Archiv des Autors: Thomas Krefeld

Die Konzeption einer interlingualen Geolinguistik im Projekt VerbaAlpina


(2143 Wörter)

Abstract 1
Die Untersuchungsgebiete der Dialektologie werden üblicherweise nach nationalen und nationalsprachlichen (d.h. politischen) Kriterien zugeschnitten. Das ist geolinguistisch unangemessen und wird weder den grenzüberschreitenden Räumen noch den traditionell mehrsprachigen Arealen gerecht. Ein Untersuchungsgebiet wie der Alpenbogen, in dem die drei großen europäischen Sprachfamilien (Romanisch, Germanisch, Slawisch) seit anderthalb Jahrtausenden in Kontakt stehen, erzwingt die Überführung der Dialektologie in eine interlinguale Geolinguistik. Denn nur so wird es möglich die historische Verflechtung der drei Kontinua (Romanisch, Germanisch, Slawisch) mit ihrer ausgeprägten lokalen Variation zu erfassen. Auf der Grundlage von Web-Technologie wird im Projekt VerbaAlpina (https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/) seit 2014 eine entsprechende Methodologie in der Perspektive der Digital Humanities entwickelt; sie soll im Rahmen der Tagung zur Diskussion gestellt werden.

Eine dynamische Disziplin

Die Geolinguistik untersucht die Raumgebundenheit und die räumlich bedingte Variation der Sprachen. Die methodologische Entwicklung der Disziplin – um die wertende Rede von ihrem ‘Fortschritt’ zu vermeiden – spiegelt einerseits veränderte Sprachauffassungen und andererseits den tiefgreifenden Wandel der Medien. Besondere Herausforderungen ergaben sich einerseits aus der kontinuierlich wachsenden Bedeutung, die der Mehrsprachigkeit im Allgemeinen und der mehrsprachigen Kompetenz der einzelnen Sprecher*innen im Besonderen beigemessen wurden  und andererseits aus dem zunehmenden Einsatz von Webtechnologie in der Forschungspraxis.

Von der traditionellen Einsprachigkeit zur Mehrsprachigkeit

Die traditionelle Dialektologie zielt auf die Beschreibung monodimensional verstandener sprachlicher (dialektaler) Systeme; Variation innerhalb der lokalen Sprachen wird weitestgehend ausgeblendet. In Gestalt der Sprachatlanten hat diese Forschungstradition auch eine spezifische und mittlerweile ebenso elaborierte wie differenzierte Form der Dokumentation hervorgebracht. Gerade die Gattung der Atlanten macht jedoch auch auf einige nachgerade erstaunliche Beschränkungen aufmerksam.

  1. Die Untersuchungsgebiete der dialektologischen Forschung werden – außer Im Fall lokaler Einzelstudien – üblicherweise nach Maßgabe nationaler und nationalsprachlicher (d.h. politischer) Territorien zugeschnitten; das gilt gerade auch im Fall der Regionalatlanten, die Teilen des nationalen Territoriums gewidmet sind  (#?vgl. #?##). Dieses Prinzip ist in doppelter Hinsicht fragwürdig:
    – Es verzerrt die Darstellung des romanischen Kontinuums, weil es eine Relevanz der Staatsgrenzen suggeriert; Staatsgrenzen  sind aber allenfalls Grenzen der Standard- bzw. Dachsprachen, die sich gerade nicht auf die Gliederung der überdachten Varietäten abbilden lassen.
    – Es hat zur systematischen Vernachlässigung grenzüberschreitender Areale geführt.
  2. Traditionell nicht romanischsprachige Areale, deren Sprachen auf keinen Fall ‘Dialekte’ der Nationalsprachen sein können,  werden innerhalb nationaler Territorien oft nicht berücksichtigt; das ist wegen der häufig festzustellenden historischen Verschiebung der Sprachgrenzen in Folge von arealem Sprachwechsel unglücklich, denn es erschwert die Dokumentation und Analyse der historischen Sprachkontakts.

Die beiden Punkte sind übrigens starke Argumente dafür, raumorientierte sprachwissenschaftliche Forschung nicht grundsätzlich unter dem engen Begriff der Dialektologie, sondern eher unter dem weiteren Begriff der Geolinguistik zu subsumieren. Im Projekt VerbaAlpina wird das dialektale Lexikon des Alpenraums dokumentiert; der Alpenraum wird über die politischen Gemeinden definiert, die im Perimeter der Alpenkonvention liegen. Da in diesem Untersuchungsgebiet die drei großen europäischen Sprachfamilien (Romanisch, Germanisch, Slawisch) seit anderthalb Jahrtausenden in Kontakt stehen, war es weiterhin notwendig die Geolinguistik als interlingual zu spezifizieren.

Die Modellierung der Mehrsprachigkeit

Auf der Kartenoberfläche wird die Mehrsprachigkeit des Untersuchungsgebiets zunächst (?) als synchrones räumliches Nebeneinander der drei genannten Sprachfamilien modelliert (vgl. Interaktive Karte).Auf die Spezifizierung von Einzelsprachen (’Italienisch’) und Dialektzonen (wie z.B. ‘Lombardisch’) wurde dagegen verzichtet; die Bezugsgröße der Georeferenz ist grundsätzlich die politische Gemeinde, d.h. es werden potentiell die lokalen Sprachen (Dialekte) sämtlicher 6990 Gemeinden der Alpenkonvention identifiziert. Für zahlreiche Gemeinden sind natürlich de facto  (noch) keine Daten verfügbar. Die Gruppierung der lokalen Sprachen/Dialekte zu regionalen Typen wie z.B. Lombardisch ist zwar ein traditionelles Anliegen der Sprachgeographie, das sich in einigen bekannten Karten niedergeschlagen hat.  Aus einer Bottom Up-Perspektive, die von lokalen Daten ausgeht, ist die dort vorgeschlagene Zonierung jedoch wenig transparent und nicht zielführend. Es steht den Nutzern jedoch frei eine eigene Klassifikation vorzunehmen und einen lokalen Dialekt, der z.B. in der Region Lombardia liegt, der zur Alpenkonvention gehört und in VA mit Sprachdaten belegt ist, wie z.B. den Dialekt von Colico am Comersee, als ‘lombardisch’ zu bezeichnen.    Übrigens ist schon die Zuordnung einer Gemeinde zum Gebiet einer der drei Sprachfamilien alles andere als selbstverständlich, denn es werden bereits in der Zusammenschau der unten genannten Quellen historische Verschiebungen sichtbar. Vor allem in Graubünden sind mehrere Orten, die in den Netzen des AIS (Kartensymbol A) und vor allem des DRG (Kartensymbol B) als romanischsprachig geführt werden, mittlerweile zum Deutschen gewechselt (d.h. sie liegen auf der folgenden Karte2  im grün unterlegten Gebiet):

Sprachwechsel in Graubünden am Beispiel einiger ehemals romanischsprachiger Orte des AIS und des DRG (interaktives Original)

In kontaktlinguistischer Hinsicht bedeutet der Sprachwechsel den lokalen Übergang von einer Adstrat- in eine Substratkonstellation. Es ist jedoch im Hinblick auf das räumlich Nebeneinander der Sprachfamilien und lokalen Sprachen/Dialekte wichtig zu sehen,  dass VA weniger daran interessiert im Sinne einer Mosaikdarstellung der Sprachlandschaft lokale oder regionale Sprachgrenzen herauszuarbeiten als vielmehr daran gerade die verbindenden Fugen zwischen den Steinchen, d.h. die gemeinsamen Merkmale zwischen den lokalen Sprachen herauszuarbeiten.

Neue mediale Rahmenbedingungen

Aggregation unterschiedlicher Typen von Quellen

Alle Probleme, die sich aus dem geographischen Zuschnitt der Untersuchungsgebiete ergeben, lassen sich auf der Grundlage webbasierter Vorgehensweise überwinden; denn die erfassten Räume können sich mosaikartig aggregieren, denn es ist technisch einfach die jeweiligen Ortsnetze virtuell miteinander zu verknüpfen. Die folgende Karte zeigt, welche Atlanten in die Dokumentation eingebunden werden konnten; notwendige Voraussetzung ist die Georeferenzierbarkeit der Sprachdaten. Es darf jedoch nicht verschwiegen werden, dass der Umfang der tatsächlich übernommenen Daten sehr stark variiert: Manche Projekte stellten im Rahmen von Kooperationsabkommen große Mengen zur Verfügung (vorbildlich war insbesondere die Zusammenarbeit mit dem ALD-I und dem ALD-II), andere konnten nur sehr selektiv und mit aufwändiger Handarbeit retrodigitalisiert werden; dafür wurden von Florian Zacherl spezielle Tools (zur Transkription, zur Typisierung usw.) entwickelt.

VA Informanten aus Atlanten (interaktives Original)

Nun gibt es zusätzlich zu den Atlanten im engeren Sinn auch etliche, teils exhaustiv konzipierte Dialektwörterbücher, die in der geographischen Logik eines Atlasses realisiert wurden und alle erfassten Formen spezifischen Orten zuweisen. Diese Wörterbuchdaten werden in VA gemeinsam mit den Atlasdaten visualisiert, wobei es – wie im Fall der Atlanten – sehr umfangreiche Wörterbücher gibt, deren Daten  praktisch nicht verwendbar, weil nicht interoperabel. Das betrifft ausgerechnet die Daten des WBOE (rosafarbenes Kartensymbol ‚J‘), die sehr wichtig wären, da sie das große österreichische Gebiet abdecken, für das keine Atlanten zur Verfügung stehen. Andere, ebenfalls große und interoperable Wörterbücher verdichten Daten in Gebieten, die bereits durch Atlanten erschlossen sind, so der bündnerromanische  DRG (gelbes Kartensymbol ‚D‘) und der tessinische VSI (hellgelbes Kartensymbol ‚I‘). Einen Überblick gibt die folgende Karte:

VA Informanten aus Wörterbücher (interaktives Original)

Weiterhin werden Daten aus eine dritten Quellentyp in VA eingespeist, denn David Englmeier hat ein spezielles Tool für die direkte Erhebung von neuen Sprachbelegen entwickelt (vgl.  Mitmachen). Dieses als Crowdsourcing bekannte Verfahren steht in der aktuellen Projektphase, denn es geht um die Bezeichnungen moderner Konzepte (Ökologie, Tourismus), die in den traditionellen Atlanten ebenso wie in den allermeisten Wörterbüchern fehlen. Wie die folgende Karte zeigt, ist der Erfolg des Crowdsourcings sehr stark von der jeweiligen Region abhängig; die Gründe dafür sind zwar unklar, aber es ist zu vermuten, dass in den französischen Westalpen die Erosion der Dialektkompetenz in der Altersgruppe mit der stärksten Internetaffinität eine große Rolle spielt #Hinweis BC/AR#.

VA Informanten aus der Crowd (28.9.2021, interaktives original)

Technische Verknüpfung der Sprachen/Dialekte

Entscheidend für die synoptische Darstellung von Formen aus den unterschiedlichen Sprachen und Sprachfamilien ist ihre Verknüpfung in der Struktur des Datenbestands. Sie erfolgt in zweifacher und komplementärer Hinsicht, nämlich auf der Ebene der sprachlichen Formen und auf der Ebene der außersprachlichen Sachverhalte (KONZEPTE).

Auf der Ebene der sprachlichen Formen werden die zahlreichen Belege typisiert, d.h. die rein phonetischen Varianten werden zu morpho-lexikalischen Typen gruppiert. Diese Typen sind spezifisch für eine der drei Sprachfamilien zu Typen geordnet; falls möglich repräsentieren die Varianten der großen Nationalsprachen Französisch und Italienisch die Menge aller Varianten eines Typs. So liefert die Suche nach fra. beurre / it. burro eine Karte mit 718 Varianten (in Version 21/1), die jeweils durch Anklicken des Symbols eingesehen werden können:

der morpho-lexikalische Type beuerr/burro (roa) (interaktive Originalkarte)

Darunter sind auch die enstprechenden Formen der romanischen Kleinsprachen, wie z.B. botiro im Ladinischen von Moena  (Fassatal) oder friaulisch butiro   in Clauzetto. Die Kategorie des morpho-lexikalischen Typs funktioniert also bereits interlingual im Rahmen einer Sprachfamilie.

Nun gehören offensichtlich auch deu. Butter und dialektal slowenisches put(e)r zu dieser Gruppe, allerdings muss es sich bei entsprechenden germanischen und slawischen Formen um Entlehnungen aus dem Romanischen handeln.  Solche Typen, die mehr als einer Sprachfamilie belegt sind, werden in VA als ‘Basistypen’ gefasst.  Sie werden durch die jeweils identifizierbare etymologische Ausgangsform repräsentiert, im Fall von beurre, Butter usw. ist das lat. butyrum (eigentlich ein griechisches Lehnwort). Die Suche nach diesem Basistyp produziert eine Karte mit den zugehörigen Formen in allen relevanten Sprachfamilien:

der Basistyp. lat. butyrum (interaktive Originalkarte)

Obwohl der Basistyp etymologische Zusammenhänge identifiziert, seien sie nun erbwörtlicher oder entlehnungsgeschichtlicher Natur, wurde ausdrücklich Wert darauf gelegt, ihn nicht als ‘Etymon’ bzw. als ‘etymologischen Typ’ zu bezeichnen. Denn die Zuordnung des Basistypen sagt noch nicht über die Wortgeschichte der zugeordneten Typen aus den unterschiedlichen Sprachfamilien aus.

Stratigraphische Wortgeschichte

Die eigentliche wortgeschichtliche Zusammenhang des Basistyps und mit den zugehörigen morpho-lexikalischen Typen muss vielmehr vom dem Hintergrund der sprachlichen Stratigraphie des Alpenraums erarbeitet werden. In dieser diachronen Perspektive kommt dem lateinisch-romanschen Stratum ein besondere Bedeutung für den Alpenraum zu. Denn seit 15 n.Chr, gehörte das gesamte Gebiet zum Römischen Reich: im Gefolge der Romaniserung verschwanden alle vorrömischen Sprachen. Ein Teil wurde nach Zusammenbruch der römichen Infrastruktur (476 n.Chr.) germanisiert, ein anderer slawisiert – dort ist das Lateinisch-Romanische also Substratsprache.  Das Germanische war zudem im romanisch gebliebenen Alpengebiet ebenso wie im slawisierten Teil mehr oder weniger lang und in ganz unterschiedlicher sprachlicher Gestalt (Gotisch, Langobardisch, Bairisch bzw. bairisch geprägtes Hochdeutsch) Superstrat. Elemente der vorrömischen Sprachen sind im Lexikon und in Toponymie der gesamten Raum deutlich erkennbar (vgl. Krefeld 2020c deutlich erkennbar; sie sind mit der allergrößeten Wahrscheinlichkeit jedoch indirekt, d.h. über das Lateinisch-Romanische ins Alpengermanische bzw. ins Alpenslawische gelangt.

