Methodologie

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Semantik

Die digitale Strukturierung der Daten ('Digitalisierungsgrad D 3') erlaubt eine differenzierte semantische Analyse der erfassten sprachlichen Ausdrücke, denn Synonymien, Polysemien und Homonymien lassen sich durch die Verknüpfung der 'Bezeichnungen' mit den 'Konzepten' in Gestalt so genannter n:m-Beziehungen abbilden:



Graphik: Stephan Lücke

Im Lichte der dabei zu Tage tretenden Konzeptrelationen lässt sich das synchrone semantische Profil eines jeden polysemen Ausdrucks skizzieren; die wichtigsten Ausprägungen von Polysemie werden im Folgenden genannt.
- Taxonomische Polysemie liegt vor, wenn ein Ausdruck hierarchisch sowohl einander über- als auch untergeordnete Konzepte bezeichnet.
- Meronymische Polysemie liegt vor, wenn ein Ausdruck sowohl komplexe Sachzusammenhänge ('Ganze') als auch Konstituenten dieser Zusammenhänge ('Teile') bezeichnet; so wird die ALM, der für den Bauern wichtige Teil des Berges, häufig schlechthin als 'Berg' bezeichnet: Vgl. Karte Konzept ALM

Meronymische Bezeichnung des Konzepts ALM als Teil des Bergs durch Übertragung der Bezeichnung des Ganzen
Morpho-lex. Typ montagna 'Berg' (roa. fem.) (16 Belege)
Morpho-lex. Typ monte (roa. m.) (67 Belege)

Andererseits kann die ALM, als wirtschaftliches Ganzes (mit allem, was dazu gehört), mit Ausdrücken bezeichnet werden, die eigentlich nur für Komponenten der Almwirtschaft stehen: Vgl. Karte Konzept ALM

Meronymische Bezeichnung des Konzepts ALM als Ganzes durch Übertragung der Bezeichnung von Komponenten
Morpho-lex. Typ cascina 'Sennhütte' (roa. fem.) (1 Beleg)
Morpho-lex. Typ casera 'Sennhütte' (roa. fem.) (1 Beleg)
Morpho-lex. Typ cjampei 'Felder' (roa. m.) (2 Belege)
Morpho-lex. Typ pascol 'Weide' (roa. m.) (1 Beleg)
Morpho-lex. Typ pascolo 'Weide' (roa. m.) (1 Beleg)

- Metonymische Polysemie liegt vor, wenn ein Ausdruck Konzepte bezeichnet, die innerhalb ein und desselben 'Ganzen' unterschiedliche 'Teile' bezeichnen; so gehören zu einer ALM u. a. das VIEH, GEBÄUDE für das PERSONAL und für das Vieh, eine HÜRDE usw. Alle genannten Komponenten können in unterschiedlichen romanischen Ortsdialekten durch den morpho-lexikalischen Typen roa. mandra bezeichnet werden: Vgl. Karte

Metonymische Bedeutungen des morpho-lexikalischen Typs roa. mandra
Konzept ALMHÜTTE (1 Beleg)
Konzept ALMSTALL (2 Belege)
Konzept HERDE (15 Belege)
Konzept RINDERHÜRDE (3 Belege)
- Metaphorische Polysemie liegt vor, wenn ein Ausdruck Konzepte unterschiedlicher Domänen bezeichnet, die in keinem gemeinsamen Zusammenhang stehen. Allein das Konzept RAHM wird mit folgenden Metaphern bzw. metaphorischen Vergleichen bezeichnet:
  1. als 'Kopf': capo (roa. m.), (19 Belege), dazu capo di latte (roa.), wörtlich 'Milchkopf'  (12 Belege), il capo del latte (roa.) (1 Beleg)
  2. als 'Blume': fleur / fiore (roa. m.) (15 Belege), fiora (roa. fem.) (17 Belege), dazu fiora cruda (1 Beleg), wörtlich 'ungekochte Blume', fiore di latte (roa.), wörtlich 'Milchblume' (2 Belege)
  3. als 'Haut': Haut (ger. m.) (2 Belege), peau / pelle (roa. fem.) (1 Beleg), la pelle del latte (roa.) (1 Beleg)
  4. als 'Pelz': pelliccia (roa. fem.) (2 Belege), Pelz (ger. m.) (4 Belege)
  5. als 'Nebel': sbrumacje (roa. fem.) (2 Belege), sbrume (roa. m.) (11 Belege)
  6. als 'Schaum': écume / schiuma (roa. fem.) (2 Belege), spuma (roa. fem.) (1 Beleg), spumacje (roa. fem.) (1 Beleg)
  7. als 'Tuch': toile / tela (roa. m.) (14 Belege), dazu tela del latte (roa.) (1 Beleg) und tela di latte (roa.) (5 Belege), wörtlich 'Milchtuch'
Der 3. Typ zeigt übrigens sehr schön, dass auch Metaphern über die Sprachfamiliengrenze hinweg verbreitet ein können; in diesem Fall repräsentieren deu. Pelz und roa. pelliccia darüber hinaus denselben Basistyp, nämlich lateinisch pellīcia, die feminine Form eines denominalen Adjektivs von lat. pellis 'Haut'.
    Vgl. Karte

      - Antonymische Polysemie liegt vor, wenn ein Ausdruck Konzepte bezeichnet, die im Gegensatz zueinander stehen.
    Selbstverständlich kann ein Ausdruck auch mehrere unterschiedliche semantische Beziehungen bezeichnen, wie die Konzepte, die in unterschiedlichen romanischen Varietäten mit dem Basistyp malg- verbunden sind, exemplarisch zeigen.





(auct. Thomas Krefeld)

