Archiv des Autors: Thomas Krefeld

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Mit Sklaven, Göttern, Munterkeit – Wie man sich (auf Italienisch) so verabschieden kann (Zitieren)

Thomas Krefeld
(1909 Wörter)

1. Sozialisation und Interesse

(Textquelle <F.W. Bernstein, Hintergrundbild)

Meine größte Kritikerin ist meine Frau Nora, denn sie hat auch Romanistik und Germanistik studiert und weiß, wovon sie spricht. Ihre Fundamentalkritik lautet: Ihr macht doch immer nur Dasselbe. In meinem Fall ist damit speziell die Dialektologie gemeint, die mich in der Tat seit je sehr stark interessiert hat. Aber die ganze Wahrheit ist es auch nicht, da ich dreimal wissenschaftlich sozialisiert worden bin:

  1. während des Studium und bis zur Promotion in Freiburg;
  2. während der Lehre und bis zur Habilitation in Mainz;
  3. durch Projektkooperation und bis heute hier in München.

Ich bin also von der Johannes Gutenberg-Universität  zur Universität München gewechselt, die zwar nicht Tim Berners-Lee-Universität heißt, die aber im Hinblick auf die Entwicklung, die ich hier genommen habe, eigentlich genauso heißen sollte. Denn inzwischen bin ich davon überzeugt, dass für die Publikation und Analyse des Wissens das Internet genutzt werden sollte – und nicht mehr Gutenbergs Druck papierener Bücher.

Vor diesem Hintergrund hat sich jedoch die Art und Weise, wie man sich mit Dialekten und empirischen sprachlichen Daten überhaupt befassen muss, grundsätzlich und wirklich radikal geändert.  Die Sprachwissenschaften bewegen sich in die Digital Humanities, und genau dort sind wird mit unseren Münchner Projekten seit wenigen Jahren angekommen.  Was das bedeutet zeigt sich im Folgenden, ohne dass ich dabei ins Detail zu gehen brauche. Ich kann mich – mit anderen Worten – hier und heute entspannt  aus der Lehre verabschieden.

2. Abschiedsgrüße aus der italienischen und rätoromanischen Dialektlandschaft1

Eine bedeutende und alles andere als vollständig ausgewertete Quelle der traditionellen Dialektforschung sind die so genannten Sprachatlanten; der Prototyp, der Sprach- und Sachatlas Italiens (AIS) ist dem Italienischen und Rätoromanischen gewidmet. Er umfasst ## Karten, die überwiegend dem Wortschatz und mit den grammatischen Formen (der Morphologie) gewidmet sind. Einzelne dokumentieren aber auch ritualisierten Verwendungen aus dem Bereich der Pragmatik, wie zum Beispiel den GRUSS (AIS 738 BUON GIORNO!) und insbesondere den ABSCHIEDSGRUSS (AIS 739 ADDIO!). Zwischen beiden besteht in mehrfacher Hinsicht eine deutliche Asymmetrie, wie bereits aus der Legende zu AIS 738 hervorgeht: Pragmatisch gesehen wird der GRUSS keineswegs überall explizit formuliert und darüber hinaus finden sich viel weniger Varianten in der Formulierung; die Asymmetrie wurde den Autoren des Atlas offensichtlich erst zu der Erhebung bewusst.

AIS 738, Legende

Hier beschäftigt uns jedoch der deutlich interessantere ABSCHIEDSGRUSS. Auf der eigentlichen Karte sieht man das Netz der Erhebungsorte (rote Ziffern) und daneben den jeweils erhobenen Sprachbeleg.

AIS 739 ADDIO! – nordwestlicher Ausschnitt

Diese alten Daten sind in eine Datenbank überführt worden und können durch neue Daten ergänzt, weitergehend analysiert und erschlossen werden. Nach der Digitalisierung, die im Fall dieser Art von Sprachkarten weitestgehend manuell erfolgen muss, präsentiert sich etwa der nordwestliche Ausschnitte aus AIS 739 nun so, dass die Verbreitung zusammengehöriger Form vom Nutzer schnell erfasst werden kann:

AIS 739 ADDIO! – nordwestlicher Ausschnitt in der interaktiven Version von VerbaAlpina (interaktives Original

Es ist damit zu rechnen, dass zwischen den unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten semantische Unterschiede bestehen; sie wurden jedoch nicht systematisch abgefragt und nur gelegentlich spontan von den Informant:innen geäußert, allerdings nicht im hier untersuchten Alpengebiet (vgl. die Legende zur Karte). Parameter zur eventuellen Differenzierung sind:
  • die Vertrautheit der Person, von der man sich verabschiedet; #Zitat#
  • das Alter der Person, die sich verabschiedet; #Zitat#
  • der soziale Status der implizierten Personen; #Zitat#
  • die (In)Formalität der Situation. #Zitat#

2.1. Verbreitung

Die dokumentierten Typen sind in ganz unterschiedliche Ausdehnung verbreitet; manche finden sich grosso modo im gesamten Gebiet (so vor allem addio, ciao, salutare), andere sind dagegen nur kleinräumig anzutreffen (so raccomandare, sani, tanquier, vossignoria u.a.). Die Verbreitung soll jedoch hier nicht weiter kommentiert werden. Wir wollen uns vielmehr auf die Motivation der Formeln konzentrieren.

2.2. Motivation

Die dokumentierten Grußformeln haben zwar alle die Funktion den Abschied auszudrücken, aber viele von ihnen übermitteln zudem andere Informationen, meistens gute Wünschen, die man der Person, von der man sich verabschiedet, mit auf den Weg gibt; oder aber Ergebenheits- und Unterwerfungserklärungen. In historischer Perspektive lassen sich drei Gruppen unterscheiden.

(1) Eine erste Klasse ist aus der christlichen Tradition des Untersuchungsraums hervorgegangen; in diesen Abschiedsgrüßen wird die verabschiedete Person Gottes Schutz anempfohlen. Zu dieser Gruppe gehört der auf der Karte am stärksten belegte Typ adieu / addio. Der DELI, 19 weist darauf hin, dass es sich um eine Verkürzung des Ausdrucks (vi raccomando / vi affido) a Dio 'ich empfehle Euch / ich vertraue Euch Gott an' handelt. Eine alternative Kürzung um den zweiten Teil könnte im friaulischen Abschiedsgruß mandi aus (vi) raccomando (a Dio) vorliegen, denn im Friaulischen endet die erste Person auf -i. Auch das bündnerromanische Verb pertgirar 'behüten, beschützen' ist der ähnlichen Verbindung 'behüte Dich Gott!' belegt. Semantisch genauso motiviert ist ferner der nur in zwei Orten Graubündens belegte Typ piatigot, in dem jemand aus Bayern oder Österreich leicht das bairisch pfüati ('behüte Dich Gott!') wiedererkennt. Es handelt sich in Graubünden jedoch um eine Entlehnung ins Romanische; überhaupt darf man sagen, dass Abschiedsgrüße – wie im Übrigen Grüße überhaupt – schnell in andere Sprachen entlehnt werden. Man beachte, dass eine der beiden Orte, wo diese Entlehnung belegt ist, Sils im Domleschg, inzwischen den Sprachwechsel zum Deutschen vollzogen hat.

Aber auch unabhängig von dergleichen Sprachgrenzkonstellationen ist die Entlehnung von Grußformen weit verbreitet; man denke an en. hallo!, südwestdeutsch/alemannisch sali!, norddeutsch tschüs(s) bzw. rheinisch tschö (vgl. DWDS aus adieu  oder aber an das rezente ciao (vgl. DWDS, das sich aus dem Italienischen heraus verbreitet.

(2) Mit diesem italienischen Abschiedsgruß sind wir in der zweiten Gruppe der sozial motivierten Formen angelangt. Der Typ geht wohl auf eine venezianische Variante von ita. schiavo 'Sklave' zurück (vgl. Canobbio 2011). Das Wort hat eine kulturgeschichtlich interessante Entlehnungsgeschichte, die unmittelbar zum byzantinisch-griechischen Σκλάβος 'Kriegsgefangener, Sklave' führt. Das Wort wird als Rückbildung aus Σκλαβηνός (sklavinós) 'Slawe' interpretiert, der Selbstbezeichnung der Slawen, mit denen die Byzantiner in fortwährende militärische Auseinandersetzungen verwickelt waren (vgl. FEW s.v. *slovēninŭ). Über die mittellateinische Form sclavus ist es auch in andere romanische und nicht romanische Sprachen vermittelt worden (vgl zum Deu. DWDS).

Die sich verabschiedende Person versichert also die Person, von der er sich verabschiedet, ihrer Unterwürfigkeit, jedenfalls solange, wie die Ausgangsbedeutung 'Sklave' noch existierte. Damit entspricht ciao! semantisch genau dem süddeutschen/österreichischen servus!, das ja in der lateinischen Grundform ebenfalls soviel wie 'Sklave' bedeutet (vgl. Georges s.v. servus . Mit der habsburgischen Verwaltung hat sich dieser Gruß weithin im Gebiet der Österreich-Ungarischen Monarchie verbreitet (vgl. ungar. szervusz, rum. servus).

Ähnlich motiviert sind die beiden Belege von piem. ceréa / seréya, die wohl als Kurzformen des Typs vossignoria (vostra signoria) 'Euer Herrschaft' (vgl. Nuovo De Mauro s.v. vossignoria) zu verstehen sind.2

(3) Es gibt allerdings auch die essentiell zwischenmenschlichen Grüße, jenseits von Religion und gesellschaftlicher Hierarchie. Sie bestehen oft ebenfalls darin, der verabschiedeten Person etwas Gutes, vor allem Gesundheit zu wünschen #state bene, sani, usw.#. Die sich verabschiedende Person kann sich jedoch auch in Wunsch einschließen indem man die Hoffnung auf ein gemeinsames Wiedersehen ausdrückt (aurevoir,  arrivederci)

In ihrer elementaren Form vollzieht man den Abschiedsgruß jedoch performativ, indem man ein Wort ausspricht, das keinerlei andere Bedeutung hat.  Dies leistet in den rom. Sprachen der Typ fra. saluer / it. salutare 'grüßen' usw., der übrigens sowohl für den Begegnungs- als auch für den Abschiedsgruß steht:

salutare2 v. tr. [lat. salūtare «augurare salute», der. di salus -utis «salute»]. – 1. a. Rivolgere a una persona, nell’incontrarla o nell’accomiatarsi da lei, gesti o parole di saluto [...] (Treccani)

Auch das lateinisches Ursprungsverb des Typs saluer / salutare hatte bereits beide Bedeutungen (vgl. lat. salutare). Dieses Verb ist eine delokutive Ableitung  aus lat. salus; 'Wohlbefinden': Offensichtlich wurde die Bezeichnung des Grüßens aus dem Inhalt des Wunsches ('Wohlbefinden') abgeleitet, der als Gruß geäußert wurde.

Im Unterschied zum rom. Typ kann deu. grüßen  dagegen ausschließlich für den Begegnungsgruß gebraucht werden; für den Abschiedsgruß gibt es gar kein performatives Verb.

Man beachte schließlich, dass die nicht sprachlichen Ausdruckmittel des Grußes (Winken, Umarmen, Küssen usw.), die die den Sprechakt begleiten oder auch ersetzen können, auf der hier ausgewerteten Karte (AIS 739) nicht thematisiert werden; ihre Selbstverständlichkeit zeigt sich sprachlich zum Beispiel in der Tatsache, dass die rum. Entwicklung von lat. salutare;, rum. [[săruta
|https://dexonline.ro/definitie/s%C4%83ruta]] nicht mehr 'grüßen', sondern 'küssen' bedeutet.

3. Performative Aneignung

Jeder Fremdspracherwerb, den wir alle vollkommen zu Recht für einen großen Wert halten, ist eine Art von Aneignung (engl. appropriation), die aber gerade nicht im ideologisch verengten Sinne einer destruktiven Enteignung zu sehen ist, sondern als positive Teilnahme an einer Kulturtechnik und den damit verbundenen Werten,. Genau in diesem Sinn möchte ich mir nun abschließend manche der präsentierten Wünsche zu eigen machen und ihnen performativ mitgeben: portez-vous bien 'halten Sie sich gut (auf den Beinen)' und bleiben Sie allegri 'munter'!

#Ende#Ende#Ende#

\https://www.e-rara.ch/zut/content/zoom/22119603

\https://de.wikipedia.org/wiki/Kirchenprovinz

\https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6misch-

mandi <https://it.wikipedia.org/wiki/Mandi_(linguistica)> Typ: 'ich empfehle mich!' vgl. zum Deutschen https://www.dwds.de/wb/empfehlen#d-1-3,

"[...] Aus der Abschiedsformel sich jmdm. empfehlenempfehlen lassen entwickelt sich die Bedeutung ‘sich verabschieden, wegbegeben’. [...] " (Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/d/wb-etymwb>, abgerufen am 23.05.2022.)

inzwischen ich

#/media/Datei:Hist_kirchl_Einteilung_CH.png

ADDIO! www3.pd.istc.cnr.it/navigais-web?map=739

www3.pd.istc.cnr.it/navigais-web?map=739

mandi (https://arlef.it/grant-dizionari-bilenghe-talian-furlan/?word=mandi&trad=ftt)

allegra https://de.wikipedia.org/wiki/Allegra_(Gruss)#:~:text=Allegra%20(seltener%20und%20besonders%20im,Spezifikum%20ist%20der%20sprachliche%20Gehalt.

alt – neu P 323 und modern, modern: Typ ciao mit Motivationsverlust

enezianische Varianten von ital. schiavo (byzantinisch < slaw.) Σχλα

ciao

leitet uns zur zweiten Gruppe über

o lassen sich im Hinblick auf auf die Motivation einfache Grüße Grüße ergeben sich drei Gruppen von

. Die Wünsche zeigen – alles in allem – deutlich ihre Herkunft aus einem christlich geprägten und sozial stratifizierten, vordemokratischen gesellschaftlichen Rahmen. Sie zeigen aber gleichzeitig auch die mittlerweile erfolgte Säkularisierung und Demokratisierung, denn die Motivation der Grußformeln läßt sich oft nur noch mit ein wenig Recherche rekonstruieren: Für die Sprecher:innen selbst sind sie ganz oder teilweise unmotiviert geworden und auf den Vollzug des Abschiedsrituals beschränkt.

wünsche der    istHat sich gezeigt, das GRÜSSE oft WÜNSCHE sind.

Halten Sie sich gut und seien Sie munter

sani (nach deu. Lebwohl?) – im Altösterreich Friaul, Zufall?

#ludische Reduplikation venire

Abgesehen von den Loyalitäts- und Ergebenheitsbekundungen (wie ciao, mandi) sind die allermeisten Abschiedsgrüße gute Wünsche für die Zukunft, die ich Ihnen hiermit gern persönlich weitergeben, insbesondere solche, die der Gesundheit und Munterkeit gelten. Über allen steht jedoch der allgemeinste aller Abschiedswünsche: arrivederci / auf Wiedersehen!

