Zur Etymologie von fra. salle, ita. sala und deu. Saal

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Bei der folgenden Gruppe romanischer Bezeichnungen handelt es sich offenkundig um Kognaten:

  • fra. salle/ita. sala ‚Saal‘;
  • port./span./katsala ‚Saal, Hauptwohnraum‘;
  • rumsală ‚Saal‘ ist zweifellos eine junge Entlehnung aus dem Fra. und/oder Deu.

Es drängt sich auf, einen Zusammenhang mit deu. Saal einerseits und andererseits mit einer umfangreichen Gruppe von Ortsnamen anzunehmen, zu der das römische Sala (heute: Rabat in Marokko), die französischen und italienischen Ortsnamen des Typs SallesSala etc. gehören sowie zahlreiche bereits lateinische Derivationen und einige Kompositionen mit dieser Basis.

Allerdings werden fra. salle und ita. sala ‚Saal‘ als Entlehnung aus dem Germanischen aufgefasst, wobei die Entlehnungsgeschichte, bzw. der Entlehnungsweg unterschiedlich erklärt wird.

(1) Das FEW nimmt ausschließlich fränkische Vermittlung an und rekonstruiert altniederfränkisch *săl ‚Einraumhaus‘ als Grundlage. Die galloromanische Entlehnung habe sich dann nach Süden, ins Iberoromanische, und nach Italien verbreitet. Damit sei ein Bedeutungswandel ‚Einraumhaus‘ → ‚Herrenwohnhaus‘  → ‚Wohnhaus größerer Gehöfte‘ einhergegangen, der die vor allem in Südfrankreich und Italien belegte Verwendung als Toponym erklären würde.

(2) Der DELI 1119 geht von einer altniederfränkischen Entlehnung in der Bedeutung ‚Saal‘  zur Erklärung des fra. salle und einer langobardischen in der Bedeutung ‚casa di campagna‘ für ita. sala aus, jeweils einschließlich der entsprechenden Toponyme.

Beide Herleitungen trennen die romanischen Toponyme auf der Grundlage der appellativischen Simplicia, d.h. fra. Salles und ita. Sala von den lateinisch-römischen Toponymen (Sala, bzw. Sal- + –ona, -durum usw.), die ja weit in vorgermanische Zeit zurückreichen. Von dieser wenig wahrscheinlichen Annahme abgesehen, ist auch die germanische Basis nicht gut gesichert, wie aus dem Kluge hervorgeht:

Aus g. *sali- m., älter wohl *salaz- n.Saal’, auch in ­anord. salr, ae. sæl, n. salor, sele, gt. in saljan ‛Herberge finden, bleiben’, gt. saliþwos f. Pl. ‛Herberge, Speisezimmer’. Das Wort bezeichnet ursprünglich den Innenraum des Einraumhauses. Außergermanisch vergleichen sich l. solum n. ‛Boden’, lit. salà f. ‛Dorf’, akslav. selo ‛Acker, Dorf’ (in den slavischen Sprachen von einem *sedlo- ‛Siedlung’, das zu sitzen und siedeln gehört, nicht überall deutlich zu scheiden). Weitere Herkunft unklar.

Hinweise[:] Ebenso nndl. zaal, nschw. sal, nisl. salur; […]“ (Kluge Online, o.S.)

Die Erklärung aus dem Germanischen ist auch sachgeschichtlich bedenklich, denn sie verankert die rekonstruierte Ausgangsbedeutung in der vorrömischen Holzbautradition. Nun ist gerade die germanische Terminologie des Bauens durch massive, teils sehr frühe Entlehnungen aus dem Lateinischen-Romanischen geprägt, die auf den römischen Steinbau verweisen;

  • Pfette < lat. patena ‚Krippe‘ (Kluge 698),
  • Mauer < lat. mūrus (Kluge 608),
  • Pfeiler < lat. pīlāre (REW 6500, Kluge 697),
  • Estrich < lat. *astracus, zu gr. ostrakon (Springer 1998, 1165; FEW 7, 440 f.),
  • Ziegel < lat. tēgula (Kluge 1009),
  • Mörtel < lat. mortārium (vgl. Kluge 636),
  • Söller < lat. sōlārium (Kluge 857),
  • Kamin < lat. camīnus (Kluge 467),  
  • Kammer < lat. camera ‚Zimmer mit gewölbter Decke, Wölbung‘ (Kluge 467),
  • Kemenate < lat. caminata ‚heizbares Zimmer‘ (Kluge 486),
  • Küche < lat. cocina zu coquere ‚kochen‘ (Kluge 545),
  • Pforte  < lat. porta (Kluge 700),
  • Fenster < lat. fenestra (Kluge 287),
  • Keller < lat. cellārium (Kluge 486),
  • Zelle < lat. cella (Kluge1006),
  • Straße < lat. (via) strata ‚gepflasterter Weg‘ (Kluge 890),
  • Pflaster < lat. emplastrum (Kluge 698).

Schließlich erfordert die Annahme germanischer Etymologie die Rekonstruktion zweier unterschiedlicher, phonetisch sehr ähnlicher und semantisch eng verwandter Etyma: ein germanisches und ein lateinisches (oder vorlateinisches?) zur Erklärung der genannten lateinischen Toponyme mit sal-. Es wäre doch vor diesem Hintergrund viel eleganter sich mit dieser Basis zu begnügen und ihre frühe, onomasiologisch naheliegende Entlehnung ins Germanische anzunehmen – dafür sprechen die limesnahen Saal-, Sal(l)ach-Bildungen.

Merke:

Auch Autoritäten irren, und autoritäre Irrtümer werden durch fortgesetztes Zitieren nicht zur Wahrheit.

 

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