Archiv des Autors: Thomas Krefeld

Die Konzeption einer interlingualen Geolinguistik im Projekt VerbaAlpina (Präsentation) (Zitieren)

Thomas Krefeld
(1811 Wörter)

Dieser Präsentation liegt ein ausformulierter Text zu Grunde (Link).

Folgt VerbaAlpina auf Instagram und nur in dieser Woche auf lmu.takeover.

Übersicht

1. Eine dynamische Disziplin

2. Von der traditionellen Einsprachigkeit zur Mehrsprachigkeit

2.1 Die Modellierung der Mehrsprachigkeit

3. Neue mediale Rahmenbedingungen

3.1 Aggregation unterschiedlicher Typen von Quellen

3.2 Technische Verknüpfung der Sprachen/Dialekte

3.2.1 Ebene der sprachlichen Bezeichnungen

3.2.2 Ebene der Konzepte

4. Stratigraphische Wortgeschichte

1. Eine dynamische Disziplin

Gegenstand der Geolinguistik: die Raumgebundenheit und die räumlich bedingte Variation der Sprachen

methodologische Entwicklung der Disziplin:
♦ durch veränderte Sprachauffassungen
♦ durch den tiefgreifenden Wandel der Medien

besondere Herausforderungen:
♦ kontinuierlich wachsende Bedeutung, die der Mehrsprachigkeit (der mehrsprachigen Kompetenz der einzelnen Sprecher*innen)
♦ Einsatz von Webtechnologie in der Forschungspraxis.

2. Von der traditionellen Einsprachigkeit zur Mehrsprachigkeit

traditionelle Dialektologie, vor allem die klassischen Atlanten der ‘ersten Generation’
♦ monodimensional verstandene sprachliche (dialektaler) Systeme
♦ Variation innerhalb der lokalen Sprachen ausgeblendet
♦ elaborierte Form der Dokumentation mit erstaunlichen Beschränkungen (vgl. Krefeld/Lücke 2021)

1. Untersuchungsgebiete nach Maßgabe nationaler und nationalsprachlicher (d.h. politischer) Territorien  (vgl. z. B. ALG)
fragwürdig:
• verzerrte Darstellung des romanischen Kontinuums: Staatsgrenzen irrelevant für Dialektgebiete
• Vernachlässigung grenzüberschreitender Areale

2. nicht romanischsprachige Areale innerhalb nationaler Territorien oft nicht berücksichtigt (historische Verschiebung der Sprachgrenzen durch arealen Sprachwechsel)

♦ raumorientierte sprachwissenschaftliche Forschung = Geolinguistik (nicht nur Dialektologie)

VerbaAlpina (VA) → spezifische Lexikon des Alpenraums (vgl. onomasiologischer Rahmen)

• Alpenraum: seit 1500 Jahren Kontaktgebiet der drei großen europäischen Sprachfamilien (Romanisch, Germanisch, Slawisch)

→ interlinguale Geolinguistik

2.1 Die Modellierung der Mehrsprachigkeit

Kartenoberfläche
♦ synchrones räumliches Nebeneinander der drei Sprachfamilien (vgl. Interaktive Karte)
♦ keine Spezifizierung von Einzelsprachen (’Italienisch’) und Dialektzonen (wie z.B. ‘Lombardisch’)
♦ Bezugsgröße der Georeferenz = 6990 politische Gemeinden der Alpenkonvention

Zusammenschau der Quellen → historische Verschiebungen zwischen den Sprachgebietren durch Sprachwechsel sichtbar

• Graubünden: Orte aus den Netzen des AIS (Kartensymbol A) und des DRG (Kartensymbol B) liegen auf der folgenden Karte im grünen (= deutschen) Gebiet

♦ n.b.: rein virtuelle Kartographie entwickelt von Florian Zacherl & David Englmeier

Sprachwechsel in Graubünden am Beispiel einiger ehemals romanischsprachiger Orte des AIS und des DRG (interaktives Original)

Sprachwechsel = lokaler Übergang von einer Adstrat- in eine Substratkonstellation

VerbaAlpina
♦ keine Mosaikdarstellung der Sprachlandschaft durch Feststellung lokaler oder regionaler Sprachgrenzen
♦ die verbindenden Fugen – interlingual –  sichtbar machen
♦ im Wortschatz: sogenannte ‘Alpenwörter’ (Link)

3. Neue mediale Rahmenbedingungen

3.1 Aggregation unterschiedlicher Typen von Quellen

♦ Aggregation und Integration von Aufnahmeorten und Daten unterschiedlicher Projekte

• vorbildliche Zusammenarbeit mit dem ALD-I und dem ALD-II

♦ spezielle Tools (zur Transkription, zur Typisierung usw.) von Florian Zacherl entwickelt.

VA Informanten aus Atlanten (interaktives Original)

Nun gibt es zusätzlich zu den

♦ neben den Atlanten auch Daten etlicher, teils exhaustiv konzipierte Dialektwörterbücher, die in der geographischen Logik eines Atlasses realisiert wurden

• Lexikalisches Informationssystem Österreich (LIÖ, rosa Kartensymbol 'J')
Dicziunari rumantsch grischun (DRG, gelbes Kartensymbol 'D')
Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana (VSI, hellgelbes Kartensymbol 'I')
• Glossaire des patois de la Suisse romande (GPSR, lila Kartensymbol 'E')

VA Informanten aus Wörterbücher (interaktives Original)

♦ dritter Quellentyp:  direkte Erhebung von neuen Sprachbelegen durch Crowdsourcing (technisch von David Englmeier entwickelt); vgl.  Mitmachen

Bezeichnungen moderner Konzepte (Ökologie, Tourismus), die in den traditionellen Atlanten ebenso wie in den allermeisten Wörterbüchern fehlen
• 
Erfolg des Crowdsourcings sehr stark von der jeweiligen Region abhängig

VA Informanten aus der Crowd (28.9.2021, interaktives Original und Live Statistik)

3.2 Technische Verknüpfung der Sprachen/Dialekte

synoptische Darstellung von Formen aus unterschiedlichen Sprachen und Sprachfamilien
←  Verknüpfung in der Struktur des Datenbestands

3.2.1 Ebene der sprachlichen Bezeichnungen

Typisierung = Gruppierung der rein phonetischen Varianten zu morpho-lexikalischen Typen

• spezifisch für eine der drei Sprachfamilien;  aller Varianten eines Typs falls möglich identifiziert durch Varianten der großen Nationalsprachen Französisch und Italienisch
• 
Beispiel: die Suche nach fra. beurre / it. burro → eine Karte mit 718 Varianten (in Version 21/1), klickbare Symbole

der morpho-lexikalische Type beuerr/burro (roa) (interaktive Originalkarte)

♦ darunter auch die entsprechenden Formen der romanischen Kleinsprachen, wie z.B

botiro im Ladinischen von Moena  (Fassatal)
friaulisch butiro in Clauzetto

♦ Kategorie des morpho-lexikalischen Typs = interlingual im Rahmen einer Sprachfamilie

aber: deu. Butter, dialektal slowenisches put(e)r = Entlehnungen aus dem Romanischen, zum selben Typ gehörig

Basistyp = allgemeinste Kategorie, auch für Formen unterschiedlicher Sprachfamilien

• repräsentiert durch die jeweils identifizierbare etymologische Ausgangsform
• im Fall von fra. beurre, deu. Butter usw. = lat. butyrum (< dem Griechischen)
• Suche nach diesem Basistyp → produziert eine Karte mit den zugehörigen Formen in allen relevanten Sprachfamilien

der Basistyp. lat. butyrum (interaktive Originalkarte)

♦ Basistyp

= etymologischer Zusammenhang
• erbwörtlich
• entlehnungsgeschichtlich

≠ ‘Etymon’ bzw. ‘etymologischer Typ’
≠ Wortgeschichte der zugeordneten Typen

3.2.2 Ebene der Konzepte

♦ Suche an der Nutzeroberfläche nach einem Konzept → alle erfassten sprachlichen Bezeichnungstypen

Bezeichnungen des Konzepts BUTTER (unvollständige Legende; interaktive Originalkarte)

♦ darunter auch der germanische Basistyp Schmalz

• umgekehrte Entlehnungsrichtung wie der Basistyp butyrum
Deutsch → Romanisch

Ausschnitt aus der Legende von Karte ## (interaktive Originalkarte|https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3972&layer=4]])

♦ ethnographische Hintergründe (Lat.-Rom. → Deu. vs. Deu → Lat.-Rom.) nicht im Detail

• Herstellung des Produkts (BUTTER): Lat.-Rom. → Germanisch (Deutsch)
• Auslassen der Butter (SCHMELZEN → SCHMALZ) , analog zum Auslassen des tierischen Fetts, vor allem des Schweinfetts als Konservierungstechnik: Deutsch → Romanisch

vgl. auch das so motivierte Kompositum Butterschmalz)

• weitere Ähnlichkeit von BUTTER und SCHMALZ: hoher Fettgehalt

vgl. den lat. Basistyp unctum, romanische Kognaten bezeichnen beides (vgl. Karte Basistyp lat. unctum

neue Optionen für konzeptgeleitete Verknüpfung von Bezeichnungen mehrerer Einzelsprachen

♦ umfangreiche Bestände von sachbezogenen Normdaten

• Konzepte unabhängig von den sprachlichen Bezeichnungen als autonomer Referenzbereich relationiert und strukturiert
• am weitesten fortgeschritten aber linguistisch allenfalls in Ansätzen genutzt: ‘Datenobjekte’ des Wikidata-Projekts (vgl. Krefeld 2021d)

= Identifikatoren (QIDs) zur Identifikation der enzyklopädischen Inhalte der Wikipedia

♦ Beispiel: QID für BUTTER (zugänglich über den Button ‘Wikidata-Datenobjekt’ in der linke Menüspalte des Wikpedia-Eintrags Butter) = Q34172.

• 141 Sprachversionen der Wikipedia Artikel zu dem Konzept BUTTER (Stand vom 2.11.2021)
• gemeines Referenz dieser 141 Artikel = Q34172
• etliche Versionen aus romanischen Sprachen
historisch wichtige Vorgänger- und Bezugssprachen
• zahlreiche europäische und koloniale Entlehnungen aus dem Romanischen 

Romanische Bezeichnungen europäische Entlehnungen
Herkunftssprachen Entlehnungen im kolonialen Kontext

♦ analog: Wikidata-Eintrag SCHMALZ (lard (Q72827)

♦ Sprachversionen mit Bezeichnungen ← Übertragung der Bezeichnungen von BUTTER

• asturisch mantega de gochu, wörtlich ‘Butter vom Schwein’
• span. manteca de cerdo, wörtlich ebenfalls ‘Butter vom Schwein’

♦ Verknüpfung der onomasiologischen – oder: ontologischen – Einheiten in Gestalt von dreigliedrigen Prädikatsausdrücken oder: Tripeln (so genannten ‘statements’) im Wikidata-Projekt

• ‘statements’ für BUTTER und SCHMALZ (Stand vom 7.11.2021)

butter (Q34172) instance of (P31) food ingredient (Q25403900)
subclass of (P279) dairy product
edible fats and oils (Q912613)
lard (Q72827) instance of (P31) chemical substance (Q79529)
food ingredient (Q25403900)
subclass of (P279) edible fats and oils (Q912613)
die Wikidata-Statements zu den Konzepten BUTTER und SCHMALZ

♦ Tripel fundamental für das sogenannten Semantic Web
in das dafür erforderliche Format der RDF-Tripel überführbar

♦ aus linguistischer Sicht gerade kein ‘semantisches’ (sprachgebundenes), sondern ein onomasiologisches (sprachunabhängiges) Netz

• elementare Gemeinsamkeiten der beiden Konzepte kommen zum Ausdruck kommen
• formale Abfragesprache für die Wikidata-Datenbank = SPARQL
• potentielle semantische Gemeinsamkeiten zwischen den Bezeichnungen und die darauf beruhenden Übertragungen durch semantische Prozesse (Metaphern, Metonymien, Meronymien, taxonomische Verschiebungen) → vorhersehbar bzw. motivier- und nachvollziehbar

Suche nach den ‘subclasses’ von ‘edible fats and oils’ → Liste:

 wd:Q4287 Margarine
 wd:Q34172 Butter
 wd:Q72827 Schmalz
 wd:Q427457 Speiseöle
 wd:Q1194601 Shortening
 wd:Q1423543 Tierfett
 wd:Q1727434 Streichfett
 wd:Q2310378 Horse fat
 wd:Q11870297 Pflanzenfett
 wd:Q68187377 Gänsefett

Abfrage:

SELECT ?item ?itemLabel
WHERE
{
?item wdt:P279 wd:Q912613.
SERVICE wikibase:label { bd:serviceParam wikibase:language "[AUTO_LANGUAGE],en". }
}))

♦ aber: wichtige Unterschiede in Statements nicht erfasst, obwohl leicht möglich

• Arten der Produktion (SCHLAGEN VON RAHM im Fall von BUTTER und ERHITZEN im Fall SCHMALZ, [[Q779316|https://www.wikidata.org/wiki/Q779316]])
• benutzte Geräte (z.B. das BUTTERFASS;
Q1018079)
• usw.