Die Kontaktszenarien sind also vielfältig  und müssen jeweils ‘von Hand’ aufgearbeitet werden. Im Fall des oben bereits erwähnten Basistyps lat. butyrum ergibt etwa das folgende stratigraphische Schema:

Stratigraphie des Basistyps lat. butyrum

##Ende##Ende##

 

allerdings muss es sich bei entsprechenden germanischen und slawischen Formen um Entlehnungen aus dem Romanischen handeln. Es liegt jedoch letztlich

als

ie  und

jedoch außerorden     #problem#s.u. weniger Unterschiede als gemeinsamkeiten: Fugen statt Mosaik, Fugen alte Konzepte vs Fugen neue Konzepte (Top Down aus den Dachsprachen)#

Schulsprache??Verschiebung zwischen den Quellen

es wird dagegen auch in VerabAlpina nicht versucht die individuelle mehrsprachigekiet der Infoamnte systematisch zu erfassen – das ist sicherlich ein eine substanzielle Schwäche aller Atalanten; strenggenommen sind bereits Dialektsprecher mit guter, womöglich nativer Standardkompetenz als zweisprachig anzusehen – auch nicht in trad, Dial. erfasst.# Aber man beachte, dass die Crowder durchaus die Möglichkeit haben Blege aus mehrere unterschiedlichen Dialketen und auch Sprachfamilien zu liefern##

#Hintergrund: Sprachfamilie#

#referenz Gemeinde,

#Sprachen über RefWBr

# verklammerung über KONZEPTE und Basistypen,

so über die Basistypen: Historische Mehrsprachigkeit Stratigraphie. ‘Alpenwörter’

 

##

VA Crowd:https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de?page_id=133&db=xxx&tk=3649

VA Informanten aus WB:https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de?page_id=133&db=211&tk=3646

 

#VA Atlanten#

#WB Grassi#

als problematisch erweisen sich nun unterschiedlichen Fragebücher, die jeweils zugrunde gelegt wurden

zu größen, d.h. die Orts lassen sich Flächen

 

‘Geolinguistik’ anstatt ‘Dialektologie’

Mehrsprachige Räume

nicht als solche erfasst (Beispiel ALD) oder als solche gar nicht erst in Betracht gezogen (Städte)

##

Die entwicklung dieser Disziplin wurde durch 2 geprägt…

Untersuchungsgebiete der traditionellen Dialektologie

Die Untersuchung der dialektalen Variation hat (nicht nur) in der Romanistik eine lange und erfolgreiche Tradition. ##


  1. Vortrag für die von Laura Linzmeier & Roger Schöntag organisierte Tagung „Neue Ansätze zur Geolinguistik“, 12.-13.11.2021 

  2. Man beachte, dass die Karten rein virtueller Natur sind und nur auf den Endgeräten der Nutzer erscheinen; es liegen also keine digitalisierten graphischen Karten zu Grunde, wie es in anderen geolinguistischen Projekten, die online konsultierbar sind, der Fall ist. Die virtuelle Kartographie wurde von Florian Zacherl und vor allem von David Englmeier konzipiert und implementiert. 

Die Konzeption einer interlingualen Geolinguistik im Projekt VerbaAlpina (Abstract)


(119 Wörter)

Die Untersuchungsgebiete der Dialektologie werden üblicherweise nach nationalen und nationalsprachlichen (d.h. politischen) Kriterien zugeschnitten. Das ist geolinguistisch unangemessen und wird weder den grenzüberschreitenden Räumen noch den traditionell mehrsprachigen Arealen gerecht. Ein Untersuchungsgebiet wie der Alpenbogen, in dem die drei großen europäischen Sprachfamilien (Romanisch, Germanisch, Slawisch) seit anderthalb Jahrtausenden in Kontakt stehen, erzwingt die Überführung der Dialektologie in eine interlinguale Geolinguistik. Denn nur so wird es möglich die historische Verflechtung der drei Kontinua (Romanisch, Germanisch, Slawisch) mit ihrer ausgeprägten lokalen Variation zu erfassen. Auf der Grundlage von Web-Technologie wird im Projekt VerbaAlpina (https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/) seit 2014 eine entsprechende Methodologie in der Perspektive der Digital Humanities entwickelt; sie soll im Rahmen der Tagung zur Diskussion gestellt werden.

Neues von den Sprach- und Sachatlanten – anlässlich des Atlas des Patois Valdôtains (APV/1) (Zitieren)

Thomas Krefeld
(3732 Wörter)

Favre, Saverio / Raimondi, Gianmario  (eds.), Atlas des Patois Valdôtains. APV/1 – Le lait et les activités laitières, Arvier, Le Château, 2020, 112 Karten, 241 p.

1. Der geolinguistische Forschungshorizont

Die Geolinguistik – um den zu engen Ausdruck Dialektologie zu vermeiden – hat in der Geschichte der Sprachwissenschaft eine überaus wichtige, von manchen stark unterschätze Rolle gespielt. Das gilt nicht nur im Hinblick auf ihre ganz spezifischen Produkte – in erster Linie Lexika und Atlanten – sondern in ganz besonderem Maße für die Entwicklung und Reflexion grundlegender Methodologien, aus denen die Produkte hervorgehen konnten. So lässt sich der Horizont der geolinguistischen  Forschungstraditionen mit den im Folgenden genannten ‘Landmarken’ und einigen zugehörigen Pionierarbeiten abstecken, an denen sich nicht selten dann auch andere sprachwissenschaftliche Subdisziplinen orientierten.

1.1. Die Anfänge der Dialektologie stehen zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zeichen der Lexikographie: Mit nur geringer Differenz erscheinen der  Vocabolario milanese-italiano von Francesco Cherubini (1814) das Bayerische Wörterbuch von Johann Andreas Schmeller (1827-1837) und im Unterschied zur bereits etablierten Lexikographie liegen diesen beiden wichtigen Referenzwörterbüchern die Erhebungen gesprochener Daten zu Grunde. Damit stellten sich den Autoren bereits alle einschlägigen Fragen der Selektion und Repräsentativität der Informanten. Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft, die im 19. Jahrhundert zum dominanten  Forschungsparadigma avancierte, verstand sich dagegen philologisch und arbeitete auf der Grundlage möglichst alter, schriftlich überlieferter Texte.

1.2. Der Anspruch auf ethnographische Kontextualisierung wird im Titel von Weigand 1892 explizit erhoben; inhaltlich liegt er identischer Weise aber bereits in Weigand 1888 vor. Entschieden in den Vordergrund gerückt wird die Ethnographie in Wagner 1921 und mit den systematischen Erhebungen des AIS (verstärkt seit 1920) wird die kombinierte Sach- und Sprachforschung zum festen dialektologischen Paradigma, in dem die Semasiologie und die Onomasiologie – ganz im Unterschied zum ALF – mit derselben Sorgfalt differenziert dokumentiert werden: Die alltagsweltliche Kontextualisierung der Sprachdaten gilt hier als unumgänglich. Kaum Berücksichtigung fand die Ethnographie dagegen in weiten Teilen der germanistischen Dialektologie, die der Tradition von Wenker verhaftet blieb – der SDS und der VALTS sind in dieser Hinsicht untypisch, da sie den romanistischen Atlanten näherstehen.

1.3. Mit dem Intstrument des Fragebuchs konstruierten die Sprachatlanten (seit dem ALF) einen onomasiologischen Hintergrund, auf den sämtliche Sprachdaten bezogen werden konnten; so wurde systematische Vergleichbarkeit zwischen den Aufnahmepunkten ermöglicht; ein meist übersehener, innovativer Vorläufer war Francesco Cherubini 1814, der bei den Erhebungen für sein Wörterbuch die außerordentlich detaillierten Illustrationen aus den Abbildungsbänden (Planches) der Encyclopédie von D’Alembert und Diderot als Stimuli benützte:

„chiamai spesso a consulta varj artisti; e mostrando loro sulle tavole dell’Enciclopédie i varj utensili dell’arte loro, almeno dei principali fra questi mi feci dire da essi i nomi vernacoli; ed io quindi coll’ajuto de’ termini francesi usati dall’Enciclopedia stessa cercai e rinvenni per la maggior parte gli equivalenti toscani.“ (Cherubini 1814, XIII, Anm.)

1.4. Zum Netz des AIS gehören neben romanischen Aufnahmeorten auch einige albanische und griechische Punkte, so dass Sprachkontaktszenarien erfasst werden. Die allermeisten Sprachatlanten haben sich dieses wichtige Prinzip jedoch selbst dann nicht zu eigen gemacht, wenn  ihre Untersuchungsgebiete sich traditionell durch Mehrsprachigkeit auszeichnen; immerhin werden im ALS auch Siculoalbaner (Arberësh) und im AsiCa Sprecher im extraterritorialen (post)migratorischen Kontext berücksichtigt.

1.5. Die Systemlinguistik und formal-universalistisch ausgerichtete Ansätze, die im 20. Jahrhundert im Vordergrund standen, waren nicht per se an der Variation der sprachlichen Einheiten interessiert und benötigten daher keine sehr umfassenden Korpora. Außerdem gilt der Bezug auf die außersprachliche, kulturell geprägte Realität für alle diejenigen als irrelevant, die an eine Isolierbarkeit sprachlicher Strukturen im Sinne einer ‘internen’ Sprachwissenschaft bzw. Sprachgeschichtsschreibung glauben. Dadurch geriet die Dialektologie – in der Außenwahrnehmung – in einen klaren Gegensatz zu diesen oft als prestigereicher angesehenen sprachwissenschaftlichen Subdisziplinen. Andererseits entstand mit zunehmend umfangreichen Datenbeständen ein schärferes Bewusstsein der multidimensionalen Markiertheit sprachlicher Varianten, das erstmals im ADDU, dann im ALS und im MRhSA zu einer komplexeren Modellierung des sprachlichen Raums führte.

1.6. Die Relativierung systemlinguistischer und exklusiv ‘interner’ Konzeptionen stand in engem Zusammenhang mit der methodologischen Neubewertung des individuellen Sprechers und seines vorwissenschaftlichen Sprachwissens; so entstand komplementär eine perzeptive Dialektologie (vgl. Preston 1982 und Postlep 2010), deren Tests einen Zugang zur Kognition der Variation (vgl. Krefeld/Pustka erscheint) vermitteln.

1.7. Um der Allgegenwart sprachräumlicher Variation zu begegnen, entwickelte die Geolinguistik ein emphatisches Verhältnis zur Empirie im Allgemeinen und zum mündlich elizitierten Einzeldatum im Besonderen. Es war daher selbstverständlich sehr früh digitale Techniken zu nutzen; Pionierarbeit leistete in der Romanistik der ALD.

Der skizzierte geolinguistische Forschungshorizont lässt sich nun wie folgt schematisieren:

Der geolinguistische Forschungshorizont mit einigen Pionieren

Die zuletzt genannte Digitalisierung eröffnet allerdings vielfältige Optionen und erfordert eine Spezifizierung, denn der systematische Einsatz von Web-Technologie hat fundamental andere Rahmenbedingungen für die Wissenschaftskommunikation hervorgebracht:

  • Durch die Einbindung von Audiofiles können Daten gesprochener Sprache medial authentisch wiedergegeben werden (vgl. ALD, AdA, AsiCa u.a.); so können auch reine Audio-Archive allgemein zugänglich gemacht werden (vgl. exemplarisch das toskanische Gra.fo);
  • die Erhebungen selbst können mittels  Crowdsourcing auf Forschungsplattformen bewerkstelligt werden (vgl. AdA, ALIQUOT, VerbaAlpina u.a.);
  • auch große Datenmangen lassen sich auf der Basis von Datenbanken analysieren, kartieren und in anderer Weise visualisieren (vgl. ALD und als Vorläufer ALG);
  • die Onomasiologie wird mittels Normdaten auf eine radikal sprachunabhängige und (im informationstechnischen Sinn) ontologische Basis gestellt (vgl. VerbaAlpina);
  • Datenbestände einzelner Projekte lassen sich (auch noch im Nachhinein) aggregieren und   und mit den Beständen anderer Projekte großräumig verknüpfen (vgl. VerbaAlpina).

Schematisch ergibt sich sich damit für die web-basierte Geolinguistik der folgende virtuelle Horizont:

Horizont der web-basierten Geolinguistik

2. Konzeption

Selbstverständlich, möchte man sagen, entsprechen die aktuellen geolinguistischen Projekte nicht allen Anforderungen gleichermaßen; vielmehr bewegen sie sich in der Regel in einem verengten Horizont. Im Fall des APV/1 wird er durch die Bereiche 1.1.-1.4. begrenzt, mit einem ganz klaren Fokus auf 1.2: In dieser ethnographischen Hinsicht wurden zweifellos neue Maßstäbe gesetzt. In 112 thematischen Artikel werden die folgenden vier Gebieten behandelt: La traite (Kap. 1-19), Entre l’étable, la cave et la fruitière (Kap. 20- 48), Le beurre (Kap. 49-73), Le sérac et les produits dérivés des petits-laits (Kap, 74-112) (Link). Zu Grunde lag das Fragebuch von Gaston Tuaillon, das auch für den ALJA und den ALEPO verwandt wurde (10). Das Ortsnetz besteht aus 22 Punkten, von denen jeweils 2 in angrenzenden Gegenden Frankreichs, des Piemont und im Wallis liegen. Befragt wurden pro Ort mehrere Informanten, aber biographische Details erfährt man nicht. 

Sehr überzeugend sind die Anlage des gesamten Bandes (mit sehr differenzierten lexikologischen Indizes) sowie die Gestaltung der einzelnen Kapitel, in denen systematisch Kartographie und sprachwissenschaftlicher Kommentar kombiniert werden. Im Zentrum stehen jeweils eine analytische Karte und ein Text, der die erhobenen Belege typisiert und lexikologisch, d.h. phonetisch, semantisch, onomasiologisch und etymologisch analysiert. Womöglich wird der jeweilige Typ im Kontext kurzer Ethnotexte belegt, die bei der Datenerhebung mit den Informanten aufgenommen wurden. Es wäre erfreulich, wenn sich diese, in der italienischen Dialektlexikographie seit längerem bewährte Dokumentationstechnik (vgl. exemplarisch Sottile 2002) grundsätzlich als Standard etablieren würde. Die sachliche Beschreibung wird durch Zeichnungen und Fotos unterstützt. Weiterhin wird die dokumentierte lexikalische und phonetische Variation durch kleinere, aber sehr prägnante synthetische Karten  visualisiert. Das Fehlen eines vergleichbaren Apparats macht die meisten bislang publizierten Sprachatlanten zu Instrumenten des Wissenschaftlers, obwohl der Kreis der Interessenten in den Sprechergemeinschaften ganz eindeutig darüber hinaus geht. Begrüßenswert war auch die Entscheidung die ursprünglich vorgesehene Transkription nach dem System des ALF bzw.  von Rousselot durch eine IPA-Transkription zu ersetzen; schließlich  freut sich der Leser während der Lektüre über das lose eingelegte Faltblatt mit vollen Ortsnamen, den Siglen, Abkürzungen und dem Transkriptionssystem. Alles wurde unter der Prämisse ein gedrucktes Buch zu publizieren durch und durch vernünftig eingerichtet.

Anlässlich der Buchpräsentation wurde jedoch explizit und nachdrücklich der unbedingt vorbildliche Anspruch formuliert auch für Laien und insbesondere für die Sprecher*innen selbst verstehbar zu sein:

«I 112 articoli principali che compongono il volume esplorano le “parole” e le “cose” di un settore fortemente caratterizzante la cultura materiale alpina tradizionale: la filiera del latte. Lo fanno tenendo certamente presente la tradizione scientifica consolidata della geolinguistica delle lingue romanze, ma con una particolare attenzione anche alla “divulgazione” dei contenuti scientifici, al loro riutilizzo come tema di interesse nella scuola valdostana, alla loro “restituzione” alla comunità locale (patoisante e non) che ne è, a ben vedere, la prima proprietaria.“ (Quelle)

Gemessen an dieser Absicht ist nun die grundsätzliche Entscheidung  für eine gedruckte, buchförmige Publikation nur schwer nachvollziehbar. Denn einer der unbestreitbaren Vorzüge der Web-Publikation besteht ja gerade in ihrer vollkommen uneingeschränkten Verfügbarkeit für sehr unterschiedliche Nutzergruppen.##

– von den anderen Optionen, wie z.B. der Möglichkeit auch Audiomaterial einzubinden, den Datenbestand kontinuierlich zu erweitern und/oder zu verknüpfen einmal ganz abgesehen.