Canobbio 2011


  1. Für die Diskussion einiger Grußtypen danke ich Beatrice Colcuc. 

  2. Für diesen Hinweis danke ich Gianmario Raimondi. 


Bibliographie

  • Canobbio 2011 = Canobbio, Sabina (2011): Formule di saluto, in: Enciclopedia dell'Italiano. Link
  • FEW = Wartburg, Walter (1922-1967): Französisches etymologisches Wörterbuch. Eine Darstellung des galloromanischen Sprachschatzes , Basel, vol. 20, Zbinden. Link
  • Georges = Georges, Heinrich (1913-1918): Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel ausgearbeitet, Hannover, Hahnsche Buchhandlung. Link
  • Nuovo De Mauro = De Mauro, Tullio (2016): Il Nuovo de Mauro . Link
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The project VerbaAlpina – Cultural skills and dialect variation in the Alps [RCC Tuesday discussion] (Zitieren)

Thomas Krefeld | Stephan Lücke
(782 Wörter)

A (very) short introduction to the research project VerbaAlpina (Stephan Lücke)

Project Overview

  • Title: VerbaAlpina. The Alpine cultural region reflected through its multilingualism
  • Long term project funded by the German Research Foundation (DFG)
  • Start in 2014
  • Aim: Lexicographical documentation and investigation of the multilingual Alpine region
  • Cooperation of (geo-)linguistics and Digital Humanities (DH)
  • Project leaders: Thomas Krefeld (Linguistics), Stephan Lücke (DH)
  • Staff: 2 (3 until 2020) linguists, 2 computer scientists, aides/assistants

What VerbaAlpina does or is

  • Collection of lexemes denoting selected concepts typical for the Alpine region (such as traditional economic activities, flora and fauna, ecology and tourism)
  • Example: What words are used to denote „BUTTER“ in different regions of the Alps (Butter, beurre, burro, Anke … ⇒ VA-Map)
  • Focus on dialects (not national/standard languages)
  • Speech atlas and dictionary in one (impossible in the era of letterpress)
  • Central feature: Publication of data on high-performance online map (WebGL). Here  lexicographical (and, synoptically, other) data can be visualized
  • Commitment to Open Science (compliance with FAIR principles): collected data and developed technology open to free reuse
  • Fully digital (no use of paper at all): multifunctional web portal (WordPress; Backend: MySQL database)
  • special project aim: exploration of consequences, limitations, and challenges of consequent digitization
  • Method reflection (section „Methodologie“; i. a. reflections on profit and challenges of DH)

Area under investigation

  • Area of investigation is limited to the territorial borders ("perimeter") defined by the Alpine convention (the Alpine Convention is an international treaty signed in 1991 aiming at the protection and the development of the Alps)

Areas of language families within the perimeter of the Alpine Convention. Apart from the three large homophone areas there are several smaller areas two or, in one case, even more language families are present.

  • encompasses parts of six different countries (D, A, CH, I, F, SLO) and two entire countries (FL, MC) with 5771 municipalities
  • the perimeter of the Alpine Convention comprises the spread of three language families:
    • germanic (green),
    • romance (red),
    • slavonic (blue)
  • included are also areas of plurilingualism, e. g. the small yellow areas on the map above
  • Within the perimeter of the Alpine Convention ethnographic and topographic homogeneity contrasts to strong linguistic heterogeneity

Where our data come from

Mainly three different sources:

  • printed atlases/dictionaries (condition: georeferenced; example atlas: AIS)
  • digital material from project partners
  • crowdsourcing (particularly important for current project phase)

The Alpine region and the tradition of ethnolinguistics (Thomas Krefeld)

  • The Alpine region represents a cultural area of great historical depth (with evidence since the Bronze Age; cf. Reitmaier 2021, Mandl 2014).
  • Cultural areas are defined by a network of skills ('Kulturtechniken') that have developed against the background of natural conditions.
  • Among these skills are languages, especially dialects; they are of particular importance from the perspective of the humanities because they provide a privileged insight into the historical depth of the cultural networks to which they themselves belong.
  • When geolinguistics examines linguistic variation in the context of other cultural skills, it may be called ethnolinguistics (cf. also Krefeld 2021).

Prototypical example: Alpine dairying

  • Natural conditions of Alpine cultural areas: woodland up to a certain altitude (tree line), grassland with scree slopes and rock above
  • Appropriate cultural skills for subsistence: animal keeping and dairying
  • Current dialectal variation in dairy terminology reflects all known historical phases (or: strata) and thus guarantees their cultural memory.
CURRENT AREAS Romance Germanic (German) Slavic (Slovenian)
AUSTR. GER. SUPERSTR.
GER. SUPERSTRATUM SLAW. SUB.
ROMANCE SUBSTRATUM
LATE ANTIQUITY AREAS Latin-Romance
PRELATIN SUBSTRATUM
Linguistic stratigraphy of the Alpine region (simplified schema)

Example: ZIGER / RICOTTA, a kind of cheese made from whey, on the base of the protein albumin (not casein)
empirical base: VA-Map ZIGER

CURRENT AREAS Romance
brousse - puina - zigra
Germanic (German)
Ziger
Slavic (Slovenian)
skuta
AUSTR. GER. SUPERSTR.
GER. SUPERSTRATUM SLAW. SUB.
ROMANCE SUBSTRATUM
LATE ANTIQUITY AREAS Latin-Romance excocta
PRELATIN SUBSTRATUM *brottiare - *puina - *tsigros 
Stratigraphy of a few designations of ZIGER

The designations of other milk products as CREAM, BUTTER, CHEESE, WHEY, or places of production as HIGH ALTITUDE PASTURE, etc. paint a similar picture.

The protection of natural areas implies the protection of corresponding cultural skills, including in particular local languages/dialects or, at least their memory.


Bibliographie

  • Krefeld 2021 = Krefeld, Thomas (2021): Italienische Ethnolinguistik, München, in: Vorlesung dh-lehre. Link
  • Mandl 2014 = Mandl, Franz: LACKENMOOSALM 1984-2014. 30 Jahre archäologisch-interdisziplinäre Forschungsprojekte auf dem Dachsteingebirge. Link
  • Reitmaier 2021 = Reitmaier, Thomas: Prähistorische Weide- und Alpwirtschaft – Stand der Forschung und zukünftige Perspektiven am Beispiel des Silvrettaprojektes Mit einem Potpourri aus achtzig Jahren Forschungsgeschichte, in: Forschungsberichte der ANISA für das Internet, vol. 1. Link

Die Konzeption einer interlingualen Geolinguistik im Projekt VerbaAlpina (Präsentation) (Zitieren)

Thomas Krefeld
(1811 Wörter)

Dieser Präsentation liegt ein ausformulierter Text zu Grunde (Link).

Folgt VerbaAlpina auf Instagram und nur in dieser Woche auf lmu.takeover.

Übersicht

1. Eine dynamische Disziplin

2. Von der traditionellen Einsprachigkeit zur Mehrsprachigkeit

2.1 Die Modellierung der Mehrsprachigkeit

3. Neue mediale Rahmenbedingungen

3.1 Aggregation unterschiedlicher Typen von Quellen

3.2 Technische Verknüpfung der Sprachen/Dialekte

3.2.1 Ebene der sprachlichen Bezeichnungen

3.2.2 Ebene der Konzepte

4. Stratigraphische Wortgeschichte

1. Eine dynamische Disziplin

Gegenstand der Geolinguistik: die Raumgebundenheit und die räumlich bedingte Variation der Sprachen

methodologische Entwicklung der Disziplin:
♦ durch veränderte Sprachauffassungen
♦ durch den tiefgreifenden Wandel der Medien

besondere Herausforderungen:
♦ kontinuierlich wachsende Bedeutung, die der Mehrsprachigkeit (der mehrsprachigen Kompetenz der einzelnen Sprecher*innen)
♦ Einsatz von Webtechnologie in der Forschungspraxis.

2. Von der traditionellen Einsprachigkeit zur Mehrsprachigkeit

traditionelle Dialektologie, vor allem die klassischen Atlanten der ‘ersten Generation’
♦ monodimensional verstandene sprachliche (dialektaler) Systeme
♦ Variation innerhalb der lokalen Sprachen ausgeblendet
♦ elaborierte Form der Dokumentation mit erstaunlichen Beschränkungen (vgl. Krefeld/Lücke 2021)

1. Untersuchungsgebiete nach Maßgabe nationaler und nationalsprachlicher (d.h. politischer) Territorien  (vgl. z. B. ALG)
fragwürdig:
• verzerrte Darstellung des romanischen Kontinuums: Staatsgrenzen irrelevant für Dialektgebiete
• Vernachlässigung grenzüberschreitender Areale

2. nicht romanischsprachige Areale innerhalb nationaler Territorien oft nicht berücksichtigt (historische Verschiebung der Sprachgrenzen durch arealen Sprachwechsel)

♦ raumorientierte sprachwissenschaftliche Forschung = Geolinguistik (nicht nur Dialektologie)

VerbaAlpina (VA) → spezifische Lexikon des Alpenraums (vgl. onomasiologischer Rahmen)

• Alpenraum: seit 1500 Jahren Kontaktgebiet der drei großen europäischen Sprachfamilien (Romanisch, Germanisch, Slawisch)

→ interlinguale Geolinguistik

2.1 Die Modellierung der Mehrsprachigkeit

Kartenoberfläche
♦ synchrones räumliches Nebeneinander der drei Sprachfamilien (vgl. Interaktive Karte)
♦ keine Spezifizierung von Einzelsprachen (’Italienisch’) und Dialektzonen (wie z.B. ‘Lombardisch’)
♦ Bezugsgröße der Georeferenz = 6990 politische Gemeinden der Alpenkonvention

Zusammenschau der Quellen → historische Verschiebungen zwischen den Sprachgebietren durch Sprachwechsel sichtbar

• Graubünden: Orte aus den Netzen des AIS (Kartensymbol A) und des DRG (Kartensymbol B) liegen auf der folgenden Karte im grünen (= deutschen) Gebiet

♦ n.b.: rein virtuelle Kartographie entwickelt von Florian Zacherl & David Englmeier

Sprachwechsel in Graubünden am Beispiel einiger ehemals romanischsprachiger Orte des AIS und des DRG (interaktives Original)

Sprachwechsel = lokaler Übergang von einer Adstrat- in eine Substratkonstellation

VerbaAlpina
♦ keine Mosaikdarstellung der Sprachlandschaft durch Feststellung lokaler oder regionaler Sprachgrenzen
♦ die verbindenden Fugen – interlingual –  sichtbar machen
♦ im Wortschatz: sogenannte ‘Alpenwörter’ (Link)

3. Neue mediale Rahmenbedingungen

3.1 Aggregation unterschiedlicher Typen von Quellen

♦ Aggregation und Integration von Aufnahmeorten und Daten unterschiedlicher Projekte

• vorbildliche Zusammenarbeit mit dem ALD-I und dem ALD-II

♦ spezielle Tools (zur Transkription, zur Typisierung usw.) von Florian Zacherl entwickelt.

VA Informanten aus Atlanten (interaktives Original)

Nun gibt es zusätzlich zu den

♦ neben den Atlanten auch Daten etlicher, teils exhaustiv konzipierte Dialektwörterbücher, die in der geographischen Logik eines Atlasses realisiert wurden

• Lexikalisches Informationssystem Österreich (LIÖ, rosa Kartensymbol 'J')
Dicziunari rumantsch grischun (DRG, gelbes Kartensymbol 'D')
Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana (VSI, hellgelbes Kartensymbol 'I')
• Glossaire des patois de la Suisse romande (GPSR, lila Kartensymbol 'E')

VA Informanten aus Wörterbücher (interaktives Original)

♦ dritter Quellentyp:  direkte Erhebung von neuen Sprachbelegen durch Crowdsourcing (technisch von David Englmeier entwickelt); vgl.  Mitmachen

Bezeichnungen moderner Konzepte (Ökologie, Tourismus), die in den traditionellen Atlanten ebenso wie in den allermeisten Wörterbüchern fehlen
• 
Erfolg des Crowdsourcings sehr stark von der jeweiligen Region abhängig

VA Informanten aus der Crowd (28.9.2021, interaktives Original und Live Statistik)

3.2 Technische Verknüpfung der Sprachen/Dialekte

synoptische Darstellung von Formen aus unterschiedlichen Sprachen und Sprachfamilien
←  Verknüpfung in der Struktur des Datenbestands

3.2.1 Ebene der sprachlichen Bezeichnungen

Typisierung = Gruppierung der rein phonetischen Varianten zu morpho-lexikalischen Typen

• spezifisch für eine der drei Sprachfamilien;  aller Varianten eines Typs falls möglich identifiziert durch Varianten der großen Nationalsprachen Französisch und Italienisch
• 
Beispiel: die Suche nach fra. beurre / it. burro → eine Karte mit 718 Varianten (in Version 21/1), klickbare Symbole

der morpho-lexikalische Type beuerr/burro (roa) (interaktive Originalkarte)

♦ darunter auch die entsprechenden Formen der romanischen Kleinsprachen, wie z.B

botiro im Ladinischen von Moena  (Fassatal)
friaulisch butiro in Clauzetto

♦ Kategorie des morpho-lexikalischen Typs = interlingual im Rahmen einer Sprachfamilie

aber: deu. Butter, dialektal slowenisches put(e)r = Entlehnungen aus dem Romanischen, zum selben Typ gehörig

Basistyp = allgemeinste Kategorie, auch für Formen unterschiedlicher Sprachfamilien

• repräsentiert durch die jeweils identifizierbare etymologische Ausgangsform
• im Fall von fra. beurre, deu. Butter usw. = lat. butyrum (< dem Griechischen)
• Suche nach diesem Basistyp → produziert eine Karte mit den zugehörigen Formen in allen relevanten Sprachfamilien

der Basistyp. lat. butyrum (interaktive Originalkarte)

♦ Basistyp

= etymologischer Zusammenhang
• erbwörtlich
• entlehnungsgeschichtlich

≠ ‘Etymon’ bzw. ‘etymologischer Typ’
≠ Wortgeschichte der zugeordneten Typen

3.2.2 Ebene der Konzepte

♦ Suche an der Nutzeroberfläche nach einem Konzept → alle erfassten sprachlichen Bezeichnungstypen

Bezeichnungen des Konzepts BUTTER (unvollständige Legende; interaktive Originalkarte)

♦ darunter auch der germanische Basistyp Schmalz

• umgekehrte Entlehnungsrichtung wie der Basistyp butyrum
Deutsch → Romanisch

Ausschnitt aus der Legende von Karte ## (interaktive Originalkarte|https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3972&layer=4]])

♦ ethnographische Hintergründe (Lat.-Rom. → Deu. vs. Deu → Lat.-Rom.) nicht im Detail

• Herstellung des Produkts (BUTTER): Lat.-Rom. → Germanisch (Deutsch)
• Auslassen der Butter (SCHMELZEN → SCHMALZ) , analog zum Auslassen des tierischen Fetts, vor allem des Schweinfetts als Konservierungstechnik: Deutsch → Romanisch

vgl. auch das so motivierte Kompositum Butterschmalz)

• weitere Ähnlichkeit von BUTTER und SCHMALZ: hoher Fettgehalt

vgl. den lat. Basistyp unctum, romanische Kognaten bezeichnen beides (vgl. Karte Basistyp lat. unctum

neue Optionen für konzeptgeleitete Verknüpfung von Bezeichnungen mehrerer Einzelsprachen

♦ umfangreiche Bestände von sachbezogenen Normdaten

• Konzepte unabhängig von den sprachlichen Bezeichnungen als autonomer Referenzbereich relationiert und strukturiert
• am weitesten fortgeschritten aber linguistisch allenfalls in Ansätzen genutzt: ‘Datenobjekte’ des Wikidata-Projekts (vgl. Krefeld 2021d)

= Identifikatoren (QIDs) zur Identifikation der enzyklopädischen Inhalte der Wikipedia

♦ Beispiel: QID für BUTTER (zugänglich über den Button ‘Wikidata-Datenobjekt’ in der linke Menüspalte des Wikpedia-Eintrags Butter) = Q34172.

