Zum Aussagewert der Crowd-Belege

Thomas Krefeld

Lexikalische Typen aus Crowdbelegen

Im Rahmen von VerbaAlpina wurde ein Tool zur Erhebung von Sprachdaten über das Internet (sog. Crowdsourcing) entwickelt, das auf lexikalische Typen ausgerichtet ist (vgl. Mitmachen): Interessierte Nutzer (die Crowder) wählen eine Gemeinde im Untersuchungsgebiet sowie mindestens ein Konzept und geben dessen Bezeichnung ein.

Die  vorgegebenen Konzepte der Erhebung, d.h. die Stimuli, werden in standardsprachlicher Orthographie präsentiert und deshalb oft als Bezeichnungen wahrgenommen, die in der Antwort bestätigt oder durch Synonyme ersetzt werden. Diesen lexikologischen Zweck kann das Crowdsourcing gut erfüllen, wie sich an etlichen Beispielen zeigen lässt. So geht aus der folgenden, nach wissenschaftlichen Quellen einerseits und Crowd andererseits differenzierten Karte deutlich hervor, dass bekannte Forschungslücken – hier: Österreich und Südtirol – durch Online-Befragungen geschlossen werden können. Es spricht nichts dagegen, deren Ergebnisse als Belege für die lokale Verbreitung der gelieferten Typen zum gegenwärtigen Zeitpunkt anzuerkennen. Gelegentlich ergibt sich auch ein neues, differenziertes Bild, da lokale Varianz zu Tage tritt, wie im folgenden Beispiel, wo in Westendorf im Allgäu neben dem Typ Butter, den der  BSA liefert, auch synonymes Schmalz und damit ein standardfernerer Typ belegt wird (vgl. Karte).

Die Crowder werden als ein eigener Quellentyp behandelt, der komplementär zu den anderen, im traditionellen Sinn wissenschaftlichen Quellen (Atlanten , Wörterbücher) angezeigt wird, der sich aber auch systematisch damit vergleichen lässt. In der Tat verdient das Verhalten der Crowder auch jenseits der gelieferten Daten in mehrfacher Hinsicht  Interesse, weil es Einblick in das Sprachwissen der Sprecher selbst gestattet; es eröffnet sozusagen die emische Perspektive1 der Laien. Zunächst muss man jedoch einräumen, dass manche Auffälligkeiten durchaus unklar sind und auch Anlass zur Spekulation geben. Schon die ganz unterschiedliche Beliebtheit der gewählten Konzepte ist alles andere als selbstverständlich, denn ausgerechnet die bekanntesten Begriffe liegen sehr deutlich an der Spitze. Darin könnte zum Ausdruck kommen, dass  die Dialektkompetenz nicht immer so gross ist, wie das rein medial geweckte Interesse mitzumachen. A priori würde man von einem Crowder mit souveräner Kompetenz ja eher seltene Bezeichnungen für besonders spezielle Konzepte erwarten, die nur dem sachlich Eingeweihten vertraut sind. Hier eine Übersicht der beliebtesten Konzepte:

Crowdbelege und phonetische Salienz

Bei der Konzeption der Crowdsourcing-Funktion von VerbaAlpina wurde bewusst darauf verzichtet irgendwelche Vorgaben für die Verschriftung der Formen zu machen (zum Problem der Dialektschreibung (vgl. Kleiner 2006) ; ganz davon abgesehen, dass die technischen und medialen Hürden möglichst niedrig gehalten werden sollten, wäre es unbillig die konsequente Verwendung einer standardisierten Transkription (etwa mit dem für die Transkription der wissenschaftlichen Quellen benutzen, internationalen System der IPA) zu verlangen. Es ist aber keineswegs so, dass die Crowder mehr oder weniger automatisch auf die Standardorthographie zurückgreifen würden, wie sich sogar im Fall der oben erwähnten Allerweltsbegriffe erweist.