→ Motivation anderer semantischer Prozessen
pignatta, bündnerrom. pischada < lat. *pisiare ‘stampfen’; vgl. die interaktive Karte pischada)

Appell an einschlägige sprachwissenschaftliche Projekte:
Wikidata-Statements im jeweiligen thematischen Rahmen systematisch ergänzen

4. Stratigraphische Wortgeschichte

♦ wortgeschichtliches  Profil des Basistyps: vor dem Hintergrund der sprachlichen Stratigraphie des Alpenraums

• besondere Rolle des Lat.-Rom. (Romanisierung seit 15 n.Chr.)
• seit 476 n.Chr. teilweise Germanisierund und Slawisierund
• teilweise Verdrängung des Slaw. durch das Germ.
• zeitweise germ.  Superstrat im rom. und slaw. Gebiet (Gotisch, Langobardisch, Bairisch bzw. bairisch geprägtes Hochdeutsch)

• Elemente der vorrömischen Sprachen in Lexikon und in Toponymie des gesamten Raums deutlich erkennbar (vgl. Krefeld 2020c); indirekt, d.h. über das Lateinisch-Romanische ins Alpengermanische bzw. ins Alpenslawische gelangt

♦ Beispiel: 

Stratigraphie des Basistyps lat. butyrum

 


Bibliographie

  • AIS = Jaberg, Karl / Jud, Jakob (1928-1940): Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz, Zofingen, vol. 1-7
  • ALD-I = Goebl, Hans (1998): Atlant linguistich dl ladin dolomitich y di dialec vejins I, vol. 1-7 (sprechend: http://ald.sbg.ac.at/ald/ald-i/index.php), Wiesbaden, vol. 1-7, Reichert. Link
  • ALD-II = Goebl, Hans (2012): Atlant linguistich dl ladin dolomitich y di dialec vejins, 2a pert, vol. 1-5, Editions de Linguistique et de Philologie
  • ALG = Séguy, Jean (1973): Atlas linguistique de la Gascogne, Toulouse, vol. 6, Inst. d'Études Mérid. de la Fac. des Lettres [u.a.]
  • DRG = De Planta, Robert/ Melcher, Florian/ Pult, Chasper/ Giger, Felix (1938ff.): Dicziunari Rumantsch grischun, Chur, Inst. dal Dicziunari Rumantsch Grischun. Link
  • GPSR = Gauchat, Louis (Hrsg.) (1924ff.): Glossaire des patois de la Suisse romande, Genève [u.a.], Droz [u.a.]
  • Krefeld 2020c = Krefeld, Thomas (2020): Polystratale und monostratale Toponomastik – am Beispiel der Romania Submersa und der Insel La Réunion, Version 4 (02.04.2020, 11:26), München, in: Korpus im Text. Link
  • Krefeld 2021d = Krefeld, Thomas (2021): Wikidata – semiotisch: Mit Roland Barthes im Internet, München, in: Korpus im Text, Serie A, 71498. Link
  • Krefeld/Lücke 2021 = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan (2021): (Unsere) Prinzipien der virtuellen Geolinguistik. Link
  • LIÖ = Lenz, Alexandra N. (o.J.): Lexikalisches Informationssystem Österreich (LIÖ). Link
  • VSI = Sganzini, Silvio (1952ff): Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana, Lugano, Tipografia la Commerciale

(Unsere) Prinzipien der virtuellen Geolinguistik (Zitieren)

Thomas Krefeld | Stephan Lücke
(3980 Wörter)
Dieser Beitrag wurde für den Workshop Neue Wege der romanischen Geolinguistik Vers. 2.0 (2021) verfasst (Schneefernerhaus, 4.-5.11.2021). Für die Einladung mitzumachen danken wir Joachim Steffen (Augsburg).
Übersicht
I. Vorgeschichte: Drei Generationen von Sprachatlanten
II. Unsere 8 Prinzipien für die dritte Generation

1. Strukturierte digitale Daten als Arbeitsgrundlage
2. Bezug der sprachlichen Daten zu außersprachlichen Normdaten
3. Forschungsdatenmanagement (FDM)
4. Adressierung und interaktive Einbindung eines breiten Publikums
5. Offene und dynamische Datenbestände
6. Virtuelle Kartographie auf georeferenzierter Grundlage
7. Möglicher Einbezug nicht sprachlicher Kontextdaten
8. Überwindung der Gattungsgrenzen

Appendix: Ein Beispiel für Aggregation und Gattungsverschränkung

I. Drei Generationen von Sprachatlanten

Die im Folgenden vorgestellten Prinzipien sind das Ergebnis von 16 Jahren gemeinsamer  Arbeit  an vier geolinguistischen Projekten, die vorab kurz in der Geschichte der Sprachatlanten positioniert werden sollen. Dafür ist es hilfreich, drei Generationen zu unterscheiden; sie unterscheiden sich: 

  • in der Modellierung räumlicher Variation;
  • im Verständnis der Repräsentativität sprachlicher Daten vor dem Hintergrund der selektierten Informanten, Orte und Elizitationsverfahren;
  • in der medialen Konzeption und Realisierung.

Das Paradigma der ersten Generation ist eindimensional und dem Axiom des repräsentativen Einzelinformanten verpflichtet; das prototypische, in der Romanistik und auch darüber hinaus wegweisende Werk ist der AIS.

Die zweite Generation ist pluridimensional und untersucht die räumliche Variation in mehreren Dimensionen; die Abhängigkeit der sprachlichen Daten vom Sprecher und von der Art der Elizitation rückt ins methodologische Zentrum der Arbeit. Exemplarisch begründet wurde dieses Paradigma durch den ADDU.

In der dritten Generation wird konsequent mit Webtechnologie gearbeitet; in der Konzeption und und Durchführung sind sprachwissenschaftliche und mediale Aspekt untrennbar miteinander verflochten. Die Entstehung dieses Paradigmas ist also nicht nur wissenschaftsintern zu sehen, da ihre Voraussetzungen durch den informationstechnischen Fortschritt geliefert wurden (vgl. Wissenschaftskommunikation im Web).

Die Generationsmetapher ist in der historischen Staffelung der drei Typen begründet; sie ist allerdings insofern nicht ideal, als auch heute – in der Phase der dritten Generation – durchaus noch Projekte auf den Weg gebracht wurden und werden, die den Regeln der beiden vorhergehenden Generationen folgen (z.B. folgt der Online-Atlas VIVALDI dem Paradigma der 1. Generation). Den Anforderungen aller drei Generationen können digitale Arbeitsweisen entsprechen, allerdings kann man den Zielen der dritten Generation ausschließlich mit digitalen Mitteln gerecht werden. Unsere eigene Arbeit reflektiert den Übergang von der zweiten zur dritten Generation, auf die sich die hier formulierten Prinzipien beziehen. Sie zielen auf Generelles, unabhängig von den speziellen thematischen Anforderungen der Einzelprojekte, werden jedoch an Einzelprojekten illustriert, vor allem am aktuell noch laufenden Projekt VerbaAlpina.

2. Generation   3. Generation
AsiCa  Asica 2.0
ASD
  Metropolitalia
  VerbaAlpina
geolinguistische Projekte der Autoren

II. Prinzipien für die dritte Generation

1. Strukturierte digitale Daten als Arbeitsgrundlage

Der Ausdruck ‘Digitalisierung’ ist keineswegs eindeutig; um die Anforderungen zu differenzieren, unterscheiden wir mehrere Digitalisierungsgrade. Für die elektronische Datenanalyse und Visualisierung in einer Form, wie VerbaAlpina sie präsentiert, sind  strukturierte Daten erforderlich, die der Stufe D3 im Sinne des folgenden Schemas entsprechen:

Grad der
Digitalisierung
Etikett., Erweit., Verknüpf. Daten-
export
D3 Tabelle db
csv
strukturierter elektronischer Text XML
SQL
CSV
txt
...
HTML
PDF
PS
Papier
D2 ↑ Textdatei txt
doc
linearisierter elektronischer Text ← praat
D1 ↑ Scan jpg binärer Code wav, mp3
D0 ↑ Papier Schrift/Bild Audio

Die Grundlage D3 ist jedoch anspruchsvoll, und je nach Quelle gibt es unterschiedliche, vor allem unterschiedlich aufwändige Arten, wie die Daten überhaupt erst auf dieses Niveau gehoben werden können; gelegentlich ist das auch nicht möglich.

Die Anforderung ist eine doppelte: Die Daten müssen digital *und* strukturiert sein. Mit der rein technischen Dimension der Digitalisierung ist vergleichsweise leicht umzugehen:

  • auf Papier gedruckter Text ⇒ OCR oder Abtippen ⇒ elektronischer Text
  • Audiodatei ⇒ ASR (automatic speech recognition; STT: speech to text) oder abtippen (Praat) ⇒ elektronischer Text (ASR bislang nur bei Standardsprache brauchbar)

Besonders wichtig: Die Datenstrukturierung

Strukturierung bedeutet stets: Erzeugung von Metadaten (Merkmale "Typ", "Quelle", "Ort", "Bedeutung" ...) und deren Zuordnung zu den Daten (als Merkmalsausprägungen)

Daten analog Daten digital Daten digital und strukturiert
tˈeːʥɑ
Typ Quelle Ort Bedeutung
tegia AIS Ems SENNHÜTTE

Beleg: AIS 1192 (LA CASCINA DI MONTAGNA), Ort 5 (Ems) (VA-Beleg S293; Discover@UB)

strukturiert ASLEF-Tafeln VerbaAlpina
nicht/teil- strukturiert VALTS Idiotikon, WBOe
analog digital

Bei gegebenen Strukturierungen ist häufig eine Umstrukturierung erforderlich: Struktur A ⇒ Struktur B

Je nach Strukturierungs- und Digitalisierungsgrad gestaltet sich die Datenerfassung mehr oder weniger aufwendig. Optimal für Datenaustausch, Vernetzung und Nachnutzung sind sog. APIs. Erst allmählich werden APIs in lexikographischen online-Ressourcen implementiert. Ein Beispiel ist das "Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache" (DWDS; API: https://www.dwds.de/d/api), das allerdings für VerbaAlpina als Quelle nur eine Nebenrolle spielt. VerbaAlpina hat für seinen Datenbestand eine API eingerichtet (https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=8844&db=211).

Einige Beispiele für Quellen, die von VA erfasst werden, vor dem Hintergrund von Digitalisierung und Strukturierung

Teilweise geringer Aufwand: ASLEF-Tafeln

Tafel 45 des ASLEF. Unter jedem Konzept sind die ortstypischen Bezeichnungen gelistet. Die Zahlen vor den Einzelbelegen stehen für die jeweiligen Ortschaften.

Listen von der Art der ASLEF-Tafeln sind zumindest theoretisch mit OCR-Verfahren wenigstens teilautomatisiert erfassbar. Es ist allerdings stets abzuwägen, ob die Entwicklung eines solchen Verfahrens tatsächlich einen Zeitvorteil bringt. VerbaAlpina hat bislang auf entsprechende Entwicklungen verzichtet.

Beispiel für einen Sprachatlas: Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluss des Fürstentums Liechtenstein (VALTS)

Karte IV 73 des VALTS: Mischung

Vergleichsweise großen Aufwand verursacht die Erfassung der Atlaskarten des Vorarlberger Sprachatlas' (VALTS). Die Karten liegen zum einen nur analog, gedruckt auf Papier vor. Auf einer Karte sind unterschiedliche Konzepte und deren Bezeichnungen dokumentiert, lexikalische Typen stehen neben Sprecherbelegen, die Zugehörigkeit zu Sprachfamilien ist durch Farbe kodiert. Die strukturierte Erfassung der Daten kann nur manuell erfolgen. Maschinelle Verfahren sind nicht möglich. Die Arbeit muss von einem Menschen gemacht werden. Dies bedingt u. a. hohen Zeitaufwand und entsprechende Personalkosten.

Beispiel für ein Wörterbuch: Schweizerdeutsches Idiotikon

Ähnlich wie im Fall des VALTS liegt hier eine maschinell nicht erfassbare Mischung unterschiedlicher Entitäten vor. Auch hier ist die Datenerfassung nur durch Personaleinsatz möglich und entsprechend aufwendig.

Ein positives Beispiel ist das Bibl:WBOe.

Digitalisierung der analogen Handzettel durch das Projekt WBOE. Nach einer Zwischenstation mit TUSTEP liegt das Material jetzt im XML-Format vor.

Dieses Projekt hat mit der Last seiner frühen Entstehungszeit zu kämpfen. Die Datenerfassung erfolgte rein analog, das gesammelte Material liegt in Form von ca. 3,6 Millionen Handzetteln vor. Mittlerweile liegt das Material strukturiert in XML-Dateien vor, die wiederum gleichsam als Backend für die online-Publikation im Rahmen des "Lexikalischen Informationssystems Österreich", LIÖ, dient (s. https://www.oeaw.ac.at/de/acdh/sprachwissenschaft/projekte/wboe/materialbasis, "Digitalisierung des Handzettelkatalogs"). Zu fragen bleibt allenfalls, warum die XML-Dateien anscheinend nicht in ihrer Gesamtheit der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. VerbaAlpina vermeidet das XML-Format, da es nach unserer Einschätzung und Erfahrung umständlich bei Konvertierung und Analyse ist. VerbaAlpina nutzt intern ausschließlich das relationale Datenformat, organisiert sein Sprachmaterial also in Tabellen. Ein Export im XML-Format ist jedoch möglich (Beispiel: VA-Einträge zum Konzept C1, SENNHÜTTE der VA-Version 211).