• 141 Sprachversionen der Wikipedia Artikel zu dem Konzept BUTTER (Stand vom 2.11.2021)
• gemeines Referenz dieser 141 Artikel = Q34172
• etliche Versionen aus romanischen Sprachen
historisch wichtige Vorgänger- und Bezugssprachen
• zahlreiche europäische und koloniale Entlehnungen aus dem Romanischen 

Romanische Bezeichnungen europäische Entlehnungen
Herkunftssprachen Entlehnungen im kolonialen Kontext

♦ analog: Wikidata-Eintrag SCHMALZ (lard (Q72827)

♦ Sprachversionen mit Bezeichnungen ← Übertragung der Bezeichnungen von BUTTER

• asturisch mantega de gochu, wörtlich ‘Butter vom Schwein’
• span. manteca de cerdo, wörtlich ebenfalls ‘Butter vom Schwein’

♦ Verknüpfung der onomasiologischen – oder: ontologischen – Einheiten in Gestalt von dreigliedrigen Prädikatsausdrücken oder: Tripeln (so genannten ‘statements’) im Wikidata-Projekt

• ‘statements’ für BUTTER und SCHMALZ (Stand vom 7.11.2021)

butter (Q34172) instance of (P31) food ingredient (Q25403900)
subclass of (P279) dairy product
edible fats and oils (Q912613)
lard (Q72827) instance of (P31) chemical substance (Q79529)
food ingredient (Q25403900)
subclass of (P279) edible fats and oils (Q912613)
die Wikidata-Statements zu den Konzepten BUTTER und SCHMALZ

♦ Tripel fundamental für das sogenannten Semantic Web
in das dafür erforderliche Format der RDF-Tripel überführbar

♦ aus linguistischer Sicht gerade kein ‘semantisches’ (sprachgebundenes), sondern ein onomasiologisches (sprachunabhängiges) Netz

• elementare Gemeinsamkeiten der beiden Konzepte kommen zum Ausdruck kommen
• formale Abfragesprache für die Wikidata-Datenbank = SPARQL
• potentielle semantische Gemeinsamkeiten zwischen den Bezeichnungen und die darauf beruhenden Übertragungen durch semantische Prozesse (Metaphern, Metonymien, Meronymien, taxonomische Verschiebungen) → vorhersehbar bzw. motivier- und nachvollziehbar

Suche nach den ‘subclasses’ von ‘edible fats and oils’ → Liste:

 wd:Q4287 Margarine
 wd:Q34172 Butter
 wd:Q72827 Schmalz
 wd:Q427457 Speiseöle
 wd:Q1194601 Shortening
 wd:Q1423543 Tierfett
 wd:Q1727434 Streichfett
 wd:Q2310378 Horse fat
 wd:Q11870297 Pflanzenfett
 wd:Q68187377 Gänsefett

Abfrage:

SELECT ?item ?itemLabel
WHERE
{
?item wdt:P279 wd:Q912613.
SERVICE wikibase:label { bd:serviceParam wikibase:language "[AUTO_LANGUAGE],en". }
}))

♦ aber: wichtige Unterschiede in Statements nicht erfasst, obwohl leicht möglich

• Arten der Produktion (SCHLAGEN VON RAHM im Fall von BUTTER und ERHITZEN im Fall SCHMALZ, [[Q779316|https://www.wikidata.org/wiki/Q779316]])
• benutzte Geräte (z.B. das BUTTERFASS;
Q1018079)
• usw.

→ Motivation anderer semantischer Prozessen
pignatta, bündnerrom. pischada < lat. *pisiare ‘stampfen’; vgl. die interaktive Karte pischada)

Appell an einschlägige sprachwissenschaftliche Projekte:
Wikidata-Statements im jeweiligen thematischen Rahmen systematisch ergänzen

4. Stratigraphische Wortgeschichte

♦ wortgeschichtliches  Profil des Basistyps: vor dem Hintergrund der sprachlichen Stratigraphie des Alpenraums

• besondere Rolle des Lat.-Rom. (Romanisierung seit 15 n.Chr.)
• seit 476 n.Chr. teilweise Germanisierund und Slawisierund
• teilweise Verdrängung des Slaw. durch das Germ.
• zeitweise germ.  Superstrat im rom. und slaw. Gebiet (Gotisch, Langobardisch, Bairisch bzw. bairisch geprägtes Hochdeutsch)

• Elemente der vorrömischen Sprachen in Lexikon und in Toponymie des gesamten Raums deutlich erkennbar (vgl. Krefeld 2020c); indirekt, d.h. über das Lateinisch-Romanische ins Alpengermanische bzw. ins Alpenslawische gelangt

♦ Beispiel: 

Stratigraphie des Basistyps lat. butyrum

 


Bibliographie

  • AIS = Jaberg, Karl / Jud, Jakob (1928-1940): Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz, Zofingen, vol. 1-7
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  • ALD-II = Goebl, Hans (2012): Atlant linguistich dl ladin dolomitich y di dialec vejins, 2a pert, vol. 1-5, Editions de Linguistique et de Philologie
  • ALG = Séguy, Jean (1973): Atlas linguistique de la Gascogne, Toulouse, vol. 6, Inst. d'Études Mérid. de la Fac. des Lettres [u.a.]
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  • GPSR = Gauchat, Louis (Hrsg.) (1924ff.): Glossaire des patois de la Suisse romande, Genève [u.a.], Droz [u.a.]
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  • Krefeld 2021d = Krefeld, Thomas (2021): Wikidata – semiotisch: Mit Roland Barthes im Internet, München, in: Korpus im Text, Serie A, 71498. Link
  • Krefeld/Lücke 2021 = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan (2021): (Unsere) Prinzipien der virtuellen Geolinguistik. Link
  • LIÖ = Lenz, Alexandra N. (o.J.): Lexikalisches Informationssystem Österreich (LIÖ). Link
  • VSI = Sganzini, Silvio (1952ff): Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana, Lugano, Tipografia la Commerciale

(Unsere) Prinzipien der virtuellen Geolinguistik (Zitieren)

Thomas Krefeld | Stephan Lücke
(3980 Wörter)
Dieser Beitrag wurde für den Workshop Neue Wege der romanischen Geolinguistik Vers. 2.0 (2021) verfasst (Schneefernerhaus, 4.-5.11.2021). Für die Einladung mitzumachen danken wir Joachim Steffen (Augsburg).
Übersicht
I. Vorgeschichte: Drei Generationen von Sprachatlanten
II. Unsere 8 Prinzipien für die dritte Generation

1. Strukturierte digitale Daten als Arbeitsgrundlage
2. Bezug der sprachlichen Daten zu außersprachlichen Normdaten
3. Forschungsdatenmanagement (FDM)
4. Adressierung und interaktive Einbindung eines breiten Publikums
5. Offene und dynamische Datenbestände
6. Virtuelle Kartographie auf georeferenzierter Grundlage
7. Möglicher Einbezug nicht sprachlicher Kontextdaten
8. Überwindung der Gattungsgrenzen

Appendix: Ein Beispiel für Aggregation und Gattungsverschränkung

I. Drei Generationen von Sprachatlanten

Die im Folgenden vorgestellten Prinzipien sind das Ergebnis von 16 Jahren gemeinsamer  Arbeit  an vier geolinguistischen Projekten, die vorab kurz in der Geschichte der Sprachatlanten positioniert werden sollen. Dafür ist es hilfreich, drei Generationen zu unterscheiden; sie unterscheiden sich: 

  • in der Modellierung räumlicher Variation;
  • im Verständnis der Repräsentativität sprachlicher Daten vor dem Hintergrund der selektierten Informanten, Orte und Elizitationsverfahren;
  • in der medialen Konzeption und Realisierung.

Das Paradigma der ersten Generation ist eindimensional und dem Axiom des repräsentativen Einzelinformanten verpflichtet; das prototypische, in der Romanistik und auch darüber hinaus wegweisende Werk ist der AIS.

Die zweite Generation ist pluridimensional und untersucht die räumliche Variation in mehreren Dimensionen; die Abhängigkeit der sprachlichen Daten vom Sprecher und von der Art der Elizitation rückt ins methodologische Zentrum der Arbeit. Exemplarisch begründet wurde dieses Paradigma durch den ADDU.

In der dritten Generation wird konsequent mit Webtechnologie gearbeitet; in der Konzeption und und Durchführung sind sprachwissenschaftliche und mediale Aspekt untrennbar miteinander verflochten. Die Entstehung dieses Paradigmas ist also nicht nur wissenschaftsintern zu sehen, da ihre Voraussetzungen durch den informationstechnischen Fortschritt geliefert wurden (vgl. Wissenschaftskommunikation im Web).

Die Generationsmetapher ist in der historischen Staffelung der drei Typen begründet; sie ist allerdings insofern nicht ideal, als auch heute – in der Phase der dritten Generation – durchaus noch Projekte auf den Weg gebracht wurden und werden, die den Regeln der beiden vorhergehenden Generationen folgen (z.B. folgt der Online-Atlas VIVALDI dem Paradigma der 1. Generation). Den Anforderungen aller drei Generationen können digitale Arbeitsweisen entsprechen, allerdings kann man den Zielen der dritten Generation ausschließlich mit digitalen Mitteln gerecht werden. Unsere eigene Arbeit reflektiert den Übergang von der zweiten zur dritten Generation, auf die sich die hier formulierten Prinzipien beziehen. Sie zielen auf Generelles, unabhängig von den speziellen thematischen Anforderungen der Einzelprojekte, werden jedoch an Einzelprojekten illustriert, vor allem am aktuell noch laufenden Projekt VerbaAlpina.

2. Generation   3. Generation
AsiCa  Asica 2.0
ASD
  Metropolitalia
  VerbaAlpina
geolinguistische Projekte der Autoren

II. Prinzipien für die dritte Generation

1. Strukturierte digitale Daten als Arbeitsgrundlage

Der Ausdruck ‘Digitalisierung’ ist keineswegs eindeutig; um die Anforderungen zu differenzieren, unterscheiden wir mehrere Digitalisierungsgrade. Für die elektronische Datenanalyse und Visualisierung in einer Form, wie VerbaAlpina sie präsentiert, sind  strukturierte Daten erforderlich, die der Stufe D3 im Sinne des folgenden Schemas entsprechen:

Grad der
Digitalisierung
Etikett., Erweit., Verknüpf. Daten-
export
D3 Tabelle db
csv
strukturierter elektronischer Text XML
SQL
CSV
txt
...
HTML
PDF
PS
Papier
D2 ↑ Textdatei txt
doc
linearisierter elektronischer Text ← praat
D1 ↑ Scan jpg binärer Code wav, mp3
D0 ↑ Papier Schrift/Bild Audio

Die Grundlage D3 ist jedoch anspruchsvoll, und je nach Quelle gibt es unterschiedliche, vor allem unterschiedlich aufwändige Arten, wie die Daten überhaupt erst auf dieses Niveau gehoben werden können; gelegentlich ist das auch nicht möglich.

Die Anforderung ist eine doppelte: Die Daten müssen digital *und* strukturiert sein. Mit der rein technischen Dimension der Digitalisierung ist vergleichsweise leicht umzugehen:

  • auf Papier gedruckter Text ⇒ OCR oder Abtippen ⇒ elektronischer Text
  • Audiodatei ⇒ ASR (automatic speech recognition; STT: speech to text) oder abtippen (Praat) ⇒ elektronischer Text (ASR bislang nur bei Standardsprache brauchbar)

Besonders wichtig: Die Datenstrukturierung

Strukturierung bedeutet stets: Erzeugung von Metadaten (Merkmale "Typ", "Quelle", "Ort", "Bedeutung" ...) und deren Zuordnung zu den Daten (als Merkmalsausprägungen)

Daten analog Daten digital Daten digital und strukturiert
tˈeːʥɑ
Typ Quelle Ort Bedeutung
tegia AIS Ems SENNHÜTTE

Beleg: AIS 1192 (LA CASCINA DI MONTAGNA), Ort 5 (Ems) (VA-Beleg S293; Discover@UB)

strukturiert ASLEF-Tafeln VerbaAlpina
nicht/teil- strukturiert VALTS Idiotikon, WBOe
analog digital

Bei gegebenen Strukturierungen ist häufig eine Umstrukturierung erforderlich: Struktur A ⇒ Struktur B

Je nach Strukturierungs- und Digitalisierungsgrad gestaltet sich die Datenerfassung mehr oder weniger aufwendig. Optimal für Datenaustausch, Vernetzung und Nachnutzung sind sog. APIs. Erst allmählich werden APIs in lexikographischen online-Ressourcen implementiert. Ein Beispiel ist das "Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache" (DWDS; API: https://www.dwds.de/d/api), das allerdings für VerbaAlpina als Quelle nur eine Nebenrolle spielt. VerbaAlpina hat für seinen Datenbestand eine API eingerichtet (https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=8844&db=211).

Einige Beispiele für Quellen, die von VA erfasst werden, vor dem Hintergrund von Digitalisierung und Strukturierung

Teilweise geringer Aufwand: ASLEF-Tafeln

Tafel 45 des ASLEF. Unter jedem Konzept sind die ortstypischen Bezeichnungen gelistet. Die Zahlen vor den Einzelbelegen stehen für die jeweiligen Ortschaften.

Listen von der Art der ASLEF-Tafeln sind zumindest theoretisch mit OCR-Verfahren wenigstens teilautomatisiert erfassbar. Es ist allerdings stets abzuwägen, ob die Entwicklung eines solchen Verfahrens tatsächlich einen Zeitvorteil bringt. VerbaAlpina hat bislang auf entsprechende Entwicklungen verzichtet.

Beispiel für einen Sprachatlas: Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluss des Fürstentums Liechtenstein (VALTS)

Karte IV 73 des VALTS: Mischung

Vergleichsweise großen Aufwand verursacht die Erfassung der Atlaskarten des Vorarlberger Sprachatlas' (VALTS). Die Karten liegen zum einen nur analog, gedruckt auf Papier vor. Auf einer Karte sind unterschiedliche Konzepte und deren Bezeichnungen dokumentiert, lexikalische Typen stehen neben Sprecherbelegen, die Zugehörigkeit zu Sprachfamilien ist durch Farbe kodiert. Die strukturierte Erfassung der Daten kann nur manuell erfolgen. Maschinelle Verfahren sind nicht möglich. Die Arbeit muss von einem Menschen gemacht werden. Dies bedingt u. a. hohen Zeitaufwand und entsprechende Personalkosten.

Beispiel für ein Wörterbuch: Schweizerdeutsches Idiotikon

Ähnlich wie im Fall des VALTS liegt hier eine maschinell nicht erfassbare Mischung unterschiedlicher Entitäten vor. Auch hier ist die Datenerfassung nur durch Personaleinsatz möglich und entsprechend aufwendig.

Ein positives Beispiel ist das Bibl:WBOe.

Digitalisierung der analogen Handzettel durch das Projekt WBOE. Nach einer Zwischenstation mit TUSTEP liegt das Material jetzt im XML-Format vor.

Dieses Projekt hat mit der Last seiner frühen Entstehungszeit zu kämpfen. Die Datenerfassung erfolgte rein analog, das gesammelte Material liegt in Form von ca. 3,6 Millionen Handzetteln vor. Mittlerweile liegt das Material strukturiert in XML-Dateien vor, die wiederum gleichsam als Backend für die online-Publikation im Rahmen des "Lexikalischen Informationssystems Österreich", LIÖ, dient (s. https://www.oeaw.ac.at/de/acdh/sprachwissenschaft/projekte/wboe/materialbasis, "Digitalisierung des Handzettelkatalogs"). Zu fragen bleibt allenfalls, warum die XML-Dateien anscheinend nicht in ihrer Gesamtheit der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. VerbaAlpina vermeidet das XML-Format, da es nach unserer Einschätzung und Erfahrung umständlich bei Konvertierung und Analyse ist. VerbaAlpina nutzt intern ausschließlich das relationale Datenformat, organisiert sein Sprachmaterial also in Tabellen. Ein Export im XML-Format ist jedoch möglich (Beispiel: VA-Einträge zum Konzept C1, SENNHÜTTE der VA-Version 211).

Von VerbaAlpina entwickelte Tools zur Digitalisierung und strukturierten Datenerfassung

Für die ‘Hebung’ auf D3 müssen u.U. erst geeignete Tools entwickelt werden. VerbaAlpina hat zu diesem Zweck im wesentlichen zwei, als WordPress-Plugins implementierte, Hilfsmittel entwickelt:

Das Transkriptionstool (Link)

Das Transkriptionstool von VerbaAlpina

Das Transkriptionstool steuert die Datenerfassung, indem es dem Transkriptor (meist Hilfskräfte) vorgibt, welche Eintragungen auf einer Sprachatlaskarte jeweils erfasst werden sollen. Auf diese Weise wird die Fehleranfälligkeit reduziert und ein systematisches Vorgehen begünstigt. In der Grundeinstellung  präsentiert das System nur neue, noch nicht erfasste Eintragungen. Es kann jedoch gezielt auch zur erneuten Eingabe bereits erfasster Daten genutzt werden, um auf diese Weise potentiell fehlerhafte Transkriptionen zu identifizieren. Die Transkription erfolgt nach den Regeln des sog. Betacodes, der die Eingabe auch komplexer Schriftsysteme unter Verwendung einer Standardtastatur erlaubt. Der Betacode ist sehr leicht zu erlernen und verlangt von den Transkriptoren keinerlei vertiefte Kenntnisse des von ihnen transkribierten Schriftsystems.

Das Typisierungstool (Link)

Das VerbaAlpina-Tool zur Typisierung von Daten aus analogen Quellen. Das Beispiel zeigt im oberen markierten Feld eine Reihe von transkribierten Einzelbelegen der AIS-Karte 1218_1, "il siero del formaggio; il siero della ricotta", die dem lexikallischen Typ lacciata (f.) (roa.) zugeordnet werden können.