Tags: Linguistik



Soziale Netzwerke

Soziale Medien stellen derzeit ein sehr mächtiges Kommunikationsmittel dar. Dadurch können selbst Aktivitäten, die in der Öffentlichkeit oft als "Nische" gelten (wie z.B. die wissenschaftliche Forschung im dialektologisch-sprachlichen Bereich), leichter und unmittelbarer an ein breites Publikum herangeführt werden.
In diesem Sinne wird VerbaAlpina im Internet nicht nur durch die offizielle Plattform des Projekts vertreten, sondern auch durch den Auftritt in verschiedenen sozialen Netzwerken. VerbaAlpina besitzt Profile auf Facebook (https://www.facebook.com/verbaalpina), Instagram (https://www.instagram.com/verba.alpina/), Twitter (https://twitter.com/verbaalpina) und auf YouTube (https://www.youtube.com/channel/UCOP2qW53_M42fk5PRq3WUAA/featured).
Die Ziele, die VerbaAlpina durch die Aktivierung und Betreuung der o.g. Profile verfolgt, lassen sich in dem Wunsch zusammenfassen, die Existenz des Projekts nach außen hin zu kommunizieren, aber auch in der Notwendigkeit, immer mehr Sprecher der Alpendialekte aufzurufen, bei der großen online Befragung mittels Crowdsourcing mitzumachen. Während das Crowdsourcing in der ersten und zweiten Phase des Projekts eine ergänzende Datenquelle zu den bestehenden Sprachatlanten und Wörterbüchern im Alpenraum darstellte, fungiert es in der dritten Phase als primäre Quelle für die Datenakquirierung. Es liegt daher auf der Hand, dass eine intensive und konstante Bewerbung dieses Tools über die sozialen Medien unumgänglich ist. Das Ziel der von VerbaAlpina auf den verschiedenen Profilen veröffentlichten Beiträge besteht also darin, eine wachsende Zahl von Nutzern zu erreichen, die im Idealfall nicht nur ein "Gefällt mir" oder einen Kommentar hinterlassen, sondern die offizielle Plattform des Projekts besuchen und sich am Crowdsourcing beteiligen, indem sie Wörter ihres eigenen Dialekts (oder anderer ihnen bekannter Dialekte) senden. Im Allgemeinen ist es häufig nicht möglich, auf allen vier Profilen den gleichen Inhalt zu veröffentlichen, da Facebook, Instagram, Twitter und YouTube in ihrer Konzeption unterschiedlich ausgerichtet sind. Die Art der Inhalte unterscheidet sich daher (leicht) je nach Art der Plattform.

Die Gewinnung von Crowdsourcing-Teilnehmern erfolgte zunächst (ab 2016) hauptsächlich über Facebook. Hier wurden und werden Inhalte zu einigen Ergebnissen des Projekts veröffentlicht. Die Beiträge werden von einem Aufruf zur Teilnahme und einem Link zur Crowdsourcing-Plattform begleitet. Darüber hinaus wird Facebook genutzt, um Posts von anderen Seiten zu teilen und um die Follower über projektspezifische Neuigkeiten zu informieren (Teilnahme an Konferenzen, Fortschritte, Auftritte in den Medien, Hinweise auf wichtige Tage, Oster- und Weihnachtswünsche usw.). Facebook bietet auch die Möglichkeit, Beiträge in verschiedene Sprachen zu übersetzen, so dass jeder Nutzer die Inhalte in der Sprache lesen kann, die er für sein Profil eingestellt hat. Ursprünglich wurden die Beiträge aus dem Deutschen ins Italienische, Französische und Slowenische übersetzt, mittlerweile erfolgt die Kommunikation hauptsächlich auf Englisch. Facebook ist für VerbaAlpina insofern wichtig, als dadurch mehr Altersgruppen als über die anderen Kanäle erreicht werden können.

Post von VerbaAlpina auf Facebook zum internationalen Tag der Muttersprache 2021


Im April 2020 wurde ein Instagram-Profil eröffnet. Hier wurden zunächst dieselben Inhalte wie auf Facebook angeboten, aber das Profil wurde um die sog. "Stories" (Inhalte, die nach 24 Stunden verschwinden) erweitert. Da es auf Instagram bis ca. Ende 2021 nicht möglich war, direkte Links in Posts oder Stories einzufügen, wurde der Link zur Crowdsourcing-Plattform nur in der sogenannten "Bio" im oberen Bereich des Profils aufgenommen (Bio ist die Abkürzung für Biography, d.h. der obere Bereich jedes Instagram-Profils, wo die wichtigsten Informationen dazu zusammengefasst werden). Viele Stories zielten daher darauf ab, die Follower über das Vorhandensein des Links durch die Verwendung des Hashtags #linkinbio in Kenntnis zu setzen. Die Werbungsaktion für die Crowdsourcing-Plattform erfolgte deshalb zunächst leichter und besser auf Facebook.

VerbaAlpina auf Instagram


Da Instagram im Gegensatz zu Facebook keine Übersetzungsmöglichkeiten bietet, wurde die Kommunikation zunächst in drei Alpensprachen (Französisch, Italienisch, Deutsch) und mittlerweile aber hauptsächlich auf Englisch geführt. Seit Beginn der dritten Phase, nutzt VerbaAlpina regelmäßig den Fragen-Sticker der Instagram-Stories, um die Frage "Wie sagt man für KONZEPT in deinem Dialekt?" zu stellen. VerbaAlpina möchte dadurch die Follower dazu ermuntern, Bezeichnungen unterschiedlicher Konzepte aus dem Bereich ALMWIRTSCHAFT, NATUR, ÖKOLOGIE und TOURISMUS zu senden. Nutzer, die mit einem Dialektwort auf die Frage antworten, werden eingeladen, ihre Teilnahme über die offizielle Plattform fortzusetzen. Die auf Instagram gesammelten Antworten werden vom Social-Media-Manager von VerbaAlpina innerhalb der Crowdsourcing-Plattform erfasst, nachdem er die erforderlichen Informationen (Gemeinde und Dialekt) bei den jeweiligen Informanten gesammelt hat. Die Einführung der Möglichkeit, Links zu Stories auf Instagram hinzuzufügen, war für VerbaAlpina sehr nützlich. Auf diese Weise werden jetzt die Nutzer, die sich die Stories ansehen, ermuntert, auf den Link zu klicken und die Crowdsourcing-Plattform (auch) von ihrem Handy aus aufzurufen. Seitdem es die Möglichkeit gibt, Instagram- und Facebook-Profile zu verbinden, werden auf Instagram und Facebook die gleichen Inhalte (Posts und Stories) veröffentlicht. Auf dieser Weise ist ein breiteres Publikum gesichert. Regelmäßig werden die Follower auch über die Entwicklungen der Crowdsourcing-Aktivität informiert, z.B. indem Graphiken zur Anzahl der registrierten Crowd-Belege oder Karten zu den gelieferten Wörtern gepostet werden.

Post auf Instagram zu den Bezeichnungen des Konzepts WÄRME


Im Laufe der Zeit hat sich ein Netzwerk von Profilen entwickelt, die sich mit Themen rund um die Alpen beschäftigen (Sensibilisierung für sprachliches und kulturelles Erbe, Dokumentation u. Ä.). Zusammen mit diesen Profilen bot VerbaAlpina auf Facebook auch zwei live übertragene Round-Table-Gespräche zu dialektologisch- und alpenrelevanten Themen an (zum ersten Round-Table-Gespräch, zum zweiten Round-Table-Gespräch. Über Instagram erreicht VerbaAlpina vor allem junges Publikum.