3. Diskussion

Der zugänglich gemachte lexikalische Bestand ist zwar noch recht übersichtlich, aber allemal hinreichend, um das Aostatal als Schnittpunkt vollkommen unterschiedlicher Wortareale zu profilieren. Sie ließen sich auf ein Kontinuum abbilden, dass von ganz lokaler Verbreitung in einem womöglich kleinen Teil des Aostatals (z.B. guieppé ‘melken’, Kap. 1-8) bis zu weiträumiger Verbreitung reicht (z.B. lat. FORMATICU, Kap. 1-82) . Nach Maßgabe ihrer sprachgeschichtlichen Transparenz repräsentieren die erfassten Worttypen jeweils die raumprägenden historischen Konstellationen und leisten einen substantiellen Beitrag zur Stratigraphie des Valdostanischen und mittelbar des gesamten Alpenraums, da sie nicht selten über die Grenzen der Sprachfamilien hinweg reichen. Einige stratigraphische Leitwörter des APV/1 sollen m Folgenden skizziert werden.

3.1 Das lateinisch-romanische Stratum

Die Schlüsselrolle spielt dabei das lateinisch-romanische Stratum, da es als einziges die heute romanischen, germanischen (d.h. deutschsprachen) und slawischen (d.h. slowenischsprachigen) Teilgebiete verklammert: Manche lateinische Typen haben sich (mehr oder weniger weit) einerseits in den heute romanischsprachigen Regionen erhalten und wurden andererseits in den nachmalig germanisierten bzw. slawisierten Regionen als Substratwörter entlehnt. In analoger Weise hat das lateinisch-romanische Stratum darüber hinaus vorlateinische Substratwörter an die drei Sprachfamilien vermittelt. Ein prototypisches Alpenwort des lateinisch-romanischen Stratums ist lat. excocta, das nominalisierte Partizip Perfekt des Verbs excoquere ‘herauskochen’. Es bezeichnet im APV-Gebiet gewissermaßen ein finales Produkt der Milchverarbeitung, nämlich die Restflüssigkeit (valdost. écouette), die nach der zweiten Gerinnung (‚Scheidung‘) bei der Herstellung der ricotta (alem. Ziger)  übrigbleibt (Kap. 1-100). Zum sachlichen Verständnis ist es angebracht, die Milchverarbeitung sehr stark vereinfacht zu schematisieren:  Die Vollmilch wird entweder entrahmt oder zur Gerinnung gebracht; diese erste Gerinnung erlaubt die Trennung von Frischkäse (Kasein und Fett) und flüssiger Molke; aus der Molke wird dann durch eine zweite Gerinnung bei starker Erhitzung ricotta (Albumin und sehr geringes Restfett) gewonnen; die verbleibende Flüssigkeit enthält praktisch kein Eiweiß und kein Fett mehr. Traditionell gewinnt man aus ihr das saure Gerinnungsmittel für die Ricottaherstellung.   

MILCH → entrahmen RAHM schlagen FESTSTOFFE → BUTTER
FLÜSSIGKEIT → BUTTERMILCH
MAGERMILCH gerinnen lassen FESTSTOFFE →  MAGERKÄSE
FLÜSSIGKEIT
→ erwärmen,
gerinnen lassen,
zerkleinern
= 1. Scheidung
FESTSTOFFE frische Käsemasse,
formen, reifen lassen
→ FETTKÄSE
FLÜSSIGKEIT stark erhitzen,
gerinnen lassen,
zerkleinern
= 2. Scheidung
FESTSTOFFE ita. ricotta, fra. sérac
valdost. brossa
FLÜSSIGKEIT

Sowohl die Flüssigkeit als auch die Feststoffe (ricotta und brossa) werden also buchstäblich ’herausgekocht‘; deshalb ist es nicht überraschend, dass Kognaten von excocta in anderen Alpendialekten auch die Feststoffe bezeichnen. Je nach Gegend stehen sie aber auch noch für weitere Produkte der Milchverarbeitung, die – wie die vorhergehende Skizze zeigt – alle in metonymischer Relation zu einander stehen (Karte 1 – im Anhang – zeigt die APV/1-Belege im alpinen Kontext). 

 

#hier Karte 1 excocta##

interaktive Originalkarte|https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3488&layer=4

Das semantische Spektrum und die Verbreitung zeigen, dass lat. EXCOCTA zum ethnolinguistischen Grundbestand der panalpinen Terminologie gehört.

3.2 Das vorlateinische Substrat

Mutmaßliche Substratwörter sind byetsé ‚melken‘ (< gallisch blĭgicare, Kap. 1-8), das auch im Alemannischen weit verbreitet ist (vgl. blĭggen, Idiotikon, 5, 45) oder brossa ‘Eiweißteilchen, die bei Erhitzen der Molke aufsteigen’ ( < gallisch *brottiare, Kap. 1-76 E).

#vgl. Karte 2 im Anhang: Verbreitung des Typs lat. *BROTTIARE (interaktive Originalkarte unter https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3490&layer=4 ) Bilder)#

Der Typ brossa ist auch über die Westalpen hinaus im Okzitanischen und Korsischen verbreitet (vgl. südfranz./prov. brousse, korsisch brocciu usw.) Nach Korsika ist er aber wohl mit den westligurischen Siedlern gekommen. In Westligurien ist er seit dem 13. Jahrhundert belegt, wie die folgenden Beispiele1 zeigen. Man beachte, dass die latinisierten Formen dort stets in Verbindung und offenkundig im Kontrast zu Bezeichnungen von KÄSE stehen, der entweder als caseus oder mir einer ebenfalls typisch westalpinen Variante als fructus bzw. frux bezeichnet wird:

  • caseum vel brucium; caseos vel bruceum (Cosio, 1297);
  • caseum, brusum vel carnes salsas (Sanremo 1453);
  • fruges, ova, pissizorias, brucium, perdices, polagium (Albenga 1350);
  • fruges, ova, pissizorias, brocium, perdices, polagium (Albenga 1350);
  • aliquos fructus seu fruges, presinsoriam, bruzium, perdices, polagium (Albenga 1519);
  • rubos quatuor companagii, videlicet bruzii et cazeorum (Albenga 1544)
  • obsonium, bruceum et caseus et alie res que venduntur ad minutum (Triora 1592).

Auch im Gebiet des APV bezeichnen Kognaten von fructus und Ableitungen wie fruitière, fruiterie kollektiv die Produktion der almwirtschaftlichen Milchverarbeitung (Kap. 1-112; vgl. auch TLFi s.v. fruitier). Einen Eindruck der Verbreitung gibt die folgende Karte (ohne die APV/1-Belege):  

#vgl. Karte 3 im Anhang: Verbreitung des Typs lat. *BROTTIARE (interaktive Originalkarte unter https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3490&layer=4 ) Bilder)#

3.3 Das germanische Superstrat

Ein prototypisches Superstratwort ist valdostanisch brela, bzw. der Diminutiv  brelon, (Kap. 1-9) ‘einbeiniger/dreibeiniger Melkschemel’.  Zu Recht wird u.a. auf FEW XV/1, 272 verwiesen, wo der Typ auf ein rekonstruiertes got. *bridilô zurückgeführt wird (und nicht auf mhd. brëtel ‘kleines Brett’, wie das Lemma des FEW in etwas unglücklicher Weise suggeriert). Der Typ entspricht dem ita. predella ‘Fußbänkchen, Schemel’, das in Italien  bis in die Toskana weitverbreitet ist (vgl. TLIO, s.v. predella (link); dieser Typ wird wegen des stimmlosen Anlaut [pr-] jedoch im LEI und im DELI als langobardische Entlehnung gedeutet. Über das Aostatal hinaus scheint er jedoch im Frankoprovenzalisch und in den sich anschließenden fr. Dialekten nicht verbreitet zu sein. Auch in den alemannischen und bairischen Mundarten finden sich keine Entsprechungen; deu. Schemel führt ja seinerseits einen lat.-romanischen Diminutiv von lat. scamnum (> ita. scanno) fort und keine germanische Wurzel (eine Parallelform zu Schemel ist ita. sgabello).

#vgl. Karte 4  *bridilô im Anhang#

Nicht als Germanismus geführt wird dagegen bεt ‚Kolostrum‘: «l’étymon est controversé, mais sans doute à relier avec les formes anciennes ou régionales comme beter ‘se figer, se coaguler’ et béton ‘premier lait’ (cf. GPSR II, 298b, FEW I, 345 *BETTARE et TLFi béton. Der zitierte FEW-Artikel ist jedoch ein wenig unentschieden: Er fragt am Ende «Woher stammt *bettare?» und gibt gleichzeitig den Hinweis «Zur etymologie vgl. *BEOST». Im Hinblick auf das valdostanische und frankoprovenzalische bεt läge es nun semantisch und morphologisch viel näher, direkte Herkunft von altniederfränkisch *beost (vgl. deu. Biest(milch)) link anzunehmen; dieser Typ ist in der östlichen Galloromania vom Frankoprov. bis ins Wallonische sowie im gesamten Süddeutschen Raum verbreitet. Er fehlt dagegen östlich vom Aostatal im romanischen Alpengebiet, so dass man an eine Superstratentlehnung aus merowingischer Zeit denkt, denn das Aostatal und die Westalpen gehörten seit 575 zum Merowinger Reich, während der Rest Oberitaliens langobardisch blieb (Link).

#vgl. Karte 5 im Anhang *beost#

3.4 Die französische Dachsprache

Der Typ bidongroßer, zylindrischer Milcheimer aus Blech, mit Deckel’ (Kap. 1-38) zeigt weiterhin, dass sich auch rezente Strata wie die fra. Dachsprache niedergeschlagen haben; er ist übrigens auch  im schweizerischen Wallis und dort – über das Frankoprovenzalische hinaus – in alemannischen Walsermundarten verbreitet (vgl. SDS VII, 4, 1). Der Kommentar beschreibt diesen Typ als «dérivé du germanisme nordique de filière galloromane (normande, peut-être, e d’ici dans le français central ; cf. FEW XV/1, 104)  BIĐA» (Kap. 1-38). Das mag für den etymologischen Ursprung stimmen, obwohl der Trésor de la langue française Vorbehalte anmeldet und von «orig[ine] obs[ure]» spricht (Link). Entscheidend ist jedoch, dass der Typ auf dialektaler Ebene keinerlei Affinität zum Frankoprovenzalischen oder mindestens zum Ostfranzösischen aufweist; das geht aus den Belegen im (FEW 15/1, 103 f.;  link) sehr klar hervor. Das Wort ist deshalb sicherlich ganz unabhängig von einer eventuellen germanischen Herkunft über die französische Dachsprache verbreitet worden. Anstatt von einem ‘Germanismus’ (wie im APV/1) sollte von einem Französismus geredet werden.

Fazit

Es versteht sich von selbst, dass man – wie in den diskutierten Beispielen angedeutet – in lexikologischer Hinsicht, speziell im Hinblick auf die Etymologie gelegentlich anderer Meinung sein kann. Das ist kein Anlass zur Kritik, denn eindeutig ‘wahre’ oder ‘falsche’ Ansätze sind häufig, insbesondere im Fall der Substratwörter und anderer Entlehnungen ohnehin nicht zu erwarten. Mindestens so wichtig wie die Entscheidung für eine bestimmte Etymologie ist es daher die konkurrierenden Vorschläge zu resümieren; das leisten die Kommentare des APV/1 in übersichtlicher und sehr nützlicher Weise. Man darf also sehr gespannt sein auf die Fortsetzung des Unternehmens.

in Biblio aufnehmen:

Krefeld, T.: s.v. “Wissenschaftskommunikation im Web”, in: VerbaAlpina-de 20/2 (Erstellt: 16/1, letzte Änderung: 19/1), Methodologie, https://doi.org/10.5282/verba-alpina?urlappend=%3Fpage_id%3D493%26db%3D202%26letter%3DW%2362

Lücke, S.: s.v. “Normdaten”, in: VerbaAlpina-de 20/2 (Erstellt: 18/2, letzte Änderung: 19/2), Methodologie, https://doi.org/10.5282/verba-alpina?urlappend=%3Fpage_id%3D493%26db%3D202%26letter%3DN%23114

Cartodialect (imag.fr)
https://www.atlante-aliquot.de/index.php

############

cf. ALF 129b bête, s + t frpro scempiamento della s ,

prob. da separare da *bettare ‚coagulare‘ (FEW 1, 345) per motivi geoling. e semantici; il collegamento dei due tipi è poco chiaro  link

 

Aber  Dachspürachen#aufzählung#

#Schluss#??#

#Diese Strata, die in den Einzelkommentare aufscheinen, hätten etwas eindeutiger identifiziert und etikettiert werden. ###ident Eine kritische Bemerkung verdient allerdings der Umgang mit dem Ausdruck germanique [germ.], denn darunter werden Konstellationen zusammengefasst die stratigraphisch sehr unterschiedlich zu beurteilen sind.

Hier einige Beispiele:

(1) Ein wird im Westen des APV-Untersuchungsgebiets mit dem T

 

: „1 Piccola pedana con funzione di appoggiapiedi o di sgabello.“ significato ’sgabello‘ corrisponde più o meno, distribuzion toscana e bologn.

quindi: non si tratta di un germ. local; in zona tedecosfono lo sgabello viene mai designato dal tipo Brett ##VA????##, anzi in ted. Schemel e un prestito lat. dim. di scamnum *scamillus Kluge 800

  

#?#, wird jedoch der Wortgeschichte vermutlich nicht gerecht

, pare essere un francesismo recente, perchésenza parallele nei dintorni##??## niente di francoprov o alpino, diffuso dalla Normandie, dal XVII secolo in poi, attestato solo in islandese antico link

??solo per recipienti di latta, quindi moderni?? il recipiente classico essendo di legno

fuorviante parlare di „germ. BIĐA“ (419, fra. bidon)

 

(3)

###

 

Allenfalls bestimmte   , die wortgeschichtlichen darf man wird man auf diesem Gebiet ohnehin nicht wrtaen   wrde, mit

Im entrum ; sie nimmt eine in der Tradition der Sprachatlanten eher periphere

ganz eindeutig ein Man in abe die umDer Horizont

Im Hinblick auf die Punkte

mit ihrer kulturellen und idilektalen  haben r    in dem sie stand und steht .