Von VerbaAlpina entwickelte Tools zur Digitalisierung und strukturierten Datenerfassung

Für die ‘Hebung’ auf D3 müssen u.U. erst geeignete Tools entwickelt werden. VerbaAlpina hat zu diesem Zweck im wesentlichen zwei, als WordPress-Plugins implementierte, Hilfsmittel entwickelt:

Das Transkriptionstool (Link)

Das Transkriptionstool von VerbaAlpina

Das Transkriptionstool steuert die Datenerfassung, indem es dem Transkriptor (meist Hilfskräfte) vorgibt, welche Eintragungen auf einer Sprachatlaskarte jeweils erfasst werden sollen. Auf diese Weise wird die Fehleranfälligkeit reduziert und ein systematisches Vorgehen begünstigt. In der Grundeinstellung  präsentiert das System nur neue, noch nicht erfasste Eintragungen. Es kann jedoch gezielt auch zur erneuten Eingabe bereits erfasster Daten genutzt werden, um auf diese Weise potentiell fehlerhafte Transkriptionen zu identifizieren. Die Transkription erfolgt nach den Regeln des sog. Betacodes, der die Eingabe auch komplexer Schriftsysteme unter Verwendung einer Standardtastatur erlaubt. Der Betacode ist sehr leicht zu erlernen und verlangt von den Transkriptoren keinerlei vertiefte Kenntnisse des von ihnen transkribierten Schriftsystems.

Das Typisierungstool (Link)

Das VerbaAlpina-Tool zur Typisierung von Daten aus analogen Quellen. Das Beispiel zeigt im oberen markierten Feld eine Reihe von transkribierten Einzelbelegen der AIS-Karte 1218_1, "il siero del formaggio; il siero della ricotta", die dem lexikallischen Typ lacciata (f.) (roa.) zugeordnet werden können.

Das Typisierungstool erleichtert den Bearbeitern (in der Regel graduierte Sprachwissenschaftler) die Zuweisung mehrerer auf einer Sprachatlaskarte verzeichneter Einzelbelege, die jeweils Varianten ein und desselben lexikalischen Typs sind, eben diesem zuzuordnen. Das Tool erlaubt überdies die Neuanlage von lexikalischen Typen bzw. die Bearbeitung bereits vorhandener.

Georeferenzierungen

Ein obligatorisches Merkmal aller objektsprachlichen Daten sind Georeferenzierungen, damit virtuelle Karten (s.u.) erstellt werden können; im Fall zahlreicher Dialektwörterbücher können den Belegorten entsprechende Koordinaten zugeordnet werden. Sehr gute Beispiele sind die großen schweizerischen Atlanten, der Glossaire des patois de la Suisse romande (GPSR), der Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana (VSI) und der Dicziunari Rumantsch Grischun (DRG), für die die Daten in der Manier eines Atlas in einem genau identifizierten Netz von Orten erhoben wurden, wie folgende Karte zeigt:

Ortsnetze des DRG, GPSR und VSI (interaktives Original)

Das Prinzip wurde zwar grundsätzlich bereits im Idiotikon praktiziert; aber eine mögliche Georeferenzierung wird hier in ganz erheblichem Maße durch praktische Schwierigkeiten  verhindert: manche Ortsabkürzungen sind nicht eindeutig auflösbar, manche Gemeinden sind nicht identifizierbar, die Gemeindezuordnung etlicher Orte hat sich durch politische Reorganisation verändert usw.

Geographische Bezugseinheit sind bei VerbaAlpina die politischen Gemeinden. Die zugrundeliegenden Daten wurden bald nach Projektbeginn gesammelt und werden nicht aktualisiert, sie bilden einen stabilen geographischen Referenzrahmen. Standardmäßig werden aus den Quellen gesammelte Sprachbelege jeweils auf das Referenzraster der politischen Gemeinden bezogen. Die Georeferenzierung erfolgt über die Registrierung von WGS84-Koordinaten. Für jede Gemeinde sind in der Datenbank von VerbaAlpina die Grenzverläufe der Gemeindegrenzen hinterlegt, hinzu kommen Punktkoordinaten, die jeweils auf den geometrischen Mittelpunkt der Gemeindeflächen weisen. Es besteht außerdem die Möglichkeit, Sprachbelege quasi metergenau und zunächst unabhängig von der Gemeindelogik zu verorten.

2. Bezug der sprachlichen Daten zu außersprachlichen Normdaten

Sprachliche Daten und ihre Beschreibungskategorien waren immer schon – wenngleich in unterschiedlicher Explizitheit – auf die außersprachliche Wirklichkeit bezogen. Mittlerweile kann der Bezug im technischen Sinn operationalisiert werden, denn es stehen persistente Normdaten zur Verfügung. Großes, bei weitem (noch) nicht ausgeschöpftes Potential besitzen die Identifikatoren des Wikidata-Projekts. Sie bieten eine sehr differenzierte und verlässliche Referenzebene, die einerseits Grundlage für die komplementäre und vergleichende Erfassung mehrerer Sprachen ist und andererseits geeignete Suchfilter für die Abfrage der jeweiligen einzelsprachlichen Bezeichnungen liefert. Dadurch werden Semasiologie und Onomasiologie scharf getrennt. Vgl. die Konzeptsuche:

Onomasiologische Konzeptsuche in VA

Von Vorteil ist auch, dass die Wikidata grundsätzlich von jedermann gepflegt und erweitert werden kann. So können z. B. fehlende Konzepte in Wikidata nachgetragen werden. VerbaAlpina z. B. ist über die Q-ID Q66817486 eindeutig indentifiziert (https://www.wikidata.org/wiki/Q66817486).

Neben den Normdaten von Wikidata integriert VerbaAlpina auch die Identifikatoren des auf geographische Entitäten spezialisierten Geonames-Projekts. Der Zugriff auf die externen Normdatenseiten ist innerhalb der VerbaAlpina-online-Karte über die Belegfenster möglich, die sich beim Anklicken der Kartensymbole öffnen:

Integration externer Normdaten in einem Belegfenster der Online-Karte

Die Anbindung an externe Normdatensysteme ist nicht zuletzt für die Auffindbarkeit von VerbaAlpina-Daten von außen von Bedeutung. Bislang sind die Wikidata-QIDs nur intern mit den VerbaAlpina-eigenen Identifikatoren verknüpft. Es ist beabsichtigt, die VA-Daten in  nach Wikidata zu exportieren und sie mit einer eigenen "Property" (VA-ID) zu versehen. Auf diese Weise werden die VerbaAlpina-Daten zum Teil des Semantic Web. Konzeptionelles Vorbild sind die, auch an der ITG angesiedelten, Projekte "Kaiserhof", einer Datenbank, die die habsburgischen Höflinge erfasst, und BMLO, das "Bayerische Musikerlexikon Online". Die Identifikatoren dieser beiden Projektdatenbanken können in Wikidata mit Hilfe der Abfragesprache SPARQL abgerufen werden. Ähnliches schwebt uns auch für VerbaAlpina vor.

Konkret angedacht ist auch der Export der von VA gesammelten Sprachdaten in die Lexikographie-Sektion von Wikidata(Beispiel: Lexeme, die eine Farbe bezeichnen).

3. Forschungsdatenmanagment (FDM)

Orientierung an den FAIR-Kriterien

Das Akronym FAIR wurde aus den Anfangsbuchstaben der vier  - letztlich forschungsethischen - Leitkriterien findable, accessible, interoperable und reusable gebildet; ihre Umsetzung wurde bereits mehrfach und auch im Detail beschrieben (vgl. vor allem Lücke, Krefeld/Lücke 2020 und Krefeld 2018 g).

Die Ausrichtung an den FAIR-Kriterien impliziert die Einhaltung der Open Access und Open Source-Richtlinien und den Verzicht auf die Entwicklung und den Einsatz proprietärer Werkzeuge.

Kontakt zu FDM-Institutionen

Nachhaltigkeit hängt zu einem nicht unwesentlichen Teil davon ab, ob Institutionen mit unbefristeter Existenzperspektive die Verantwortung für die Bewahrung der Projektergebnisse übernehmen. VerbaAlpina hat deswegen schon vor längerer Zeit den Kontakt zur UB der LMU gesucht. Grundsätzlich erscheinen die Bibliotheken als die idealen Partner für das Forschungsdatenmanagement, im wesentlichen aus zwei Gründen:

  • Die Bewahrung wissenschaftlicher Erträge ist seit jeher die zentrale Aufgabe der Bibliotheken
  • Staats- und Universitätsbibliotheken besitzen in aller Regel eine unbefristete Existenzperspektive

VerbaAlpina ist überdies Pilotprojekt im von der Bayerischen Staatsregierung finanzierten FDM-Projekt "eHumanities – interdisziplinär", das sich mit den Herausforderungen des Forschungsdatenmanagements vor dem Hintergrund der immer noch fortschreitenden Digitalisierung auseinandersetzt.

In Zusammenarbeit mit der UB der LMU ist es mittlerweile gelungen, zunächst zwei ausgewählte Versionen des VerbaAlpina-Datenbestands (19/1 und 19/2) in das Forschungsdatenrepositorium der UB zu übertragen. Die Daten sind dort außerdem in das Recherche-Portal "Discover" eingeflossen, wo auf sie nun in unterschiedlicher Granulierung zugegriffen werden kann. So ist es etwa möglich, vollständige Versionen zu referenzieren oder herunterzuladen. Zusätzlich können Einzelbelege, morpholexikalische Typen oder ganze Ortschaften samt dem ihm zugeordneten Sprachmaterial adressiert werden. Das System erlaubt die Erzeugung spezifischer DOIs für ausgewählte Datenpakete, eine eindeutige Referenzierung ist überdies durch UB-eigene persistente Identifikatoren möglich.

Portal "Discover" der UB der LMU. Das System erlaubt u. a. die Erzeugung von DOIs, die auf einzelne morpholexikalische Typen von VerbaAlpina verweisen.

4. Adressierung und interaktive Einbindung eines breiten Publikums (Crowdsourcing)

Die allgemeine Zugänglichkeit von Inhalten, die im Internet  publiziert werden, führt dazu, dass grundsätzliche ein sehr breites Publikum angesprochen wird, das sich in durchaus unterschiedlichen Wissenswelten bewegt. Dazu gehören – wenigstens potentiell – die sprachwissenschaftliche Fachwelt, interessierte Laien und die Sprechergemeinschaften inklusive mancher Informanten. Selbstverständlich sind nicht aller Informationen für alle Nutzer gleichermaßen interessant, so dass es nicht nötig erscheint, alles in maximal verständlicher Alltagssprache auszudrücken. Das wäre auch nicht im Sinne er erforderlichen begrifflichen Schärfe, die auf Terminologie nicht verzichten kann. Allerdings wird die Verständlichkeit der Oberfläche durch den Einsatz zahlreicher Informationsfenster erleichtert, die sich öffnen, wenn der Mauspfeil darauf bewegt wird (so genannte Tooltips). Hier ein Beispiel:

Beispiel für einen Tooltip (interaktives Original)

In mehrfacher Weise werden Nutzer aktiv eingebunden:
  • Jeder kann unabhängig von seinem Experten- oder Laientum sprachliche Formen beisteuern; darüber hinaus ist es auch möglich, fehlende Konzepte zu ergänzen.(vgl. https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/en/?page_id=1741.
  • Nutzer, die Belege/Konzepte beisteuern,  können sich registrieren und so für das Projekt erreichbar bleiben; das ist nützlich für eventuelle Rückfragen. #wieviel % machen das?#
  • Jeder Nutzer kann interaktiv durch Kombination beliebiger Inhalte synoptische Karten generieren, fixieren und zur Veröffentlichung vorschlagen. Diese Vorschläge werden jedoch nicht automatisch allgemein zu Verfügung gestellt, sondern vorher durch die Projektverantwortlichen geprüft.
  • Ein direkte Kontaktaufnahme ist über die Social Media-Auftritte des Projekts ebenso möglich, wie über E-Mail-Adressen (vgl. Home).
  • Wissenschaftliche Partnerprojekte können beliebig viele relevante Daten liefern und in einer eigenen Datenbank, die Teil der Projektarchitektur ist, hosten.

5. Offene und dynamische Datenbestände

Die Möglichkeit kontinuierlicher Anreicherung der verfügbaren Daten setzt voraus, dass grundsätzlich mit offenen und dynamischen Datenbeständen gearbeitet wird. Es erübrigt sich so die ideale, d.h. illusionäre Vorstellung empirischer Vollständigkeit. Allerdings ist es im Sinne der Transparenz und Nachprüfbarkeit unbedingt notwendig, eine empirische Verlässlichkeit zu garantieren, damit die Projektergebnisse auch zitierbar sind. Diese fundamentale Bedingung wird durch eine regelmäßige Versionierung der Daten erfüllt. Rein technisch wird die Versionierung durch die Anfertigung einer Kopie der Datenbank erreicht. Die Kopie erhält einen Namen, der auf den Zeitpunkt der Erzeugung verweist (191: Jahresmitte 2019; 192: Jahresende 2019). Die Kopie der Datenbank ist "eingefroren", Änderungen an den darin enthaltenen Daten ist nicht mehr möglich. Auf dem Projektportal ist über ein Drop-Down-Menü der Wechsel zwischen den verschiedenen Versionen möglich:

Verfügbare VA-Versionen

Die Versionsnummer ist auch Teil der meisten URLs, die auf VerbaAlpina-Ressourcen verweisen. Als Beispiel sei hier die URL genannt, die auf den Morpholexikalischen Typ L2599/tegia (roa f.) im LexikonAlpinum in der VA-Version 211 verweist:

db=211#L2599" target="_BLANK">https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=12180&db=211#L2599

Eine Übersicht über sämtliche bislang vorhandenen Versionen findet sich auf der Startseite von VerbaAlpina unter dem Button "Timeline". Ein Klick auf eines der Versionsbilder öffnet eine Statistik, die den Datenzuwachs in der jeweiligen Version anzeigt:

VerbaAlpina "Timeline" mit statistischen Daten zur VerbaAlpina-Version 2021

Künftig wird die Timeline-Übersicht auch noch weitere Informationen zu Veränderungen gegenüber den Vorgängerversionen enthalten. Dabei wird es vor allem um nicht quantifizierbare Errungenschaften wie etwa die Entwicklung neuer Tools oder Veränderungen in Design oder Usability gehen.