Das Typisierungstool erleichtert den Bearbeitern (in der Regel graduierte Sprachwissenschaftler) die Zuweisung mehrerer auf einer Sprachatlaskarte verzeichneter Einzelbelege, die jeweils Varianten ein und desselben lexikalischen Typs sind, eben diesem zuzuordnen. Das Tool erlaubt überdies die Neuanlage von lexikalischen Typen bzw. die Bearbeitung bereits vorhandener.

Georeferenzierungen

Ein obligatorisches Merkmal aller objektsprachlichen Daten sind Georeferenzierungen, damit virtuelle Karten (s.u.) erstellt werden können; im Fall zahlreicher Dialektwörterbücher können den Belegorten entsprechende Koordinaten zugeordnet werden. Sehr gute Beispiele sind die großen schweizerischen Atlanten, der Glossaire des patois de la Suisse romande (GPSR), der Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana (VSI) und der Dicziunari Rumantsch Grischun (DRG), für die die Daten in der Manier eines Atlas in einem genau identifizierten Netz von Orten erhoben wurden, wie folgende Karte zeigt:

Ortsnetze des DRG, GPSR und VSI (interaktives Original)

Das Prinzip wurde zwar grundsätzlich bereits im Idiotikon praktiziert; aber eine mögliche Georeferenzierung wird hier in ganz erheblichem Maße durch praktische Schwierigkeiten  verhindert: manche Ortsabkürzungen sind nicht eindeutig auflösbar, manche Gemeinden sind nicht identifizierbar, die Gemeindezuordnung etlicher Orte hat sich durch politische Reorganisation verändert usw.

Geographische Bezugseinheit sind bei VerbaAlpina die politischen Gemeinden. Die zugrundeliegenden Daten wurden bald nach Projektbeginn gesammelt und werden nicht aktualisiert, sie bilden einen stabilen geographischen Referenzrahmen. Standardmäßig werden aus den Quellen gesammelte Sprachbelege jeweils auf das Referenzraster der politischen Gemeinden bezogen. Die Georeferenzierung erfolgt über die Registrierung von WGS84-Koordinaten. Für jede Gemeinde sind in der Datenbank von VerbaAlpina die Grenzverläufe der Gemeindegrenzen hinterlegt, hinzu kommen Punktkoordinaten, die jeweils auf den geometrischen Mittelpunkt der Gemeindeflächen weisen. Es besteht außerdem die Möglichkeit, Sprachbelege quasi metergenau und zunächst unabhängig von der Gemeindelogik zu verorten.

2. Bezug der sprachlichen Daten zu außersprachlichen Normdaten

Sprachliche Daten und ihre Beschreibungskategorien waren immer schon – wenngleich in unterschiedlicher Explizitheit – auf die außersprachliche Wirklichkeit bezogen. Mittlerweile kann der Bezug im technischen Sinn operationalisiert werden, denn es stehen persistente Normdaten zur Verfügung. Großes, bei weitem (noch) nicht ausgeschöpftes Potential besitzen die Identifikatoren des Wikidata-Projekts. Sie bieten eine sehr differenzierte und verlässliche Referenzebene, die einerseits Grundlage für die komplementäre und vergleichende Erfassung mehrerer Sprachen ist und andererseits geeignete Suchfilter für die Abfrage der jeweiligen einzelsprachlichen Bezeichnungen liefert. Dadurch werden Semasiologie und Onomasiologie scharf getrennt. Vgl. die Konzeptsuche:

Onomasiologische Konzeptsuche in VA

Von Vorteil ist auch, dass die Wikidata grundsätzlich von jedermann gepflegt und erweitert werden kann. So können z. B. fehlende Konzepte in Wikidata nachgetragen werden. VerbaAlpina z. B. ist über die Q-ID Q66817486 eindeutig indentifiziert (https://www.wikidata.org/wiki/Q66817486).

Neben den Normdaten von Wikidata integriert VerbaAlpina auch die Identifikatoren des auf geographische Entitäten spezialisierten Geonames-Projekts. Der Zugriff auf die externen Normdatenseiten ist innerhalb der VerbaAlpina-online-Karte über die Belegfenster möglich, die sich beim Anklicken der Kartensymbole öffnen:

Integration externer Normdaten in einem Belegfenster der Online-Karte

Die Anbindung an externe Normdatensysteme ist nicht zuletzt für die Auffindbarkeit von VerbaAlpina-Daten von außen von Bedeutung. Bislang sind die Wikidata-QIDs nur intern mit den VerbaAlpina-eigenen Identifikatoren verknüpft. Es ist beabsichtigt, die VA-Daten in  nach Wikidata zu exportieren und sie mit einer eigenen "Property" (VA-ID) zu versehen. Auf diese Weise werden die VerbaAlpina-Daten zum Teil des Semantic Web. Konzeptionelles Vorbild sind die, auch an der ITG angesiedelten, Projekte "Kaiserhof", einer Datenbank, die die habsburgischen Höflinge erfasst, und BMLO, das "Bayerische Musikerlexikon Online". Die Identifikatoren dieser beiden Projektdatenbanken können in Wikidata mit Hilfe der Abfragesprache SPARQL abgerufen werden. Ähnliches schwebt uns auch für VerbaAlpina vor.

Konkret angedacht ist auch der Export der von VA gesammelten Sprachdaten in die Lexikographie-Sektion von Wikidata(Beispiel: Lexeme, die eine Farbe bezeichnen).

3. Forschungsdatenmanagment (FDM)

Orientierung an den FAIR-Kriterien

Das Akronym FAIR wurde aus den Anfangsbuchstaben der vier  - letztlich forschungsethischen - Leitkriterien findable, accessible, interoperable und reusable gebildet; ihre Umsetzung wurde bereits mehrfach und auch im Detail beschrieben (vgl. vor allem Lücke, Krefeld/Lücke 2020 und Krefeld 2018 g).

Die Ausrichtung an den FAIR-Kriterien impliziert die Einhaltung der Open Access und Open Source-Richtlinien und den Verzicht auf die Entwicklung und den Einsatz proprietärer Werkzeuge.

Kontakt zu FDM-Institutionen

Nachhaltigkeit hängt zu einem nicht unwesentlichen Teil davon ab, ob Institutionen mit unbefristeter Existenzperspektive die Verantwortung für die Bewahrung der Projektergebnisse übernehmen. VerbaAlpina hat deswegen schon vor längerer Zeit den Kontakt zur UB der LMU gesucht. Grundsätzlich erscheinen die Bibliotheken als die idealen Partner für das Forschungsdatenmanagement, im wesentlichen aus zwei Gründen:

  • Die Bewahrung wissenschaftlicher Erträge ist seit jeher die zentrale Aufgabe der Bibliotheken
  • Staats- und Universitätsbibliotheken besitzen in aller Regel eine unbefristete Existenzperspektive

VerbaAlpina ist überdies Pilotprojekt im von der Bayerischen Staatsregierung finanzierten FDM-Projekt "eHumanities – interdisziplinär", das sich mit den Herausforderungen des Forschungsdatenmanagements vor dem Hintergrund der immer noch fortschreitenden Digitalisierung auseinandersetzt.

In Zusammenarbeit mit der UB der LMU ist es mittlerweile gelungen, zunächst zwei ausgewählte Versionen des VerbaAlpina-Datenbestands (19/1 und 19/2) in das Forschungsdatenrepositorium der UB zu übertragen. Die Daten sind dort außerdem in das Recherche-Portal "Discover" eingeflossen, wo auf sie nun in unterschiedlicher Granulierung zugegriffen werden kann. So ist es etwa möglich, vollständige Versionen zu referenzieren oder herunterzuladen. Zusätzlich können Einzelbelege, morpholexikalische Typen oder ganze Ortschaften samt dem ihm zugeordneten Sprachmaterial adressiert werden. Das System erlaubt die Erzeugung spezifischer DOIs für ausgewählte Datenpakete, eine eindeutige Referenzierung ist überdies durch UB-eigene persistente Identifikatoren möglich.

Portal "Discover" der UB der LMU. Das System erlaubt u. a. die Erzeugung von DOIs, die auf einzelne morpholexikalische Typen von VerbaAlpina verweisen.

4. Adressierung und interaktive Einbindung eines breiten Publikums (Crowdsourcing)

Die allgemeine Zugänglichkeit von Inhalten, die im Internet  publiziert werden, führt dazu, dass grundsätzliche ein sehr breites Publikum angesprochen wird, das sich in durchaus unterschiedlichen Wissenswelten bewegt. Dazu gehören – wenigstens potentiell – die sprachwissenschaftliche Fachwelt, interessierte Laien und die Sprechergemeinschaften inklusive mancher Informanten. Selbstverständlich sind nicht aller Informationen für alle Nutzer gleichermaßen interessant, so dass es nicht nötig erscheint, alles in maximal verständlicher Alltagssprache auszudrücken. Das wäre auch nicht im Sinne er erforderlichen begrifflichen Schärfe, die auf Terminologie nicht verzichten kann. Allerdings wird die Verständlichkeit der Oberfläche durch den Einsatz zahlreicher Informationsfenster erleichtert, die sich öffnen, wenn der Mauspfeil darauf bewegt wird (so genannte Tooltips). Hier ein Beispiel:

Beispiel für einen Tooltip (interaktives Original)

In mehrfacher Weise werden Nutzer aktiv eingebunden:
  • Jeder kann unabhängig von seinem Experten- oder Laientum sprachliche Formen beisteuern; darüber hinaus ist es auch möglich, fehlende Konzepte zu ergänzen.(vgl. https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/en/?page_id=1741.
  • Nutzer, die Belege/Konzepte beisteuern,  können sich registrieren und so für das Projekt erreichbar bleiben; das ist nützlich für eventuelle Rückfragen. #wieviel % machen das?#
  • Jeder Nutzer kann interaktiv durch Kombination beliebiger Inhalte synoptische Karten generieren, fixieren und zur Veröffentlichung vorschlagen. Diese Vorschläge werden jedoch nicht automatisch allgemein zu Verfügung gestellt, sondern vorher durch die Projektverantwortlichen geprüft.
  • Ein direkte Kontaktaufnahme ist über die Social Media-Auftritte des Projekts ebenso möglich, wie über E-Mail-Adressen (vgl. Home).
  • Wissenschaftliche Partnerprojekte können beliebig viele relevante Daten liefern und in einer eigenen Datenbank, die Teil der Projektarchitektur ist, hosten.

5. Offene und dynamische Datenbestände

Die Möglichkeit kontinuierlicher Anreicherung der verfügbaren Daten setzt voraus, dass grundsätzlich mit offenen und dynamischen Datenbeständen gearbeitet wird. Es erübrigt sich so die ideale, d.h. illusionäre Vorstellung empirischer Vollständigkeit. Allerdings ist es im Sinne der Transparenz und Nachprüfbarkeit unbedingt notwendig, eine empirische Verlässlichkeit zu garantieren, damit die Projektergebnisse auch zitierbar sind. Diese fundamentale Bedingung wird durch eine regelmäßige Versionierung der Daten erfüllt. Rein technisch wird die Versionierung durch die Anfertigung einer Kopie der Datenbank erreicht. Die Kopie erhält einen Namen, der auf den Zeitpunkt der Erzeugung verweist (191: Jahresmitte 2019; 192: Jahresende 2019). Die Kopie der Datenbank ist "eingefroren", Änderungen an den darin enthaltenen Daten ist nicht mehr möglich. Auf dem Projektportal ist über ein Drop-Down-Menü der Wechsel zwischen den verschiedenen Versionen möglich:

Verfügbare VA-Versionen

Die Versionsnummer ist auch Teil der meisten URLs, die auf VerbaAlpina-Ressourcen verweisen. Als Beispiel sei hier die URL genannt, die auf den Morpholexikalischen Typ L2599/tegia (roa f.) im LexikonAlpinum in der VA-Version 211 verweist:

db=211#L2599" target="_BLANK">https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=12180&db=211#L2599

Eine Übersicht über sämtliche bislang vorhandenen Versionen findet sich auf der Startseite von VerbaAlpina unter dem Button "Timeline". Ein Klick auf eines der Versionsbilder öffnet eine Statistik, die den Datenzuwachs in der jeweiligen Version anzeigt:

VerbaAlpina "Timeline" mit statistischen Daten zur VerbaAlpina-Version 2021

Künftig wird die Timeline-Übersicht auch noch weitere Informationen zu Veränderungen gegenüber den Vorgängerversionen enthalten. Dabei wird es vor allem um nicht quantifizierbare Errungenschaften wie etwa die Entwicklung neuer Tools oder Veränderungen in Design oder Usability gehen.

6. Virtuelle Kartographie auf georeferenzierter Grundlage

Im Sinne einer konsequenten Nutzung von Webtechnologie ist der Verzicht auf den Einsatz einer graphischen Grundkarten. Rein virtuelle Kartierung bietet mehrere Vorteile; sie erlaubt es  dem Nutzer optional ganz unterschiedliche Oberflächen anzubieten (mit/ohne Relief, mit/ohne Beschriftung, Karte/Satellitenbild usw.):

Optionale Kartenoberflächen in VA (interaktives Original)

Weiterhin kann optional zwischen mehreren geographischen Referenzeinheiten gewechselt werden. Die Grundeinstellung (by default)  kartiert in Bezug auf die politische Gemeinde; vor allem bei quantitativer Visualisierung ist es jedoch gelegentlich sinnvoll, größere Einheiten zu Grunde zu legen, die folgenden Karten (so genannte heat maps) zeigen die Menge der Crowder, d.h. der aktiven Nutzer, die uns Belege geliefert haben (1688 Personen, am 13.10.2021, 9:40) mit Bezug auf die Gemeinden und die von der Europäischen Kommission definierten NUTS 3-Regionen (NUTS: Nomenclature des unités territoriales statistiques):

Optionale Visualisierung mit Referenz auf die Gemeindeflächen (links, interaktives Original) und die NUTS 3-Regionen (rechts, interaktives Original)

Als weitere Referenzgrößen stehen u.a. die Nationalstaaten und die Sprachgebiete (Sprachfamilien) zur Verfügung. Das Beispiel zeigt im Übrigen, dass jederzeit aktuelle Datenbestände visualisiert werden können.

7. Möglicher Einbezug nicht sprachlicher Kontextdaten

Für die Interpretation geolinguistischer Konstellationen sind demographische und historische  Informationen über den Belegort unerlässlich; VA hat daher alle 5771 Gemeindenamen des Alpenraums mit den jeweiligen Einträgen im Dienst geonames.org verknüpft. Im Fall der Gemeinde, auf deren Territorium wir uns befinden, Garmisch-Partenkirchen, führt uns der Dienst zu vielfältigen topographischen, administrativen und enzyklopädischen (Wikipedia-Logo) Informationen:

Über geonames.org importierte Informationen (Beispiel Garmisch-Partenkirchen – Quelle)

Da das Projekt VA auf die sprachliche Stratigraphie des Alpenraums zielt – im Fall von Garmisch-Partenkirchen die etwaige Existenz eines lateinisch-romanischen Substrats – wurden weiterhin relevante historische Daten einbezogen, so die eventuelle Existenz römischer Inschriften oder die antike Erwähnung des Ortsnamens im Itinerarium Antonii bzw. auf der darauf basierenden Tabula Peutingeriana:

Erwähnung von Partenkirchen (Tarteno ⇒  <P>arteno) auf der Tabula Peutingeriana (interaktives Original)

Die nicht-sprachlichen Kontextdaten werden zusammen mit den Sprachdaten in der zentralen VerbaAlpina-Datenbank in der Tabelle "Orte" gehalten.

Ausschnitt aus der Tabelle "Orte" in der VA-Datenbank mit Einträgen zu "Partenkirchen"

Die Tabelle "Orte" enthält aktuell etwa 165000 Einträge und hat ein Volumen von mehr als 250 MB. Die Eintragungen in diese Tabelle sind insgesamt 47 Kategorien zugeordnet. Neben den Daten von der Tabula Peutingeriana sind dies beispielsweise die folgenden:

Kloester (1317); langobardische_graeberfelder (120); Walsergemeinden (77); Raetische Inschriften (36); ...