22 Orte, davon 2 in F,  2 in Piemont und 2 im Wallis

„Pour chaque point d’enquête, les réponses proviennent d’un nombre variable de témoins «qualifiés», choisis parmi les patoisants locaux.“ (10)

Ein Profil der Informanten wurde nicht publiziert

112 thematisch Artikel, die nach den folgenden vier Gebieten geordnet sind: La traite (1-19), Entre l’étable, la cave et la fruitière (20- 48), Le beurre (49-73), Le sérac et les produits dérivés des petits-laits (74-112) (Link)

1-111 le cellier a fromages s. 201 f.

crypta (https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de?page_id=133&db=202&tk=3304)

angegeben ist www.patoisvda.it. = tot

https://www.patoisvda.org/atlas-patois-valdotains/

Reste vom Voratrag in Aosta:

###fine######

Alpina  alpine di alcuni lessotipi.l’esistenza  *excocta / cocta aber nicht für molke = petit-lait du fromage 1-100

cf. mappa di VerbaAlpina SIERO DI LATTE Link

cioè sostratico nelle zone tedescofona e slovenofona

KÄSEKELLER: Typ le cellier à fromages  cellarium
1-111
ZIGER / le sérac
1-74

MOLKE nach der zweiten Scheidung le petit-lait résiduaire (du sérac)
1-81

*excocta, cocta etc.

Mapp VA (Link)

,  sembra essere per niente

 

il signifin un singolo paese – anche     derivato diminutivo d (link)

situlus??

AUFSTEIGENDE EIWEISSTEILCHEN DIE BEI ERHITZEN DER MOLKE AUFSTEIGEN NACH DER ZWEITEN SCHEIDUNG

link

mappa di VA *BROTTIARE link

–> Korsika brocciu

bletsé MUNGERE, mappa di VA *bligicare #eher alpino occidentale

#Area fr#

I cosiddetti ‚germanismi‘

L’APV/1 comprende aluni elementi di origine germanica; questo termine generico è però fuorviante, perché essi aprono epoche e costellazioni di contatto molto diversi.

 

bletsé MUNGERE, mappa di VA *bligicare #eher alpino occidentale

bletsé MUNGERE, mappa di VA *bligicare #eher alpino occidentale

https://www.patoisvda.org/moteur-de-recherche/bl%C3%A9ts%C3%A9_7909_4/

romanzo locale — latino locale??

selzionati mostrano che i patois valdostani si inseriscono in modo

vanno quindi gli esempi presentati sono selzinati ale
KÄSE
1-182 le fromage [gén.]

2 spz., etym. unklare Typen *fièitse *bédzo *cafo

 

Area francese

 

??Area del versante sud delle Alpi

Area gallo-alpina

evtll Quark / caillé

Area galloromanza orientale e tedesca

 

magari il verbo un der. dal sost. e non in senso contrario?

###

Der APV/1 erhebt den unbedingt vorbildlichen Anspruch auch für Laien – nicht zuletzt für die Sprecher*innen selbst – verstehbar zu sein und so zur Divulgation der Geo- bzw. Ethnolinguistik beizutragen:

#gibt es eine enstsprechende bem auch im Band?#

I 112 articoli principali che compongono il volume esplorano le “parole” e le “cose” di un settore fortemente caratterizzante la cultura materiale alpina tradizionale: la filiera del latte. Lo fanno tenendo certamente presente la tradizione scientifica consolidata della geolinguistica delle lingue romanze, ma con una particolare attenzione anche alla “divulgazione” dei contenuti scientifici, al loro riutilizzo come tema di interesse nella scuola valdostana, alla loro “restituzione” alla comunità locale (patoisante e non) che ne è, a ben vedere, la prima proprietaria.“ (Quelle

Gemessen an dieser Absicht ist die grundsätzliche Entscheidung  für eine gedruckte, buchförmige Publikation schwer nachvollziehbar. Denn einer der unbestreitbaren Vorzüge der Web-Publikation besteht ja gerade in ihrer vollkommen uneingeschränkten Verfügbarkeit – von den anderen Option, wie z.B. der Möglichkeit auch Audiomaterial einzubinden und Aggregierbarkeit durch daten anderer Atlanten/Lexika einaml ganz abgesehen.

###

 

Hans Goebl
GIOVANBATTISTAPELLEGRINI UND ASCOLIS
METHODE DER „PARTICOLAR COMBINAZIONE“
Ein Besprechungsaufsatz, Ladinia 23 (1999) 139-​181.

Modell

Brather, Sebastian, Ethnische Identitäten als Konstrukte der frühgeschichtlichen Archäologie,
Germania 78 (2000), 139–171.
Heitmeier, Irmtraut, Das Inntal. Siedlungs- und Raumentwicklung eines Alpentales im Schnittpunkt
der politischen Interessen von der römischen Okkupation bis in die Zeit Karls des
Großen, Innsbruck, Wagner, 2005.

Martin, Jean-Baptiste / Tuaillon, Gaston (1971, 1978, 1981): Atlas linguistique et ethnographique du Jura et des Alpes du nord, Paris, vol. 1, 3, 3a, Éd. du Centre National de la Recherche Scientifique


  1. Für die Bereitstellung der Belege danke ich Fiorenzo Toso; sie stammen aus dem Material des noch unveröffentlichten Dizionario etimologico storico genovese e ligure 

Grundschema_Stratigraphie (Zitieren)

Thomas Krefeld
(28 Wörter)
romanzo ted. sloveno
valdost. (é)couette ita. scotta lad. tʃot(e) ← ← Adstrat dial. Schotte(n) dial. skuta
↑ sostrato ↑ ↑ sostrato ↑
lat. excocta

VerbaAlpina erklärt sich selbst (in 10 Sätzen) (Zitieren)

Thomas Krefeld
(317 Wörter)

Dieser Beitrag versteht sich als eine Vorstellung des Projekts VerbaAlpina  (VA) in 10 Kernsätzen; es handelt sich jedoch nicht um einen Beitrag über das Projekt, denn das Projekts präsentiert sich gewissermaßen selbst  in Gestalt ausgewählter Zitate und Materialien, die auch unabhängig von dieser Vorstellung über die Nutzeroberfläche abrufbar sind. Im Vordergrund steht die sprachwissenschaftliche Seite – die informationstechnische Seite wird in einem komplementären Beitrag von Stephan Lücke (Lücke 2018) in den Vordergrund gestellt. Grundsätzlich handelt es sich jedoch um die beiden untrennbaren Seiten ein und derselben Medaille.

 

  1. VA ist eine webbasierte Forschungsumgebung.
  2. Gegenstand von VA ist der dialektale Wortschatz  der drei Sprachfamilien im Alpenraum (Karte).
  3. VA integriert unterschiedliche georeferenzierbare Quellen, nämlich Sprachatlanten, Wörterbücher und Crowdsourcing.
  4. VA dokumentiert Wortareale, die nicht selten die Grenzen einer der drei Sprachfamilien überschreiten und versteht sich daher als interlinguale Geolinguistik; ein charakteristisches Beispiel ist lat. *excŏcta (Karte), das in allen drei Sprachfamilien des Alpenraums (Romanisch, Germanisch, Slawisch) belegt ist.
  5. Die Auswahl des dokumentierten Wortschatzes erfolgt in der Tradition der romanistischen Ethnolinguistik.
  6. VA visualisiert den erfassten Wortschatz durch eine interaktive Karte.
  7. Die interaktive Karte wird vom Nutzer über komplementäre Filter gesteuert, die einerseits von der Sache, dem außersprachlichen KONZEPT, und andererseits vom Wort, der dialektalen Bezeichnung, ausgehen.
  8. Jede interaktive Karte verweist auf Referenzwörterbücher und vermittelt so vielfältige  lexikographische Hinweise zu jeder dokumentierten Form, wie z.B. die alemannische Bezeichnung Anke(n) ‘Butter’ in Grindelwald (Berner Oberland) oder die romanische Bezeichnung bargun ‘Alm’ in Moena (Trentino) zeigen.
  9. Das Lexicon Alpinum gibt gelegentlich auch projekteigene Kommentare, wie im Fall von Anke (m.) (gem.), in jedem Fall jedoch Normdaten (Q-IDs),  die das jeweilige außersprachliche Konzept identifizieren und die mit einem Link auf das Wikidata-Projekt hinterlegt sind, wie z.B. im Fall von BUTTERFASS.
  10. VerbaAlpina folgt den FAIR-Prinzipien und leistet dadurch einen konstruktiven Beitrag zur Überführung der Sprachwissenschaft in die Digital Humanities.

Neue Romania (Zitieren)

Thomas Krefeld
(1979 Wörter)

#global#

Mit einem reichlich vagen Ausdruck werden Französisch, Spanisch und Portugiesisch daher auch als ‘Weltsprachen’ bezeichnet; damit wird in unklarer Weise sowohl auf ihre Verbreitung als Erstsprache (L1) wie als Fremdsprache (L2) angespielt.

##

Für die Tatsache, dass es sich die Sprachen der europäischen Kolonisten im globalen Maßstab so massiv auf Kosten der präkolonialen Sprachen etablieren konnten, gibt es unterschiedliche Gründe, die mit der Kolonisierung zusammenhängen; sie lassen sich unter dem polemischen aber durchaus gerechtfertigten französischen Schlagwort der glottophagie ‚Sprachenfresserei‘ zusammenfassen, das von Jean-Louis Calvet 1974 geprägt wurde #Dieser Ausdruck wurde offenkundig nach dem Muster von fra. anthropophagie ‚Menschenfresserei‘ gebildet.#:

  • Die vorkoloniale Bevölkerung wurde je nach Zeit und Gegend verfolgt und war teils systematischem Genozid ausgesetzt (so vor allem in Uruguay).
  • Nach der Unabhängigkeit wurde der koloniale Gebrauch der europäischen Sprachen in Verwaltung, Bildungseinrichtungen und öffentlichen Medien fortgesetzt.
  • Ein Teil der kolonialen Bevölkerung indigener Herkunft vollzog im Zuge der Akkulturation einen Wechsel zu den europäischen Sprachen  der Kolonisten; aus dieser Tradition entwickelte sich im frankophonen Kontext  die politisch, ideologisch und literarisch auch über Frankeich hinaus einflussreiche négritude-Bewegung; das Kozept wurde 1935 von Aimé Césaire geprägt (« Conscience raciale et révolution sociale », L’Étudiant Noir, journal mensuel de l’association des étudiants martiniquais en France, mai-juin 1935 http://www.letudiantnoir.com/).
  • Die Territorien der postkolonialen Staaten sind historisch willkürlich zustande gekommen; sie lassen sich nicht auf einzelne Sprachgemeinschaften abbilden, sondern umfassen oft sehr vielsprachigen Regionen, ohne entwickelte Schriftlichkeit; die Beibehaltung des kolonialen Sprachgebrauchs beugt Konflikten zwischen Gemeinschaften vor, die entstünden (und teils auch entstanden sind), wenn jeweils eine spezifische indigene Sprache auf Kosten anderer implementiert und offizialisiert würde; allein in Brasilien werden 160 unterschiedliche indigene Sprachen gesprochen, die zu 19 Sprachfamilien gruppiert werden können Überblick und in den beiden benachbarten République du Congo und République démocractique du Conge( früher: Zaire)  mehr als 200 Sprachen und .
  • Manche Kolonien wechselten im Laufe der Geschichte (auch mehrfach) den Besitzer bzw. ihre staatliche Zugehörigkeit, so dass unter Umständen sogar mehrere europäische Sprachen als Staatssprachen eingesetzt wurden (so zum Beispiel Spanisch und Englisch in Puerto Rico; Französisch und Englisch in Kamerun; Spanisch, Portugiesisch und Französisch in Äquatorialguinea).

Auf der Basis der romanischen Sprachen – das gilt vor allem für das Französische und das Portugiesische – haben sich vor allem in manchen Gebieten während der Kolonialzeit Sprachen  so genannte Kreolsprachen entwickelt (vgl. Vorlesung vom ##), die nicht mehr zu den romanischen Sprachen gerechnet werden. Allerdings sind die Sprecher der Kreolsprachen  zunehmend zweisprachig, was zu ausgeprägtem Sprachkontakt und einer strukturellen und lexikalischen Wiederannäherung der Kreolsprachen an die historisch´zu Grunde liegenden Sprachen der ehemaligen Kolonialmächte führt; diese Konstellationen, die in erster Linie die französisch basierten Kreols betreffen, werden als post-creole continuum bezeichnet.

Die Unterschiede zwischen den spanisch-, portugiesisch- und französischsprachigen Gebieten der Neuen Romania einerseits und innerhalb der drei genannten Gebiete andererseits sind so erheblich, dass es jeder Staat für sich untersucht werden müsste. Dabei sollten in jedem Fall die folgenden Parameter berücksichtigt werden:

  • Mit welche indigenen und womöglich später hinzugekommenen Sprachen stehen die romanischen Sprachen in Kontakt?
  • Wie ist das Verhältnis von L1- und L2-Sprechern?
  • Gibt es zusätzlich zur jeweiligen romanischen Sprache eine romanisch basierte Kreolsprache?

#Spanisch#

Aus den ehemals spanischen Kolonialgebieten entstanden Nationalstaaten, die mit wenigen Ausnahmen (wie z.B. die Philippinen seit 1987) das Spanische als Staatssprache beibehalten haben; in einigen Fällen wurden indigene Sprachen kooffizialisiert #einfügen#.

#Portugiesisch#

Überblick Im Fall des Portugiesischen ist das

Die lusophonen Staaten sind in der Comunidade dos Paises de Lingua Portuguesa, der Gemeinschaft_der_Portugiesischsprachigen_L%C3%A4nder, zusammengeschlossen; im Hinblick auf die Größe und kulturelle Vielfalt der vertretenen Weltregionen spielt das historische Ausgangsland, Portugal, nurmehr eine eine periphere Rolle.

Allerdings ist bemerkenswert, dass es selbst in der portugiesischsprachigen Welt und hier speziell in Brasilien, ebenso wenig wie in der frankophonen oder hispanophonen, bislang noch nicht zur expliziten Kodifizierung und Implementierung nationaler Sprachstandards gekommen ist.