6. Virtuelle Kartographie auf georeferenzierter Grundlage

Im Sinne einer konsequenten Nutzung von Webtechnologie ist der Verzicht auf den Einsatz einer graphischen Grundkarten. Rein virtuelle Kartierung bietet mehrere Vorteile; sie erlaubt es  dem Nutzer optional ganz unterschiedliche Oberflächen anzubieten (mit/ohne Relief, mit/ohne Beschriftung, Karte/Satellitenbild usw.):

Optionale Kartenoberflächen in VA (interaktives Original)

Weiterhin kann optional zwischen mehreren geographischen Referenzeinheiten gewechselt werden. Die Grundeinstellung (by default)  kartiert in Bezug auf die politische Gemeinde; vor allem bei quantitativer Visualisierung ist es jedoch gelegentlich sinnvoll, größere Einheiten zu Grunde zu legen, die folgenden Karten (so genannte heat maps) zeigen die Menge der Crowder, d.h. der aktiven Nutzer, die uns Belege geliefert haben (1688 Personen, am 13.10.2021, 9:40) mit Bezug auf die Gemeinden und die von der Europäischen Kommission definierten NUTS 3-Regionen (NUTS: Nomenclature des unités territoriales statistiques):

Optionale Visualisierung mit Referenz auf die Gemeindeflächen (links, interaktives Original) und die NUTS 3-Regionen (rechts, interaktives Original)

Als weitere Referenzgrößen stehen u.a. die Nationalstaaten und die Sprachgebiete (Sprachfamilien) zur Verfügung. Das Beispiel zeigt im Übrigen, dass jederzeit aktuelle Datenbestände visualisiert werden können.

7. Möglicher Einbezug nicht sprachlicher Kontextdaten

Für die Interpretation geolinguistischer Konstellationen sind demographische und historische  Informationen über den Belegort unerlässlich; VA hat daher alle 5771 Gemeindenamen des Alpenraums mit den jeweiligen Einträgen im Dienst geonames.org verknüpft. Im Fall der Gemeinde, auf deren Territorium wir uns befinden, Garmisch-Partenkirchen, führt uns der Dienst zu vielfältigen topographischen, administrativen und enzyklopädischen (Wikipedia-Logo) Informationen:

Über geonames.org importierte Informationen (Beispiel Garmisch-Partenkirchen – Quelle)

Da das Projekt VA auf die sprachliche Stratigraphie des Alpenraums zielt – im Fall von Garmisch-Partenkirchen die etwaige Existenz eines lateinisch-romanischen Substrats – wurden weiterhin relevante historische Daten einbezogen, so die eventuelle Existenz römischer Inschriften oder die antike Erwähnung des Ortsnamens im Itinerarium Antonii bzw. auf der darauf basierenden Tabula Peutingeriana:

Erwähnung von Partenkirchen (Tarteno ⇒  <P>arteno) auf der Tabula Peutingeriana (interaktives Original)

Die nicht-sprachlichen Kontextdaten werden zusammen mit den Sprachdaten in der zentralen VerbaAlpina-Datenbank in der Tabelle "Orte" gehalten.

Ausschnitt aus der Tabelle "Orte" in der VA-Datenbank mit Einträgen zu "Partenkirchen"

Die Tabelle "Orte" enthält aktuell etwa 165000 Einträge und hat ein Volumen von mehr als 250 MB. Die Eintragungen in diese Tabelle sind insgesamt 47 Kategorien zugeordnet. Neben den Daten von der Tabula Peutingeriana sind dies beispielsweise die folgenden:

Kloester (1317); langobardische_graeberfelder (120); Walsergemeinden (77); Raetische Inschriften (36); ...

8. Überwindung der Gattungsgrenzen

Die traditionellen Gattungen, in denen die Ergebnisse geolinguistischer Forschung veröffentlicht wurden (Ortsmonographie, Atlas, Wörterbuch, Korpus), verfolgen jeweils spezifische Zwecke und sind daher komplementär zu sehen. Es gibt im Rahmen der digitalen Medien jedoch keinen Grund mehr, sie kategorisch zu trennen. Gerade wegen ihrer Komplementarität liegt es vielmehr nahe, sie organisch mit einander zu verflechten, wie es in VerbaAlpina unternommen wurde. Der Webauftritt des Projekts liefert unter dem Reiter  Methodologie theoretische Erörterungen zentraler linguistischer und informationstechnischer Begriffe; diese konzeptionelle Komponente ist eng mit den beiden wichtigsten Funktionalitäten verschränkt, der interaktiven Karte und der Lexicon Alpinum. Diese beiden Komponenten wiederum sind gewissermaßen symbiotisch angelegt worden, denn jeder Lexikoneintrag kann durch einen Klick auf einer Karte visualisiert werden und von der Karte gelangt man durch einen Klick zu den korrespondierenden Lexicon-Einträgen:

Wechselseitige Verschränkung lexikographischer und kartographischer Informationen

Schließlich ist das Datenkorpus auch aus diskursivem Text oder aus der interaktiven Karte heraus direkt abfragbar. Es besteht für Nutzer die Möglichkeit, auf der interaktiven Karte individuelle Datenbankabfragen über die Schaltfläche 'SQL Query' abzuschicken und die Ergebnisse so in kartographischer Darstellung einzusehen.

Die Nutzung der SQL-Funktion verlangt Kenntnisse in der Abfragesprache SQL. Die nötigen Informationen über Struktur und Inhalt der an dieser Stelle abfragbaren Tabelle sind über einen Klick auf das kleine Fragezeichen neben dem Schlüsselwort "WHERE" abrufbar:

Dialogfelder zur Formulierung individueller Abfragen. Ein Tooltip präsentiert die in der Tabelle vorhandenen Felder samt deren Datentypen.

Ein in blau gesetzter Link am unteren Rand des Tooltipps führt auf eine eigene Seite mit detaillierten Informationen zu den Datenbankfeldern und deren Inhalten.

Beispiel: Slawische Belege mit dem Basistyp "butyru(m)":

Kartierung von Einzelbelegen, die dem lexikalischen Typen "Butter" zugeordnet sind und mit einem P beginnen. Ein Rechtsklick auf den Legendeneintrag ermöglicht die Modifizierung der SQL-Abfrage (Dialogfeld rechts).

Ein Beispiel für Aggregation und Gattungsverschränkung

Abschließend soll die Aggregation unterschiedlicher Quellen(typen) und die Gattungsverschränkung etwas detaillierter exemplifiziert werden. Ausgangspunkt der  Darstellung ist der Artikel chaschöl des bündnerromanischen Referenzwörterbuchs DRG (Link). Die dort genannten Formen erscheinen auf der Karte chaschöl im Verbund mit denjenigen aus anderen Quellen, wie stellvertretend die Markierung der Orte des VSI zeigt:

Verbreitung des Typs chaschöl (< lat. caseolus) im Spiegel aggregierter Quellen, interaktives Original

Die regionale Besonderheit des Typs (Tessin, Graubünden, Dolomiten) tritt vor allem dann hervor, wenn er im Kontext aller anderen Bezeichnungen von KÄSE kartiert wird (vgl. die [[Karte KÄSE|https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3801&layer=4]0].

 


Bibliographie

  • ADDU = Thun, Harald / Elizaincín, Adolfo (2000-): Atlas lingüístico diatópico y diastrático del Uruguay, Kiel, Westensee
  • AIS = Jaberg, Karl / Jud, Jakob (1928-1940): Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz, Zofingen, vol. 1-7
  • ASD = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan / Mages, Emma (2016): Audioatlas Siebenbürgisch-Sächsischer Dialekte , München, Ludwig-Maximilians-Universität. Link
  • ASLEF = Pellegrini, Giovan Battista (1974-1986): Atlante storico-linguistico-etnografico friulano, Padova, vol. 1-6
  • AsiCa = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan (2006-2017): Atlante sintattico della Calabria, München. Link
  • Asica 2.0 = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan (2019): Atlante sintattico della Calabria. Rielaborato tecnicamenta da Veronika Gacia e Tobias Englmeier, München. Link
  • DRG = De Planta, Robert/ Melcher, Florian/ Pult, Chasper/ Giger, Felix (1938ff.): Dicziunari Rumantsch grischun, Chur, Inst. dal Dicziunari Rumantsch Grischun. Link
  • DWDS = Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.) (2004-): Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin. Link
  • GPSR = Gauchat, Louis (Hrsg.) (1924ff.): Glossaire des patois de la Suisse romande, Genève [u.a.], Droz [u.a.]
  • Idiotikon = (1881 ff.): Schweizerisches Idiotikon. Schweizerdeutsches Wörterbuch, Basel. Link
  • Krefeld 2018 g = Krefeld, Thomas (2018): I principi FAIR nel progetto VerbaAlpina, ossia il trasferimento della geolinguistica alle Digital Humanities. Link
  • Krefeld/Lücke 2020 = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan (2020): 54 Monate VerbaAlpina – auf dem Weg zur FAIRness, in: Ladinia, vol. XLIII, 139-156
  • Metropolitalia = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan / Bry, François (2010-2013): Metropolitalia. Social Language Tagging, München. Link
  • VALTS = Gabriel, Eugen (1985-2004): Vorarlberger Sprachatlas mit Einschluss des Fürstentums Liechtenstein, Westtirols und des Allgäus , vol. 1-5, Bregenz, vol. 1-5, Vorarlberger Landesbibliothek
  • VSI = Sganzini, Silvio (1952ff): Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana, Lugano, Tipografia la Commerciale
  • VerbaAlpina = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan (2014-): VerbaAlpina. Der alpine Kulturraum im Spiegel seiner Mehrsprachigkeit, München. Link
  • WBOe = Bauer, Werner/ Kranzmayer, Eberhard. Institut für österreichische Dialekt- und Namenlexika (Hrsg.) (1970–): Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich, Wien, Verl. der Österr. Akad. der Wiss.

Die Konzeption einer interlingualen Geolinguistik im Projekt VerbaAlpina (Zitieren)

Thomas Krefeld
(3368 Wörter)

 

Abstract
Die Untersuchungsgebiete der Dialektologie werden üblicherweise nach nationalen und nationalsprachlichen (d.h. politischen) Kriterien zugeschnitten. Das ist geolinguistisch unangemessen und wird weder den grenzüberschreitenden Räumen noch den traditionell mehrsprachigen Arealen gerecht. Ein Untersuchungsgebiet wie der Alpenbogen, in dem die drei großen europäischen Sprachfamilien (Romanisch, Germanisch, Slawisch) seit anderthalb Jahrtausenden in Kontakt stehen, erzwingt die Überführung der Dialektologie in eine interlinguale Geolinguistik. Denn nur so wird es möglich die historische Verflechtung der drei Kontinua (Romanisch, Germanisch, Slawisch) mit ihrer ausgeprägten lokalen Variation zu erfassen. Auf der Grundlage von Web-Technologie wird im Projekt VerbaAlpina (https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/) seit 2014 eine entsprechende Methodologie in der Perspektive der Digital Humanities entwickelt.

1. Eine dynamische Disziplin

Die Geolinguistik untersucht die Raumgebundenheit und die räumlich bedingte Variation der Sprachen. Die methodologische Entwicklung der Disziplin – um die wertende Rede von ihrem ‘Fortschritt’ zu vermeiden – spiegelt veränderte Sprachauffassungen ebenso wie den tiefgreifenden Wandel der Medien. Besondere Herausforderungen ergaben sich einerseits aus der kontinuierlich wachsenden Bedeutung, die der Mehrsprachigkeit im Allgemeinen und der mehrsprachigen Kompetenz der einzelnen Sprecher*innen im Besonderen beigemessen wurde  und andererseits aus dem zunehmenden Einsatz von Webtechnologie in der Forschungspraxis.

2. Von der traditionellen Einsprachigkeit zur Mehrsprachigkeit

Die traditionelle Dialektologie1 zielt auf die Beschreibung monodimensional verstandener sprachlicher (dialektaler) Systeme; Variation innerhalb der lokalen Sprachen wird weitestgehend ausgeblendet. Gerade diese Forschungstradition hat in Gestalt der Sprachatlanten eine spezifische und mittlerweile ebenso elaborierte wie differenzierte Form der Dokumentation hervorgebracht. Aber diese Gattung macht auch auf einige nachgerade erstaunliche Beschränkungen aufmerksam (vgl. Krefeld/Lücke 2021):

  1. Die Untersuchungsgebiete der dialektologischen Forschung werden – außer Im Fall lokaler Einzelstudien – üblicherweise nach Maßgabe nationaler und nationalsprachlicher (d.h. politischer) Territorien2 zugeschnitten; das gilt gerade auch im Fall der Regionalatlanten, die Teilen des nationalen Territoriums gewidmet sind  (vgl. z. B. ALG). Dieses Prinzip ist in doppelter Hinsicht fragwürdig:
    - Es verzerrt die Darstellung des romanischen Kontinuums, weil es eine Relevanz der Staatsgrenzen suggeriert; Staatsgrenzen  sind aber allenfalls Grenzen der Standard- bzw. Dachsprachen, die sich gerade nicht auf die Gliederung der überdachten Varietäten abbilden lassen.
    - Es hat zur systematischen Vernachlässigung grenzüberschreitender Areale geführt.
  2. Traditionell nicht romanischsprachige Areale, deren Sprachen auf keinen Fall ‘Dialekte’ der Nationalsprachen sein können,  werden innerhalb nationaler Territorien oft nicht berücksichtigt; das ist wegen der häufig festzustellenden historischen Verschiebung der Sprachgrenzen in Folge von arealem Sprachwechsel unglücklich, denn es erschwert die Dokumentation und Analyse der historischen Sprachkontakts.

