgebiets erhobenen Ausdrücke bezeichnet, die unmittelbar aus dem Romanischen und mittelbar aus dem Lateinischen bzw. aus vorrömischen Sprachen stammen. Dabei sind im Hinblick auf die regionale Stratigraphie ebenso wie im Hinblick auf die großräumige 'Architektur' des Deutschen und Slowenischen im Wesentlichen zwei verschiedene geolinguistische und historische Konstellationen zu unterscheiden.
    (1) Exklusiv dialektale Romanismen
      Diese Kategorie, zu der die lokalen Varianten ohne Entsprechungen in der Standardsprache gehören, bildet gewissermaßen die prototypischen romanischen Entlehnungen des Alpenraums; es handelt sich in aller Regel um Substratwörter, d.h. um solche Ausdrücke, die in der Zeit der romanisch-germanischen bzw. romanische-slawischen Zweitsprachigkeit entlehnt wurden und den späteren Sprachwechsel zur germanischen bzw. slawischen Einsprachigkeit grosso modo ortsfest als Relikte überdauert haben. Ein eindeutiges Beispiel liefert der morpho-lexikalische Typ Käser, der so wie sein romanisches Äquivalent casera auf den Basistyp lat. casearia zurückgeht: Vgl. die Karte zum Basistypen casearia.

      (2) Dialektale Romanismen mit Entsprechungen in der Standsprache und in den romanischen Dialekten des Untersuchungsgebiets
        Da auch bei dieser Gruppe sowie im Falle von (1) eine areale Verbreitung gegeben ist, die die aktuellen Grenzen der Sprachfamilien überschreitet, liegt es nahe, die standardsprachlichen Varianten auf die dialektalen Formen zurückzuführen. Diese Kategorie der Romanismen kann daher auch über den Alpenraum hinaus sprachgeschichtliches Interesse beanspruchen. Ein eindeutiges, in der Etymologie des Standarddeutschen verkanntes Beispiel liefert deu. Butter.
      Die folgende Karte zeigt klar, dass die maskuline süddeutsche Variante der Butter eine gemeinsames Areal mit dem ebenfalls maskulinen romanischen Typ butirro und beurre bildet und insofern als historisch primär gegenüber der femininen Standardvariante die Butter angesehen werden muss: Vgl. die Karte zum Basistypen butyru(m).

      Dieses Muster der primären süddeutschen Entlehnung und ihrer sekundären Verbreitung ins Standardeutsche scheint jedoch nicht immer eindeutig, da auch die Möglichkeit der umgekehrten Verbreitungsrichtung aus dem Standard in die Dialekte des Untersuchungsgebiets in Betracht gezogen werden muss. So könnte man eventuell die deutschen Entsprechungen des Basistyps lat. cellārium sehen.
      Sowohl im Fall der exklusiv dialektalen wie der dialektal-standardsprachlichen Romanismen sind im Einzelnen substratale lokale Relikte und adstratale Entlehnungen mit sekundärer arealer Verbreitung zu unterscheiden.


    (auct. Thomas Krefeld)

    Tags: Linguistik



    Synoptische Karte (Zitieren)

    Diese Funktion erlaubt es dem Nutzer, eine getroffene Auswahl an Karten auf einer synoptischen Kombinationskarte zu fixieren . So können die Verbreitungsgebiete beliebiger sprachlicher und außersprachlicher Merkmale im Zusammenhang visualisiert werden. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, diese synoptischen Karten in Zoomstufen festzuhalten, wenn ein lokaler Kontext, wie z.B. das Karwendel oder das okzitanisch-frankoprovenzalisch-piemontesische Dialektkontinuum der Westalpen, dokumentiert werden soll.

    (auct. Thomas Krefeld)

    Tags: Webseite