Das Twitter-Profil von VerbaAlpina eignet sich für kurze Mitteilungen und ähnelt in gewisser Weise stärker dem Facebook-Profil als dem Instagram-Profil. Die sogenannten "Tweets" sind hier prägnanter. Twitter bietet auch die Möglichkeit, Links hinzuzufügen und ermöglicht somit eine direkte Verbindung zur offiziellen VerbaAlpina-Plattform. Da die Anzahl der Follower auf Facebook und Instagram viel schneller gewachsen ist als bei Twitter, wird dieses Profil nur unregelmäßig aktualisiert.

Auf YouTube, bietet VerbaAlpina ein Video an, das als Tutorial für die Bedienung des Crowdsourcing dient.

Speziell seit Beginn der dritten Phase werden die Facebook- und Instagram-Profile von VerbaAlpina auch dazu genutzt, andere Profile zu kontaktieren, die einen Bezug zu den Alpen bzw. zu den Konzeptdomänen von VerbaAlpina (Almwirtschaft, Natur, Ökologie und Tourismus) haben, mit der Bitte, VerbaAlpina unter ihren Abonnenten bekannt zu machen. Darüber hinaus lädt VerbaAlpina SprecherInnen der Alpendialekte durch kurze Texte in Facebook-Gruppen von Alpenorten ein, sich am Crowdsourcing zu beteiligen.

Selbstverständlich ist die Vitalität der sozialen Profile von VerbaAlpina eng mit der Vitalität des Crowdsourcing verbunden: Je aktiver die sozialen Kanäle, desto intensiver ist auch die Aktivität im Crowdsourcing. Die Trends kann man über die Live Statistik der Crowdsourcing-Aktivität täglich beobachten.
Die Facebook-, Instagram-, Twitter- und YouTube-Profile von VerbaAlpina werden von Christina Mutter, Beatrice Colcuc und den Hilfskräften des Projekts betreut.

(auct. Beatrice Colcuc)

Tags: Funktionsbereiche



Sprachatlanten und Wörterbücher im Alpenraum

Von Westen nach Osten wird die alpine Dialektlandschaft durch die folgenden, teils noch nicht vollständigen Atlanten erschlossen:
  • Romania alpina: ALF, AIS (Details), ALI, ALP, ALJA, ALEPO, CLAPie, APV, ALAVAL, ALD-I, ALD-II, ASLEF;
  • Germania alpina: SDS, VALTS, BSA, SONT, TSA, SAO;
  • Slavia alpina: SLA.
Die große Zahl darf aber nicht über die erheblichen, teils durchaus überraschenden Diskrepanzen zwischen den einzelnen Atlanten hinwegtäuschen. So sind ausgerechnet manche Regionalatlanten, wie z. B. der ALD-II oder auch der BSA keineswegs besonders an ethnolinguistischen Daten interessiert. Gerade das Almwesen – das ja eine der grundlegenden Wirtschaftsformen des Alpenraums repräsentiert – wird so gut wie überhaupt nicht thematisiert; im ALD-II gibt es zwar (im Unterschied zum BSA) einen Stimulus 869 l'alpeggio 'Alm'/ la baita 'Sennhütte'. Aber schon ganz fundamentale Konzepte der Milchverarbeitung wie SENN (ita. casaro, caciaio), MELKEN (ita. mungere), LAB (ita. caglio), ENTRAHMEN (ita. scremare) und der Viehhaltung wie STALL (ita. stalla), HIRTE (ita. pastore), WEIDE (ita. pascolo) usw. fehlen (vgl. das Fragebuch).

Darüber hinaus gibt es im Alpenraum auch zahlreiche Wörterbücher, die die Idiome von unterschiedlichen, mehr oder weniger großen, Sprachgebieten erfassen. Die Wörterbücher, die von VerbaAlpina verwendet werden, sind folgende:
  • Romania alpina: DRG (Dicziunari Rumantsch Grischun), LSI (Lessico dialettale della Svizzera italiana), GPSR (Glossaire des patois de la Suisse romande), ALTR (Archivio lessicale dei dialetti trentini)
  • Germania alpina: Idiotikon (Schweizerisches Idiotikon), BWB (Bayerisches Wörterbuch), WBOE (Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich).





(auct. Beatrice Colcuc | Thomas Krefeld)