Die beiden Punkte sind übrigens starke Argumente dafür, raumorientierte sprachwissenschaftliche Forschung nicht grundsätzlich unter dem engen Begriff der Dialektologie, sondern eher unter dem weiteren Begriff der Geolinguistik zu subsumieren. Im Projekt VerbaAlpina wird das dialektale Lexikon des Alpenraums dokumentiert; der Alpenraum wird über die politischen Gemeinden definiert, die im Perimeter der sogenannten Alpenkonvention liegen. Da in diesem Untersuchungsgebiet die drei großen europäischen Sprachfamilien (Romanisch, Germanisch, Slawisch) seit anderthalb Jahrtausenden in Kontakt stehen, war es weiterhin notwendig die Geolinguistik als interlingual zu spezifizieren.

2.1 Die Modellierung der Mehrsprachigkeit

Auf der Kartenoberfläche wird die Mehrsprachigkeit des Untersuchungsgebiets als synchrones räumliches Nebeneinander der drei genannten Sprachfamilien modelliert (vgl. Interaktive Karte). Auf die Spezifizierung von Einzelsprachen (’Italienisch’) und Dialektzonen (wie z.B. ‘Lombardisch’) wurde dagegen verzichtet; die Bezugsgröße der Georeferenz ist grundsätzlich die politische Gemeinde, d.h. es werden potentiell die lokalen Sprachen (Dialekte) sämtlicher, beinahe 6000 Gemeinden der Alpenkonvention identifiziert. Für zahlreiche Gemeinden sind natürlich de facto  (noch) keine Daten verfügbar. Die Gruppierung der lokalen Sprachen/Dialekte zu regionalen Typen wie z.B. Lombardisch ist zwar ein traditionelles Anliegen der Sprachgeographie, das sich in einigen bekannten Karten niedergeschlagen hat.  Aus einer Bottom Up-Perspektive, die von lokalen Daten ausgeht, ist die dort vorgeschlagene Zonierung jedoch wenig transparent und nicht zielführend. Es steht den Nutzern aber selbstverständlich frei eine eigene Klassifikation vorzunehmen und einen lokalen Dialekt, der z.B. in der Region Lombardia liegt, der zur Alpenkonvention gehört und in VA mit Sprachdaten belegt ist, wie z.B. den Dialekt von Colico am Comersee, als ‘lombardisch’ zu bezeichnen.

Übrigens ist schon die Zuordnung einer Gemeinde zum Gebiet einer der drei Sprachfamilien alles andere als selbstverständlich, denn es werden bereits in der Zusammenschau der unten genannten Quellen historische Verschiebungen sichtbar. Vor allem in Graubünden sind mehrere Orte, die in den Netzen des AIS (Kartensymbol A) und vor allem des DRG (Kartensymbol B) als romanischsprachig geführt werden, mittlerweile zum Deutschen gewechselt, d.h. sie liegen auf der folgenden Karte im grün unterlegten Gebiet. Man beachte, dass alle VA-Karten rein virtueller Natur sind und nur auf den Endgeräten der Nutzer erscheinen; es liegen also keine digitalisierten graphischen Karten zu Grunde, wie es in anderen geolinguistischen Projekten, die online konsultierbar sind, der Fall ist. Die virtuelle Kartographie wurde von Florian Zacherl und vor allem von David Englmeier konzipiert und implementiert.

Sprachwechsel in Graubünden am Beispiel einiger ehemals romanischsprachiger Orte des AIS und des DRG (interaktives Original)

In kontaktlinguistischer Hinsicht bedeutet der Sprachwechsel den lokalen Übergang von einer Adstrat- in eine Substratkonstellation. Es ist jedoch im Hinblick auf das räumlich Nebeneinander der Sprachfamilien und lokalen Sprachen/Dialekte wichtig zu sehen,  dass VA weniger daran interessiert ist im Sinne einer Mosaikdarstellung der Sprachlandschaft lokale oder regionale Sprachgrenzen herauszuarbeiten als vielmehr daran gerade die verbindenden Fugen zwischen den Steinchen, d.h. die gemeinsamen Merkmale zwischen den lokalen Sprachen herauszuarbeiten. Für den spezifisch alpinen Wortschatz wurde in der historischen Sprachwissenschaft der Ausdruck ‘Alpenwörter’ (Link) geprägt:

3. Neue mediale Rahmenbedingungen

3.1 Aggregation unterschiedlicher Typen von Quellen

Alle Probleme, die sich aus dem spezifisch nationalen geographischen Zuschnitt der Untersuchungsgebiete bereits existierender Atlanten ergeben, lassen sich auf der Grundlage webbasierter Vorgehensweise überwinden; denn die erfassten Räume können aggregiert und integriert werden, da es technisch einfach ist die jeweiligen Ortsnetze virtuell miteinander zu verknüpfen. Die folgende Karte zeigt, welche Atlanten in die Dokumentation eingebunden werden konnten. Notwendige Voraussetzung ist die Georeferenzierbarkeit der Sprachdaten. Es darf jedoch nicht verschwiegen werden, dass der Umfang der tatsächlich übernommenen Daten sehr stark variiert: Manche Projekte stellten im Rahmen von Kooperationsabkommen große Mengen zur Verfügung (vorbildlich war insbesondere die Zusammenarbeit mit dem ALD-I und dem ALD-II), andere konnten nur sehr selektiv und mit aufwändiger Handarbeit retrodigitalisiert werden; dafür wurden von Florian Zacherl spezielle Tools (zur Transkription, zur Typisierung usw.) entwickelt.

VA Informanten aus Atlanten (interaktives Original)

Nun gibt es zusätzlich zu den Atlanten im engeren Sinn auch etliche, teils exhaustiv konzipierte Dialektwörterbücher, die in der geographischen Logik eines Atlasses realisiert wurden und alle erfassten Formen spezifischen Orten zuweisen. Diese Wörterbuchdaten werden in VA gemeinsam mit den Atlasdaten visualisiert, wobei es – wie im Fall der Atlanten – sehr umfangreiche Wörterbücher gibt, deren Daten  praktisch nicht verwendbar, weil nicht interoperabel. Dies betraf bis vor kurzem ausgerechnet die Daten des WBOE (rosafarbenes Kartensymbol 'J'), die sehr wichtig sind, da sie das große österreichische Gebiet abdecken, für das keine Atlanten zur Verfügung stehen; in Gestalt des Lexikalischen Informationssystem Österreich (LIÖ, rosa Kartensymbol 'J') deutet sich nun eine Lösung an. Andere, ebenfalls große und interoperable Wörterbücher verdichten Daten in Gebieten, die bereits durch Atlanten erschlossen sind, so der bündnerromanische  DRG (gelbes Kartensymbol 'D'), der tessinische VSI (hellgelbes Kartensymbol 'I') und der Glossaire des patois de la Suisse romande (GPSR). Einen Überblick gibt die folgende Karte:

VA Informanten aus Wörterbücher (interaktives Original)

Weiterhin werden Daten aus einem dritten Quellentyp in VA eingespeist, denn David Englmeier hat ein spezielles Tool für die direkte Erhebung von neuen Sprachbelegen entwickelt (vgl.  Mitmachen). Dieses als Crowdsourcing bekannte Verfahren steht in der aktuellen Projektphase im Zentrum, da es jetzt um die Bezeichnungen moderner Konzepte  geht (Ökologie, Tourismus), die in den traditionellen Atlanten ebenso wie in den allermeisten Wörterbüchern fehlen. Wie die folgende Karte zeigt, ist der Erfolg des Crowdsourcings sehr stark von der jeweiligen Region abhängig; die Gründe dafür sind zwar unklar, aber es ist zu vermuten, dass in den französischen Westalpen die Erosion der Dialektkompetenz in der Altersgruppe mit der stärksten Internetaffinität eine große Rolle spielt (#vgl. dazu demnächst BC/AR)#.

VA Informanten aus der Crowd (28.9.2021, interaktives original)

3.2 Technische Verknüpfung der Sprachen/Dialekte

Entscheidend für die synoptische Darstellung von Formen aus den unterschiedlichen Sprachen und Sprachfamilien ist ihre Verknüpfung in der Struktur des Datenbestands. Sie erfolgt in zweifacher und komplementärer Hinsicht, nämlich auf der Ebene der sprachlichen Bezeichnungen und auf der Ebene der außersprachlichen Sachverhalte (KONZEPTE).

3.2.1 Ebene der sprachlichen Bezeichnungen

Auf der Ebene der sprachlichen Formen werden die zahlreichen Belege typisiert, d.h. die rein phonetischen Varianten werden zu morpho-lexikalischen Typen gruppiert, die auf der Nutzeroberfläche gesucht werden können. Diese Typen sind spezifisch für eine der drei Sprachfamilien; falls möglich repräsentieren die Varianten der großen Nationalsprachen Französisch und Italienisch die Menge aller Varianten eines Typs. So liefert die Suche nach fra. beurre / it. burro eine Karte mit 718 Varianten (in Version 21/1), die jeweils durch Anklicken des Symbols eingesehen werden können:

der morpho-lexikalische Type beuerr/burro (roa) (interaktive Originalkarte)

Darunter sind auch die entsprechenden Formen der romanischen Kleinsprachen, wie z.B. botiro im Ladinischen von Moena  (Fassatal) oder friaulisch butiro   in Clauzetto. Die Kategorie des morpho-lexikalischen Typs funktioniert also bereits interlingual im Rahmen einer Sprachfamilie.

Nun gehören offensichtlich auch deu. Butter und dialektal slowenisches put(e)r zu dieser Gruppe, allerdings muss es sich bei entsprechenden germanischen und slawischen Formen um Entlehnungen aus dem Romanischen handeln.  Solche Typen, die in mehr als einer Sprachfamilie belegt sind, werden in VA als ‘Basistypen’ gefasst.  Sie werden durch die jeweils identifizierbare etymologische Ausgangsform repräsentiert, im Fall von fra. beurre, deu. Butter usw. ist das lat. butyrum (eigentlich ein griechisches Lehnwort). Die Suche nach diesem Basistyp produziert eine Karte mit den zugehörigen Formen in allen relevanten Sprachfamilien:

der Basistyp. lat. butyrum (interaktive Originalkarte)

Obwohl der Basistyp etymologische Zusammenhänge identifiziert, seien sie nun erbwörtlicher oder entlehnungsgeschichtlicher Natur, wurde ausdrücklich Wert darauf gelegt, ihn nicht als ‘Etymon’ bzw. als ‘etymologischen Typ’ zu bezeichnen. Denn die Zuordnung des Basistypen sagt noch nichts über die Wortgeschichte der zugeordneten Typen aus den unterschiedlichen Sprachfamilien aus.

3.2.2 Ebene der Konzepte

Falls an der Nutzeroberfläche ein Konzept gesucht wird, liefert das System alle erfassten sprachlichen Bezeichnungstypen.

Bezeichnungen des Konzepts BUTTER (unvollständige Legende; interaktive Originalkarte)

Unter den sehr zahlreichen Bezeichnungen ist auch der germanische Basistyp Schmalz, der – in umgekehrter Entlehnungsrichtung wie der Basistyp butyrum – aus dem Deutschen ins Romanische gelangt ist, wie der Legende hervorgeht:

Ausschnitt aus der Legende von Karte ## (interaktive Originalkarte|https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3972&layer=4]])

Die ethnographischen Hintergründe der gegenläufigen Entlehnungen (Lat.-Rom. → Deu. vs. Deu → Lat.-Rom.) müssen hier nicht im Detail ausgeführt werden. Es reicht festzuhalten, dass sich dem Anschein nach die Herstellung des Produkts (BUTTER) ausgehend vom Lat.-Rom. Gebiet verbreitet. Vom Deutschen ist dagegen das Auslassen der Butter (SCHMELZEN → SCHMALZ) , analog zum Auslassen des tierischen Fetts, vor allem des Schweinfetts als Konservierungstechnik der kaum haltbaren frischen Butter zu den Romanen gekommen (vgl. auch das so motivierte Kompositum Butterschmalz). Ähnlich sind sich die beiden Produkte BUTTER und SCHMALZ im Übrigen auch in anderer Hinsicht, etwa im hohen Fettgehalt (vgl. den lat. Basistyp unctum, dessen  romanischen Kognaten ebenfalls beides bezeichnen (vgl. Karte Basistyp lat. unctum.