#Französisch#

Die ehemals französischen Kolonialgebiete nahmen eine divergente Entwicklung (Überblick) , denn aus ihnen wurden teils eigene Nationalstaaten (so überall in Afrika), teils Provinzen von Nationalstaaten (Québec, Lousiana), teils aber auch französische Departements (Guadeloupe, Französisch-Guayana, Martinique, Mayotte, La Réunion) oder weitgehend autonome Gebiete (die sogenannten Collecitivités d’outre mermit enger politischer Anbindung an Frankreich (z.B. Französisch-Polynesien). Im Unterschied zu den portugiesisch- und spanischsprachigen Gebieten der Neuen Romania sind die französischsprachigen Gegenden mindestens teilweise in die nach wie vor stark zentralistischen Strukturen Frankreichs eingebunden.  

https://en.wikipedia.org/wiki/Louisiana_French

Obwohl die teils kleinen frankophonen Gebiete außerordentlich weit voneinander entfernt sind gibt es gelegentlich bemerkenswerte, durchaus standardferne Parallelen, wie an einem toponomastischen Beispiel angedeutet werden soll; sowohl in der Karibik wie auch im Indischen Ozean sehr weit verbreitet sind zwei Landschaftsbezeichnungen, die in Frankreich selbst zwar vorkommen, aber nur sehr selten belegt sind: morne ‘Hügel’ und piton ‘(spitzer) Gipfel’:

MORNE2, subst. masc.
[Principalement dans une île ou sur un littoral] Colline, montagne. Un gros morne la termine [une île] à chacune de ses extrémités; et un pic, ou plutôt un volcan, à en juger par sa forme, s’élève au milieu (Voy. La Pérouse, t.3, 1797, p.96). Aux Gonaïves, près du Port-au-Prince. On voit une habitation en ruine sur les flancs élevés d’un morne qui domine une rade (LAMART., T. Louverture, 1850, I, 1, p.1263). Le côté de l’est est barré par de hauts mornes ferrugineux qu’enserre et couronne le bleu de la mer (T’SERSTEVENS, Itinér. esp., 1933, p.88).
Prononc. et Orth.: []. Att. ds Ac. dep. 1798. Étymol. et Hist. 1640 (BOUTON, Relation de l’establissement des François depuis l’an 1635 dans l’Isle de la Martinique, p.30). Mot du créole des Antilles qui s’est répandu ensuite aux créoles de la Réunion, d’Haïti et de la Martinique, d’orig. incertaine (cf. FEW t.21, p.15a). Peut-être issu, par altération, de l’esp. morro «monticule, rocher» (1591 ds COR.-PASC.) qui représente un type *murrum, du rad. prérom. *murr-, v.moraine et morion1Cf. BL.-W.1-5 et CHAUDENSON, Le Lex. du parler créole de la Réunion, t.1, p.619. Fréq. V. morne1Bbg. DULONG (G.). Le Mot morne en canad. fr. In: Congrès Internat. Des Sc. Onom. Wien, 1969, t.1, pp.255-258. (TLFI s.v. morne)

PITON, subst. masc.
I. Clou ou vis à tête recourbée ou en forme d’anneau servant à recevoir un crochet, l’anse d’un cadenas, une tringle, etc. Fixer, planter, visser un piton au mur. Il tailla le bois du pupitre avec son canif, et fit tant qu’il déchaussa le piton de fer dans lequel le cadenas était accroché (CHAMPFL., Souffr. profess. Delteil, 1853, p.35). Un de ces jeunes hommes blonds (…) était monté sur la table et glissait l’autre bout de la corde dans un gros piton qui était enfoncé dans une poutre du plafond (G. LEROUX, Roul. tsar, 1912, p.157). V. agripper ex. 7.
 ALPIN. ,,Broche métallique constituée d’une lame et d’une tête qui comporte un oeil pour le passage du mousqueton dans lequel coulisse la corde„ utilisée pour l’escalade artificielle (PETIOT 1982). Piton de rocher, piton à glace; piton d’assurance, de passage, de rappel, de renvoi, de sécurité. La corde, je l’avais montée au lac Noir, avec des pitons et des anneaux. Je voulais fixer les pitons à l’endroit d’où mon enfant avait roulé, et me laisser descendre moi-même le long de la corde jusqu’à ce que je le retrouve (PEYRÉ, Matterhorn, 1939, p.155):

[…] II. GÉOGR. Sommet pointu et dénudé d’une montagne, en partic., aux Antilles et à la Réunion. Le piton des Neiges à la Réunion. Bourbon n’est à vrai dire, qu’un cône immense (…) dont les gigantesques pitons s’élèvent à la hauteur de seize cents toises (SAND, Indiana, 1832, p.237). Au crépuscule on entendait un bourdonnement: c’était la tante de Charles Lacoste qui, désolée d’avoir quitté ses pitons et ses mornes, effleurait du doigt sa guitare (JAMMES, Mém., 1922, p.14).

 P. anal.
Relief isolé de forme conique, monticule aigu difficile à escalader. Piton rocheux, volcanique; escalader un piton. Un piton qui s’enlevait à brusques arêtes, une sorte de pyramide tronquée, au bout d’une longue falaise noire (VERCEL, Cap. Conan, 1934, p.205): […] Étymol. et Hist.I. 1. 1382 «clou dont la tête est en forme d’anneau» (Doc. ap. Ch. BRÉARD, Compte du Clos des Galées de Rouen, p.82); 2. 1884 alpin. (Annuaire du Club alpin fr., Année 1883 ds QUEM. DDL t.27); 3. région. a) 1930 «bouton de sonnette, de montre» (Canada); b) 1930 être sur le piton (ibid.)II. 1640 [éd.] géogr. (BOUTON, Relation de l’establissement des Français depuis l’an 1635 en l’isle de la Martinique, p.31); 1862 arg. (LARCH., p.250). I piton «clou» a été introduit dans le nord de la France par les constructeurs de bateaux du Midi; dér. du prov. pitar «picorer, picoter», lui-même dér. du rad. pitt-, désignant quelque chose de pointu (v. pite1); suff. -on1*. II prob. issu, par l’intermédiaire du parler de la Martinique (cf. BOUTON, supra) où le mot semble avoir été apporté par les colonisateurs venus de Gascogne ou éventuellement du nord de l’Espagne (cf. béarnais pitoû «élévation» ds FEW t.8, p.612b), du sens de «corne qui commence à pousser (chez les chevreaux, les agneaux), pointe de la corne du taureau; rejeton d’un arbre qui commence à bourgeonner» qu’a l’esp. piton au XVIIes. (v. COR.-PASC., s.v. pito et AL.), lui-même dér. de pitt-, v. supra. Voir FEW t.8, pp.612a-614b. Fréq. abs. littér.: 73. Bbg. QUEM. DDL t.27. WEIL (A.). En Marge d’un nouv. dict. R. Philol. fr. 1932, t.45, pp.31-32. (TLFi, s.v. piton) #http://stella.atilf.fr/#

Karibik/Indischer Ozean

[map lat=“5.32036″ lng=“-4.01611″]

[marker lat=“14.69493″ lng=“-61.11460″]Morne Chapeau Nègre[/marker]

[marker lat=“14.70153″ lng=“-61.11441″ colour=“blue“]Petit Piton[/marker]

[marker lat=“15.86873″ lng=“-61.57628″]Morne Rouge[/marker]

[marker lat=“16.28008″ lng=“-61.76034″ colour=“blue“]Piton Grand Fond[/marker]

[marker lat=“16.28874″ lng=“-61.76544″]Morne Mazeau[/marker]

[/map]

[marker lat=“-20.09585″ lng=“57.63497″ colour=“blue“]Piton, Dorf (Mautitius)[/marker]

[marker lat=“-20.44063006 lng=“57.33358973″]Le Morne, Berg (Mauritius)[/marker]

[marker lat=“-20.4586107″ lng=“57.4933333″]Piton Poule, Berg (Mauritius)[/marker]

[marker lat=“-17.58373″ lng=“-149.49182″ colour=“blue“]Piton de Pirae, Berg (Tahiti, Französisch Polynesien)[/marker]

morne in Québec

[marker lat =“49.22748″ lng=“-65.57430″]Le Morne[/marker]

[marker lat =“46.47171″ lng=“-70.45107″]Le Morne[/marker]

[marker lat=“46.31399″ lng=“-70.50604″]Le Morne[/marker]

in F nur ganz selten, morne auf OSM 4 Treffer, piton af OSM 6 Treffer

[marker lat =“44.39464″ lng=“2.61096″]La Morne[/marker]

[marker lat =“45.52332″ lng=“4.92062″]Le Morne[/marker]

[marker lat =“46.75534″ lng=“-1.14601″]Le Morne[/marker]

[marker lat=“47.08685″ lng=“-1.70430″]La Morne (Sumpf)][/marker]

 

[marker lat=“44.06317″ lng=“1.93696″ colour=“blue“]Le Piton[/marker]

[marker lat=“43.71739″ lng=“-0.29694″ colour=“blue“]Piton[/marker]

[marker lat=“44.38814″ lng=“-0.98994″ colour=“blue“]Piton[/marker]

[marker lat=“43.71739″ lng=“-0.29694″ colour=“blue“]Piton[/marker]

[marker lat=“44.32880″ lng=“0.14894″ colour=“blue“]Piton[/marker]

[marker lat=“44.21269″ lng=“0.31209″ colour=“blue“]Piton[/marker]

[marker lat=““ lng=““ colour=“blue“][/marker]

Die Erklärung dieser ‘kolonialfranzösischen’ Gemeinsamkeiten ist nicht leicht; die im zitierten Artikel des Trésor de la langue française vorgeschlagene Ausbreitung („Mot du créole des Antilles qui s’est répandu ensuite aux créoles de la Réunion, d’Haïti et de la Martinique“) ist jedenfalls historisch nicht sehr plausibel; es liegt näher an eine größere Verbreitung der einschlägigen Formen im gesprochenen Französischen des 17. Jahrhunderts zu denken.

 

https://fr.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ais_qu%C3%A9b%C3%A9cois#Phonologie_et_phon%C3%A9tique

  • tu se prononce [t͡sy]
  • dîner se prononce [d͡zine]
  • lit [lit], moi [mwε] anstatt [mwa] oder froid [frεt]

https://apps.atilf.fr/lecteurFEW/index.php/page/lire/e/173651

 

nicht sehr wahrscheinlich , d’orig. incertaine (cf. FEW t.21, p.15a). Peut-être issu, par altération, de l’esp. morro «monticule, rocher» (1591 ds COR.-PASC.) qui représente un type *murrum, du rad. prérom. *murr-, v.moraine et morion1.

portunhol (https://de.wikipedia.org/wiki/Portu%C3%B1ol), lumfardo (< ita. lombardo ‘lombardisch’ ) https://en.wikipedia.org/wiki/Rioplatense_Spanish, porteño

Biblio

Povos indígenas no Brasil

Kassel_Reste (Zitieren)

Thomas Krefeld
(213 Wörter)

Die einzelnen Schriftvarietäten werden darüber hinaus in englischer Bezeichnung aufgeführt und durch einen speziellen ; aber sie lassen nicht mehr durch einen Code identifizieren Glottolog. Im Unterschied zum Ethnologue fehlen auch die Selbstbezeichnungen (vgl. Link).

Die darstellung im  ist grundsätzlich ähnlich, aber sc

https://www.ethnologue.com/language/roh

 

deu und L 482

Dialekt (unvollständig) ISO-693.3 Sprache Sprachfamilie
Tirolerisch Bairisch Deutsch
Walserisch ger
Zimbrisch

Es ist also kein Wunder, dass es in informationstechnischer Sicht ebenfalls an eindeutigen und brauchbaren Identifikatoren mangelt.

nicht accessible disqulifizieren sich hier selbst

roh https://iso639-3.sil.org/code/roh (=romansh)

#nicht bsi zur eigentlich basalen Int´stanz, dem Sprecher, sondern bis LokDial, Typis.

 

selva di Progno, cimbri ob minderheit oder nicht ist unerneblich

Walsergemeinden

 

val resia Benacchio 2011

per def. keine standardformen

#markanter Unterschied: Territorial#

Dialekt (unvollständig) ISO-693.3 Sprache Sprachfamilie
Valdostano / Valdôtain  Valdostano / Valdôtain  rom
Occitan  Okzitanisch
Francoprovençal  Frankoprovenzalisch
Puter Bündnerromanisch Rätoromanisch
Surmiran
Sursilvan
Sutsilvan
Vallader
Jauer
Badiot Dolomitenladinisch
Maréo
Gherdëina
Fascian
Anpezan
Fodom
Furlan  Friaulisch

 

 

einer  Grundprinzip

Geolinguistik, Kleinsprachen und die FAIR-Prinzipien (am Beispiel von VerbaAlpina) (Zitieren)

Thomas Krefeld | Stephan Lücke
(1722 Wörter)

Dieser Beitrag wurde für die Sektion Rekonstruktion und Erneuerung romanischer Regional- oder Minderheitensprachen im Zeitalter der Digital Humanities des XXXVI. Deutschen Romanistentags verfasst. Der genannte Sektionstitel eröffnet einen außerordentlich weiten Horizont; denn die Ausdrücke, die er zusammenbringt, weisen

  • in die Sprachgeschichte (‘Rekonstruktion’);
  • in die Sprachplanung (‘Erneuerung’);
  • in den Sprachvergleich (‘romanisch’);
  • in die Geolinguistik (‘Regional-’);
  • in die Sprachpolitik (‘Minderheiten-’);
  • in die Sprachsoziologie (‘-sprache)’);
  • in die Neuen Medien (‘Digital Humanities’).

Unser Beitrag ist zwar in der Geolinguistik und in den Neuen Medien zentriert, aber Perspektiven für die anderen Felder lassen sich leicht daraus ableiten, wie angedeutet werden wird.

Romanische Geolinguistik

Ziel des Projekts VerbaAlpina (VA) ist die kleinräumige, d.h. lokale Erfassung des spezifisch alpinen Wortschatzes in den drei im Untersuchungsgebiet gesprochenen Sprachfamilien (Germanisch, Romanisch, Slawisch). Diese systematische Erweiterung der traditionell einzelsprachlichen Dialektologie ist sinnvoll, da zahlreiche Bezeichnungstypen über die Grenzen nur einer Sprachfamilie hinaus verbreitet sind; diese Ausdrücke wurden daher nicht zu Unrecht als Alpenwörter bezeichnet. Die Konzeption, der VA verpflichtet ist, lässt sich als interlinguale Geolinguistik charakterisieren, da Varianten aus mehreren Einzelsprachen zusammengebracht werden; Berücksichtigung finden jedoch ausschließlich georeferenzierbare Belege, wobei  die politische Gemeinde als Bezugseinheit der  Georeferenzierung fungiert. Das potentielle Netz umfasst alle 6990 Gemeinden der so genannten Alpenkonvention.

Dieser Voraussetzung genügen im wesentlichen zwei Typen von Quellen: grundsätzlich die Sprachatlanten und – wenngleich nicht im Grundsatz, sondern im Idealfall – die dialektale Lexikographie. Sobald diese gemeinsame Voraussetzung der Georeferenzierbarkeit gegeben ist, lassen sich beide Quellentypen auch komplementär darstellen, wie es auf den VA-Karten geschieht. So illustriert dieser Kartenausschnitt den Einbezug des DizMT, der einen einzigen Lokaldialekt thesauriert.

Überblicksartige Darstellungen, wie auf der gerade genannten Beispielkarte, sind jedoch nur möglich, wenn die nicht selten zahlreichen lokalen Einheiten zu Gruppen zusammengefasst werden, so wie formˈavo, fromˈazo, fryˈmai, furˈmaj, furmˈaʧ usw., die alle das Konzept KÄSE bezeichnen. Durch die Gruppierung werden die Belege zu Varianten abstrakterer Typen. Systematisch unterschieden werden in VA sogenannte ‘morpho-lexikalische Typen’ und ‘Basistypen’ (vgl. Typisierung; die morpholexikalischen Typen definieren sich über die Wortart, die Konstituenten des Worts (Basis [+ Wortbildungsmorphem]), im Fall von Nomina zudem über das Genus sowie über die Sprachfamilie; nun ist es praktisch, die Typen (d.h. die Klassen von Varianten) auch durch sprachliche Einheiten identifizieren zu können; dazu werden in VA die am besten bekannten/am weitesten verbreiteten Varianten gewählt, also die standardsprachlichen Äquivalente. So wird der morpholexikalische Typ, zu dem alle genannten Beispiele sowie 368 weitere (Stand: 17.9.2019) gehören, durch standardfra. fromage/standardita. formaggio identifiziert.

Noch abstrakter sind die Basistypen; sie gestatten es morpho-lexikalische Typen zu gruppieren, wenn sie eine gemeinsame historische Basis haben; das gilt auch für morpho-lexikalische Typen unterschiedlicher Sprachfamilien, also im Fall von Entlehnungen.   So werden die morpho-lexikalischen Typen fra. fromage/ita. formaggio (m.), formaggia (f.), fra. forme/ita. forma zum Basistyp lat. forma(m) gebündelt oder schweizerdeu. staafel, fra. étable (f.), ita. stabbio (m.) zum Basistyp lat. stabulum.