8. Überwindung der Gattungsgrenzen

Die traditionellen Gattungen, in denen die Ergebnisse geolinguistischer Forschung veröffentlicht wurden (Ortsmonographie, Atlas, Wörterbuch, Korpus), verfolgen jeweils spezifische Zwecke und sind daher komplementär zu sehen. Es gibt im Rahmen der digitalen Medien jedoch keinen Grund mehr, sie kategorisch zu trennen. Gerade wegen ihrer Komplementarität liegt es vielmehr nahe, sie organisch mit einander zu verflechten, wie es in VerbaAlpina unternommen wurde. Der Webauftritt des Projekts liefert unter dem Reiter  Methodologie theoretische Erörterungen zentraler linguistischer und informationstechnischer Begriffe; diese konzeptionelle Komponente ist eng mit den beiden wichtigsten Funktionalitäten verschränkt, der interaktiven Karte und der Lexicon Alpinum. Diese beiden Komponenten wiederum sind gewissermaßen symbiotisch angelegt worden, denn jeder Lexikoneintrag kann durch einen Klick auf einer Karte visualisiert werden und von der Karte gelangt man durch einen Klick zu den korrespondierenden Lexicon-Einträgen:

Wechselseitige Verschränkung lexikographischer und kartographischer Informationen

Schließlich ist das Datenkorpus auch aus diskursivem Text oder aus der interaktiven Karte heraus direkt abfragbar. Es besteht für Nutzer die Möglichkeit, auf der interaktiven Karte individuelle Datenbankabfragen über die Schaltfläche 'SQL Query' abzuschicken und die Ergebnisse so in kartographischer Darstellung einzusehen.

Die Nutzung der SQL-Funktion verlangt Kenntnisse in der Abfragesprache SQL. Die nötigen Informationen über Struktur und Inhalt der an dieser Stelle abfragbaren Tabelle sind über einen Klick auf das kleine Fragezeichen neben dem Schlüsselwort "WHERE" abrufbar:

Dialogfelder zur Formulierung individueller Abfragen. Ein Tooltip präsentiert die in der Tabelle vorhandenen Felder samt deren Datentypen.

Ein in blau gesetzter Link am unteren Rand des Tooltipps führt auf eine eigene Seite mit detaillierten Informationen zu den Datenbankfeldern und deren Inhalten.

Beispiel: Slawische Belege mit dem Basistyp "butyru(m)":

Kartierung von Einzelbelegen, die dem lexikalischen Typen "Butter" zugeordnet sind und mit einem P beginnen. Ein Rechtsklick auf den Legendeneintrag ermöglicht die Modifizierung der SQL-Abfrage (Dialogfeld rechts).

Ein Beispiel für Aggregation und Gattungsverschränkung

Abschließend soll die Aggregation unterschiedlicher Quellen(typen) und die Gattungsverschränkung etwas detaillierter exemplifiziert werden. Ausgangspunkt der  Darstellung ist der Artikel chaschöl des bündnerromanischen Referenzwörterbuchs DRG (Link). Die dort genannten Formen erscheinen auf der Karte chaschöl im Verbund mit denjenigen aus anderen Quellen, wie stellvertretend die Markierung der Orte des VSI zeigt:

Verbreitung des Typs chaschöl (< lat. caseolus) im Spiegel aggregierter Quellen, interaktives Original

Die regionale Besonderheit des Typs (Tessin, Graubünden, Dolomiten) tritt vor allem dann hervor, wenn er im Kontext aller anderen Bezeichnungen von KÄSE kartiert wird (vgl. die [[Karte KÄSE|https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3801&layer=4]0].

 


Bibliographie

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  • VALTS = Gabriel, Eugen (1985-2004): Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluss des Fürstentums Liechtenstein, Westtirols und des Allgäus , vol. 1-5, Bregenz, vol. 1-5, Vorarlberger Landesbibliothek
  • VSI = Sganzini, Silvio (1952ff): Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana, Lugano, Tipografia la Commerciale
  • VerbaAlpina = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan (2014-): VerbaAlpina. Der alpine Kulturraum im Spiegel seiner Mehrsprachigkeit, München. Link
  • WBOe = Bauer, Werner/ Kranzmayer, Eberhard. Institut für österreichische Dialekt- und Namenlexika (Hrsg.) (1970–): Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich, Wien, Verl. der Österr. Akad. der Wiss.

Die Konzeption einer interlingualen Geolinguistik im Projekt VerbaAlpina (Zitieren)

Thomas Krefeld
(3368 Wörter)

 

Abstract
Die Untersuchungsgebiete der Dialektologie werden üblicherweise nach nationalen und nationalsprachlichen (d.h. politischen) Kriterien zugeschnitten. Das ist geolinguistisch unangemessen und wird weder den grenzüberschreitenden Räumen noch den traditionell mehrsprachigen Arealen gerecht. Ein Untersuchungsgebiet wie der Alpenbogen, in dem die drei großen europäischen Sprachfamilien (Romanisch, Germanisch, Slawisch) seit anderthalb Jahrtausenden in Kontakt stehen, erzwingt die Überführung der Dialektologie in eine interlinguale Geolinguistik. Denn nur so wird es möglich die historische Verflechtung der drei Kontinua (Romanisch, Germanisch, Slawisch) mit ihrer ausgeprägten lokalen Variation zu erfassen. Auf der Grundlage von Web-Technologie wird im Projekt VerbaAlpina (https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/) seit 2014 eine entsprechende Methodologie in der Perspektive der Digital Humanities entwickelt.

1. Eine dynamische Disziplin

Die Geolinguistik untersucht die Raumgebundenheit und die räumlich bedingte Variation der Sprachen. Die methodologische Entwicklung der Disziplin – um die wertende Rede von ihrem ‘Fortschritt’ zu vermeiden – spiegelt veränderte Sprachauffassungen ebenso wie den tiefgreifenden Wandel der Medien. Besondere Herausforderungen ergaben sich einerseits aus der kontinuierlich wachsenden Bedeutung, die der Mehrsprachigkeit im Allgemeinen und der mehrsprachigen Kompetenz der einzelnen Sprecher*innen im Besonderen beigemessen wurde  und andererseits aus dem zunehmenden Einsatz von Webtechnologie in der Forschungspraxis.

2. Von der traditionellen Einsprachigkeit zur Mehrsprachigkeit

Die traditionelle Dialektologie1 zielt auf die Beschreibung monodimensional verstandener sprachlicher (dialektaler) Systeme; Variation innerhalb der lokalen Sprachen wird weitestgehend ausgeblendet. Gerade diese Forschungstradition hat in Gestalt der Sprachatlanten eine spezifische und mittlerweile ebenso elaborierte wie differenzierte Form der Dokumentation hervorgebracht. Aber diese Gattung macht auch auf einige nachgerade erstaunliche Beschränkungen aufmerksam (vgl. Krefeld/Lücke 2021):

  1. Die Untersuchungsgebiete der dialektologischen Forschung werden – außer Im Fall lokaler Einzelstudien – üblicherweise nach Maßgabe nationaler und nationalsprachlicher (d.h. politischer) Territorien2 zugeschnitten; das gilt gerade auch im Fall der Regionalatlanten, die Teilen des nationalen Territoriums gewidmet sind  (vgl. z. B. ALG). Dieses Prinzip ist in doppelter Hinsicht fragwürdig:
    - Es verzerrt die Darstellung des romanischen Kontinuums, weil es eine Relevanz der Staatsgrenzen suggeriert; Staatsgrenzen  sind aber allenfalls Grenzen der Standard- bzw. Dachsprachen, die sich gerade nicht auf die Gliederung der überdachten Varietäten abbilden lassen.
    - Es hat zur systematischen Vernachlässigung grenzüberschreitender Areale geführt.
  2. Traditionell nicht romanischsprachige Areale, deren Sprachen auf keinen Fall ‘Dialekte’ der Nationalsprachen sein können,  werden innerhalb nationaler Territorien oft nicht berücksichtigt; das ist wegen der häufig festzustellenden historischen Verschiebung der Sprachgrenzen in Folge von arealem Sprachwechsel unglücklich, denn es erschwert die Dokumentation und Analyse der historischen Sprachkontakts.

Die beiden Punkte sind übrigens starke Argumente dafür, raumorientierte sprachwissenschaftliche Forschung nicht grundsätzlich unter dem engen Begriff der Dialektologie, sondern eher unter dem weiteren Begriff der Geolinguistik zu subsumieren. Im Projekt VerbaAlpina wird das dialektale Lexikon des Alpenraums dokumentiert; der Alpenraum wird über die politischen Gemeinden definiert, die im Perimeter der sogenannten Alpenkonvention liegen. Da in diesem Untersuchungsgebiet die drei großen europäischen Sprachfamilien (Romanisch, Germanisch, Slawisch) seit anderthalb Jahrtausenden in Kontakt stehen, war es weiterhin notwendig die Geolinguistik als interlingual zu spezifizieren.

2.1 Die Modellierung der Mehrsprachigkeit

Auf der Kartenoberfläche wird die Mehrsprachigkeit des Untersuchungsgebiets als synchrones räumliches Nebeneinander der drei genannten Sprachfamilien modelliert (vgl. Interaktive Karte). Auf die Spezifizierung von Einzelsprachen (’Italienisch’) und Dialektzonen (wie z.B. ‘Lombardisch’) wurde dagegen verzichtet; die Bezugsgröße der Georeferenz ist grundsätzlich die politische Gemeinde, d.h. es werden potentiell die lokalen Sprachen (Dialekte) sämtlicher, beinahe 6000 Gemeinden der Alpenkonvention identifiziert. Für zahlreiche Gemeinden sind natürlich de facto  (noch) keine Daten verfügbar. Die Gruppierung der lokalen Sprachen/Dialekte zu regionalen Typen wie z.B. Lombardisch ist zwar ein traditionelles Anliegen der Sprachgeographie, das sich in einigen bekannten Karten niedergeschlagen hat.  Aus einer Bottom Up-Perspektive, die von lokalen Daten ausgeht, ist die dort vorgeschlagene Zonierung jedoch wenig transparent und nicht zielführend. Es steht den Nutzern aber selbstverständlich frei eine eigene Klassifikation vorzunehmen und einen lokalen Dialekt, der z.B. in der Region Lombardia liegt, der zur Alpenkonvention gehört und in VA mit Sprachdaten belegt ist, wie z.B. den Dialekt von Colico am Comersee, als ‘lombardisch’ zu bezeichnen.

Übrigens ist schon die Zuordnung einer Gemeinde zum Gebiet einer der drei Sprachfamilien alles andere als selbstverständlich, denn es werden bereits in der Zusammenschau der unten genannten Quellen historische Verschiebungen sichtbar. Vor allem in Graubünden sind mehrere Orte, die in den Netzen des AIS (Kartensymbol A) und vor allem des DRG (Kartensymbol B) als romanischsprachig geführt werden, mittlerweile zum Deutschen gewechselt, d.h. sie liegen auf der folgenden Karte im grün unterlegten Gebiet. Man beachte, dass alle VA-Karten rein virtueller Natur sind und nur auf den Endgeräten der Nutzer erscheinen; es liegen also keine digitalisierten graphischen Karten zu Grunde, wie es in anderen geolinguistischen Projekten, die online konsultierbar sind, der Fall ist. Die virtuelle Kartographie wurde von Florian Zacherl und vor allem von David Englmeier konzipiert und implementiert.

Sprachwechsel in Graubünden am Beispiel einiger ehemals romanischsprachiger Orte des AIS und des DRG (interaktives Original)

In kontaktlinguistischer Hinsicht bedeutet der Sprachwechsel den lokalen Übergang von einer Adstrat- in eine Substratkonstellation. Es ist jedoch im Hinblick auf das räumlich Nebeneinander der Sprachfamilien und lokalen Sprachen/Dialekte wichtig zu sehen,  dass VA weniger daran interessiert ist im Sinne einer Mosaikdarstellung der Sprachlandschaft lokale oder regionale Sprachgrenzen herauszuarbeiten als vielmehr daran gerade die verbindenden Fugen zwischen den Steinchen, d.h. die gemeinsamen Merkmale zwischen den lokalen Sprachen herauszuarbeiten. Für den spezifisch alpinen Wortschatz wurde in der historischen Sprachwissenschaft der Ausdruck ‘Alpenwörter’ (Link) geprägt:

3. Neue mediale Rahmenbedingungen

3.1 Aggregation unterschiedlicher Typen von Quellen

Alle Probleme, die sich aus dem spezifisch nationalen geographischen Zuschnitt der Untersuchungsgebiete bereits existierender Atlanten ergeben, lassen sich auf der Grundlage webbasierter Vorgehensweise überwinden; denn die erfassten Räume können aggregiert und integriert werden, da es technisch einfach ist die jeweiligen Ortsnetze virtuell miteinander zu verknüpfen. Die folgende Karte zeigt, welche Atlanten in die Dokumentation eingebunden werden konnten. Notwendige Voraussetzung ist die Georeferenzierbarkeit der Sprachdaten. Es darf jedoch nicht verschwiegen werden, dass der Umfang der tatsächlich übernommenen Daten sehr stark variiert: Manche Projekte stellten im Rahmen von Kooperationsabkommen große Mengen zur Verfügung (vorbildlich war insbesondere die Zusammenarbeit mit dem ALD-I und dem ALD-II), andere konnten nur sehr selektiv und mit aufwändiger Handarbeit retrodigitalisiert werden; dafür wurden von Florian Zacherl spezielle Tools (zur Transkription, zur Typisierung usw.) entwickelt.

VA Informanten aus Atlanten (interaktives Original)

Nun gibt es zusätzlich zu den Atlanten im engeren Sinn auch etliche, teils exhaustiv konzipierte Dialektwörterbücher, die in der geographischen Logik eines Atlasses realisiert wurden und alle erfassten Formen spezifischen Orten zuweisen. Diese Wörterbuchdaten werden in VA gemeinsam mit den Atlasdaten visualisiert, wobei es – wie im Fall der Atlanten – sehr umfangreiche Wörterbücher gibt, deren Daten  praktisch nicht verwendbar, weil nicht interoperabel. Dies betraf bis vor kurzem ausgerechnet die Daten des WBOE (rosafarbenes Kartensymbol 'J'), die sehr wichtig sind, da sie das große österreichische Gebiet abdecken, für das keine Atlanten zur Verfügung stehen; in Gestalt des Lexikalischen Informationssystem Österreich (LIÖ, rosa Kartensymbol 'J') deutet sich nun eine Lösung an. Andere, ebenfalls große und interoperable Wörterbücher verdichten Daten in Gebieten, die bereits durch Atlanten erschlossen sind, so der bündnerromanische  DRG (gelbes Kartensymbol 'D'), der tessinische VSI (hellgelbes Kartensymbol 'I') und der Glossaire des patois de la Suisse romande (GPSR). Einen Überblick gibt die folgende Karte:

VA Informanten aus Wörterbücher (interaktives Original)

Weiterhin werden Daten aus einem dritten Quellentyp in VA eingespeist, denn David Englmeier hat ein spezielles Tool für die direkte Erhebung von neuen Sprachbelegen entwickelt (vgl.  Mitmachen). Dieses als Crowdsourcing bekannte Verfahren steht in der aktuellen Projektphase im Zentrum, da es jetzt um die Bezeichnungen moderner Konzepte  geht (Ökologie, Tourismus), die in den traditionellen Atlanten ebenso wie in den allermeisten Wörterbüchern fehlen. Wie die folgende Karte zeigt, ist der Erfolg des Crowdsourcings sehr stark von der jeweiligen Region abhängig; die Gründe dafür sind zwar unklar, aber es ist zu vermuten, dass in den französischen Westalpen die Erosion der Dialektkompetenz in der Altersgruppe mit der stärksten Internetaffinität eine große Rolle spielt (#vgl. dazu demnächst BC/AR)#.

VA Informanten aus der Crowd (28.9.2021, interaktives original)

3.2 Technische Verknüpfung der Sprachen/Dialekte

Entscheidend für die synoptische Darstellung von Formen aus den unterschiedlichen Sprachen und Sprachfamilien ist ihre Verknüpfung in der Struktur des Datenbestands. Sie erfolgt in zweifacher und komplementärer Hinsicht, nämlich auf der Ebene der sprachlichen Bezeichnungen und auf der Ebene der außersprachlichen Sachverhalte (KONZEPTE).