Entscheidend ist nun, dass sich Im Hinblick auf die konzeptgeleitete Verknüpfung von Bezeichnungen mehrerer Einzelsprachen in den letzten Jahren vollkommen neue Optionen ergeben haben. Durch die mittlerweile zur Verfügung stehenden, sehr umfangreichen, Bestände von sachbezogenen Normdaten lassen sich Konzepte ganz unabhängig von den sprachlichen Bezeichnungen relationieren und als autonomer Referenzbereich strukturieren; am weitesten fortgeschritten aber linguistisch allenfalls in Ansätzen genutzt sind die sogenannten ‘Datenobjekte’ des Wikidata-Projekts (vgl. Krefeld 2021d). Dabei handelt es sich um Identifikatoren (QIDs), mit denen die enzyklopädischen Inhalte der Wikipedia identifiziert werden. Die  entsprechende QID für BUTTER (zugänglich über den Button ‘Wikidata-Datenobjekt’ in der linke Menüspalte des Wikpedia-Eintrags Butter)  lautet Q34172. Aus diesem Wikidata-Eintrag geht hervor, das es in 141 Sprachversionen der Wikipedia Artikel zu dem Konzept BUTTER gibt (Stand vom 2.11.2021); alle diese 141 Artikel referenzieren auf die genannte ID. Darunter sind auch etliche Versionen aus romanischen Sprachen, historisch wichtige Vorgänger- und Bezugssprachen sowie zahlreiche europäische und koloniale Entlehnungen aus dem Romanischen: 

Romanische Bezeichnungen europäische Entlehnungen
Herkunftssprachen Entlehnungen im kolonialen Kontext

Eine analoge Tabelle ließe sich auch für den Wikidata-Eintrag SCHMALZ (lard (Q72827)) zusammenstellen, in der sich Sprachversionen mit Bezeichnungen finden, die offenkundig auf die Übertragung der Bezeichnungen von BUTTER zurückgehen, so asturisch mantega de gochu, wörtlich ‘Butter vom Schwein’  oder span. manteca de cerdo, wörtlich ebenfalls ‘Butter vom Schwein’. Wichtig für die Organisation der onomasiologischen – oder informationstechnisch gesagt: ontologischen – Einheiten ist ihre Verknüpfung in Gestalt von dreigliedrigen Prädikatsausdrücken oder: Tripeln (so genannten ‘statements’), die im Wikidata-Projekt vorgenommen wird. Im Fall unserer Beispiele BUTTER und SCHMALZ finden sich (Stand vom 7.11.2021) u.a. folgende ‘statements’:

butter (Q34172) instance of (P31) food ingredient (Q25403900)
subclass of (P279) dairy product
edible fats and oils (Q912613)
lard (Q72827) instance of (P31) chemical substance (Q79529)
food ingredient (Q25403900)
subclass of (P279) edible fats and oils (Q912613)
die Wikidata-Statements zu den Konzepten BUTTER und SCHMALZ

Diese  Tripel leisten einen fundamentalen Beitrag zum sogenannten Semantic Web, denn sie sind in das dafür erforderliche Format der RDF-Tripel überführbar. man beachte, dass es sich aus linguistischer Sicht gerade nicht um ein ‘semantisches’ (sprachgebundenes), sondern um ein onomasiologisches (sprachunabhängiges) Netz handelt. Es ist offensichtlich, dass elementare Gemeinsamkeiten der beiden Konzepte bereits zum Ausdruck kommen. Die Wikidata-Datenbank ist durch eine formale Sprache (SPARQL) abfragbar, so dass potentielle semantische Gemeinsamkeiten zwischen den Bezeichnungen und die darauf beruhenden Übertragungen durch semantische Prozesse (Metaphern, Metonymien, Meronymien, taxonomische Verschiebungen) gewissermaßen vorhersehbar bzw. motivier- und nachvollziehbar sind. So ergibt die Suche nach den ‘subclasses’ von ‘edible fats and oils’ die folgende Liste:

 wd:Q4287 Margarine
 wd:Q34172 Butter
 wd:Q72827 Schmalz
 wd:Q427457 Speiseöle
 wd:Q1194601 Shortening
 wd:Q1423543 Tierfett
 wd:Q1727434 Streichfett
 wd:Q2310378 Horse fat
 wd:Q11870297 Pflanzenfett
 wd:Q68187377 Gänsefett

3

Nicht weniger offensichtlich ist jedoch auch die Tatsache, dass  wichtige Unterschiede wie die Arten der Produktion (SCHLAGEN VON RAHM im Fall von BUTTER und ERHITZEN im Fall SCHMALZ) oder die dafür benutzten Geräte (z.B. das BUTTERFASS) nicht abgebildet werden, obwohl das mindestens teilweise schon möglich wäre, da QIDs zur Verfügung stehen. Die Unterschiede schlagen sich ja auch in semantischen Prozessen nieder (pignatta, bündnerrom. pischada < lat. *pisiare ‘stampfen’; vgl. die interaktive Karte pischada). Daraus ergibt sich der Appell an einschlägige sprachwissenschaftliche Projekt, die Wikidata-Statements im jeweiligen thematischen Rahmen systematisch zu ergänzen.  

4. Stratigraphische Wortgeschichte

Die eigentliche wortgeschichtliche Zusammenhang des Basistyps mit den zugehörigen morpho-lexikalischen Typen muss vielmehr vom dem Hintergrund der sprachlichen Stratigraphie des Alpenraums erarbeitet werden. In dieser diachronen Perspektive kommt dem lateinisch-romanischen Stratum eine besondere Bedeutung für den Alpenraum zu. Denn seit 15 n.Chr. gehörte das gesamte Gebiet zum Römischen Reich: Im Gefolge der Romanisierung verschwanden alle vorrömischen Sprachen. Ein Teil wurde nach Zusammenbruch der römischen Infrastruktur (476 n.Chr.) germanisiert, ein anderer slawisiert – dort ist das Lateinisch-Romanische also Substratsprache; das Slawische ist teils auch vom Germanischen verdrängt  worden und in diesen Gegenden ebenfalls zum Substrat geworden.  Das Germanische war zudem im romanisch gebliebenen Alpengebiet ebenso wie im slawisierten Teil mehr oder weniger lang und in ganz unterschiedlicher sprachlicher Gestalt (Gotisch, Langobardisch, Bairisch bzw. bairisch geprägtes Hochdeutsch) Superstrat. Elemente der vorrömischen Sprachen sind im Lexikon und in Toponymie der gesamten Raum deutlich erkennbar (vgl. Krefeld 2020c) deutlich erkennbar; sie sind mit der allergrößten Wahrscheinlichkeit jedoch indirekt, d.h. über das Lateinisch-Romanische ins Alpengermanische bzw. ins Alpenslawische gelangt.

AKTUELLE AREALE Romanisch Germanisch (Deu.) Slawisch (Slow.)
ÖST. DEU. SUPERSTRAT
GERM. SUPERSTRAT SLAW. SUB.
ROMANISCHES SUBSTRAT
SPÄTANTIKE AREALE Lateinisch-Romanisch
VORRÖMISCHE SUBSTRATE
Sprachliche Stratigraphie des Alpenraums (vereinfachtes Schema)

Die Kontaktszenarien sind also vielfältig  und müssen jeweils ‘von Hand’ aufgearbeitet werden. Im Fall des oben bereits erwähnten Basistyps lat. butyrum (n.) ergibt sich abschließend etwa das folgende stratigraphische Schema:

AKTUELLE AREALE Romanisch
(1) beurre/burro (m.)
(2) butirro (m.)
Germanisch (Deu.)
die Butter (f.)

Slawisch (Slow.)
puter (Dial.)
der Butter (m.) ÖST. DEU. SUPERSTRAT ↑
↑ (2)
↑ ROMANISCHES SUBSTRAT
SPÄTANTIKE AREALE Varianten (1) bútyrum (2) butȳrum – Lateinisch-Romanisch
Stratigraphie des Basistyps lat. butȳrum (nicht relevante Strata ausgeblendet)

  1. Damit sind die klassischen Atlanten der ‘ersten Generation’ gemeint; zur historischen Modellierung der Dialektologie nach Generationen vergleiche Krefeld/Lücke 2021

  2. Die Opposition von staatlich institutionalisierten und oft offizialisierten Sprachterritorien einerseits und nicht institutionalisierten Spracharealen andererseits wurde in Krefeld 2004a, 23 f., vorgeschlagen. Beide kommunikationsräumliche Kategorien (sowohl die sprachliche Territorialität wie die sprachlich Arealität) sind  sprachsoziologisch zu verstehen und keineswegs verhaltensbiologisch im Sinne eines instinktiven, genetisch konditionierten Revierverhaltens. Ganz unabhängig von der Frage, ob es sinnvoll ist, der Spezies Homo sapiens ein solches Verhaltensmuster zuzumuten, ist es nicht die Aufgabe moderner demokratischer Staatswesen quasi biologische Kategorien in die Organisation des sozialen Raums einzuschreiben. Institutionen sind historisch-kultureller Natur und dementsprechend grundsätzlich nicht deterministisch, sondern regulativ und veränderlich. Auch Mehr- und Vielsprachigkeit kann und soll selbstverständlich in territorialer Weise geregelt werden. Reviere sind ausgrenzend – staatliche Territorien können und sollten integrativ definiert sein. 

  3. Die Abfrage lautet:
    SELECT ?item ?itemLabel
    WHERE
    {
    ?item wdt:P279 wd:Q912613.
    SERVICE wikibase:label { bd:serviceParam wikibase:language "[AUTO_LANGUAGE],en". }


Bibliographie

  • AIS = Jaberg, Karl / Jud, Jakob (1928-1940): Sprach- und Sachatlas Italiens und der Südschweiz, Zofingen, vol. 1-7
  • ALD-I = Goebl, Hans (1998): Atlant linguistich dl ladin dolomitich y di dialec vejins I, vol. 1-7 (sprechend: http://ald.sbg.ac.at/ald/ald-i/index.php), Wiesbaden, vol. 1-7, Reichert. Link
  • ALD-II = Goebl, Hans (2012): Atlant linguistich dl ladin dolomitich y di dialec vejins, 2a pert, vol. 1-5, Editions de Linguistique et de Philologie
  • ALG = Séguy, Jean (1973): Atlas linguistique de la Gascogne, Toulouse, vol. 6, Inst. d'Études Mérid. de la Fac. des Lettres [u.a.]
  • DRG = De Planta, Robert/ Melcher, Florian/ Pult, Chasper/ Giger, Felix (1938ff.): Dicziunari Rumantsch grischun, Chur, Inst. dal Dicziunari Rumantsch Grischun. Link
  • GPSR = Gauchat, Louis (Hrsg.) (1924ff.): Glossaire des patois de la Suisse romande, Genève [u.a.], Droz [u.a.]
  • Krefeld 2004a = Krefeld, Thomas (2002): Einführung in die Migrationslinguistik. Von der Germania italiana in die Romania multipla, Tübingen, Narr
  • Krefeld 2020c = Krefeld, Thomas (2020): Polystratale und monostratale Toponomastik – am Beispiel der Romania Submersa und der Insel La Réunion, Version 4 (02.04.2020, 11:26), München, in: Korpus im Text. Link
  • Krefeld 2021d = Krefeld, Thomas (2021): Wikidata – semiotisch: Mit Roland Barthes im Internet, München, in: Korpus im Text, Serie A, 71498. Link
  • Krefeld/Lücke 2021 = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan (2021): (Unsere) Prinzipien der virtuellen Geolinguistik. Link
  • LIÖ = Lenz, Alexandra N. (o.J.): Lexikalisches Informationssystem Österreich (LIÖ). Link
  • VSI = Sganzini, Silvio (1952ff): Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana, Lugano, Tipografia la Commerciale
  • VerbaAlpina = Krefeld, Thomas / Lücke, Stephan (2014-): VerbaAlpina. Der alpine Kulturraum im Spiegel seiner Mehrsprachigkeit, München. Link
  • WBOE = Bauer, Werner/ Kranzmayer, Eberhard. Institut für österreichische Dialekt- und Namenlexika (Hrsg.) (1970–): Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich, Wien, Verl. der Österr. Akad. der Wiss.

Neues von den Sprach- und Sachatlanten – anlässlich des Atlas des Patois Valdôtains (APV/1) (Zitieren)

Thomas Krefeld
(3819 Wörter)

Favre, Saverio / Raimondi, Gianmario  (eds.), Atlas des Patois Valdôtains. APV/1 – Le lait et les activités laitières, Arvier, Le Château, 2020, 112 Karten, 241 p.

1. Der geolinguistische Forschungshorizont

Die Geolinguistik – um den zu engen Ausdruck Dialektologie zu vermeiden – hat in der Geschichte der Sprachwissenschaft eine überaus wichtige, von manchen stark unterschätze Rolle gespielt. Das gilt nicht nur im Hinblick auf ihre ganz spezifischen Produkte – in erster Linie Lexika und Atlanten – sondern in ganz besonderem Maße für die Entwicklung und Reflexion grundlegender Methodologien, aus denen die Produkte hervorgehen konnten. So lässt sich der Horizont der geolinguistischen  Forschungstraditionen mit den im Folgenden genannten ‘Landmarken’ und einigen zugehörigen Pionierarbeiten abstecken, an denen sich nicht selten dann auch andere sprachwissenschaftliche Subdisziplinen orientierten.

1.1. Die Anfänge der Dialektologie stehen zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Zeichen der Lexikographie: Mit nur geringer Differenz erscheinen der  Vocabolario milanese-italiano von Francesco Cherubini (1814) das Bayerische Wörterbuch von Johann Andreas Schmeller (1827-1837) und im Unterschied zur bereits etablierten Lexikographie liegen diesen beiden wichtigen Referenzwörterbüchern die Erhebungen gesprochener Daten zu Grunde. Damit stellten sich den Autoren bereits alle einschlägigen Fragen der Selektion und Repräsentativität der Informanten. Die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft, die im 19. Jahrhundert zum dominanten  Forschungsparadigma avancierte, verstand sich dagegen philologisch und arbeitete auf der Grundlage möglichst alter, schriftlich überlieferter Texte.