Tags: Linguistik



Sprachen und Sprachfamilien im Alpenraum

Im Territorium der Alpenkonvention und damit im Untersuchungsgebiet von VerbaAlpina werden traditionell Sprachen aus drei Sprachfamilien gesprochen. Alle drei sind durch dialektale Kontinua repräsentiert, deren Ausdifferenzierung offenkundig auch von der Ausdehnung ihres Verbreitungsgebiets abhängt. Die Fragmentierung der romanischen Zone ist stärker als die der germanischen und diese wiederum als die der slawischen; über die dialektalen Verhältnisse informieren die einschlägigen Sprachatlanten, deren Erhebungspunkte durch VA zu einem umfassenden, mehrsprachigen Netz verknüpft werden. Die alpinen Dialekte sind – mit Ausnahme der Walserdialekte – in der Regel in der Gegend entstanden, wo sie gesprochen werden; sie sind deshalb historisch primär. Nachdem sie sich herausgebildet hatten, wurden sie durch historisch sekundäre, später entstandene Standardsprachen überdacht; Standardsprachen zeichnen sich im Unterschied zu den lokalen und oft ausschließlich mündlich verwendeten Dialekten dadurch aus, dass sie auf regionaler oder gar gesamtstaatlicher Ebene die institutionelle und massenmediale Schriftlichkeit beherrschen: Durch sie erfolgt die Alphabetisierung der Kinder, die Kommunikation der Bürger mit der Verwaltung, die Produktion der meisten literarischen Texte usw. Zu unterscheiden sind einerseits die großräumig etablierten Staatssprachen Französisch, Italienisch, Deutsch und Slowenisch sowie in der Romania alpina andererseits mehrere regional etablierte 'Klein(st)'sprachen, nämlich nach Maßgabe der politischen Anerkennung in der Schweiz und in Italien das Okzitanische, das im Aostatal politisch offizialisierte Arpitanische (oder: Frankoprovenzalische), das Rätoromanische, das Dolomitenladinische und das Friaulische. Dabei sind die Ausdrücke 'Rätoromanisch' und 'Ladinisch' noch weiter zu spezifizieren, denn es handelt sich um Oberbegriffe für noch kleinere Sprachen mit eigener schriftlicher und institutioneller Tradition:
    Schreibtradition/
Schulsprache
juristisch anerkannt
Rätoromanisch (Bündnerromanisch) Rumantsch Grischun + (neu) +
Surselvisch (sursilvan) + +
Sutselvisch (sutsilvan) + +
Surmeirisch (surmiran) + +
Oberengadinisch (puter) + +
Unterengadinisch (vallader) + +
Ladinisch Ladin dolomitan + (neu) +
Abteitalisch (badiot) + +
Grödnerisch (gherdëina) + +
Fassanisch (fascian)   +
Ladinisch der Provinz Belluno   +
Die Slavia alpina und die Germania alpina kennen dagegen mit dem Slowenischen und mit dem Deutschen jeweils nur eine Standardsprache. Was das plurizentrische Deutsche betrifft, sind allerdings mindestens für die Schweiz, für Deutschland und für Österreich koexistierende nationale Standardvarietäten zu unterscheiden.
Die alpinen Sprachräume sind also gewissermaßen zweistöckig (vgl. Krefeld 2020e). Beide Ebenen sind jedoch keineswegs vollkommen gegeneinander abgeschottet, sondern in osmotischem Austausch: Die überdachenden Standardsprachen haben sich historisch aus Dialekten heraus entwickelt, und viele Merkmale lassen sich in den Dialekten wiederfinden; andererseits nehmen die Dialekte Elemente aus den Standardsprachen auf; es kommt hinzu, dass die Sprecher mancher alpiner Gebiete (vor allem in der Provinz Bozen, in der autonomen Region Friaul-Julisch Venetien und im Kanton Graubünden) nicht nur eine, sondern zwei oder drei Standardsprachen beherrschen. Grundsätzlich ist damit zu rechnen, dass die Entlehnungsrichtung (Dialekt → Standardsprache oder Standardsprache → Dialekt) vom KONZEPT abhängt, denn Dialektsprecher lernen neue Konzepte, z.B. aus den Bereichen ÖKOLOGIE und TOURISMUS, sehr häufig über standardsprachliche Bezeichnungen kennen; für Konzepte der traditionellen Alltagswelt fehlen dagegen der Standardsprache oft die Bezeichnungen.
Das Projekt zielt auf dialektale ('basilektale') und technisch gesprochen lokal georeferenzierbare Daten; es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass unsere Informanten standardsprachliche oder standardnahe ('akrolektale') Varianten liefern, weil die korrespondierenden Dialektformen nicht mehr geläufig oder allenfalls noch passiv bekannt sind; dieser Fall ist im Bereich der traditionellen Lebenswelt, d.h. in den VerbaAlpina-Phasen I und II (vgl. Onomasiologischer Rahmen), nicht selten. Im Hinblick auf die moderne Lebenswelt, ist das Forschungsinteresse umgekehrt: Da es keine historisch überlieferten Dialektvarianten gibt, wird danach gefragt, wie die Konzepte bezeichnet werden; mögliche Strategien sind:
  • die Verwendung etablierter Wörter in neuer Bedeutung,
  • die Prägung neuer Bezeichnungen mit den Mitteln der dialektalen Wortbildung,
  • die Übernahme standardsprachlicher Ausdrücke.
Der häufige, zuletzt genannte Fall ist nun in den Gebieten der Kleinsprachen von ganz besonderem Interesse, da sie in Konkurrenz zu den 'großen' und durch die Sprecher bestens beherrschten Nationalsprachen Deutsch und Italienisch stehen. Es muss daher untersucht werden,
  • welche Bezeichnungen in den kleinen rätoromanischen und ladinischen Standardsprachen vorliegen,
  • ob diese Bezeichnungen durch die Sprecher überhaupt akzeptiert und benutzt werden.
Da die Bezeichnungen neuer Konzepte häufig durch die massenmediale Schriftlichkeit lanciert und eventuell auch durchgesetzt werden, ist es in der dritten VA-Phase unumgänglich, die Textproduktion der kleinen Standardsprachen auf die Existenz einschlägiger Bezeichnungen hin zu untersuchen. Zu diesem Zweck werden zwei repräsentative Zeitschriften, die graubünderische Quotidiana und die ladinische Usc di Ladins systematisch ausgewertet.

(auct. Thomas Krefeld)

Tags: Linguistik



Sprachinseln

Um von einer Sprachinsel zu sprechen, müssen zwei Grundbedingungen gegeben sein:

  • sprachliche Differenz (dialektal, einzelsprachlich) zur Umgebung
  • kleinräumige Begrenzung relativ zur unmittelbaren Umgebung
Dementsprechend handelt es sich bei den meisten Varietäten, die innerhalb einer Sprachinsel gesprochen werden, um Minderheitensprachen.
Oft geht auch eine entsprechende ethnokultrelle Differenz der Sprachinselbewohner zu ihrer Umgebung einher, was jedoch im Zusammenhang damit steht, dass Sprachinseln oft auf eine gezielte Besiedelung zurückzuführen sind und die Menschen nicht nur ihre Sprache, sondern auch ihre Sitten und Bräuche ihres Herkunftsgebiets mitnehmen.
Auch hinsichtlich ihrer Religionszugehörigkeit können sich Sprachinselbewohner von ihrer Umgebung unterscheiden, da die Errichtung sogenannter "Kolonien" häufig auch religiöse Gründe hatte, wie beispielsweise bei den überseeischen Mennonitengemeinschaften oder den Siebenbürger Landlern in Rumänien.
Manche Sprachinseln verfügten auch über besondere Priviligien wie Zollfreiheit, Selbstbestimmung, Rodungsrecht usw. Mit diesen Mitteln versuchten manche Landesherren die Ansiedlung neuer Bevölkerung zum Zwecke der Urbarmachung attraktiv zu machen. Nicht zuletzt begünstigen topographische Hindernisse und damit die schwierige verkehrstechnische Erschließung die Beständigkeit einer Sprachinsel (vgl. Mattheier 1994, Wiesinger 1983).

Auch innerhalb des Untersuchungsgebiets von VerbaAlpina liegen zahlreiche, zum Teil nur noch historische, deutsche Sprachinseln in Oberitalien (vgl. Comitatio unitario delle isole linguistiche storiche germaniche in Italia).