FAIR

#auf der Basis des Ladinia-Arbeitsberichts

#Stephan#

Lokale Belege, Typen virtuelle Repräsentation#

Wie die FAIR-Kriterien nun im Einzelnen ausbuchstabiert werden sollten, ist jedoch nicht eindeutig zu beantworten, denn es ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten. Ein geolinguistisches Modell für die virtuelle Abbildung dialektaler Kontinua wird von VerbaAlpina entwickelt. Grundlegend für die Identifikation der Daten ist darin die Georeferenzierung, die auf der Ebene der politischen Gemeinde erfolgt. Zusätzlich zu den Geodaten wird jeder Sprachbeleg einer der drei alpinen Sprachfamilien zugeordnet.

Die Zugehörigkeit kann übrigens nicht automatisch von der Gemeinde auf die Daten ‚vererbt‘ werden, denn es gibt durchaus zweisprachige Orte; so wurden für Selva di Progno oberhalb von Verona von Nutzern des CS–Tools germanische und romanische Belege geliefert, wie der Ausschnitt zeigt:

Zufälliger Ausschnitt aus den Crowd-Daten aus Selva di Progno

Zufälliger Ausschnitt aus den Crowd-Daten aus Selva di Progno

Die Zweisprachigkeit der gelieferten Materialien ist im Übrigen keineswegs überraschend, denn zur Gemeinde gehört die zimbrische Sprachinsel Ljetzan (ita. Giazza). Eine genauere Georeferenzierung auf diese frazione wäre übrigens auch keine Lösung, denn das Zimbrische ist in rapidem Rückgang begriffen, so dass auch im Ortsteil Ljetzan mittlerweile ganz überwiegend  eine romanische Varietät gesprochen wird.

Mit den Geokoordinaten und der Zuweisung einer Sprachfamilie ist eine lokal erhobene sprachliche Einheit hinreichend charakterisiert, um sie eindeutig im Dialektkontinuum zu verankern. Damit die lokalen sprachlichen Einheiten außerdem auch lexikologisch  identifiziert werden, weist VA ihnen (wie eingangs gesagt) einen möglichst weitverbreiteten, im Idealfall standardsprachlichen morpho-lexikalischen Typ zu, wie z.B. im Fall der im Ausschnitt gezeigten Form knest ‘Gehilfe des Hirten’ das deu. Knecht.

Geolinguistische Identifikatoren

Allerdings lassen sich aus der Tatsache, dass diese lokale Form  knest (sowie mehr oder weniger viele andere desselben Ortes auch) sich als Variante eines Typs erweist, für den es auch eine standarddeu. Variante gibt (Knecht) auch nicht im Ansatz Argumente gewinnen, ob man das lokale Zimbrische womöglich als eigenständige Sprache und nicht als Dialekt des Bairischen einstufen sollte.  Diese Frage stellt sich im germanisch- und slawischsprachigen Gebiet der Alpen ohnehin selten, allenfalls noch für das Walserische in manchen italienischen Walsergemeinden sowie für das  Rezijansko in der Val Resia.

Im Hinblick auf die geolinguistische Dokumentation, die in sprachwissenschaftlicher Perspektive unbedingt im Vordergrund stehen muss, ist der Unterschied sekundär und letztlich vollkommen unerheblich, denn jeder Erhebungsort hat potentiell ein mehr oder weniger spezifisches Idiom und alle diese lokalen Idiome sind im Hinblick auf das romanische Kontinuum gleichwertig – vollkommen unabhängig davon, ob ihr gesellschaftlicher Status als ‘Dialekt’ oder ‘Minderheitensprache’ eingestuft wird, oder ob sie in klassifikatorischer Absicht als ‘Kleinsprache’ oder ‘Subdialekt’ eines regional weiterverbreiteten Dialektverbunds eingeschätzt werden. Die romanische Situation muss man im Hinblick auf diese sprachsoziologischen und arealtypologischen Fragen als außerordentlich unübersichtlich bezeichnen. Ganz unterschiedlich motivierte Sprachnamen und klassifikatorische Kategorien werden oft vermischt.

Das Problem muss hier nicht im Detail beschrieben werden; es reicht ein Blick auf das Rätoromanische in der Schweiz.   Mit diesem Ausdruck wird in der Bundesverfassung eine der vier ‘Landessprachen’ bezeichnet. Im Art. 4  heißt es ganz lapidar:

„Die Landessprachen sind Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch.“1 (Bundesverfassung)

Es wird in Art. 70 weiterhin spezifiziert, dass diese Sprache auch ‘Amtssprache’ ist:

„Die Amtssprachen des Bundes sind Deutsch, Französisch und Italienisch. Im Verkehr mit Personen rätoromanischer Sprache ist auch das Rätoromanische Amtssprache des Bundes.“ (Art. 70 Sprachen)

Auch in der Verfassung des Kantons Graubünden ist vom ‘Rätoromanischen’ die Rede: 

„Art. 3 Sprachen
1 Deutsch, Rätoromanisch und Italienisch sind die gleichwertigen Landes- und Amtssprachen des Kantons.
[…]
3 Die Gemeinden bestimmen ihre Amts- und Schulsprachen im Rahmen ihrer Zuständigkeiten und im Zusammenwirken mit dem Kanton. Sie achten dabei auf die herkömmliche sprachliche Zusammensetzung und nehmen Rücksicht auf die angestammten sprachlichen Minderheiten.“ (VerfassungGR)

Dem verfassungsrechtlichen Gebrauch entspricht die Sprachkodierung in ISO 693-3 , denn dort ist ebenfalls für  ‚Rätoromanisch‘ (bzw. eng. Romansh) ein Identifikator vorgesehen, nämlich roh. Diese Kodierung lässt sich zwar als ein verlässliches Normdatum in geolinguistischen Metadatensätzen verwenden; es ist jedoch nicht genau genug, denn ‘das’ Rätoromanische in Graubünden existiert in Gestalt von mindestens 7 Varietäten, von denen 6 auch in der Schriftlichkeit ganz selbstverständlich und mit lang zurückreichender Tradition gebraucht werden.2 Daher sind weitere Sprachcodes erforderlich, die z.B. vom Wikidataprojekt oder vom Glottolog angeboten werden:Ethnologue zu nennen.</span>" rel="footnote">3

Varietäten gemäß Lia Rumantscha Wikidata QID Glottolog Verfassungen CH, GR ISO-693.3
„Standardsprache“ Rumantsch Grischun „Rätoromanisch“ roh
„Schriftidiome“ Puter
Vallader Q690226 Lower Engadine
Surmiran Q690216 Surmiran-Albula
Sursilvan Q688348 Sursilvan
Sursilvan-Oberland
Sutsilvan Q688272 Sutsilvan
geprochener Dialekt Jauer Q690181

Man beachte, dass Wikidata das differenzierteste Angebot an IDs macht. Unabhängig davon, ob sie sich auf Dialekte oder (Klein)Sprachen beziehen, sind diese Codes mindestens dann für die geolinguistische Datenstrukturierung relevant, wenn sie in Referenzwörterbüchern explizit erscheinen, wie zum Beispiel in S, V oder P.

Glottolog identifiziert zwar die „Schriftidiome“, bezeichnet sie jedoch teils (Puter, Vallader) nur mit englischen Termini. Darüber werden die in der Tabelle (Spalte Glottolog) identifizierten Idiome weiterhin auf der spezifischsten Ebene einer zwölfstufigen Hierarchie positioniert, die teils auf rezent geographischen, teils auf genealogischen Kriterien beruht (in Klammern steht die Anzahl der erfassten Sprachen)4:

Taxonomie des Glottolog

1.▼Indo-European (588)
  • Albanian (4)
  • Anatolian (10)
  • Armenic (3)
  • Balto-Slavic (23)
  • Celtic (14)
  • Dacian
  • Germanic (106)
  • Graeco-Phrygian (11)
  • Indo-Iranian (324)
  • 2.▼Italic (86)
    • 3.▼Latino-Faliscan (83)
      • Faliscan
      • 4.▼Latinic (82)
        • Imperial Latin (81)
          • 5.►Latin
          • Romance (80)
            • Eastern Romance (5)
            • 6.▼Italo-Western Romance (70)
              • Italo-Dalmatian (5)
              • 7.▼Western Romance (65)
                • 8.▼Shifted Western Romance (63)
                  • 9.▼Northwestern Shifted Romance (31)
                    • Gallo-Italian (8)
                    • 10.▼Gallo-Rhaetian (23)
                      • Friulian
                      • Ladin
                      • Oil (20)
                      • 11.▼Romansh
                        • Lower Engadine
                        • Rumantsch Grischun
                        • Surmiran-Albula
                        • Sursilvan
                        • Sursilvan-Oberland
                        • Sutsilvan
                        • Upper Engadine

Jede taxonomische Ebene ist durch einen (hier nicht wiedergegebenen) Identifikator ansprechbar, so dass sich natürlich die Frage erhebt, ob diese auf den ersten Blick elaborierte Taxonomie, speziell die sechs romanischen Stufen für die digitale Strukturierung geolinguistischer Kontinua aus der Romania – im Sinne der FAIR-Kriterien F und I (Findable, Interoperable) – einen nützlichen Fortschritt bedeutet. Die Antwort ist ebenso klar wie kurz: nein.

Es fehlt den Kategorien jedenfalls am Ort, wo sie bereitgestellt werden, jegliche Transparenz, da keine Daten hinterlegt sind und keinerlei Kriterien mitgeliefert werden, die sich auf konkrete Daten anwenden ließen; dazu müsste gesagt werden, wo z.B. der Westen („Western Romance“) beginnt, wie eine alternative Trennung in ‚Gallo-Italian‘ und ‚Gallo-Rhaetian‘ abgeleitet wird usw. Von der fehlenden  Operationalisierung dieser klassifikatorischen Kategorien abgesehen muss ganz grundsätzlich bezweifelt werden, ob sich derartige top down formulierte trennscharfe Klassifikatoren überhaupt auf Kontinua anwenden lassen. Der einzig mögliche Weg für eine raumbezogene Klassifikation geht bottom up durch die metrische Bestimmung gemeinsamer bzw. nicht-gemeinsamer Merkmale, also im Sinne einer induktiven, datengetriebenen Dialektometrie, deren Präsentation stets gestattet zu den zugrunde liegenden Daten zurückzugehen und insofern auch reusability verspricht. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass nicht nur die lokalen Idiome, sondern alle relevanten sprachlichen Merkmale mit eindeutigen Identifikatoren versehen werden; Ansätze dazu finden sich bereits im bereits erwähnten Wikidataprojekt in Gestalt von QIDs für grammatische Kategorien und LIDs für lexikalische Typen. Dieser Bestand sollte durch alle geolinguistischen Projekte im Sinne der FAIR-Prinzipien systematisch ausgebaut werden. Angesichts dieser eigentlich fundamentalen Herausforderung ist die skizzierte Taxonomie nicht nur unnütz sondern schädlich.


  1. Französisch: „Les langues nationales sont l’allemand, le français, l’italien et le romanche.“ | Italienisch: „Le lingue nazionali sono il tedesco, il francese, l’italiano e il romancio.“ | Rätoromanisch: „Las linguas naziunalas èn il tudestg, il franzos, il talian ed il rumantsch.“ 

  2. Weitaus schwieriger ist die Frage der Klassifikation im Hinblick auf das Dolomitenladinische, da die Extension dieses Klassifikators außerordentlich umstritten ist. 

  3. Außerdem ist der Ethnologue zu nennen. 

  4. Die Ziffern wurden vom Verf. hinzugefügt. 

Stand der Dinge – 18. Juni 2019 (Zitieren)

Thomas Krefeld
(31 Wörter)

Der ursprünglich unter dieser Adresse präsentierte Text ist nunmehr Teil der Kongressakten des zweiten VerbaAlpina-Arbeitstreffens und kann, minimal modifiziert, unter der Adresse http://www.kit.gwi.uni-muenchen.de/?p=45335 abgerufen werden.

VerbaAlpina – interlinguale Geolinguistik und Digital Humanities (Zitieren)

Thomas Krefeld
(4370 Wörter)

Thomas Krefeld

Dieser Beitrag wurde anlässlich eines Vortrags an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt redigiert; es handelt sich um eine modifizierte und aktualisierte Fassung von Krefeld 2018a;  alles ist vor dem Hintergrund von Stephan Lückes eher informationstechnisch  ausgerichteten Ausführungen zu sehen. Für die Einladung danke ich Luca Melchior.

1. Die Sprachwissenschaft auf dem Weg in die digital humanities

Seit ca. 15 Jahren, d.h. seit der zügigen Durchsetzung interaktiver und kollaborativer Strukturen im Internet Web 2.0 durchlaufen zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen einen Prozess tiefgreifenden Wandels, denn im Gefolge der medialen Revolution haben sich die Rahmenbedingungen der Wissenschaftskommunikation im Web substantiell verändert; symptomatisch ist  die oben auf dieser Seite angebrachte Einladung Schreibe eine Antwort. In den Disziplinen, die sich mit kulturellen Techniken und ihrer geschichtlichen Entwicklung befassen, kann dieser Wandel mit dem Schlagwort der digital humanities identifiziert werden. Es ist dennoch nicht überraschend, dass die Wissenschaftler unterschiedlich auf diese Situation reagieren, nämlich teils mit

  • offensiver Ablehnung (Motto: „Das bedeutet den Ausverkauf der akademischen Fächer“),
  • nonchalanter Indifferenz (Motto: „Der kindische Unfug lässt mich kalt“),
  • konstruktiver Akzeptanz (Motto: „Endlich wird möglich, was ich immer schon wollte“).

Nicht im Sinn eines missionarischen Eifers, sondern aus rein forschungspraktischer Überzeugung sei festgestellt, dass für datenorientierte Disziplinen, wie zum Beispiel für diejenigen Bereiche der Sprachwissenschaft, die sich mit Variation und historischen Prozessen befassen, eigentlich nurmehr die dritte Haltung in Frage kommt. Wenn man die mediale Herausforderung jedoch in diesem Sinn annimmt, ändert sich methodologisch fast Alles.

2. Geolinguistik

Die GeolinguistikBemerkungen  in Krefeld 2017c." rel="footnote">1 ist in geradezu idealer Weise geeignet, um die Notwendigkeit des skizzierten Transfers zu illustrieren. Zunächst ist diese Subdisziplin von Anfang an mit dem Anspruch entstanden, gesprochene Sprache zu dokumentieren; sie stand, mit anderen Worten, zu Beginn nicht in der text- und editionsorientierten Tradition der Philologie (vgl. Krefeld 2007).  Ausserdem entwickelte sich die Geolinguistik vor allem dank der teils monumentalen Sprachatlanten  zu einer Art Korpuslinguistik avant la lettre. Der AISDarstellung des Unternehmens in Krefeld 2017g." rel="footnote">2, den man als den gattungsprägenden romanischen Vertreter der Tradition ansehen darf, versammelt in 1681 Karten, 20 Konjugationstabellen und zahlreichen ergänzenden Listen Belege aus 416 Aufnahmeorten (vgl. die Beschreibung in Krefeld 2017c); das entspricht mindestens einer Million Tokens. Immerhin wurde das gesamte Material 20 Jahre später Jahre durch einen gedruckten Index aufgeschlüsselt (vgl. Jaberg/Jud 1960), der sich selbst als Ein propädeutisches etymologisches Wörterbuch der italienischen Mundarten bezeichnet.3 Auf geradezu selbstverständliche Art wurden daher Autoren von Sprachatlanten zu Pionieren der sprachwissenschaftlichen Digitalisierung (vgl. dazu Hans Goebls Bemerkungen in Goebl 2018). Insgesamt ist der Alpenraum recht gut durch Sprachatlanten erschlossen, wie eine Karte aller Informanten im Überblick zeigt. 