1.2. Der Anspruch auf ethnographische Kontextualisierung wird im Titel von Weigand 1892 explizit erhoben; inhaltlich liegt er identischer Weise aber bereits in Weigand 1888 vor. Entschieden in den Vordergrund gerückt wird die Ethnographie in Wagner 1921 und mit den systematischen Erhebungen des AIS (verstärkt seit 1920) wird die kombinierte Sach- und Sprachforschung zum festen dialektologischen Paradigma, in dem die Semasiologie und die Onomasiologie – ganz im Unterschied zum ALF – mit derselben Sorgfalt differenziert dokumentiert werden: Die alltagsweltliche Kontextualisierung der Sprachdaten gilt hier als unumgänglich. Kaum Berücksichtigung fand die Ethnographie dagegen in weiten Teilen der germanistischen Dialektologie, die der Tradition von Wenker verhaftet blieb – der SDS und der VALTS sind in dieser Hinsicht untypisch, da sie den romanistischen Atlanten näherstehen.

1.3. Mit dem Intstrument des Fragebuchs konstruierten die Sprachatlanten (seit dem ALF) einen onomasiologischen Hintergrund, auf den sämtliche Sprachdaten bezogen werden konnten; so wurde systematische Vergleichbarkeit zwischen den Aufnahmepunkten ermöglicht; ein meist übersehener, innovativer Vorläufer war Francesco Cherubini 1814, der bei den Erhebungen für sein Wörterbuch die außerordentlich detaillierten Illustrationen aus den Abbildungsbänden (Planches) der Encyclopédie von D'Alembert und Diderot als Stimuli benützte:

„chiamai spesso a consulta varj artisti; e mostrando loro sulle tavole dell’Enciclopédie i varj utensili dell’arte loro, almeno dei principali fra questi mi feci dire da essi i nomi vernacoli; ed io quindi coll’ajuto de’ termini francesi usati dall’Enciclopedia stessa cercai e rinvenni per la maggior parte gli equivalenti toscani.“ (Cherubini 1814, XIII, Anm.)

1.4. Zum Netz des AIS gehören neben romanischen Aufnahmeorten auch einige albanische und griechische Punkte, so dass Sprachkontaktszenarien erfasst werden. Die allermeisten Sprachatlanten haben sich dieses wichtige Prinzip jedoch selbst dann nicht zu eigen gemacht, wenn  ihre Untersuchungsgebiete sich traditionell durch Mehrsprachigkeit auszeichnen; immerhin werden im ALS auch Siculoalbaner (Arberësh) und im AsiCa Sprecher im extraterritorialen (post)migratorischen Kontext berücksichtigt.

1.5. Die Systemlinguistik und formal-universalistisch ausgerichtete Ansätze, die im 20. Jahrhundert im Vordergrund standen, waren nicht per se an der Variation der sprachlichen Einheiten interessiert und benötigten daher keine sehr umfassenden Korpora. Außerdem gilt der Bezug auf die außersprachliche, kulturell geprägte Realität für alle diejenigen als irrelevant, die an eine Isolierbarkeit sprachlicher Strukturen im Sinne einer ‘internen’ Sprachwissenschaft bzw. Sprachgeschichtsschreibung glauben. Dadurch geriet die Dialektologie – in der Außenwahrnehmung – in einen klaren Gegensatz zu diesen oft als prestigereicher angesehenen sprachwissenschaftlichen Subdisziplinen. Andererseits entstand mit zunehmend umfangreichen Datenbeständen ein schärferes Bewusstsein der multidimensionalen Markiertheit sprachlicher Varianten, das erstmals im ADDU, dann im ALS und im MRhSA zu einer komplexeren Modellierung des sprachlichen Raums führte.

1.6. Die Relativierung systemlinguistischer und exklusiv ‘interner’ Konzeptionen stand in engem Zusammenhang mit der methodologischen Neubewertung des individuellen Sprechers und seines vorwissenschaftlichen Sprachwissens; so entstand komplementär eine perzeptive Dialektologie (vgl. Preston 1982 und Postlep 2010), deren Tests einen Zugang zur Kognition der Variation (vgl. Krefeld/Pustka erscheint) vermitteln.

1.7. Um der Allgegenwart sprachräumlicher Variation zu begegnen, entwickelte die Geolinguistik ein emphatisches Verhältnis zur Empirie im Allgemeinen und zum mündlich elizitierten Einzeldatum im Besonderen. Es war daher selbstverständlich sehr früh digitale Techniken zu nutzen; Pionierarbeit leistete in der Romanistik der ALD.

Der skizzierte geolinguistische Forschungshorizont lässt sich nun wie folgt schematisieren:

Der geolinguistische Forschungshorizont mit einigen Pionieren

Die zuletzt genannte Digitalisierung eröffnet allerdings vielfältige Optionen und erfordert eine Spezifizierung, denn der systematische Einsatz von Web-Technologie hat fundamental andere Rahmenbedingungen für die Wissenschaftskommunikation hervorgebracht:

  • Durch die Einbindung von Audiofiles können Daten gesprochener Sprache medial authentisch wiedergegeben werden (vgl. ALD, AdA, AsiCa u.a.); so können auch reine Audio-Archive allgemein zugänglich gemacht werden (vgl. exemplarisch das toskanische Gra.fo);
  • die Erhebungen selbst können mittels  Crowdsourcing auf Forschungsplattformen bewerkstelligt werden (vgl. AdA, ALIQUOT, VerbaAlpina u.a.);
  • auch große Datenmangen lassen sich auf der Basis von Datenbanken analysieren, kartieren und in anderer Weise visualisieren (vgl. ALD und als Vorläufer ALG);
  • die Onomasiologie wird mittels Normdaten auf eine radikal sprachunabhängige und (im informationstechnischen Sinn) ontologische Basis gestellt (vgl. VerbaAlpina);
  • Datenbestände einzelner Projekte lassen sich (auch noch im Nachhinein) aggregieren und   und mit den Beständen anderer Projekte großräumig verknüpfen (vgl. VerbaAlpina).

Schematisch ergibt sich sich damit für die web-basierte Geolinguistik der folgende virtuelle Horizont:

Horizont der web-basierten Geolinguistik

2. Konzeption

Selbstverständlich, möchte man sagen, entsprechen die aktuellen geolinguistischen Projekte nicht allen Anforderungen gleichermaßen; vielmehr bewegen sie sich in der Regel in einem verengten Horizont. Im Fall des APV/1 wird er durch die Bereiche 1.1.-1.4. begrenzt, mit einem ganz klaren Fokus auf 1.2: In dieser ethnographischen Hinsicht wurden zweifellos neue Maßstäbe gesetzt. In 112 thematischen Artikel werden die folgenden vier Gebieten behandelt: La traite (Kap. 1-19), Entre l’étable, la cave et la fruitière (Kap. 20- 48), Le beurre (Kap. 49-73), Le sérac et les produits dérivés des petits-laits (Kap, 74-112) (Link). Zu Grunde lag das Fragebuch von Gaston Tuaillon, das auch für den ALJA und den ALEPO verwandt wurde (10). Das Ortsnetz besteht aus 22 Punkten, von denen jeweils 2 in angrenzenden Gegenden Frankreichs, des Piemont und im Wallis liegen. Befragt wurden pro Ort mehrere Informanten, aber biographische Details erfährt man nicht. 

Sehr überzeugend sind die Anlage des gesamten Bandes (mit sehr differenzierten lexikologischen Indizes) sowie die Gestaltung der einzelnen Kapitel, in denen systematisch Kartographie und sprachwissenschaftlicher Kommentar kombiniert werden. Im Zentrum stehen jeweils eine analytische Karte und ein Text, der die erhobenen Belege typisiert und lexikologisch, d.h. phonetisch, semantisch, onomasiologisch und etymologisch analysiert. Womöglich wird der jeweilige Typ im Kontext kurzer Ethnotexte belegt, die bei der Datenerhebung mit den Informanten aufgenommen wurden. Es wäre erfreulich, wenn sich diese, in der italienischen Dialektlexikographie seit längerem bewährte Dokumentationstechnik (vgl. exemplarisch Sottile 2002) grundsätzlich als Standard etablieren würde. Die sachliche Beschreibung wird durch Zeichnungen und Fotos unterstützt. Weiterhin wird die dokumentierte lexikalische und phonetische Variation durch kleinere, aber sehr prägnante synthetische Karten  visualisiert. Das Fehlen eines vergleichbaren Apparats macht die meisten bislang publizierten Sprachatlanten zu Instrumenten des Wissenschaftlers, obwohl der Kreis der Interessenten in den Sprechergemeinschaften ganz eindeutig darüber hinaus geht. Begrüßenswert war auch die Entscheidung die ursprünglich vorgesehene Transkription nach dem System des ALF bzw.  von Rousselot durch eine IPA-Transkription zu ersetzen; schließlich  freut sich der Leser während der Lektüre über das lose eingelegte Faltblatt mit vollen Ortsnamen, den Siglen, Abkürzungen und dem Transkriptionssystem. Alles wurde unter der Prämisse ein gedrucktes Buch zu publizieren durch und durch vernünftig eingerichtet.

Anlässlich der Buchpräsentation wurde jedoch explizit und nachdrücklich der unbedingt vorbildliche Anspruch formuliert auch für Laien und insbesondere für die Sprecher*innen selbst verstehbar zu sein:

«I 112 articoli principali che compongono il volume esplorano le “parole” e le “cose” di un settore fortemente caratterizzante la cultura materiale alpina tradizionale: la filiera del latte. Lo fanno tenendo certamente presente la tradizione scientifica consolidata della geolinguistica delle lingue romanze, ma con una particolare attenzione anche alla “divulgazione” dei contenuti scientifici, al loro riutilizzo come tema di interesse nella scuola valdostana, alla loro “restituzione” alla comunità locale (patoisante e non) che ne è, a ben vedere, la prima proprietaria." (Quelle)

Gemessen an dieser Absicht ist nun die grundsätzliche Entscheidung  für eine gedruckte, buchförmige Publikation nur schwer nachvollziehbar. Denn einer der unbestreitbaren Vorzüge der Web-Publikation besteht ja gerade in ihrer vollkommen uneingeschränkten Verfügbarkeit für sehr unterschiedliche Nutzergruppen.##

- von den anderen Optionen, wie z.B. der Möglichkeit auch Audiomaterial einzubinden, den Datenbestand kontinuierlich zu erweitern und/oder zu verknüpfen einmal ganz abgesehen.

3. Diskussion

Der zugänglich gemachte lexikalische Bestand ist zwar noch recht übersichtlich, aber allemal hinreichend, um das Aostatal als Schnittpunkt vollkommen unterschiedlicher Wortareale zu profilieren. Sie ließen sich auf ein Kontinuum abbilden, dass von ganz lokaler Verbreitung in einem womöglich kleinen Teil des Aostatals (z.B. guieppé ‘melken’, Kap. 1-8) bis zu weiträumiger Verbreitung reicht (z.B. lat. FORMATICU, Kap. 1-82) . Nach Maßgabe ihrer sprachgeschichtlichen Transparenz repräsentieren die erfassten Worttypen jeweils die raumprägenden historischen Konstellationen und leisten einen substantiellen Beitrag zur Stratigraphie des Valdostanischen und mittelbar des gesamten Alpenraums, da sie nicht selten über die Grenzen der Sprachfamilien hinweg reichen. Einige stratigraphische Leitwörter des APV/1 sollen m Folgenden skizziert werden.

3.1 Das lateinisch-romanische Stratum

Die Schlüsselrolle spielt dabei das lateinisch-romanische Stratum, da es als einziges die heute romanischen, germanischen (d.h. deutschsprachen) und slawischen (d.h. slowenischsprachigen) Teilgebiete verklammert: Manche lateinische Typen haben sich (mehr oder weniger weit) einerseits in den heute romanischsprachigen Regionen erhalten und wurden andererseits in den nachmalig germanisierten bzw. slawisierten Regionen als Substratwörter entlehnt. In analoger Weise hat das lateinisch-romanische Stratum darüber hinaus vorlateinische Substratwörter an die drei Sprachfamilien vermittelt. Ein prototypisches Alpenwort des lateinisch-romanischen Stratums ist lat. excocta, das nominalisierte Partizip Perfekt des Verbs excoquere ‘herauskochen’. Es bezeichnet im APV-Gebiet gewissermaßen ein finales Produkt der Milchverarbeitung, nämlich die Restflüssigkeit (valdost. écouette), die nach der zweiten Gerinnung ('Scheidung') bei der Herstellung der ricotta (alem. Ziger)  übrigbleibt (Kap. 1-100). Zum sachlichen Verständnis ist es angebracht, die Milchverarbeitung sehr stark vereinfacht zu schematisieren:  Die Vollmilch wird entweder entrahmt oder zur Gerinnung gebracht; diese erste Gerinnung erlaubt die Trennung von Frischkäse (Kasein und Fett) und flüssiger Molke; aus der Molke wird dann durch eine zweite Gerinnung bei starker Erhitzung ricotta (Albumin und sehr geringes Restfett) gewonnen; die verbleibende Flüssigkeit enthält praktisch kein Eiweiß und kein Fett mehr. Traditionell gewinnt man aus ihr das saure Gerinnungsmittel für die Ricottaherstellung.   