Hierzu gehören in den Westalpen im Grenzgebiet zwischen Italien und der Schweiz die alemannischsprachigen Walsergemeinden:
  • Gressoney/Greschoney (Aostatal)
  • Issime/Èischeme (Aostatal)
  • Campello Monti/Kampel (Provinz Vercelli)
  • Rimella/Remmalju (Provinz Verbania)
  • Carcoforo/Chalchoufe (Provinz Vercelli)
  • Alagna Valsesia/Im Land (Provinz Vercelli)
  • Formazza/Pumatt (Provinz Verbano Cusio Ossola)
Im mittleren Oberitalien die bairischen Sprachminderheiten, wobei nur die beiden erstgenannten noch einen stabilen Sprecheranteil aufweisen, die letztgenannte verfügt über keine Sprecher mehr:
  • Fersental/Valle dei Mòcheni (Provinz Trient)
  • Zimbrische Sprachinsel Lusérn/Luserna (Provinz Trient)
  • Zimbrische Sprachinsel XIII Gemeinden, Ljetzan/Giazza (Provinz Verona)
  • Zimbrische Sprachinsel VII Gemeinden, Robaan/Roana (Provinz Vicenza)
  • Zimbrische Sprachinsel Kansilien (Provinz Belluno, Provinz Treviso)
Im Osten der italienischen Alpen die ebenfalls bairischen Sprachinseln:
  • Sappada/Plodn (Friaul-Julisch Venetien)
  • Sauris/Zahre (Friaul-Julisch Venetien)
  • Timau/Tischlbong (Friaul-Julisch Venetien)
  • Val Canale/Kanaltal (Friaul-Julisch Venetien)

Neben den Belegen aus dem Tirolischen Sprachatlas wurden über die Crowdsourcing-Seite des Projekts bereits wertvolle zimbrische bzw. fersentalerische Belege aus (A) Palai im Fersental, (B) Lusern und sogar aus der (C) Kommune Selva di Progno beigesteuert (vgl. 3144).







(auct. Markus Kunzmann)

Tags: Linguistik



Sprachkontakt

Beim Sprachkontakt, zu dem auch der Varietätenkontakt gehört, sind zwei grundverschiedene Typen zu unterscheiden, je nachdem ob es sich – auf der Ebene des sprachlichen Systems – um feste, sprecherunabhängige Integrate ('Entlehnungen') oder aber – auf der Ebene des Sprechers – um indivuelle Erscheinungen handelt. Letztere wiederum können habitualisierten oder ganz okkasionellen Verwendungen, so genannten switchings, entsprechen. Dieser Vorbehalt ist auch bei der Interpretation älterer Atlasmaterialien immer dann zu berücksichtigen, wenn ein Informant eine standardnahe Form oder, in zweisprachigen Gebieten, eine Form der jeweiligen Zweitsprache liefert. Der theoretisch fundamentale Unterschied ist angesichts der sprachlichen Daten mehr oder weniger wahrscheinlich, jedoch eigentlich nie evident. Nur die Vermehrung der Informanten, die mit social media zu einer durchaus realistischen Option wird, verspricht hier zuverlässige Auskunft.



(auct. Thomas Krefeld)

Tags: Linguistik



Strata

Die diachrone Linguistik ('Sprachgeschichte') unterscheidet zwei historische Sprachkontaktkonstellationen (vgl. Krefeld 2003); beide sind räumlich fundiert und gehen von der im Untersuchungszeitraum gesprochenen Sprache des jeweiligen Gebiets aus; diese Sprache wird gelegentlich als 'Strat' bezeichnet:
  • ehemals im Untersuchungsraum gesprochene Sprachen ('ältere Schichten') werden als 'Substrate' bezeichnet; diese Sprachen wurden im Lauf der Geschichte durch die im Fokus der jeweiligen Sprachgeschichte stehende Sprache – das Strat – verdrängt;
  • Sprachen, die sekundär, durch Eroberung, in den Untersuchungsraum gelangten und die im Fokus stehende Sprache eine gewisse Zeit lang überlagerten, werden als 'Superstrate' bezeichnet; diese Sprachen konnten die überlagerten Sprachen jedoch nicht verdrängen und verschwanden selbst nach mehr oder weniger langer Zeit, etwa im Gefolge politischer Veränderung. So ist zum Beispiel das deutsche Superstrat der romanisch- und slawischsprachigen Gebiete Österreich-Ungarns mit dem Zerfall dieses Staatsgebildes nach dem Ersten Weltkrieg untergegangen.

  • Von Sub- und Superstraten spricht man also nur rückblickend, aus der Sicht einer Zeit, in der die jeweiligen Sprachen im Untersuchungsgebiet nicht mehr gesprochen werden; dabei müssen oft große Zeitspannen überbrückt werden, so dass man sich kurzerhand an den sprachlichen Systemen orientiert und dort nach kontaktinduzierten Veränderungen, also nach den Resultaten des Sprachkontakts sucht. Für das eigentliche Verständnis der mutmaßlichen Sprachkontakterscheinungen ist jedoch die historische Periode der jeweiligen Zweisprachigkeit entscheidend, d.h. die Zeit, in der beide Sprachen neben- bzw. miteinander gesprochen wurden. Diese gleichzeitig gesprochenen Sprachen heißen 'Adstrate'. Damit muss jedoch unweigerlich eine synchronische Perspektive eingenommen werden, die nicht auf die 'Sprachen' beschränkt werden kann, sondern den 'Sprecher' mit seiner spezifischen Kompetenz und womöglich die konkrete Äußerung, das 'Sprechen' mitberücksichtigt. Das ist in historischer Perspektive zwar häufig unmöglich, muss jedoch grundsätzlich auch bei der Rekonstruktion der Stratigraphie bedacht werden, denn die Äußerung eines zweisprachigen Sprecher ist grundsätzlich anders als die eines einsprachigen zu beurteilen.


    (auct. Thomas Krefeld)