Relative phonetische Adäquatheit: das Beispiel Alm/Alp

Aus geolinguistischer Sicht ist vielmehr bemerkenswert, dass die Crowd–Schreibungen räumliche Muster erkennen lassen. Exemplarisch ist der weitverbreitete Typ Alp bzw. Alm, der auch dem Namen des ganzen Gebirges Alpen/Alpes/Alpi usw. zu Grunde liegt und der auf den vorrömischen Basistyp alpes zurückgeht. In den von der Crowd gelieferten Schreibungen des deutschsprachigen Teilgebiets erscheinen die vier Varianten <Alp>, <Alm>, <Olm>, <Oim>.  Die Standardvariante <Alm> ist selten und taucht nur gestreut auf, d.h. ohne ein spezifisches Gebiet zu markieren; die drei anderen sind dagegen raumbildend  (vgl. Karte) und in ihrer Schreibung eindeutig phonetisch intendiert:

  • Der Anfangsvokal <o–> neben <a–> lässt die Labialisierung (‘Rundung’) des /a/ im Bairischen erkennen.
  • Die Varianz der Endkonsonanz, <–p> vs <–m>, gilt zwar auch  im regionalen Standard (Schweizer Standard Alp vs. Alm in den Standardvarietäten Deutschlands und Österreichs); aber darauf lassen sich die Crowdbelege gerade nicht abbilden; die Grenze, die sich aus den Crowd–Schreibungen ergibt, verläuft vielmehr durch Westtirol und entspricht grosso modo den Verhältnissen, die uns die wissenschaftlichen  Quellen liefern.
  • Die Vokalisierung des Laterals /l/ erscheint ebenfalls dort, wo sie durch die Atlanten verortet wird; im übrigen entspricht sie ganz zuverlässig der dialektalen Phonetik, da sie nur in labialer Umgebung vorkommt, nämlich zwischen <o–> und <–m>; das Verbreitungsgebiet liegt vollständig in dem Gebiet, wo der TSA Formen mit [-l-] verzeichnet (vgl. Karte. Die Verbindung von <a-> und <-i->, d.h. der Typ *<aim> kommt dagegen nicht vor; er wird nur scheinbar auf der Karte inmitten des <Oim>-Gebiets, nämlich für Alpbach angezeigt, denn bei genauerer Betrachtung handelt es sich um <åim>, d.h. ein offenbar linguistisch vorgebildeter Crowder hat ein gerundetes /a/ mit Hilfe eines diakritischen Zeichens notiert.

Selektive Wiedergabe

Das eigentlich Bemerkenswerte besteht allerdings weniger in durchgängiger graphischer Wiedergabe der Phonetik als viel mehr in der phonetischen Unterspezifiziertheit der Schreibungen. Denn es werden ja weder alle phonetischen Merkmale der lokalen Varianten noch alle Unterschiede zwischen der jeweiligen Dialektvariante und der Standardvariante wiedergegeben, sondern die Crowder lassen sich ganz offensichtlich von unterschiedlichen Graden perzeptiver Salienz leiten, die durchaus nicht zufällig zu sein scheinen. Es sei jedoch im Einzelfall dahin gestellt, ob diese Salienz unmittelbar auf die Audition zurückführt, oder ob sie sich mittelbar, d.h. aufgrund regional frequenter Schreibtraditionen für einzelne Wörter und somit aufgrund visueller Perzeption verfestigt hat; in beiden Fällen können auch soziale Konditionierungen der Salienz durch konventionalisierte auditive Schibboletheffekte im Spiel sein.

Ein charakteristisches Beispiel für starke phonetische Salienz liefern die Crowd-Schreibungen des Typs Milch. Die beiden charakterischen mittelbairischen Varianten, nämlich die Vokalisierung des vorkonsonantischen  [l] einerseits (Typ: Muich) und die Vokalisierung des auslautenden [-ç] (Typ Milli) andererseits werden systematisch verschriftet; die Standardvariante wird dagegen im Verbreitungsgebiet dieser Varianten praktisch nicht benutzt (vgl. die Karte der Crowd-Schreibungen).