3.2.1 Ebene der sprachlichen Bezeichnungen

Auf der Ebene der sprachlichen Formen werden die zahlreichen Belege typisiert, d.h. die rein phonetischen Varianten werden zu morpho-lexikalischen Typen gruppiert, die auf der Nutzeroberfläche gesucht werden können. Diese Typen sind spezifisch für eine der drei Sprachfamilien; falls möglich repräsentieren die Varianten der großen Nationalsprachen Französisch und Italienisch die Menge aller Varianten eines Typs. So liefert die Suche nach fra. beurre / it. burro eine Karte mit 718 Varianten (in Version 21/1), die jeweils durch Anklicken des Symbols eingesehen werden können:

der morpho-lexikalische Type beuerr/burro (roa) (interaktive Originalkarte)

Darunter sind auch die entsprechenden Formen der romanischen Kleinsprachen, wie z.B. botiro im Ladinischen von Moena  (Fassatal) oder friaulisch butiro   in Clauzetto. Die Kategorie des morpho-lexikalischen Typs funktioniert also bereits interlingual im Rahmen einer Sprachfamilie.

Nun gehören offensichtlich auch deu. Butter und dialektal slowenisches put(e)r zu dieser Gruppe, allerdings muss es sich bei entsprechenden germanischen und slawischen Formen um Entlehnungen aus dem Romanischen handeln.  Solche Typen, die in mehr als einer Sprachfamilie belegt sind, werden in VA als ‘Basistypen’ gefasst.  Sie werden durch die jeweils identifizierbare etymologische Ausgangsform repräsentiert, im Fall von fra. beurre, deu. Butter usw. ist das lat. butyrum (eigentlich ein griechisches Lehnwort). Die Suche nach diesem Basistyp produziert eine Karte mit den zugehörigen Formen in allen relevanten Sprachfamilien:

der Basistyp. lat. butyrum (interaktive Originalkarte)

Obwohl der Basistyp etymologische Zusammenhänge identifiziert, seien sie nun erbwörtlicher oder entlehnungsgeschichtlicher Natur, wurde ausdrücklich Wert darauf gelegt, ihn nicht als ‘Etymon’ bzw. als ‘etymologischen Typ’ zu bezeichnen. Denn die Zuordnung des Basistypen sagt noch nichts über die Wortgeschichte der zugeordneten Typen aus den unterschiedlichen Sprachfamilien aus.

3.2.2 Ebene der Konzepte

Falls an der Nutzeroberfläche ein Konzept gesucht wird, liefert das System alle erfassten sprachlichen Bezeichnungstypen.

Bezeichnungen des Konzepts BUTTER (unvollständige Legende; interaktive Originalkarte)

Unter den sehr zahlreichen Bezeichnungen ist auch der germanische Basistyp Schmalz, der – in umgekehrter Entlehnungsrichtung wie der Basistyp butyrum – aus dem Deutschen ins Romanische gelangt ist, wie der Legende hervorgeht:

Ausschnitt aus der Legende von Karte ## (interaktive Originalkarte|https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3972&layer=4]])

Die ethnographischen Hintergründe der gegenläufigen Entlehnungen (Lat.-Rom. → Deu. vs. Deu → Lat.-Rom.) müssen hier nicht im Detail ausgeführt werden. Es reicht festzuhalten, dass sich dem Anschein nach die Herstellung des Produkts (BUTTER) ausgehend vom Lat.-Rom. Gebiet verbreitet. Vom Deutschen ist dagegen das Auslassen der Butter (SCHMELZEN → SCHMALZ) , analog zum Auslassen des tierischen Fetts, vor allem des Schweinfetts als Konservierungstechnik der kaum haltbaren frischen Butter zu den Romanen gekommen (vgl. auch das so motivierte Kompositum Butterschmalz). Ähnlich sind sich die beiden Produkte BUTTER und SCHMALZ im Übrigen auch in anderer Hinsicht, etwa im hohen Fettgehalt (vgl. den lat. Basistyp unctum, dessen  romanischen Kognaten ebenfalls beides bezeichnen (vgl. Karte Basistyp lat. unctum.

Entscheidend ist nun, dass sich Im Hinblick auf die konzeptgeleitete Verknüpfung von Bezeichnungen mehrerer Einzelsprachen in den letzten Jahren vollkommen neue Optionen ergeben haben. Durch die mittlerweile zur Verfügung stehenden, sehr umfangreichen, Bestände von sachbezogenen Normdaten lassen sich Konzepte ganz unabhängig von den sprachlichen Bezeichnungen relationieren und als autonomer Referenzbereich strukturieren; am weitesten fortgeschritten aber linguistisch allenfalls in Ansätzen genutzt sind die sogenannten ‘Datenobjekte’ des Wikidata-Projekts (vgl. Krefeld 2021d). Dabei handelt es sich um Identifikatoren (QIDs), mit denen die enzyklopädischen Inhalte der Wikipedia identifiziert werden. Die  entsprechende QID für BUTTER (zugänglich über den Button ‘Wikidata-Datenobjekt’ in der linke Menüspalte des Wikpedia-Eintrags Butter)  lautet Q34172. Aus diesem Wikidata-Eintrag geht hervor, das es in 141 Sprachversionen der Wikipedia Artikel zu dem Konzept BUTTER gibt (Stand vom 2.11.2021); alle diese 141 Artikel referenzieren auf die genannte ID. Darunter sind auch etliche Versionen aus romanischen Sprachen, historisch wichtige Vorgänger- und Bezugssprachen sowie zahlreiche europäische und koloniale Entlehnungen aus dem Romanischen: 

Romanische Bezeichnungen europäische Entlehnungen
Herkunftssprachen Entlehnungen im kolonialen Kontext

Eine analoge Tabelle ließe sich auch für den Wikidata-Eintrag SCHMALZ (lard (Q72827)) zusammenstellen, in der sich Sprachversionen mit Bezeichnungen finden, die offenkundig auf die Übertragung der Bezeichnungen von BUTTER zurückgehen, so asturisch mantega de gochu, wörtlich ‘Butter vom Schwein’  oder span. manteca de cerdo, wörtlich ebenfalls ‘Butter vom Schwein’. Wichtig für die Organisation der onomasiologischen – oder informationstechnisch gesagt: ontologischen – Einheiten ist ihre Verknüpfung in Gestalt von dreigliedrigen Prädikatsausdrücken oder: Tripeln (so genannten ‘statements’), die im Wikidata-Projekt vorgenommen wird. Im Fall unserer Beispiele BUTTER und SCHMALZ finden sich (Stand vom 7.11.2021) u.a. folgende ‘statements’:

butter (Q34172) instance of (P31) food ingredient (Q25403900)
subclass of (P279) dairy product
edible fats and oils (Q912613)
lard (Q72827) instance of (P31) chemical substance (Q79529)
food ingredient (Q25403900)
subclass of (P279) edible fats and oils (Q912613)
die Wikidata-Statements zu den Konzepten BUTTER und SCHMALZ

Diese  Tripel leisten einen fundamentalen Beitrag zum sogenannten Semantic Web, denn sie sind in das dafür erforderliche Format der RDF-Tripel überführbar. man beachte, dass es sich aus linguistischer Sicht gerade nicht um ein ‘semantisches’ (sprachgebundenes), sondern um ein onomasiologisches (sprachunabhängiges) Netz handelt. Es ist offensichtlich, dass elementare Gemeinsamkeiten der beiden Konzepte bereits zum Ausdruck kommen. Die Wikidata-Datenbank ist durch eine formale Sprache (SPARQL) abfragbar, so dass potentielle semantische Gemeinsamkeiten zwischen den Bezeichnungen und die darauf beruhenden Übertragungen durch semantische Prozesse (Metaphern, Metonymien, Meronymien, taxonomische Verschiebungen) gewissermaßen vorhersehbar bzw. motivier- und nachvollziehbar sind. So ergibt die Suche nach den ‘subclasses’ von ‘edible fats and oils’ die folgende Liste:

 wd:Q4287 Margarine
 wd:Q34172 Butter
 wd:Q72827 Schmalz
 wd:Q427457 Speiseöle
 wd:Q1194601 Shortening
 wd:Q1423543 Tierfett
 wd:Q1727434 Streichfett
 wd:Q2310378 Horse fat
 wd:Q11870297 Pflanzenfett
 wd:Q68187377 Gänsefett

3

Nicht weniger offensichtlich ist jedoch auch die Tatsache, dass  wichtige Unterschiede wie die Arten der Produktion (SCHLAGEN VON RAHM im Fall von BUTTER und ERHITZEN im Fall SCHMALZ) oder die dafür benutzten Geräte (z.B. das BUTTERFASS) nicht abgebildet werden, obwohl das mindestens teilweise schon möglich wäre, da QIDs zur Verfügung stehen. Die Unterschiede schlagen sich ja auch in semantischen Prozessen nieder (pignatta, bündnerrom. pischada < lat. *pisiare ‘stampfen’; vgl. die interaktive Karte pischada). Daraus ergibt sich der Appell an einschlägige sprachwissenschaftliche Projekt, die Wikidata-Statements im jeweiligen thematischen Rahmen systematisch zu ergänzen.  

4. Stratigraphische Wortgeschichte

Die eigentliche wortgeschichtliche Zusammenhang des Basistyps mit den zugehörigen morpho-lexikalischen Typen muss vielmehr vom dem Hintergrund der sprachlichen Stratigraphie des Alpenraums erarbeitet werden. In dieser diachronen Perspektive kommt dem lateinisch-romanischen Stratum eine besondere Bedeutung für den Alpenraum zu. Denn seit 15 n.Chr. gehörte das gesamte Gebiet zum Römischen Reich: Im Gefolge der Romanisierung verschwanden alle vorrömischen Sprachen. Ein Teil wurde nach Zusammenbruch der römischen Infrastruktur (476 n.Chr.) germanisiert, ein anderer slawisiert – dort ist das Lateinisch-Romanische also Substratsprache; das Slawische ist teils auch vom Germanischen verdrängt  worden und in diesen Gegenden ebenfalls zum Substrat geworden.  Das Germanische war zudem im romanisch gebliebenen Alpengebiet ebenso wie im slawisierten Teil mehr oder weniger lang und in ganz unterschiedlicher sprachlicher Gestalt (Gotisch, Langobardisch, Bairisch bzw. bairisch geprägtes Hochdeutsch) Superstrat. Elemente der vorrömischen Sprachen sind im Lexikon und in Toponymie der gesamten Raum deutlich erkennbar (vgl. Krefeld 2020c) deutlich erkennbar; sie sind mit der allergrößten Wahrscheinlichkeit jedoch indirekt, d.h. über das Lateinisch-Romanische ins Alpengermanische bzw. ins Alpenslawische gelangt.

AKTUELLE AREALE Romanisch Germanisch (Deu.) Slawisch (Slow.)
ÖST. DEU. SUPERSTRAT
GERM. SUPERSTRAT SLAW. SUB.
ROMANISCHES SUBSTRAT
SPÄTANTIKE AREALE Lateinisch-Romanisch
VORRÖMISCHE SUBSTRATE
Sprachliche Stratigraphie des Alpenraums (vereinfachtes Schema)

Die Kontaktszenarien sind also vielfältig  und müssen jeweils ‘von Hand’ aufgearbeitet werden. Im Fall des oben bereits erwähnten Basistyps lat. butyrum (n.) ergibt sich abschließend etwa das folgende stratigraphische Schema:

AKTUELLE AREALE Romanisch
(1) beurre/burro (m.)
(2) butirro (m.)
Germanisch (Deu.)
die Butter (f.)

Slawisch (Slow.)
puter (Dial.)
der Butter (m.) ÖST. DEU. SUPERSTRAT ↑
↑ (2)
↑ ROMANISCHES SUBSTRAT
SPÄTANTIKE AREALE Varianten (1) bútyrum (2) butȳrum – Lateinisch-Romanisch
Stratigraphie des Basistyps lat. butȳrum (nicht relevante Strata ausgeblendet)

  1. Damit sind die klassischen Atlanten der ‘ersten Generation’ gemeint; zur historischen Modellierung der Dialektologie nach Generationen vergleiche Krefeld/Lücke 2021

  2. Die Opposition von staatlich institutionalisierten und oft offizialisierten Sprachterritorien einerseits und nicht institutionalisierten Spracharealen andererseits wurde in Krefeld 2004a, 23 f., vorgeschlagen. Beide kommunikationsräumliche Kategorien (sowohl die sprachliche Territorialität wie die sprachlich Arealität) sind  sprachsoziologisch zu verstehen und keineswegs verhaltensbiologisch im Sinne eines instinktiven, genetisch konditionierten Revierverhaltens. Ganz unabhängig von der Frage, ob es sinnvoll ist, der Spezies Homo sapiens ein solches Verhaltensmuster zuzumuten, ist es nicht die Aufgabe moderner demokratischer Staatswesen quasi biologische Kategorien in die Organisation des sozialen Raums einzuschreiben. Institutionen sind historisch-kultureller Natur und dementsprechend grundsätzlich nicht deterministisch, sondern regulativ und veränderlich. Auch Mehr- und Vielsprachigkeit kann und soll selbstverständlich in territorialer Weise geregelt werden. Reviere sind ausgrenzend – staatliche Territorien können und sollten integrativ definiert sein. 

  3. Die Abfrage lautet:
    SELECT ?item ?itemLabel
    WHERE
    {
    ?item wdt:P279 wd:Q912613.
    SERVICE wikibase:label { bd:serviceParam wikibase:language "[AUTO_LANGUAGE],en". }


Bibliographie

  • AIS = Jaberg, Karl / Jud, Jakob (1928-1940): Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz, Zofingen, vol. 1-7
  • ALD-I = Goebl, Hans (1998): Atlant linguistich dl ladin dolomitich y di dialec vejins I, vol. 1-7 (sprechend: http://ald.sbg.ac.at/ald/ald-i/index.php), Wiesbaden, vol. 1-7, Reichert. Link
  • ALD-II = Goebl, Hans (2012): Atlant linguistich dl ladin dolomitich y di dialec vejins, 2a pert, vol. 1-5, Editions de Linguistique et de Philologie
  • ALG = Séguy, Jean (1973): Atlas linguistique de la Gascogne, Toulouse, vol. 6, Inst. d'Études Mérid. de la Fac. des Lettres [u.a.]
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  • GPSR = Gauchat, Louis (Hrsg.) (1924ff.): Glossaire des patois de la Suisse romande, Genève [u.a.], Droz [u.a.]
  • Krefeld 2004a = Krefeld, Thomas (2002): Einführung in die Migrationslinguistik. Von der Germania italiana in die Romania multipla, Tübingen, Narr
  • Krefeld 2020c = Krefeld, Thomas (2020): Polystratale und monostratale Toponomastik – am Beispiel der Romania Submersa und der Insel La Réunion, Version 4 (02.04.2020, 11:26), München, in: Korpus im Text. Link
  • Krefeld 2021d = Krefeld, Thomas (2021): Wikidata – semiotisch: Mit Roland Barthes im Internet, München, in: Korpus im Text, Serie A, 71498. Link
  • Krefeld/Lücke 2021 = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan (2021): (Unsere) Prinzipien der virtuellen Geolinguistik. Link
  • LIÖ = Lenz, Alexandra N. (o.J.): Lexikalisches Informationssystem Österreich (LIÖ). Link
  • VSI = Sganzini, Silvio (1952ff): Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana, Lugano, Tipografia la Commerciale
  • VerbaAlpina = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan (2014-): VerbaAlpina. Der alpine Kulturraum im Spiegel seiner Mehrsprachigkeit, München. Link
  • WBOE = Bauer, Werner/ Kranzmayer, Eberhard. Institut für österreichische Dialekt- und Namenlexika (Hrsg.) (1970–): Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich, Wien, Verl. der Österr. Akad. der Wiss.

Neues von den Sprach- und Sachatlanten – anlässlich des Atlas des Patois Valdôtains (APV/1) (Zitieren)

Thomas Krefeld
(3819 Wörter)

Favre, Saverio / Raimondi, Gianmario  (eds.), Atlas des Patois Valdôtains. APV/1 – Le lait et les activités laitières, Arvier, Le Château, 2020, 112 Karten, 241 p.