    Tags: Linguistik



    Stratigraphie

    Allgemeines

    Die Alpen sind seit prähistorischer Zeit ein Gebiet vielfältiger Sprachkontakte, die auf ganz unterschiedliche Stratakonstellationen zurückgehen. Grundsätzlich werden Sprachen, die in einem Gebiet in Kontakt stehen, weil es dort mehr oder weniger viele zweisprachige Sprecher oder gar Sprechergemeinschaften gibt, als Adstrate bezeichnet. Falls ein Basistyp nur in einem bestimmten Gebiet verbreitet ist, also etwa in den Alpen, und in den betroffenen Sprachfamilien ansonsten nicht vorkommt, sind die Entlehnungsrichtung und die Herkunftssprache oft nicht eindeutig (vgl. den Basistyp roa. baita / deu. Beiz, Beisl).
    Wenn die Herkunftssprache des entlehnten Elements im Verbreitungsgebiet, oder in einem Teil davon, nicht mehr gesprochen wird, werden zwei Konstellationen unterschieden: Im Fall des Substrats wurde die Herkunftssprache (Substratsprache) im Verbreitungsgebiet gesprochen, bevor ihre Überlieferungskontinuität abriss und die geltende Sprache sich durchsetzte; das Romanische ist eine Substratsprache des gesamten deutsch- und slowenischsprachigen Alpengebiets. Substratwörter setzen zwar Sprachwechsel voraus; sie zeichnen sich aber trotzdem oft durch außerordentliche regionale oder lokale Kontinuität aus.
    Im Falle des Superstrats galt die Herkunftssprache während eines gewissen Zeitraums im Verbreitungsgebiet, ohne sich dort dauerhaft zu etablieren. So herrschten in Teilen des heute romanischsprachigen Alpenraums nach dem Zusammenbruch der römischen Infrastruktur zeitweise germanische Superstrate (Gotisch, Langobardisch) und in Slowenien spielte das Deutsche während der langen Habsburgerzeit diese Rolle.
    Zwischen den drei Sprachfamilien haben sich nun durchaus unterschiedliche Szenarien ergeben; hinsichtlich der Bedeutung des Sprachkontakts für die Geschichte des sprachlichen Raums ist vor allem die Chronologie der Entlehnung wichtig: Handelt es sich beispielsweise bei Romanismen im germanischen und slawischen Sprachraum um Substratwörter mit regionaler Überlieferungskontinuität seit der Antike oder um jüngere adstratale Übernahmen? Dieselbe Frage gilt mutatis mutandis ebenso für die Germanismen im romanisch- bzw. slawischsprachigen und die Slawismen im deutsch- und romanischsprachigen Raum.
    Entlehnungen sind ein zuverlässiger Indikator historischer Akkulturationsprozesse; deshalb ist eine quantitative Darstellung angebracht, die es gestattet, die relative Häufigkeit der belegten Entlehnungen ortsgenau abzubilden. Die Akkulturationsrichtung ist jedoch keineswegs immer eindeutig; nicht selten koexistieren in eng definierten onomasiologischen Bereichen gegenläufige Entlehnungen. Die folgende Graphik schematisiert die stratigraphische Herausforderung. Sie differenziert die drei heute romanisch-, deutsch- und slowenischsprachigen Gebiete nach Substrat- und Superstratsprachen und symbolisiert (durch Kugeln) die mehrsprachigen Sprechergruppen in Adstratkonstellationen. Gleichzeitig wird die besondere historische Bedeutung der Romanisierung verdeutlicht (vgl. Märtin 2017, 102-129), die – wenn auch in sehr unterschiedlicher Intensität – den gesamten Alpenraum erfasste und deshalb wohl auch alles Ältere, Vorrömische vermittelte. Direkter Kontakt zwischen Sprechern vorrömischer Sprachen und Sprechern der das Lateinisch-Romanische gebietsweise überdeckenden nachfolgenden Sprachen (Slawisch und Germanisch) kann zwar nicht kategorisch ausgeschlossen werden; diese Annahme ist jedoch sicherlich problematisch.

    AKTUELLE AREALE Romanisch Germanisch (Deu.) Slawisch (Slow.)
    ÖST. DEU. SUPERSTRAT
    GERM. SUPERSTRAT SLAW. SUB.
    ROMANISCHES SUBSTRAT
    SPÄTANTIKE AREALE Lateinisch-Romanisch
    VORRÖMISCHE SUBSTRATE
    Sprachliche Stratigraphie des Alpenraums (vereinfachtes Schema)
    Die zentrale Aufgabe der Wortgeschichte besteht nun darin, mutmaßliche Entlehnungen stratigraphisch zu präzisieren. Der Basistyps lat. butȳrum und die zugehörigen morpho-lexikalischen Typen (fra. beurre/ita, burro, butirro, deu. Butter, slow. dial. puter usw.) lassen sich wie folgt schematisieren:

    AKTUELLE AREALE Romanisch
    (1) beurre/burro (m.)
    (2) butirro (m.)
    Germanisch (Deu.)
    die Butter (f.)
    Slawisch (Slow.)
    puter (Dial.)
    der Butter (m.) ÖST. DEU. SUPERSTRAT ↑
    ↑ (2)
    ↑ ROMANISCHES SUBSTRAT
    SPÄTANTIKE AREALE Varianten (1) bútyrum (2) butȳrum – Lateinisch-Romanisch
    Stratigraphie des Basistyps lat. butȳrum (nicht relevante Strata ausgeblendet)

    Vorrömische Zeit

    Die neuzeitliche Verteilung der Sprachfamilien im Untersuchungsgebiet lässt die Alpen als eine Barriere, gewissermaßen als gewaltigen Sperrriegel erscheinen, insofern sie grosso modo den deutschsprachigen Raum (nördlich) vom romanisch- und slawischsprachigen Raum (südlich) trennt (Link). Das über den Alpenhauptkamm hinweg deutlich nach Süden ausgreifende, bairischsprachige Südtirol wirkt beinahe als Sonderfall. Diese 'Ansicht' ist in historischer Perspektive irreführend. Schon die ältesten sprachlichen Zeugnisse, Inschriften aus vorrömischer Zeit, sind in einem weitestgehend identischen Alphabet verfasst:



    Quelle

    Die Verbreitung dieser meist als 'rätisch' bezeichneten, nicht entzifferten Texte (vgl. Schumacher 2004) reicht von den Nordalpen (Steinberg am Rofan, in der Nähe des Achensees) bis nach Padua; sie lässt sich nur vor dem Hintergrund eines die Alpen überschreitenden kulturellen Zusammenhangs verstehen:
    rätische_inschrftn In diesem Alphabet wurden, grosso modo, auch die uns erhaltenen Dokumente des Etruskischen geschrieben; es geht offensichtlich auf eine antike westgriechische Schrift zurück.

    Römische Zeit

    Die Römer haben dann den zentralen Alpenraum zwischen 25 und 15 v.Chr. erobert; das Tropaeum Alpium in La Turbie, oberhalb von Monaco, berichtet von 46 eroberten Stämmen, deren Namen sich teils bis heute erhalten haben. Die Inschrift ist leider nur in Bruchstücken erhalten, konnte jedoch durch die Naturgeschichte von Plinius dem Älteren (3, 136-137) vollständig rekonstruiert werden: 

    "Imperatori Caesari divi filio Augusto / pont(ifici) max(imo) imp(eratori) XIIII trib(unicia) pot(estate) XVII / senatus populusque Romanus / quod eius ductu auspiciisque gentes Alpinae omnes quae a mari supero ad inferum pertinebant sub imperium p(opuli) R(omani) sunt redactae / gentes Alpinae devictae Trumpilini Camunni Vennonetes Vennostes Isarci Breuni Genaunes Focunates / Vindelicorum gentes quattuor Cosuanetes Rucinates Licates Catenates Ambisontes Rugusci Suanetes Calucones / Brixentes Leponti Viberi Nantuates Seduni Veragri Salassi Acitavones Medulli Ucenni Caturiges Brigiani / Sogiontii Brodionti Nemaloni Edenates (V)esubiani Veamini Gallitae Triullatti Ectini / Vergunni Egui Turi Nemeturi Oratelli Nerusi Velauni Suetri" (Datenquelle: Epigraphik-Datenbank Clauss / Slaby