Phonetische Salienz und Orthographie im Sprecherwissen

Die Problematik der selektiven Wiedergabe einzelner und offenkundig besonders salienter Merkmale sowie ihrer unterschiedlichen, nicht immer eindeutigen  Konditionierung lässt sich sehr schön am Beispiel des morpho-lexikalischen Typs von deu. Butter illustrieren. Die Sprachatlanten zeigen ganz eindeutig, dass die oberdeutschen Varianten in Übereinstimmung mit der althochdeutschen Lautverschiebung im Anlaut ganz überwiegend Entstimmmung bzw. Entsonorisierung, d.h. ein [p–] zeigen. Damit korrespondiert im Westen der Erhalt des auslautenden [–r] und im Osten der  Schwund, d.h. fast überall ein vokalischer Auslaut ([–a] oder [-ɐ]; (vgl. die Karte  Anlaut/Auslaut von deu. Butter in wissenschaftlichen Quellen   ). Man beachte, dass sowohl der stimmlose Anlaut als auch vokalische Auslaut von der standardsprachlichen Graphie abweichen.

Beide genannten Merkmale werden nun in den Schreibungen der Crowder in ganz unterschiedlichem Maß berücksichtigt. Während der stimmlose Anlaut bislang (18.6.2018) kaum als <p-> geschrieben wurde, stellt die Schreibung ohne <-r>, meistens in Form von <-a>, für den vokalischen Auslaut geradezu den Regelfall dar (Butta, Budda etc.); man vergleiche dazu die Karte Anlaut/Auslaut von deu. Butter in Crowd-Schreibungen. Wenn man dahinter nun unterschiedlich Salienzgrade vermutet, stellt sich die Frage nach dem Grund, also nach einer möglichen  perzeptiven Fundierung. Dabei ist zu beachten, dass dieser vokalische Auslaut des Suffixe <-er> auch seiner standarddeutschen Realisierung entspricht; die offenkundige Salienz des vokalischen Auslauts ist also nicht durch eine phonetische Varianz von Dialekt und Standard motiviert, sondern durch die Inkongruenz von Orthographie einerseits und Aussprache andererseits. Man sollte daher erwarten, dass er in der Sprecherwahrnehmung eher unauffällig wäre. Die Sprechen scheinen, anders gesagt, nicht die dialektale Aussprache mit der Standardaussprache zu vergleichen, sondern die eigentlich unauffällige dialektale Aussprache wird vom dem Hintergrund der Standardorthographie als auffällig wahrgenommen.

 

en.beurteilen die dialektale Standarda : den Sprechern 

Im Gegensatz zum Auslaut weicht der stimmlose Anlaut [p-] zwar sowohl von Aussprache als auch von der Schreibung der Standardvariante ab und ist daher spezifisch dialektal. Er schlägt sich jedoch in den Schreibungen der Sprecher überhaupt nicht nieder; es findet sich,  mit anderen Worten,  kein Hinweis auf eine etwaige auditive Salienz. Das mag damit zusammenhängen, dass der Laut graphematisch nicht, durch zwei Grapheme, wie etwa <–er> = [–a], sondern nur durch ein einziges Graphem repräsentiert wird.  

Crowd-Schreibungen von deu. Alm

Schreibung von <-l-> in  deu. Alm in Krautbelegen; dem entspricht keine einzige Notation von realisiertem [-l-] in wiss Quellen

#####Diese Diskrepanz zwischen Transkription und Laienschreibung bildet sich kartographisch eindeutig ab.

Gehen nun sehr unterschiedlich mit der Freiht um, die ihnen gelassen wird

die s Interessant

Crowd-Belege des morpholexikalischen Typs Butter (Stand vom 19.6.2018).

Karte

Unterschiedliche Dichte der Belege

Westalpen: in Italien (Westpiemont) die Gebiete mit der stärksten Abwanderung, in Frankreich (Provence) die Gebiet mit der stärksten Zuwanderung (Personen ohne Dialektkompetenz)


  1. Vgl. dazu die Ausführungen in Krefeld 2016

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