1. Der geolinguistische Forschungshorizont

Die Geolinguistik – um den zu engen Ausdruck Dialektologie zu vermeiden – hat in der Geschichte der Sprachwissenschaft eine überaus wichtige, von manchen stark unterschätze Rolle gespielt. Das gilt nicht nur im Hinblick auf ihre ganz spezifischen Produkte – in erster Linie Lexika und Atlanten – sondern in ganz besonderem Maße für die Entwicklung und Reflexion grundlegender Methodologien, aus denen die Produkte hervorgehen konnten. So lässt sich der Horizont der geolinguistischen  Forschungstraditionen mit den im Folgenden genannten ‘Landmarken’ und einigen zugehörigen Pionierarbeiten abstecken, an denen sich nicht selten dann auch andere sprachwissenschaftliche Subdisziplinen orientierten.

1.1. Die Anfänge der Dialektologie stehen zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zeichen der Lexikographie: Mit nur geringer Differenz erscheinen der  Vocabolario milanese-italiano von Francesco Cherubini (1814) das Bayerische Wörterbuch von Johann Andreas Schmeller (1827-1837) und im Unterschied zur bereits etablierten Lexikographie liegen diesen beiden wichtigen Referenzwörterbüchern die Erhebungen gesprochener Daten zu Grunde. Damit stellten sich den Autoren bereits alle einschlägigen Fragen der Selektion und Repräsentativität der Informanten. Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft, die im 19. Jahrhundert zum dominanten  Forschungsparadigma avancierte, verstand sich dagegen philologisch und arbeitete auf der Grundlage möglichst alter, schriftlich überlieferter Texte.

1.2. Der Anspruch auf ethnographische Kontextualisierung wird im Titel von Weigand 1892 explizit erhoben; inhaltlich liegt er identischer Weise aber bereits in Weigand 1888 vor. Entschieden in den Vordergrund gerückt wird die Ethnographie in Wagner 1921 und mit den systematischen Erhebungen des AIS (verstärkt seit 1920) wird die kombinierte Sach- und Sprachforschung zum festen dialektologischen Paradigma, in dem die Semasiologie und die Onomasiologie – ganz im Unterschied zum ALF – mit derselben Sorgfalt differenziert dokumentiert werden: Die alltagsweltliche Kontextualisierung der Sprachdaten gilt hier als unumgänglich. Kaum Berücksichtigung fand die Ethnographie dagegen in weiten Teilen der germanistischen Dialektologie, die der Tradition von Wenker verhaftet blieb – der SDS und der VALTS sind in dieser Hinsicht untypisch, da sie den romanistischen Atlanten näherstehen.

1.3. Mit dem Intstrument des Fragebuchs konstruierten die Sprachatlanten (seit dem ALF) einen onomasiologischen Hintergrund, auf den sämtliche Sprachdaten bezogen werden konnten; so wurde systematische Vergleichbarkeit zwischen den Aufnahmepunkten ermöglicht; ein meist übersehener, innovativer Vorläufer war Francesco Cherubini 1814, der bei den Erhebungen für sein Wörterbuch die außerordentlich detaillierten Illustrationen aus den Abbildungsbänden (Planches) der Encyclopédie von D'Alembert und Diderot als Stimuli benützte:

„chiamai spesso a consulta varj artisti; e mostrando loro sulle tavole dell’Enciclopédie i varj utensili dell’arte loro, almeno dei principali fra questi mi feci dire da essi i nomi vernacoli; ed io quindi coll’ajuto de’ termini francesi usati dall’Enciclopedia stessa cercai e rinvenni per la maggior parte gli equivalenti toscani.“ (Cherubini 1814, XIII, Anm.)

1.4. Zum Netz des AIS gehören neben romanischen Aufnahmeorten auch einige albanische und griechische Punkte, so dass Sprachkontaktszenarien erfasst werden. Die allermeisten Sprachatlanten haben sich dieses wichtige Prinzip jedoch selbst dann nicht zu eigen gemacht, wenn  ihre Untersuchungsgebiete sich traditionell durch Mehrsprachigkeit auszeichnen; immerhin werden im ALS auch Siculoalbaner (Arberësh) und im AsiCa Sprecher im extraterritorialen (post)migratorischen Kontext berücksichtigt.

1.5. Die Systemlinguistik und formal-universalistisch ausgerichtete Ansätze, die im 20. Jahrhundert im Vordergrund standen, waren nicht per se an der Variation der sprachlichen Einheiten interessiert und benötigten daher keine sehr umfassenden Korpora. Außerdem gilt der Bezug auf die außersprachliche, kulturell geprägte Realität für alle diejenigen als irrelevant, die an eine Isolierbarkeit sprachlicher Strukturen im Sinne einer ‘internen’ Sprachwissenschaft bzw. Sprachgeschichtsschreibung glauben. Dadurch geriet die Dialektologie – in der Außenwahrnehmung – in einen klaren Gegensatz zu diesen oft als prestigereicher angesehenen sprachwissenschaftlichen Subdisziplinen. Andererseits entstand mit zunehmend umfangreichen Datenbeständen ein schärferes Bewusstsein der multidimensionalen Markiertheit sprachlicher Varianten, das erstmals im ADDU, dann im ALS und im MRhSA zu einer komplexeren Modellierung des sprachlichen Raums führte.

1.6. Die Relativierung systemlinguistischer und exklusiv ‘interner’ Konzeptionen stand in engem Zusammenhang mit der methodologischen Neubewertung des individuellen Sprechers und seines vorwissenschaftlichen Sprachwissens; so entstand komplementär eine perzeptive Dialektologie (vgl. Preston 1982 und Postlep 2010), deren Tests einen Zugang zur Kognition der Variation (vgl. Krefeld/Pustka erscheint) vermitteln.

1.7. Um der Allgegenwart sprachräumlicher Variation zu begegnen, entwickelte die Geolinguistik ein emphatisches Verhältnis zur Empirie im Allgemeinen und zum mündlich elizitierten Einzeldatum im Besonderen. Es war daher selbstverständlich sehr früh digitale Techniken zu nutzen; Pionierarbeit leistete in der Romanistik der ALD.

Der skizzierte geolinguistische Forschungshorizont lässt sich nun wie folgt schematisieren:

Der geolinguistische Forschungshorizont mit einigen Pionieren

Die zuletzt genannte Digitalisierung eröffnet allerdings vielfältige Optionen und erfordert eine Spezifizierung, denn der systematische Einsatz von Web-Technologie hat fundamental andere Rahmenbedingungen für die Wissenschaftskommunikation hervorgebracht:

  • Durch die Einbindung von Audiofiles können Daten gesprochener Sprache medial authentisch wiedergegeben werden (vgl. ALD, AdA, AsiCa u.a.); so können auch reine Audio-Archive allgemein zugänglich gemacht werden (vgl. exemplarisch das toskanische Gra.fo);
  • die Erhebungen selbst können mittels  Crowdsourcing auf Forschungsplattformen bewerkstelligt werden (vgl. AdA, ALIQUOT, VerbaAlpina u.a.);
  • auch große Datenmangen lassen sich auf der Basis von Datenbanken analysieren, kartieren und in anderer Weise visualisieren (vgl. ALD und als Vorläufer ALG);
  • die Onomasiologie wird mittels Normdaten auf eine radikal sprachunabhängige und (im informationstechnischen Sinn) ontologische Basis gestellt (vgl. VerbaAlpina);
  • Datenbestände einzelner Projekte lassen sich (auch noch im Nachhinein) aggregieren und   und mit den Beständen anderer Projekte großräumig verknüpfen (vgl. VerbaAlpina).

Schematisch ergibt sich sich damit für die web-basierte Geolinguistik der folgende virtuelle Horizont:

Horizont der web-basierten Geolinguistik

2. Konzeption

Selbstverständlich, möchte man sagen, entsprechen die aktuellen geolinguistischen Projekte nicht allen Anforderungen gleichermaßen; vielmehr bewegen sie sich in der Regel in einem verengten Horizont. Im Fall des APV/1 wird er durch die Bereiche 1.1.-1.4. begrenzt, mit einem ganz klaren Fokus auf 1.2: In dieser ethnographischen Hinsicht wurden zweifellos neue Maßstäbe gesetzt. In 112 thematischen Artikel werden die folgenden vier Gebieten behandelt: La traite (Kap. 1-19), Entre l’étable, la cave et la fruitière (Kap. 20- 48), Le beurre (Kap. 49-73), Le sérac et les produits dérivés des petits-laits (Kap, 74-112) (Link). Zu Grunde lag das Fragebuch von Gaston Tuaillon, das auch für den ALJA und den ALEPO verwandt wurde (10). Das Ortsnetz besteht aus 22 Punkten, von denen jeweils 2 in angrenzenden Gegenden Frankreichs, des Piemont und im Wallis liegen. Befragt wurden pro Ort mehrere Informanten, aber biographische Details erfährt man nicht. 

Sehr überzeugend sind die Anlage des gesamten Bandes (mit sehr differenzierten lexikologischen Indizes) sowie die Gestaltung der einzelnen Kapitel, in denen systematisch Kartographie und sprachwissenschaftlicher Kommentar kombiniert werden. Im Zentrum stehen jeweils eine analytische Karte und ein Text, der die erhobenen Belege typisiert und lexikologisch, d.h. phonetisch, semantisch, onomasiologisch und etymologisch analysiert. Womöglich wird der jeweilige Typ im Kontext kurzer Ethnotexte belegt, die bei der Datenerhebung mit den Informanten aufgenommen wurden. Es wäre erfreulich, wenn sich diese, in der italienischen Dialektlexikographie seit längerem bewährte Dokumentationstechnik (vgl. exemplarisch Sottile 2002) grundsätzlich als Standard etablieren würde. Die sachliche Beschreibung wird durch Zeichnungen und Fotos unterstützt. Weiterhin wird die dokumentierte lexikalische und phonetische Variation durch kleinere, aber sehr prägnante synthetische Karten  visualisiert. Das Fehlen eines vergleichbaren Apparats macht die meisten bislang publizierten Sprachatlanten zu Instrumenten des Wissenschaftlers, obwohl der Kreis der Interessenten in den Sprechergemeinschaften ganz eindeutig darüber hinaus geht. Begrüßenswert war auch die Entscheidung die ursprünglich vorgesehene Transkription nach dem System des ALF bzw.  von Rousselot durch eine IPA-Transkription zu ersetzen; schließlich  freut sich der Leser während der Lektüre über das lose eingelegte Faltblatt mit vollen Ortsnamen, den Siglen, Abkürzungen und dem Transkriptionssystem. Alles wurde unter der Prämisse ein gedrucktes Buch zu publizieren durch und durch vernünftig eingerichtet.

Anlässlich der Buchpräsentation wurde jedoch explizit und nachdrücklich der unbedingt vorbildliche Anspruch formuliert auch für Laien und insbesondere für die Sprecher*innen selbst verstehbar zu sein:

«I 112 articoli principali che compongono il volume esplorano le “parole” e le “cose” di un settore fortemente caratterizzante la cultura materiale alpina tradizionale: la filiera del latte. Lo fanno tenendo certamente presente la tradizione scientifica consolidata della geolinguistica delle lingue romanze, ma con una particolare attenzione anche alla “divulgazione” dei contenuti scientifici, al loro riutilizzo come tema di interesse nella scuola valdostana, alla loro “restituzione” alla comunità locale (patoisante e non) che ne è, a ben vedere, la prima proprietaria." (Quelle)

Gemessen an dieser Absicht ist nun die grundsätzliche Entscheidung  für eine gedruckte, buchförmige Publikation nur schwer nachvollziehbar. Denn einer der unbestreitbaren Vorzüge der Web-Publikation besteht ja gerade in ihrer vollkommen uneingeschränkten Verfügbarkeit für sehr unterschiedliche Nutzergruppen.##

- von den anderen Optionen, wie z.B. der Möglichkeit auch Audiomaterial einzubinden, den Datenbestand kontinuierlich zu erweitern und/oder zu verknüpfen einmal ganz abgesehen.

3. Diskussion

Der zugänglich gemachte lexikalische Bestand ist zwar noch recht übersichtlich, aber allemal hinreichend, um das Aostatal als Schnittpunkt vollkommen unterschiedlicher Wortareale zu profilieren. Sie ließen sich auf ein Kontinuum abbilden, dass von ganz lokaler Verbreitung in einem womöglich kleinen Teil des Aostatals (z.B. guieppé ‘melken’, Kap. 1-8) bis zu weiträumiger Verbreitung reicht (z.B. lat. FORMATICU, Kap. 1-82) . Nach Maßgabe ihrer sprachgeschichtlichen Transparenz repräsentieren die erfassten Worttypen jeweils die raumprägenden historischen Konstellationen und leisten einen substantiellen Beitrag zur Stratigraphie des Valdostanischen und mittelbar des gesamten Alpenraums, da sie nicht selten über die Grenzen der Sprachfamilien hinweg reichen. Einige stratigraphische Leitwörter des APV/1 sollen m Folgenden skizziert werden.

3.1 Das lateinisch-romanische Stratum

Die Schlüsselrolle spielt dabei das lateinisch-romanische Stratum, da es als einziges die heute romanischen, germanischen (d.h. deutschsprachen) und slawischen (d.h. slowenischsprachigen) Teilgebiete verklammert: Manche lateinische Typen haben sich (mehr oder weniger weit) einerseits in den heute romanischsprachigen Regionen erhalten und wurden andererseits in den nachmalig germanisierten bzw. slawisierten Regionen als Substratwörter entlehnt. In analoger Weise hat das lateinisch-romanische Stratum darüber hinaus vorlateinische Substratwörter an die drei Sprachfamilien vermittelt. Ein prototypisches Alpenwort des lateinisch-romanischen Stratums ist lat. excocta, das nominalisierte Partizip Perfekt des Verbs excoquere ‘herauskochen’. Es bezeichnet im APV-Gebiet gewissermaßen ein finales Produkt der Milchverarbeitung, nämlich die Restflüssigkeit (valdost. écouette), die nach der zweiten Gerinnung ('Scheidung') bei der Herstellung der ricotta (alem. Ziger)  übrigbleibt (Kap. 1-100). Zum sachlichen Verständnis ist es angebracht, die Milchverarbeitung sehr stark vereinfacht zu schematisieren:  Die Vollmilch wird entweder entrahmt oder zur Gerinnung gebracht; diese erste Gerinnung erlaubt die Trennung von Frischkäse (Kasein und Fett) und flüssiger Molke; aus der Molke wird dann durch eine zweite Gerinnung bei starker Erhitzung ricotta (Albumin und sehr geringes Restfett) gewonnen; die verbleibende Flüssigkeit enthält praktisch kein Eiweiß und kein Fett mehr. Traditionell gewinnt man aus ihr das saure Gerinnungsmittel für die Ricottaherstellung.   

MILCH → entrahmen RAHM schlagen FESTSTOFFE → BUTTER
FLÜSSIGKEIT → BUTTERMILCH
MAGERMILCH gerinnen lassen FESTSTOFFE →  MAGERKÄSE
FLÜSSIGKEIT
→ erwärmen,
gerinnen lassen,
zerkleinern
= 1. Scheidung
FESTSTOFFE frische Käsemasse,
formen, reifen lassen
→ FETTKÄSE
FLÜSSIGKEIT stark erhitzen,
gerinnen lassen,
zerkleinern
= 2. Scheidung
FESTSTOFFE ita. ricotta, fra. sérac
valdost. brossa
FLÜSSIGKEIT

Sowohl die Flüssigkeit als auch die Feststoffe (ricotta und brossa) werden also buchstäblich ’herausgekocht‘; deshalb ist es nicht überraschend, dass Kognaten von excocta in anderen Alpendialekten auch die Feststoffe bezeichnen. Je nach Gegend stehen sie aber auch noch für weitere Produkte der Milchverarbeitung, die – wie die vorhergehende Skizze zeigt – alle in metonymischer Relation zu einander stehen (Karte 1 – im Anhang – zeigt die APV/1-Belege im alpinen Kontext). 

 

#hier Karte 1 excocta##

interaktive Originalkarte|https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3488&layer=4

Das semantische Spektrum und die Verbreitung zeigen, dass lat. EXCOCTA zum ethnolinguistischen Grundbestand der panalpinen Terminologie gehört.