    Die folgende Übersicht zeigt die Namen aus der Aufzählung, die sich allem Anschein nach in aktuellen Namen identifizieren lassen.
    (Dép. Hautes-Alpes)
    auf dem Trop.Alpium erwähnter Name aktueller Name Geodaten (Breite ; Länge)
    Trumpilini   Val Trompia   45°44'5.87"N ;  10°12'2.20"E
    Camunni  Val Camonica    45°57'17.71"N ;  10°17'21.08"E
    Vennonetes Vinschgau   46°39'44.81"N ;  10°34'39.75"E
    Venostes   46°39'44.81"N ;  10°34'39.75"E
    Isarci Vgl. die Flussnamen Isère, Isar, Isarco (= deu. Eisack   47°23'13.25"N ;  11°16'30.42"E
    Breuni Brenner   47° 9'59.75"N ;  11°25'0.14"E
    Licates Flussname Lech (lat. Likias [2 Jh. n. Chr.], später Licca [570 n. Chr.]  
    Brixentes  eventuell der Gemeindename Brixen   47°30'2.70"N ;   9°44'32.31"E
    Leponti  Val Leventina   46° 6'47.60"N ;   8°17'31.10"E
    Seduni Sitten im Kanton Wallis, Schweiz    46°13'59.25"N ;   7°21'37.80"E
    Caturiges  der Gemeindename Chorges (Dép. Hautes-Alpes)   44°32'44.67"N ;   6°16'31.60"E
    Brigiani der Gemeindename Briançon  44° 53′ 47″N, 6° 38′ 08″E
    Ectini eventuell der Flussname Tinée    43°55'0.23"N ;   7°11'14.69"E
    Vergunni  der Gemeindename Vergons (Dép. Alpes-de-Haute-Provence)   43°19'23.90"N ;   6°17'3.20"E

    Im Gefolge der Eroberung richten die Römer im geographischen Anschluss an die Gallia Cisalpina Provinzen ein, die entweder in den Alpen selbst angesiedelt sind (Alpes Maritimae, Nr. 3 auf der folgenden Skizze; Alpes Cottidae, Nr. 2 auf der Skizze; Alpes Poeniae auch: Alpes Graiae, Nr. 1 auf der Skizze) oder aber die Alpen nach Norden überschreiten Raetia, Noricum):



    Römische Alpenprovinzen (Ausschnitt aus dieser Quelle)

    Die römische Provinzeinteilung im alpinen Raum ist im einzelnen nicht leicht zu beurteilen; insbesondere fällt es schwer, sie direkt auf sprachlich-ethnische Verhältnisse abzubilden. Das größte Rätsel bilden die Raetii 'Räter', d.h. die Namensgeber einer der beiden großen Provinzen im Alpenraum. Über sie konnte sehr wenig und allenfalls Archäologisches in Erfahrung gebracht werden, abgesehen von der kaum bezweifelbaren, allgemeinen Forschungsmeinung, dass es sich nicht um Indogermanen handelte (vgl. dazu Jürg Rageth im HLS). Es ist fraglich, ob sie mit den Etruskern identifiziert werden können; für eine Verbindung sprechen die alpinen Inschriften im etruskischen Alphabet. Allerdings decken sich die Fundorte gerade nicht mit den Provinzgrenzen. Überhaupt deckt sich das Territorium der Raetia höchstwahrscheintlich nicht mit dem Wohngebiet der Räter und auch die spätere Teilung in eine Raetia prima mit der Hauptstadt Curia (heute: Chur) und eine Raetia secunda mit der Hauptstadt Augusta Vindelicorum (heute: Augsburg), ist in dieser Hinsicht keineswegs eindeutig. Die Funde der letzten vorchristlichen Jahrhunderte aus Chur "scheinen eher einem kelt. als einem rät. Kulturkreis nahe zu stehen" (Jürg Rageth im HLS) und die auf dem Tropaeum Alpium erwähnten Vindeliker werden von der Forschung einhellig als Kelten beschrieben; man beachte auch die Kontinuität des Provinznamens Raetia in Gestalt des heutigen Landschaftsnamens Ries (vgl. die Karte zu den römischen Inschriften in dieser Gegend nordwestlich von Augsburg).

    In jedem Fall darf man davon ausgehen, dass der nordalpine Raum intensiver romanisiert war als die eigentliche Gebirgszone; es liegt daher nahe, in spätrömischer Zeit von einer stärkeren Ähnlichkeit zwischen dem nord- und  südalpinen Alpenvorland auszugehen, als zwischen den Alpen'vorländern' und der Gebirgszone. Eine große, kaum geklärte Frage betrifft die Fortdauer der vorrömischen Sprachen nach der Eingliederung des Gebiets in das Imperium Romanum. Es ist ja grundsätzlich denkbar, dass die germanischen und slawischen Einwanderer oder Invasoren nicht nur auf ein lateinisch-/romanischsprechende Bevölkerung, sondern womöglich auch noch auf Kelten trafen. In diesem Fall, dessen Wahrscheinlichkeit schwer einzuschätzen ist, hätten sprachliche Elemente unmittelbar aus vorrömischen Sprachen (jedenfalls aus dem Keltischen) ins Germanische und Slawische entlehnt werden können. In der Regel muss man jedoch davon ausgehen, dass alles Vorrömische in romanisierter Gestalt, d.h. als romanische Form an die nachrömischen Strata vermittelt wurde.

    Zur unterschiedlich starken, womöglich speziell inneralpin schwächeren Romanisierung sind die archäologischen Erkenntnisse über die Lepontier aufschlussreich:

    "Als Folge der röm. Expansion in der Poebene kamen die L. ab dem 2. Jh. v.Chr. schrittweise mit römisch geprägten Sitten und Gebräuchen in Kontakt und sie übernahmen erneut – in einem radikal veränderten hist. Umfeld – die Rolle von Mittlern zwischen der Nord- und der Südseite der Alpen. Mit den Feldzügen des Augustus (35-15 v.Chr.), deren Ziel die Unterwerfung der Alpenvölker zur Sicherung der Handelswege und des militär. Durchgangs durch die Alpen war, wurden die L. ins röm. Verwaltungs- und Wirtschaftssystem integriert. Trotz tiefgreifender Akkulturationsprozesse überlebten einige traditionelle Elemente der L., besonders bei der weibl. Bekleidung und den Bestattungsriten, bis ins 2.-3. Jh. n.Chr." (Gianluca Vietti im HLS)

    In jedem Fall ist es zum Verständnis möglicher Sprachkontaktszenarien sinnvoll, georeferenzierbare historische Daten in die Datenbank mit aufzunehmen, also zum Beispiel archäologische Funde, das spätantike Straßenverzeichnis der so genannten Tabula Peutingeriana (Link_1, Link_2), die römischen Alpenpässe, die römische Epigraphik usw. So zeigt diese Karte einerseits, dass die früh im bairischen Raum gegründeten Klöster und die ersten germanischen Funde sich offenkundig an romanische Infrastruktur anlagern, die sich in Gestalt von Inschriften, antiken Ortsnamen und der frühmittelalterlichen Bezeichnung anwesender Romanen (Walchen) manifestiert. Andererseits ist in eben diesen Verdichtungsgebieten gleichzeitig mit mutmaßlich frühen Entlehnungen zu rechnen, wie caseareus, -a zeigt.