Das zweite Forschungsinstrument der traditionellen Geolinguistik, das in repräsentativen Fällen ebenfalls monumentale Ausmaße annimmt,  ist das Wörterbuch; seine herausragenden Vertreter operieren ebenfalls in der Logik von Atlanten, d.h. auf der Basis eines mehr oder weniger engmaschigen Netzes von Aufnahmeorten. So sind u.a. die exhaustiv intendierten Lexika der Schweizer Landessprachen (vgl. DRG, GPSRIdiotikonVSI) und das Wörterbuch der bairischen Mundarten in Oesterreich WBOE angelegt (vgl. die Kartierung der Ortsnetze dieser alpinen Dialektwörterbücher in der Darstellung durch VerbaAlpina). Vor dem Hintergrund der digital humanities erscheint es nun nicht nur realistisch sondern geradezu geboten, diese unterschiedlichen Datenquellen zusammenzuführen und in ein Gesamtkorpus zu verwandeln. Diesen Versuch unternimmt in onomasiologisch definierten Ausschnitten des Wortschatzes das Projekt VerbaAlpina, das als virtuelle, webbasierte Forschungsumgebung beschrieben werden kann.

3. VerbaAlpina als Beispiel einer Forschungsumgebung

Genauer gesagt ist die Korpuserstellung Gegenstand eines als ‘Dokumentation’ bezeichneteten Funktionsbereichs, der in enger Verflechtung mit vier anderen Funktionalitäten zu sehen ist:

  • Dokumentation,
  • Publikation,
  • Kooperation,
  • Datenerhebung durch Crowdsourcing,
  • Forschungslaboratorium.

Alle genannten Bereiche sollen im Folgenden projektbezogen konkretisiert werden. Zum Verständnis ist jedoch vorab eine Skizze des erforschten Raums erforderlich.

3.1. Das Untersuchungsgebiet

Das Projekt VerbaAlpina, das der Verfasser dieses Beitrags gemeinsam mit Stephan Lücke von der ITG der LMU leitet, wird seit 2014 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Gegenstand ist die Mehrsprachigkeit des AlpenraumsAlpenkonvention abgegrenzt." rel="footnote">4, in dem sich die drei großen europäischen Sprachfamilien, Germanisch, Romanisch und Slawisch getroffen haben und seit ca. 1500 Jahren neben-, mit- und unter Umständen auch gegeneinander existieren (vgl. Karte).

Die Sprachverhältnisse sind erheblich komplizierter als die Rede von den drei ‚Familien‘ sowie die suggestive Flächigkeit ihrer kartographischen Darstellung andeutet, denn dazu gehören im Romanischen eine ganze Reihe von staatlich implementierten Sprachen mit jeweils sehr verschiedenen Dialekten; im Germanischen und Slawischen gibt es zwar jeweils nur eine Sprache (Deutsch und Slowenisch); beide sind jedoch ebenfalls durch ganz unterschiedliche, lokale Dialekte, genauer gesagt: durch Dialektkontinuadiesem Konzept aus romanistischer Sicht." rel="footnote">5 vertreten.

Es ist im Hinblick auf das zugrunde liegende Verständnis des sprachlichen Raums wichtig, darauf hinzuweisen, dass ausschließlich georeferenzierbare Daten berücksichtigt werden; Bezugsgröße für die empirischen Belege ist in Regel die politische Gemeinde, gelegentlich ist es sinnvoll oder erforderlich auf kleinere Einheiten zu referenzieren6, niemals jedoch auf größere Gebiete. Die Dokumentation zielt nicht auf vermeintliche Dialekträume (Puter |  Lombardisch | Venezianisch | Ladinisch etc.) und ihre mutmaßlichen Grenzen; vielmehr werden bottom up Verbreitungsgebiete lokal belegter Varianten abgebildet, die nicht selten über die Grenzen der Sprachen und Sprachfamilien hinausreichen. In diesem Sinn steht der Projektname VerbaAlpina in der Tradition des Konzepts der Alpenwörter (vgl. die klassischen Arbeiten von Jud 1911aJud 1911b, Jud 1924, Stampa 1937, Hubschmid 1950 und Hubschmid 1951). In synchroner Perspektive lässt sich die Vorgehensweise als eine übereinzelsprachliche oder interlinguale Geolinguistik fassen.

In diachroner Perspektive setzen Alpenwörter, die per definitionem in mehr als einer Sprachfamilie verbreitet sind, notwendigerweise Entlehnungsprozesse voraus. Der Entlehnungsweg ist dabei keineswegs immer eindeutig; er kann auch indirekt sein, etwa wenn ein ursprünglich lat.-romanischer Typ nicht direkt ins Slowenische gelangt ist, sondern den Umweg über das Deutsche genommen hat. Es ist daher Aufgabe der Wortgeschichte, die Entlehnungswege in der sprachlichen Stratigraphie des Alpenraums zu verorten, die sich so schematisieren lässt: Konstitutiv sind die Romanisierung des gesamten Gebiets (seit 15 vor Chr.) und seine nachfolgende teilweise Germanisierung und Slawisierung. Damit ist zwar stets eine  eine areale Verdrängung der jeweils früheren Sprachen verbunden, insofern das Lateinisch-Romanische  die vorrömischen Sprachen verdrängt und  seinerseits in manchen Gebieten durch das Germanische und Slawische verdrängt wird. Aber der Verdrängung geht eine mehr oder weniger lang andauernde lokale Zweisprachigkeit voraus (in der Graphik durch die Punkte symbolisiert), die sich in Entlehnungen aus den verdrängten in die verdrängenden Sprachen niederschlägt, so dass sich die erwähnten sprachgrenzüberschreitenden Verbreitungsgebiete ergeben.

AKTUELLE ALPINE
SPRACHAREALE
romanisches
STRATUM
germanisches
STRATUM
slaw.
STRATUM  ●●●
●●● deu. SUPERSTRAT ●●●
●●● ●●● SUBSTR. ●●●
germ. SUPERSTRAT ●●● SUBSTRAT
SPÄTANTIKE
SPRACHAREALE
 Lat.-romanisches STRATUM ●●●
vorrömische SUBSTRATE 
rot=vorrömisch, grau=lat.-romanisch, blau=germanisch, gelb=slawisch
Sprachliche Stratigraphie des Alpenraums

Ausgehend von den Sprachfamilien lassen sich die direkten Kontaktszenarien wie folgt typisieren:

Alpenwörter: diachrone Typologie der Stratigraphie
Herkunft des Basistyps stratigraphischer Bezug aktuelle Sprachfamile
vorrömisch – Substrat – → romanisch
romanisch – Substrat, Adstrat – → germanisch
→ slawisch
germanisch – Superstrat, Adstrat – → romanisch
→ slawisch
slawisch – Adstrat – → romanisch
– Substrat, Adstrat – → germanisch

Exemplarische wortgeschichtliche Beispiele aus unterschiedlichen Konstellationen finden sich hier.

Es ist nun aber von vornherein klar, dass die Dokumentation eines so komplexen Sprachraums mit der skizzierten historischen Tiefe durch das Medium des gedruckten Buchs kaum, wenn überhaupt, zu leisten ist. Ein Zugriff im Sinne der digital humanities drängt sich deshalb schon rein sachlich auf.7

3.2. Funktionsbereich Dokumentation

Die Dokumentation erfasst unabhängig von der Quellengattung und ganz im Sinne der klassischen Dialektologie, ausschließlich georeferenzierbares oder bereits georeferenziertes Material; es werden also Atlas– und (wenngleich weniger) Wörterbuchdaten aufgenommen. Einen maximalen Überblick über die einschlägigen Erhebungsorte (Stand 2018) zeigt diese Karte. Praktisch alle Belege sind über das Erhebungsdatum im Übrigen auch chronoreferenziert8; allerdings ist die Chronoreferenzierung derzeit (März 2019) noch nicht interaktiv implementiert.

Eine weitere, informationstechnisch grundlegende Bedingung des Transfers ist die Strukturierung der Daten. Materialien aus älteren Quellen werden in der Regel erst von VA im Zuge der Retrodigitalisierung, also mit  ihrer Umwandlung in Daten,  strukturiert; strenggenommen wird Retrodigitalisierung überhaupt erst dann wirklich sinnvoll, da sie nur so eine digitale Nachnutzung analogen Materials  gestattet.

Die grundlegende Herausforderung besteht darin die unterschiedlichen semiotischen Dimensionen der Quellen zu sezieren. Das ist insbesondere im Fall der Sprachatlanten nicht immer leicht, denn eine analoge Karte, wie z.B. AIS 1192a LA CASCINA DI MONTAGNA, informiert über Sprache, außersprachliche Konzepte/Kategorien und singuläre Dinge, ohne dass der Status einer Information immer ganz eindeutig wäre. So finden sich in VA (Stand vom 1.4.2019) 1270 dialektale Bezeichnungen (Tokens) des Konzepts ALMHÜTTE; sehr häufig wird die Art des Gebäudes spezifiziert, so dass etliche Unterkonzepte unterschieden werden müssen. Beispielsweise haben die Informanten des VALTS in drei Orten darauf hingewiesen, dass die Bezeichnungen des Typs Tieje/Teie(n) eine PRIMITIVE SENNHÜTTE AUF MAIENSÄSSEN bezeichnen. In anderen Orten steht derselbe Typ für andere Unterkonzepte bzw. für das taxonomisch übergeordnete, alllgemeine Konzept HÜTTE. Ob sich die Spezifizierungen jedoch wirklich auf die Wortsemantik, bzw. eine feste konzeptuelle Kategorie oder womöglich auf die Qualität eines bestimmten Referenten bezieht, die der individuelle Informant mit dem Wort assoziiert, ist unklar. Das Problem wird ganz evident, wenn singuläre außersprachliche Realitäten detailliert abgebildet werden, wie im Fall der folgenden Grundrisse einer Sennhütte aus dem engadinischen Zernez (AIS, P 19):

AIS 1192a

Handelt es sich hier um einen weit verbreiteten Bautyp im Sinne einer außersprachlichen Kategorie oder um einen idiosynkratischen Fall?

Schließlich liefern manche Quellen auch Informationen über ihre Informanten. Grundsätzlich sind bestimmte Charakteristika für die richtige Beurteilung der sprachlichen Belege wichtig; dazu zählen vor allem die Sprachkompetenz (Standard, evtuelle Kontaktsprachen), das Alter und das Mobilitätsprofil (vgl. die Fallbeispiele in Krefeld 2018). Auch in dieser Hinsicht war bereits der AIS wegweisend, denn er teilt in den Aufnahmeprotokollen relevante biographische Daten mit, allerdings ohne sie bei der Kartierung zu berücksichtigen9. Obwohl die Sprachkompetenz des Sprechers also zu den Dimensionen möglicher Variation gerechnet werden muss, wurde in der interaktiven Karte von VerbaAlpina auf die Einrichtung eines entsprechenden Filters verzichtet, denn die meisten Quellen geben keine diesbezüglichen Informationen.

Strukturierung ist Voraussetzung für die Erstellung eines Korpus im Sinne der zeitgenössischen Linguistik; sie erlaubt auch die Entwicklung einer interaktiven Oberfläche mit sehr benutzerfreundlichen Suchfiltern, wie in Gestalt der interaktiven Karte . Ein wichtiger Schritt der Dokumentation besteht in der Vereinheitlichung der Transkription; die unterschiedlichen Systeme der Quellen werden allesamt durch einen eigens definierten Betacode  in den international weit verbreiteten Standard IPA übersetzt (vgl. die vollständige Übersicht). Die Konversion der Transkription impliziert keinen Informationsverlust, denn auch die Originaltranskription (=“DST QUELLE …“) wird sichtbar, sobald man mit dem Mauspfeil auf den ‚Einzelbeleg‘ oben links im Belegfenster fährt. Das zeigt der folgende Screenshot:

VA-Transkription in IPA und Sichtbarkeit des Originals

Wenn möglich werden alle dialektalen Sprachbelege als Varianten weiter verbreiteter Typen identifiziert und auf große Referenzwörterbücher bezogen (hier L = LSI und H = HdR). Schwieriger ist die Verknüpfung der KONZEPTE mit einem allgemein  etablierten, außersprachlichen Referenzsystem; de facto ist  etwas Derartiges mit dem umfassenden, kontinuierlich wachsenden Wikidata-Projekt entstanden. Dort wird die gemeinsame außersprachliche Referenz der verschiedenen, oft sehr zahlreichen einzelsprachlichen Wikipedia mit einer Identifikation (ID) versehen; sie kann aus jedem Wikipedia-Eintrag über die Funktion Wikidata-Datenobjekt aufgerufen werden. Dieser Dienst beinhaltet auch bereits seit langem übliche Taxonomien, wie etwa im Bereich der Flora die auf Carl von Linné zurückgehende Nomenklatur. So kann das Konzept BUTTER , das in 134 verschiedenen Sprachversionen der Wikipedia behandelt wird über die ID Q34172 identifiziert werden.

Qualitative und quantitative Kartierung

Grundsätzlich lassen sich strukturierte Daten sowohl qualitativ als auch quantitativ (oder: metrisch) erschließen. Hier stellen sich aus geolinguistischer Sicht sehr unterschiedliche Fragen, die sowohl die statistische Modellierung als auch die Visualisierung betreffen. Eine dialektometrische Funktion zur Bestimmung der relativen Ähnlichkeit wurde bislang noch nicht entwickelt; sie wäre vor allem für die Verbreitung von Basistypen über die Grenzen der  Sprachfamilien hinaus sehr aufschlussreich. Elementare Bezugseinheit der Georeferenzierung ist für VerbaAlpina die politische Gemeinde. Eine flächige Visualisierung auf dieser Basis von 6990 Einheiten ist jedoch nicht in jeder Hinsicht ideal, denn die Unterschiede hinsichtlich ihrer Fläche wie ihrer Bevölkerung können zu manchen Verzerrungen führen (vgl. diese Bemerkungen). Darüberhinaus kann es gelegentlich, z.B. bei der Berücksichtigung von Toponymen, wichtig werden, präziser zu georeferenzieren oder aber die Gemeinden zu größeren Einheiten zu clustern; dazu bieten sich die von der Europäischen Gemeinschaft konzipierten NUTS-3-Regionen oder gar die alpinen Sprachgebiete als ganze an; illustrativ ist die Darstellung der lateinischen Inschriften im Bezug auf NUTS-3 einerseits und die Sprachgebiete andererseits.

Von autonomen Gattungen zu verschränkten Funktionen

Ein großer Vorteil virtueller Dokumentation besteht in der Überwindung der traditionellen Gattungen, die sich im Universum der gedruckten Veröffentlichungen etabliert haben. Sprachwissenschaftlich relevante, publikationstechnisch oft eigenständige Gattungen sind zum Beispiel die Abhandlung, das Textkorpus oder die bereits genannten Sprachatlanten und Wörterbücher. Jede Gattung erfüllt einen bestimmten Zweck, der auf keinen Fall aufgegeben werden sollte. Jedoch werden diese Zwecke aus ihrer Isolierung befreit und in untereinander verknüpfte Funktionen verwandelt, so dass es möglich ist ohne weiteres zwischen ihnen hin und her zu wechseln.