3.2 Das vorlateinische Substrat

Mutmaßliche Substratwörter sind byetsé 'melken' (< gallisch blĭgicare, Kap. 1-8), das auch im Alemannischen weit verbreitet ist (vgl. blĭggen, Idiotikon, 5, 45) oder brossa ‘Eiweißteilchen, die bei Erhitzen der Molke aufsteigen’ ( < gallisch *brottiare, Kap. 1-76 E).

#vgl. Karte 2 im Anhang: Verbreitung des Typs lat. *BROTTIARE (interaktive Originalkarte unter https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3490&layer=4 ) Bilder)#

Der Typ brossa ist auch über die Westalpen hinaus im Okzitanischen und Korsischen verbreitet (vgl. südfranz./prov. brousse, korsisch brocciu usw.) Nach Korsika ist er aber wohl mit den westligurischen Siedlern gekommen. In Westligurien ist er seit dem 13. Jahrhundert belegt, wie die folgenden Beispiele1 zeigen. Man beachte, dass die latinisierten Formen dort stets in Verbindung und offenkundig im Kontrast zu Bezeichnungen von KÄSE stehen, der entweder als caseus oder mir einer ebenfalls typisch westalpinen Variante als fructus bzw. frux bezeichnet wird:

  • caseum vel brucium; caseos vel bruceum (Cosio, 1297);
  • caseum, brusum vel carnes salsas (Sanremo 1453);
  • fruges, ova, pissizorias, brucium, perdices, polagium (Albenga 1350);
  • fruges, ova, pissizorias, brocium, perdices, polagium (Albenga 1350);
  • aliquos fructus seu fruges, presinsoriam, bruzium, perdices, polagium (Albenga 1519);
  • rubos quatuor companagii, videlicet bruzii et cazeorum (Albenga 1544)
  • obsonium, bruceum et caseus et alie res que venduntur ad minutum (Triora 1592).

Auch im Gebiet des APV bezeichnen Kognaten von fructus und Ableitungen wie fruitière, fruiterie kollektiv die Produktion der almwirtschaftlichen Milchverarbeitung (Kap. 1-112; vgl. auch TLFi s.v. fruitier). Einen Eindruck der Verbreitung gibt die folgende Karte (ohne die APV/1-Belege):  

#vgl. Karte 3 im Anhang: Verbreitung des Typs lat. *BROTTIARE (interaktive Originalkarte unter https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3490&layer=4 ) Bilder)#

3.3 Das germanische Superstrat

Ein prototypisches Superstratwort ist valdostanisch brela, bzw. der Diminutiv  brelon, (Kap. 1-9) ‘einbeiniger/dreibeiniger Melkschemel’.  Zu Recht wird u.a. auf FEW XV/1, 272 verwiesen, wo der Typ auf ein rekonstruiertes got. *bridilô zurückgeführt wird (und nicht auf mhd. brëtel ‘kleines Brett’, wie das Lemma des FEW in etwas unglücklicher Weise suggeriert). Der Typ entspricht dem ita. predella ‘Fußbänkchen, Schemel’, das in Italien  bis in die Toskana weitverbreitet ist (vgl. TLIO, s.v. predella (link); dieser Typ wird wegen des stimmlosen Anlaut [pr-] jedoch im LEI und im DELI als langobardische Entlehnung gedeutet. Über das Aostatal hinaus scheint er jedoch im Frankoprovenzalisch und in den sich anschließenden fr. Dialekten nicht verbreitet zu sein. Auch in den alemannischen und bairischen Mundarten finden sich keine Entsprechungen; deu. Schemel führt ja seinerseits einen lat.-romanischen Diminutiv von lat. scamnum (> ita. scanno) fort und keine germanische Wurzel (eine Parallelform zu Schemel ist ita. sgabello).

#vgl. Karte 4  *bridilô im Anhang#

Nicht als Germanismus geführt wird dagegen bεt 'Kolostrum': «l'étymon est controversé, mais sans doute à relier avec les formes anciennes ou régionales comme beter ‘se figer, se coaguler’ et béton ‘premier lait’ (cf. GPSR II, 298b, FEW I, 345 *BETTARE et TLFi béton. Der zitierte FEW-Artikel ist jedoch ein wenig unentschieden: Er fragt am Ende «Woher stammt *bettare?» und gibt gleichzeitig den Hinweis «Zur etymologie vgl. *BEOST». Im Hinblick auf das valdostanische und frankoprovenzalische bεt läge es nun semantisch und morphologisch viel näher, direkte Herkunft von altniederfränkisch *beost (vgl. deu. Biest(milch)) link anzunehmen; dieser Typ ist in der östlichen Galloromania vom Frankoprov. bis ins Wallonische sowie im gesamten Süddeutschen Raum verbreitet. Er fehlt dagegen östlich vom Aostatal im romanischen Alpengebiet, so dass man an eine Superstratentlehnung aus merowingischer Zeit denkt, denn das Aostatal und die Westalpen gehörten seit 575 zum Merowinger Reich, während der Rest Oberitaliens langobardisch blieb (Link).

#vgl. Karte 5 im Anhang *beost#

3.4 Die französische Dachsprache

Der Typ bidongroßer, zylindrischer Milcheimer aus Blech, mit Deckel’ (Kap. 1-38) zeigt weiterhin, dass sich auch rezente Strata wie die fra. Dachsprache niedergeschlagen haben; er ist übrigens auch  im schweizerischen Wallis und dort – über das Frankoprovenzalische hinaus – in alemannischen Walsermundarten verbreitet (vgl. SDS VII, 4, 1). Der Kommentar beschreibt diesen Typ als «dérivé du germanisme nordique de filière galloromane (normande, peut-être, e d’ici dans le français central ; cf. FEW XV/1, 104)  BIĐA» (Kap. 1-38). Das mag für den etymologischen Ursprung stimmen, obwohl der Trésor de la langue française Vorbehalte anmeldet und von «orig[ine] obs[ure]» spricht (Link). Entscheidend ist jedoch, dass der Typ auf dialektaler Ebene keinerlei Affinität zum Frankoprovenzalischen oder mindestens zum Ostfranzösischen aufweist; das geht aus den Belegen im (FEW 15/1, 103 f.link) sehr klar hervor. Das Wort ist deshalb sicherlich ganz unabhängig von einer eventuellen germanischen Herkunft über die französische Dachsprache verbreitet worden. Anstatt von einem ‘Germanismus’ (wie im APV/1) sollte von einem Französismus geredet werden.

Fazit

Es versteht sich von selbst, dass man – wie in den diskutierten Beispielen angedeutet – in lexikologischer Hinsicht, speziell im Hinblick auf die Etymologie gelegentlich anderer Meinung sein kann. Das ist kein Anlass zur Kritik, denn eindeutig ‘wahre’ oder ‘falsche’ Ansätze sind häufig, insbesondere im Fall der Substratwörter und anderer Entlehnungen ohnehin nicht zu erwarten. Mindestens so wichtig wie die Entscheidung für eine bestimmte Etymologie ist es daher die konkurrierenden Vorschläge zu resümieren; das leisten die Kommentare des APV/1 in übersichtlicher und sehr nützlicher Weise. Man darf also sehr gespannt sein auf die Fortsetzung des Unternehmens.

in Biblio aufnehmen:

Krefeld, T.: s.v. “Wissenschaftskommunikation im Web”, in: VerbaAlpina-de 20/2 (Erstellt: 16/1, letzte Änderung: 19/1), Methodologie, https://doi.org/10.5282/verba-alpina?urlappend=%3Fpage_id%3D493%26db%3D202%26letter%3DW%2362

Lücke, S.: s.v. “Normdaten”, in: VerbaAlpina-de 20/2 (Erstellt: 18/2, letzte Änderung: 19/2), Methodologie, https://doi.org/10.5282/verba-alpina?urlappend=%3Fpage_id%3D493%26db%3D202%26letter%3DN%23114

Cartodialect (imag.fr)
https://www.atlante-aliquot.de/index.php

############

cf. ALF 129b bête, s + t frpro scempiamento della s ,

prob. da separare da *bettare 'coagulare' (FEW 1, 345) per motivi geoling. e semantici; il collegamento dei due tipi è poco chiaro  link

 

Aber  Dachspürachen#aufzählung#

#Schluss#??#

#Diese Strata, die in den Einzelkommentare aufscheinen, hätten etwas eindeutiger identifiziert und etikettiert werden. ###ident Eine kritische Bemerkung verdient allerdings der Umgang mit dem Ausdruck germanique [germ.], denn darunter werden Konstellationen zusammengefasst die stratigraphisch sehr unterschiedlich zu beurteilen sind.

Hier einige Beispiele:

(1) Ein wird im Westen des APV-Untersuchungsgebiets mit dem T

 

: "1 Piccola pedana con funzione di appoggiapiedi o di sgabello." significato 'sgabello' corrisponde più o meno, distribuzion toscana e bologn.

quindi: non si tratta di un germ. local; in zona tedecosfono lo sgabello viene mai designato dal tipo Brett ##VA????##, anzi in ted. Schemel e un prestito lat. dim. di scamnum *scamillus Kluge 800

  

#?#, wird jedoch der Wortgeschichte vermutlich nicht gerecht

, pare essere un francesismo recente, perchésenza parallele nei dintorni##??## niente di francoprov o alpino, diffuso dalla Normandie, dal XVII secolo in poi, attestato solo in islandese antico link

??solo per recipienti di latta, quindi moderni?? il recipiente classico essendo di legno

fuorviante parlare di "germ. BIĐA" (419, fra. bidon)

 

(3)

###

 

Allenfalls bestimmte   , die wortgeschichtlichen darf man wird man auf diesem Gebiet ohnehin nicht wrtaen   wrde, mit

Im entrum ; sie nimmt eine in der Tradition der Sprachatlanten eher periphere

ganz eindeutig ein Man in abe die umDer Horizont

Im Hinblick auf die Punkte

mit ihrer kulturellen und idilektalen  haben r    in dem sie stand und steht .

22 Orte, davon 2 in F,  2 in Piemont und 2 im Wallis

"Pour chaque point d'enquête, les réponses proviennent d'un nombre variable de témoins «qualifiés», choisis parmi les patoisants locaux." (10)

Ein Profil der Informanten wurde nicht publiziert

112 thematisch Artikel, die nach den folgenden vier Gebieten geordnet sind: La traite (1-19), Entre l’étable, la cave et la fruitière (20- 48), Le beurre (49-73), Le sérac et les produits dérivés des petits-laits (74-112) (Link)

1-111 le cellier a fromages s. 201 f.

crypta (https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de?page_id=133&db=202&tk=3304)

angegeben ist www.patoisvda.it. = tot

https://www.patoisvda.org/atlas-patois-valdotains/

Reste vom Voratrag in Aosta:

###fine######

Alpina  alpine di alcuni lessotipi.l'esistenza  *excocta / cocta aber nicht für molke = petit-lait du fromage 1-100

cf. mappa di VerbaAlpina SIERO DI LATTE Link

cioè sostratico nelle zone tedescofona e slovenofona

KÄSEKELLER: Typ le cellier à fromages  cellarium
1-111
ZIGER / le sérac
1-74

MOLKE nach der zweiten Scheidung le petit-lait résiduaire (du sérac)
1-81

*excocta, cocta etc.

Mapp VA (Link)

,  sembra essere per niente

 

il signifin un singolo paese – anche     derivato diminutivo d (link)

situlus??

AUFSTEIGENDE EIWEISSTEILCHEN DIE BEI ERHITZEN DER MOLKE AUFSTEIGEN NACH DER ZWEITEN SCHEIDUNG

link

mappa di VA *BROTTIARE link

--> Korsika brocciu

bletsé MUNGERE, mappa di VA *bligicare #eher alpino occidentale

#Area fr#

I cosiddetti 'germanismi'

L'APV/1 comprende aluni elementi di origine germanica; questo termine generico è però fuorviante, perché essi aprono epoche e costellazioni di contatto molto diversi.

 

bletsé MUNGERE, mappa di VA *bligicare #eher alpino occidentale

bletsé MUNGERE, mappa di VA *bligicare #eher alpino occidentale

https://www.patoisvda.org/moteur-de-recherche/bl%C3%A9ts%C3%A9_7909_4/

romanzo locale -- latino locale??

selzionati mostrano che i patois valdostani si inseriscono in modo

vanno quindi gli esempi presentati sono selzinati ale
KÄSE
1-182 le fromage [gén.]

2 spz., etym. unklare Typen *fièitse *bédzo *cafo

 

Area francese

 

??Area del versante sud delle Alpi

Area gallo-alpina

evtll Quark / caillé

Area galloromanza orientale e tedesca

 

magari il verbo un der. dal sost. e non in senso contrario?

###

Der APV/1 erhebt den unbedingt vorbildlichen Anspruch auch für Laien – nicht zuletzt für die Sprecher*innen selbst – verstehbar zu sein und so zur Divulgation der Geo- bzw. Ethnolinguistik beizutragen:

#gibt es eine enstsprechende bem auch im Band?#

"I 112 articoli principali che compongono il volume esplorano le “parole” e le “cose” di un settore fortemente caratterizzante la cultura materiale alpina tradizionale: la filiera del latte. Lo fanno tenendo certamente presente la tradizione scientifica consolidata della geolinguistica delle lingue romanze, ma con una particolare attenzione anche alla “divulgazione” dei contenuti scientifici, al loro riutilizzo come tema di interesse nella scuola valdostana, alla loro “restituzione” alla comunità locale (patoisante e non) che ne è, a ben vedere, la prima proprietaria." (Quelle

Gemessen an dieser Absicht ist die grundsätzliche Entscheidung  für eine gedruckte, buchförmige Publikation schwer nachvollziehbar. Denn einer der unbestreitbaren Vorzüge der Web-Publikation besteht ja gerade in ihrer vollkommen uneingeschränkten Verfügbarkeit – von den anderen Option, wie z.B. der Möglichkeit auch Audiomaterial einzubinden und Aggregierbarkeit durch daten anderer Atlanten/Lexika einaml ganz abgesehen.

###

 

Hans Goebl
GIOVANBATTISTAPELLEGRINI UND ASCOLIS
METHODE DER "PARTICOLAR COMBINAZIONE"
Ein Besprechungsaufsatz, Ladinia 23 (1999) 139-​181.

Modell

Brather, Sebastian, Ethnische Identitäten als Konstrukte der frühgeschichtlichen Archäologie,
Germania 78 (2000), 139–171.
Heitmeier, Irmtraut, Das Inntal. Siedlungs- und Raumentwicklung eines Alpentales im Schnittpunkt
der politischen Interessen von der römischen Okkupation bis in die Zeit Karls des
Großen, Innsbruck, Wagner, 2005.

Martin, Jean-Baptiste / Tuaillon, Gaston (1971, 1978, 1981): Atlas linguistique et ethnographique du Jura et des Alpes du nord, Paris, vol. 1, 3, 3a, Éd. du Centre National de la Recherche Scientifique


  1. Für die Bereitstellung der Belege danke ich Fiorenzo Toso; sie stammen aus dem Material des noch unveröffentlichten Dizionario etimologico storico genovese e ligure 


Bibliographie

  • TLIO = Eintrag nicht gefunden
  • ALEPO = Telmon, Tullio (2013): Atlante Linguistico ed Etnografico del Piemonte Occidentale III: Il mondo animale: I La Fauna: II caccia e pasca, Alessandria, vol. 3, Edizioni dell’Orso. Link
  • ALJA = Martin, Jean-Baptiste / Tuaillon, Gaston (1971, 1978, 1981): Atlas linguistique et ethnographique du Jura et des Alpes du nord, Paris, vol. 1, 3, 3a, Éd. du Centre National de la Recherche Scientifique
  • Gra.fo = Calamai, Silvia / Bertinetto, Pier Marco (2014): Le soffitte della voce: il progetto Grammo-foni, Manziana (Roma), Vecchiarelli. Link
  • Idiotikon = (1881 ff.): Schweizerisches Idiotikon. Schweizerdeutsches Wörterbuch, Basel. Link
  • Sottile 2002 = Sottile, Roberto (2002): Lessico dei pastori delle Madonie, Palermo, Centro di studi filologici e linguistici siciliani. Link

Grundschema_Stratigraphie (Zitieren)

Thomas Krefeld
(28 Wörter)
romanzo ted. sloveno
valdost. (é)couette ita. scotta lad. tʃot(e) ← ← Adstrat dial. Schotte(n) dial. skuta
↑ sostrato ↑ ↑ sostrato ↑
lat. excocta