    (auct. Thomas Krefeld)

    Tags: Linguistik



    Stratigraphie und Onomasiologie

    Manche onomasiologische Bereiche weisen deutliche Affinitäten zu Entlehnungen auf; so finden sich für etliche Konzepte aus dem Bereich des Almwesens, speziell der Milchverarbeitung im Deutschen romanische bzw. vorrömische Bezeichnungstypen (vgl. die Basistypen: butyru(m), caseu(m), caseu(m), crama, tegia, stabulum u. a.).
    Das spricht in unmissverständlicher Weise dafür, dass die entsprechenden grundlegenden Kulturtechniken im Alpenraum sehr alt sind und an jeweils hinzukommende Ethnien und ihre Sprachen weitergegeben wurden. Aber es wäre natürlich zu einfach, bestimmte onomasiologische Teilbereiche zur Gänze mit bestimmten sprachlichen 'Schichten' zu verknüpfen. Es ist vielmehr bemerkenswert, dass gerade auch Entlehnungen in entgegengesetzter Richtung belegt sind und daher dauerhafter gegenseitige kultureller Austausch anzunehmen ist. Charakteristisch sind die komplementären Bezeichnungstypen für das Konzept BUTTER. Während sich im Bairischen der romanische Typus Butter durchgesetzt hat, ist der deutsche Typ Schmalz in einem Teil der romanischen Mundarten etabliert: Vgl. die synoptische Karte der Basistypen butyrum und Schmalz.

    Es scheint also, als ob sich das Auslassen, d. h. das Schmelzen (daher Schmalz) der Butter als elementare Konservierungstechnik ausgehend vom deutschsprachigen Gebiet nach Süden verbreitet hätte.
    Ein vergleichbares Bild geben die Bezeichnungstypen lat. stabulu(m) und deu. Stall für einfache Almgebäude: Vgl. die synoptische Karte zu den Basistypen lat. stabulu(m) und deu. Stall.



    (auct. Thomas Krefeld)

    Tags: Linguistik



    Stratigraphie: Romanismen

    Als 'Romanismen' werden in VA alle im heute deutsch- bzw. slawischsprachigen Teilgebiet des Untersuchungsgebiets erhobenen Ausdrücke bezeichnet, die unmittelbar aus dem Romanischen und mittelbar aus dem Lateinischen bzw. aus vorrömischen Sprachen stammen. Dabei sind im Hinblick auf die regionale Stratigraphie ebenso wie im Hinblick auf die großräumige 'Architektur' des Deutschen und Slowenischen im Wesentlichen zwei verschiedene geolinguistische und historische Konstellationen zu unterscheiden.

    (1) Exklusiv dialektale Romanismen
      Diese Kategorie, zu der die lokalen Varianten ohne Entsprechungen in der Standardsprache gehören, bildet gewissermaßen die prototypischen romanischen Entlehnungen des Alpenraums; es handelt sich in aller Regel um Substratwörter, d.h. um solche Ausdrücke, die in der Zeit der romanisch-germanischen bzw. romanische-slawischen Zweitsprachigkeit entlehnt wurden und den späteren Sprachwechsel zur germanischen bzw. slawischen Einsprachigkeit grosso modo ortsfest als Relikte überdauert haben. Ein eindeutiges Beispiel liefert der morpho-lexikalische Typ Käser, der so wie sein romanisches Äquivalent casera auf den Basistyp lat. caseu(m) zurückgeht: Vgl. die Karte zum morpho-lexikalischen Typ casera.

      (2) Dialektale Romanismen mit Entsprechungen in der Standsprache und in den romanischen Dialekten des Untersuchungsgebiets
        Da auch bei dieser Gruppe sowie im Falle von (1) eine areale Verbreitung gegeben ist, die die aktuellen Grenzen der Sprachfamilien überschreitet, liegt es nahe, die standardsprachlichen Varianten auf die dialektalen Formen zurückzuführen. Diese Kategorie der Romanismen kann daher auch über den Alpenraum hinaus sprachgeschichtliches Interesse beanspruchen. Ein eindeutiges, in der Etymologie des Standarddeutschen verkanntes Beispiel liefert deu. Butter.
      Die folgende Karte zeigt klar, dass die maskuline süddeutsche Variante der Butter eine gemeinsames Areal mit dem ebenfalls maskulinen romanischen Typ butirro und beurre bildet und insofern als historisch primär gegenüber der femininen Standardvariante die Butter angesehen werden muss: Vgl. die Karte zum Basistypen butyru(m).

      Dieses Muster der primären süddeutschen Entlehnung und ihrer sekundären Verbreitung ins Standardeutsche scheint jedoch nicht immer eindeutig, da auch die Möglichkeit der umgekehrten Verbreitungsrichtung aus dem Standard in die Dialekte des Untersuchungsgebiets in Betracht gezogen werden muss. So könnte man eventuell die deutschen Entsprechungen des Basistyps lat. cellārium sehen.
      Sowohl im Fall der exklusiv dialektalen wie der dialektal-standardsprachlichen Romanismen sind im Einzelnen substratale lokale Relikte und adstratale Entlehnungen mit sekundärer arealer Verbreitung zu unterscheiden.


    (auct. Thomas Krefeld)

    Tags: Linguistik



    Synoptische Karte

    Diese Funktion erlaubt es dem Nutzer, eine getroffene Auswahl an Karten auf einer synoptischen Kombinationskarte zu fixieren . So können die Verbreitungsgebiete beliebiger sprachlicher und außersprachlicher Merkmale im Zusammenhang visualisiert werden. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, diese synoptischen Karten in Zoomstufen festzuhalten, wenn ein lokaler Kontext, wie z.B. das Karwendel oder das okzitanisch-frankoprovenzalisch-piemontesische Dialektkontinuum der Westalpen, dokumentiert werden soll.

    (auct. Thomas Krefeld)

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