Einen unmittelbaren Zugang zum dokumentierten Materials bietet der Reiter ‚Interaktive Karte‘ auf der Homeseite. Er führt zu einer kartographischen Präsentation, die über mehrere Filter gesteuert wird. Der Filter KONZEPTE erschließt sämtliche Sachen und Vorgänge, deren Bezeichnungen erfasst sind (vgl. die Hinweise zur Notation), so zum Beispiel BUTTER. Die hier zahlreich belegten Bezeichnungstypen können ebenfalls als einzelne herausgefiltert werden; falls ein Typ noch andere Konzepte bezeichnet, tauchen diese ebenfalls auf der Karte auf, wenn sie zu den relevanten Konzepten von VA gehören.  So wird die BUTTER mit Ausdrücken bezeichnet, die auf lateinisch flōrem (Akk. zu flōs), eigentlich ‚Blume‘, zurückgehen und dem fra. fleur bzw. dem ita. fiore entsprechen. Dieser Typ bezeichnet aber außer BUTTER noch RAHM und anderes mehr (vgl. diese Karte).

Weiterhin ist es möglich von der  Karte aus direkt zu den eventuell zugehörigen lexikologischen Kommentar zu gelangen; die Verfügbarkeit wird in der Legende durch einen Button mit dem Buchstaben ‚i‘ angezeigt. Ein solcher Button findet sich in diesem Fall u.a. in der ersten Zeile der Legende hinter  ‚Konzept BUTTER‘; er gibt enzyklopädische Informationen zur Geschichte des Produkts.  In der entgegengesetzten Verweisrichtung ist es möglich den Reiter ‚Lexicon Alpinum‘ zu konsultieren; dort findet sich derselbe Kommentar zum Konzept Butter, der  über die Funktion ‚Auf Karte visualisieren‘ zur genannten Karte leitet  – ‚Atlas‘ und ‚Wörterbuch‘ haben sich also in  systematisch verschränkte Funktionen ein und derselben Forschungsumgebung verwandelt.

Von der Philologie zu den Humanities

Zur historischen Profilierung von Sprachräumen ist es sinnvoll die Verbreitungsareale dialektaler Formen mit anderen  georeferenzierbaren Informationen zu kombinieren. Im Hinblick auf die Romanisierung des Alpenraums im Gefolge der römischen Eroberung sind vor allem antike Quellen von Bedeutung.; aus diesem Grund wurden auch die gesicherten Inschriften und römerzeitlichen Ortsnamen aufgenommen (vgl. die Karte CIL und Tabula Peutingeriana sowie die Hinweise zu den historischen Daten); vor diesem Hintergrund ist es interessant zu sehen, dass sich oft alte Bedeutungen aus der Antike bis heute gerade da erhalten haben, wo auch bereits römische Inschriften und antike Ortsnamen bezeugt sind. Ein sehr schönes Beispiel liefert der auf den ersten Blick ganz unauffällige Worttyp Keller < lat. cellarium . Er bezeichnet im Gegensatz zum Hochdeutschen im deutschsprachigen Alpenraum in der Regel keineswegs einen RAUM UNTER DEM ERDGESCHOSS, sondern – wie das Grundwort lat. cella – den VORRATS- bzw. LAGERRAUM. Hier liegt es im Hinblick auf die römerzeitlichen Zeugnisse im dialektalen Verbreitungsgebiet  an Konservation der lateinischen Bedeutung zu denken und nicht an sekundäre Rückentwicklung zur alten Bedeutung; besonders prägnant sind die drei steirischen Belege von Keller in der Bedeutung ‚Almhütte’.

3.3. Funktionsbereich Kooperation

Im Sinn der digital humanities hat VerbaAlpina ein dichtes Netz von Partnern geknüpft. Darunter sind manche – und an allererster Stelle sind ALD-I und ALD-II zu nennen –, die bereits eindeutig strukturiertes Material zur Verfügung stellen, das von VA über eine Datenschnittstelle integriert werden kann; bisweilen, wie im Fall des WBOE liegen auch rudimentäre und inkonsistente Strukturen vor, die nur mit großem Aufwand konvertiert werden können. Jedenfalls lassen sich die Partnerdaten in Verbindung mit den durch Retrodigitialisierung gewonnenen Daten zu einem umfassenden und mehrsprachigen Dialektmosaik des ganzen Alpenbogens zusammengefügen, wie die maximalistische Übersicht der prinzipiell verfügbaren VA-Informanten zeigt. Man beachte, dass die Berücksichtigung des WBOE mindestens theoretisch eine umfangreich Atlaslücke in den österreichischen Ostalpen schliesst (vgl. VA-Informanten ohne Berücksichtigung des WBOE.

Wirklich unvereinbar mit dem erstrebenswerten kollaborativen Aufbau umfassender und gut nachnutzbarer Datenbestände ist die Verwendung kommerzieller und privatwirtschaftlicher Dienste, auch , oder besser: gerade dann, wenn sie  das Etikett open access sozusagen im Stil einer feindlichen Übernahme für sich reklamieren, wie es die zunehmend monopolistisch auftretenden Verlage praktizieren (vgl. dieses Beispiel).

3.4. Funktionsbereich Datenerhebung

Crowdsourcing als Technik der Datenerhebung ist eine Option, die sich webbasierter Forschung  grundsätzlich bietet; selbstverständlich taugt das Verfahren nicht für Daten, die Expertenwissen erfordern; so kann ein Sprecher zwar Ausdrücke und Konstruktionen in geschriebener und mündlicher Realisierung liefern, jedoch keine Transkription, die den Ansprüchen der Phonetik genügt. Sehr wohl ist ein Sprecher jedoch im Stande, markante lautliche Besonderheiten (z.B. Diphthongierungen, Palatalisierungen) zu unterscheiden. Im Rahmen von VerbaAlpina wurde ein Crowdsourcing-Tool designt, mit dem interessierte Nutzer für alle politischen Gemeinden des Alpenraums (im Sinn der Alpenkonvention) Bezeichnungen der von uns vorgegebenen Konzepte schriftlich eingeben oder darüber hinaus auch neue Konzepte hinzufügen. Bislang sind seit dem 10.2.2017 immerhin 11534 (Stand vom 1. April 2019) Belege erhoben worden. Es wird erwogen, unter Umständen auch mit der Erhebung gesprochener Audiodaten zu beginnen; die technischen Probleme sind grundsätzlich gelöst.

Das grundlegende Problem beim Einsatz von Crowdsourcing liegt jedoch darin, dass es sich um eine mediales Verfahren handelt, das auf eine hinreichende Sichtbarkeit und Bereitwilligkeit der Mediennutzer angewiesen ist. Es muss – mit anderen Worten – für hinreichende Publizität gesorgt werden. In aller Regel sind Projekte aus den humanities keine Selbstläufer und können daher Unterstützung durch Öffentlichkeitsarbeit einschließlich nicht digitaler Medien gebrauchen. Pressemitteilungen bilden sich im positiven Fall direkt in der Nutzeraktivität ab, wie drei punktuelle Einblicke in die Statistik des VerbaAlpina-Crowdsourcings zeigen:

Öffentlichkeitsarbeit und Echo im Crowdsourcing: A – kein eindeutiges Echo: Vortrag vor Almbauern  |  B – schwaches Echo: Bericht in einer Schweizer Lokalzeitung | C – starkes Echo: Homepage des Bayerischen Rundfunks (BR 2)

Aber es scheint sehr problematisch, wenn nicht unmöglich Nutzerinteresse zu prognostizieren. Sehr schwer einzuschätzen ist insbesondere die Gewichtung des individuellen Sachinteresses auf Seiten des Nutzers und sowie der Attraktivität des Web-Auftritts. Womöglich besteht auch ein Zusammenhang beider Parameter, insofern fehlendes Sachinteresse eventuell durch eine unterhaltsame, z.B. als Spiel gestaltete Oberfläche (‚gamification‘) kompensiert werden kann. Crowdsourcing-Funktion  zu erwähnen; diese Zurückhaltung ist eine Reaktion auf die schwache Resonanz, die das dezidiert spielerisch ausgerichtete Projekt ]Metropolitalia gefunden hat." rel="footnote">10 Es kann jedoch auch nicht übersehen werden, dass es durchaus sehr erfolgreiche CS-Kampagnen gibt, in denen der zweite Parameter keine und der erste bestenfalls eine unklare Rolle spielt (vgl. die Übersicht der Zooniverse-Projekte).

3.5. Funktionsbereich Forschungslabor

Forschungsumgebungen im Rahmen der Digital Humanities sind in der Lage eine Option anzubieten, für die es in der Welt, die ausschließlich auf den Druck ‘fertiger’ Ergebnisse zielt, keine Entsprechung geben kann. Gemeint ist die Einrichtung eines mehr oder weniger offenen digitalen ‘Raums’, in dem registrierte Partner, Nutzer und/oder Interessenten überhaupt die Möglichkeit haben, sich mit den Inhalten und dem Quellcode des Projekts zu befassen. Diese Auseinandersetzung kann analytisch erfolgen, aber auch in Vorschlägen, das Vorhandene um Inhalt und/oder Code zu erweitern. Dazu müssen Upload-, Download- und Kommentar- bzw. Chatfunktionen eingerichtet werden. Dieser Funktionsbereich, für den sich die Bezeichnung ‘Labor’ anbietet, wurde in VerbaAlpina bislang noch nicht ausgebaut; immerhin haben registrierte Nutzer auf der ‘Interaktiven Karte’ schon die Möglichkeit, beliebige Daten, die über die Filter angezeigt werden können, gemeinsam aufzurufen und in Gestalt sogenannter  ‘Synoptischer Karten’ zu fixieren und zu kommentieren. Das jeweils Erzeugte kann über einen Share-Button weitergeleitet werden, so dass Interessentengruppen gebildet werden können.

3.6. Funktionsbereich Publikation

Eine probate Strategie zur Durchsetzung kollaborativer Forschungsumgebungen ist der parallele Aufbau von Publikationsplattformen, die denselben Anforderungen  entsprechen, an denen auch gedruckte Veröffentlichungen gemessen werden: dauerhafte Zitierfähigkeit und Recherchierbarkeit. Verlässlich zitierfähig in lwissenschaftlichem Kontex sind nur stabile Text. Für VerbaAlpina wurde eine technische  Versionierung entwickelt, die in ähnlicher Weise auch in anderen Münchner Plattformen verwandt wird. Sie beruht im Wesentlichen darauf, dass die jeweilige Version in der URL des Textes spezifiziert wird. Jede Änderung des Textes setzt die Erzeugung einer neuen Version voraus, die jedoch die vorhergehende nicht ersetzt, sondern ergänzt. Die älteren Versionen bleiben erhalten, so dass ihre eventuellen Zitate durch neuere Versionen nicht gefährdet werden. Für den oben erwähnten Kommentar zum Konzept BUTTER wird die folgende Zitierweise empfohlen, in der die Version 17/2 in der URL in Gestalt der Ziffer 172 repräsentiert wird:

  • Krefeld, T.: s.v. “BUTTER”, in: VA-de 17/2, Lexicon alpinum, https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=2374&db=172#C156

Diese Zitierbarkeit wurde in den Portalen KiT und DH–Lehre entwickelt. Um in längeren versionierten Texten gezielt auf einen bestimmten Abschnitt referenzieren zu können, wurde die Textformatierung so eingestellt, dass alle Absatzes fortlaufend nummeriert werden und die jeweilige Nummer durch Klicken der URL hinzugefuegt wird. Die folgende URL:

verweist also auf den 8. Absatz eines Beitrags von Hans Goebl in der ersten Version des Sammelbandes Berichte aus der digitalen Geolinguistik : Thomas Krefeld | Stephan Lücke (2018): Berichte aus der digitalen Geolinguistik. Korpus im Text. Version 1 (12.05.2018, 10:20). url: http://www.kit.gwi.uni-muenchen.de/?p=4498&v=1]].

Die Recherchierbarkeit des Projekts VerbaAlpina als ganzem ist nicht nur in den Suchmaschinen, sondern auch im Verbundkatalog der öffentlichen bayerischen Bibliotheken (OPAC) gewährleistet; es wurde durch die UB der LMU mit einem Digital Object Identifier (doi:10.5282/verba-alpina) versehen, über das es auch jenseits der Kataloge und herkömmlichen Suchmaschinen auffindbar ist (vgl. DOI). Darüber hinaus wurde auf dem Server der Deutschen Nationalbibliothek ein sogenannter Uniform Resource Name (URN) hinterlegt, der Ähnliches wie die DOI leistet (vgl. [[Lücke 2017|https://www.verba-alpina.gwi.uni-


  1. Vgl. zur Bezeichnung die Bemerkungen  in Krefeld 2017c

  2. vgl. die Darstellung des Unternehmens in Krefeld 2017g

  3. Dieser Ausdruck ist insofern gerechtfertigt, als ein sehr großer Teil der im Atlas veröffentlichten Formen typisiert wird, allerdings ohne diesen Typen ein konkretes Etymon zuzuweisen. Diese Verknüpfung interaktiv zu realisieren wäre eine sehr schöne Unternehmung der Digital Romance Humanities

  4. Das Gebiet wird aus rein pragmatischen Gründen über die Zugehörigkeit der politischen Gemeinden zur Interessenvereinigung der Alpenkonvention abgegrenzt. 

  5. Vgl. zu diesem Konzept aus romanistischer Sicht

  6. Das ist zum Beispiel immer dann agebracht, wenn Quellen sich auf  Gemeinden beziehen, die im Zuge von administrativen Neuordnungen mit anderen Gemeinden zusammengelegt wurden. 

  7. Aus kommunikationsräumlicher Perspektive fallen jedem Romanisten sofort zahlreiche andere faszinierende Konstellationen eine: die Romania Thyrrenica (Korsica, Elba, Sardinien, die Balearen mit den jeweils nächstgelegenenen kontinentalen Küstenstreifen), die Sprachgebiete beiderseits der Adria, das Verbreitungsgebiet der Aromunen, Meglenorumänen und Rumänen; die Gegenden Afrikas, wo auch romanische Sprachen gesprochen; der Indische Ozean, Amerika usw.). Unser aller indivuiduelle Interessenthorizonte stoßen ja ständig an die Grenzen unserer individuellen Sprachkompetenzen, so dass nur aus der Kollaboration sinnvolle und notwendige Großprojekte entstehen können. 

  8. Darüber hinaus müsste auch das Alter in die Chronoreferenzierung eingehen; im VerbaAlpina-Gebiet lagen im Fall des AIS mehr als 60 Jahre Altersunterschied zwischen den Informanten; die Sprecherin aus Lanzada (AIS 216)  war bei der Erhebung, 1921, erst 22 Jahre alt, der Sprecher aus Surrhein (AIS 11) dagegen im Jahre 1920 bereits 84; vgl. Jaberg/Jud 1928, 40, 63. 

  9. Vgl. zur Informantenmobilität Krefeld 2002 und zum Problem der nicht alphabetisierten Informanten Krefeld 2007b und Krefeld 2007c

  10. Diese Komponente tritt im Projekt VerbaAlpina fast vollkommen zurück; allenfalls ist die Nennung der aktivsten (registrierten) User, Gemeinden und der beliebtesten Begriffe in der Crowdsourcing-Funktion  zu erwähnen; diese Zurückhaltung ist eine Reaktion auf die schwache Resonanz, die das dezidiert spielerisch ausgerichtete Projekt ]Metropolitalia gefunden hat.