MILCH → entrahmen RAHM schlagen FESTSTOFFE → BUTTER
FLÜSSIGKEIT → BUTTERMILCH
MAGERMILCH gerinnen lassen FESTSTOFFE →  MAGERKÄSE
FLÜSSIGKEIT
→ erwärmen,
gerinnen lassen,
zerkleinern
= 1. Scheidung
FESTSTOFFE frische Käsemasse,
formen, reifen lassen
→ FETTKÄSE
FLÜSSIGKEIT stark erhitzen,
gerinnen lassen,
zerkleinern
= 2. Scheidung
FESTSTOFFE ita. ricotta, fra. sérac
valdost. brossa
FLÜSSIGKEIT

Sowohl die Flüssigkeit als auch die Feststoffe (ricotta und brossa) werden also buchstäblich ’herausgekocht‘; deshalb ist es nicht überraschend, dass Kognaten von excocta in anderen Alpendialekten auch die Feststoffe bezeichnen. Je nach Gegend stehen sie aber auch noch für weitere Produkte der Milchverarbeitung, die – wie die vorhergehende Skizze zeigt – alle in metonymischer Relation zu einander stehen (Karte 1 – im Anhang – zeigt die APV/1-Belege im alpinen Kontext). 

 

#hier Karte 1 excocta##

interaktive Originalkarte|https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3488&layer=4

Das semantische Spektrum und die Verbreitung zeigen, dass lat. EXCOCTA zum ethnolinguistischen Grundbestand der panalpinen Terminologie gehört.

3.2 Das vorlateinische Substrat

Mutmaßliche Substratwörter sind byetsé 'melken' (< gallisch blĭgicare, Kap. 1-8), das auch im Alemannischen weit verbreitet ist (vgl. blĭggen, Idiotikon, 5, 45) oder brossa ‘Eiweißteilchen, die bei Erhitzen der Molke aufsteigen’ ( < gallisch *brottiare, Kap. 1-76 E).

#vgl. Karte 2 im Anhang: Verbreitung des Typs lat. *BROTTIARE (interaktive Originalkarte unter https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3490&layer=4 ) Bilder)#

Der Typ brossa ist auch über die Westalpen hinaus im Okzitanischen und Korsischen verbreitet (vgl. südfranz./prov. brousse, korsisch brocciu usw.) Nach Korsika ist er aber wohl mit den westligurischen Siedlern gekommen. In Westligurien ist er seit dem 13. Jahrhundert belegt, wie die folgenden Beispiele1 zeigen. Man beachte, dass die latinisierten Formen dort stets in Verbindung und offenkundig im Kontrast zu Bezeichnungen von KÄSE stehen, der entweder als caseus oder mir einer ebenfalls typisch westalpinen Variante als fructus bzw. frux bezeichnet wird:

  • caseum vel brucium; caseos vel bruceum (Cosio, 1297);
  • caseum, brusum vel carnes salsas (Sanremo 1453);
  • fruges, ova, pissizorias, brucium, perdices, polagium (Albenga 1350);
  • fruges, ova, pissizorias, brocium, perdices, polagium (Albenga 1350);
  • aliquos fructus seu fruges, presinsoriam, bruzium, perdices, polagium (Albenga 1519);
  • rubos quatuor companagii, videlicet bruzii et cazeorum (Albenga 1544)
  • obsonium, bruceum et caseus et alie res que venduntur ad minutum (Triora 1592).

Auch im Gebiet des APV bezeichnen Kognaten von fructus und Ableitungen wie fruitière, fruiterie kollektiv die Produktion der almwirtschaftlichen Milchverarbeitung (Kap. 1-112; vgl. auch TLFi s.v. fruitier). Einen Eindruck der Verbreitung gibt die folgende Karte (ohne die APV/1-Belege):  

#vgl. Karte 3 im Anhang: Verbreitung des Typs lat. *BROTTIARE (interaktive Originalkarte unter https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de/?page_id=133&db=xxx&tk=3490&layer=4 ) Bilder)#

3.3 Das germanische Superstrat

Ein prototypisches Superstratwort ist valdostanisch brela, bzw. der Diminutiv  brelon, (Kap. 1-9) ‘einbeiniger/dreibeiniger Melkschemel’.  Zu Recht wird u.a. auf FEW XV/1, 272 verwiesen, wo der Typ auf ein rekonstruiertes got. *bridilô zurückgeführt wird (und nicht auf mhd. brëtel ‘kleines Brett’, wie das Lemma des FEW in etwas unglücklicher Weise suggeriert). Der Typ entspricht dem ita. predella ‘Fußbänkchen, Schemel’, das in Italien  bis in die Toskana weitverbreitet ist (vgl. TLIO, s.v. predella (link); dieser Typ wird wegen des stimmlosen Anlaut [pr-] jedoch im LEI und im DELI als langobardische Entlehnung gedeutet. Über das Aostatal hinaus scheint er jedoch im Frankoprovenzalisch und in den sich anschließenden fr. Dialekten nicht verbreitet zu sein. Auch in den alemannischen und bairischen Mundarten finden sich keine Entsprechungen; deu. Schemel führt ja seinerseits einen lat.-romanischen Diminutiv von lat. scamnum (> ita. scanno) fort und keine germanische Wurzel (eine Parallelform zu Schemel ist ita. sgabello).

#vgl. Karte 4  *bridilô im Anhang#

Nicht als Germanismus geführt wird dagegen bεt 'Kolostrum': «l'étymon est controversé, mais sans doute à relier avec les formes anciennes ou régionales comme beter ‘se figer, se coaguler’ et béton ‘premier lait’ (cf. GPSR II, 298b, FEW I, 345 *BETTARE et TLFi béton. Der zitierte FEW-Artikel ist jedoch ein wenig unentschieden: Er fragt am Ende «Woher stammt *bettare?» und gibt gleichzeitig den Hinweis «Zur etymologie vgl. *BEOST». Im Hinblick auf das valdostanische und frankoprovenzalische bεt läge es nun semantisch und morphologisch viel näher, direkte Herkunft von altniederfränkisch *beost (vgl. deu. Biest(milch)) link anzunehmen; dieser Typ ist in der östlichen Galloromania vom Frankoprov. bis ins Wallonische sowie im gesamten Süddeutschen Raum verbreitet. Er fehlt dagegen östlich vom Aostatal im romanischen Alpengebiet, so dass man an eine Superstratentlehnung aus merowingischer Zeit denkt, denn das Aostatal und die Westalpen gehörten seit 575 zum Merowinger Reich, während der Rest Oberitaliens langobardisch blieb (Link).

#vgl. Karte 5 im Anhang *beost#

3.4 Die französische Dachsprache

Der Typ bidongroßer, zylindrischer Milcheimer aus Blech, mit Deckel’ (Kap. 1-38) zeigt weiterhin, dass sich auch rezente Strata wie die fra. Dachsprache niedergeschlagen haben; er ist übrigens auch  im schweizerischen Wallis und dort – über das Frankoprovenzalische hinaus – in alemannischen Walsermundarten verbreitet (vgl. SDS VII, 4, 1). Der Kommentar beschreibt diesen Typ als «dérivé du germanisme nordique de filière galloromane (normande, peut-être, e d’ici dans le français central ; cf. FEW XV/1, 104)  BIĐA» (Kap. 1-38). Das mag für den etymologischen Ursprung stimmen, obwohl der Trésor de la langue française Vorbehalte anmeldet und von «orig[ine] obs[ure]» spricht (Link). Entscheidend ist jedoch, dass der Typ auf dialektaler Ebene keinerlei Affinität zum Frankoprovenzalischen oder mindestens zum Ostfranzösischen aufweist; das geht aus den Belegen im (FEW 15/1, 103 f.link) sehr klar hervor. Das Wort ist deshalb sicherlich ganz unabhängig von einer eventuellen germanischen Herkunft über die französische Dachsprache verbreitet worden. Anstatt von einem ‘Germanismus’ (wie im APV/1) sollte von einem Französismus geredet werden.

Fazit

Es versteht sich von selbst, dass man – wie in den diskutierten Beispielen angedeutet – in lexikologischer Hinsicht, speziell im Hinblick auf die Etymologie gelegentlich anderer Meinung sein kann. Das ist kein Anlass zur Kritik, denn eindeutig ‘wahre’ oder ‘falsche’ Ansätze sind häufig, insbesondere im Fall der Substratwörter und anderer Entlehnungen ohnehin nicht zu erwarten. Mindestens so wichtig wie die Entscheidung für eine bestimmte Etymologie ist es daher die konkurrierenden Vorschläge zu resümieren; das leisten die Kommentare des APV/1 in übersichtlicher und sehr nützlicher Weise. Man darf also sehr gespannt sein auf die Fortsetzung des Unternehmens.

in Biblio aufnehmen:

Krefeld, T.: s.v. “Wissenschaftskommunikation im Web”, in: VerbaAlpina-de 20/2 (Erstellt: 16/1, letzte Änderung: 19/1), Methodologie, https://doi.org/10.5282/verba-alpina?urlappend=%3Fpage_id%3D493%26db%3D202%26letter%3DW%2362

Lücke, S.: s.v. “Normdaten”, in: VerbaAlpina-de 20/2 (Erstellt: 18/2, letzte Änderung: 19/2), Methodologie, https://doi.org/10.5282/verba-alpina?urlappend=%3Fpage_id%3D493%26db%3D202%26letter%3DN%23114

Cartodialect (imag.fr)
https://www.atlante-aliquot.de/index.php

############

cf. ALF 129b bête, s + t frpro scempiamento della s ,

prob. da separare da *bettare 'coagulare' (FEW 1, 345) per motivi geoling. e semantici; il collegamento dei due tipi è poco chiaro  link

 

Aber  Dachspürachen#aufzählung#

#Schluss#??#

#Diese Strata, die in den Einzelkommentare aufscheinen, hätten etwas eindeutiger identifiziert und etikettiert werden. ###ident Eine kritische Bemerkung verdient allerdings der Umgang mit dem Ausdruck germanique [germ.], denn darunter werden Konstellationen zusammengefasst die stratigraphisch sehr unterschiedlich zu beurteilen sind.

Hier einige Beispiele:

(1) Ein wird im Westen des APV-Untersuchungsgebiets mit dem T

 

: "1 Piccola pedana con funzione di appoggiapiedi o di sgabello." significato 'sgabello' corrisponde più o meno, distribuzion toscana e bologn.

quindi: non si tratta di un germ. local; in zona tedecosfono lo sgabello viene mai designato dal tipo Brett ##VA????##, anzi in ted. Schemel e un prestito lat. dim. di scamnum *scamillus Kluge 800

  

#?#, wird jedoch der Wortgeschichte vermutlich nicht gerecht

, pare essere un francesismo recente, perchésenza parallele nei dintorni##??## niente di francoprov o alpino, diffuso dalla Normandie, dal XVII secolo in poi, attestato solo in islandese antico link

??solo per recipienti di latta, quindi moderni?? il recipiente classico essendo di legno

fuorviante parlare di "germ. BIĐA" (419, fra. bidon)

 

(3)

###

 

Allenfalls bestimmte   , die wortgeschichtlichen darf man wird man auf diesem Gebiet ohnehin nicht wrtaen   wrde, mit

Im entrum ; sie nimmt eine in der Tradition der Sprachatlanten eher periphere

ganz eindeutig ein Man in abe die umDer Horizont

Im Hinblick auf die Punkte

mit ihrer kulturellen und idilektalen  haben r    in dem sie stand und steht .

22 Orte, davon 2 in F,  2 in Piemont und 2 im Wallis

"Pour chaque point d'enquête, les réponses proviennent d'un nombre variable de témoins «qualifiés», choisis parmi les patoisants locaux." (10)

Ein Profil der Informanten wurde nicht publiziert

112 thematisch Artikel, die nach den folgenden vier Gebieten geordnet sind: La traite (1-19), Entre l’étable, la cave et la fruitière (20- 48), Le beurre (49-73), Le sérac et les produits dérivés des petits-laits (74-112) (Link)

1-111 le cellier a fromages s. 201 f.

crypta (https://www.verba-alpina.gwi.uni-muenchen.de?page_id=133&db=202&tk=3304)

angegeben ist www.patoisvda.it. = tot

https://www.patoisvda.org/atlas-patois-valdotains/

Reste vom Voratrag in Aosta:

###fine######

Alpina  alpine di alcuni lessotipi.l'esistenza  *excocta / cocta aber nicht für molke = petit-lait du fromage 1-100

cf. mappa di VerbaAlpina SIERO DI LATTE Link

cioè sostratico nelle zone tedescofona e slovenofona

KÄSEKELLER: Typ le cellier à fromages  cellarium
1-111
ZIGER / le sérac
1-74

MOLKE nach der zweiten Scheidung le petit-lait résiduaire (du sérac)
1-81

*excocta, cocta etc.

Mapp VA (Link)

,  sembra essere per niente

 

il signifin un singolo paese – anche     derivato diminutivo d (link)

situlus??

AUFSTEIGENDE EIWEISSTEILCHEN DIE BEI ERHITZEN DER MOLKE AUFSTEIGEN NACH DER ZWEITEN SCHEIDUNG

link

mappa di VA *BROTTIARE link

--> Korsika brocciu

bletsé MUNGERE, mappa di VA *bligicare #eher alpino occidentale

#Area fr#

I cosiddetti 'germanismi'

L'APV/1 comprende aluni elementi di origine germanica; questo termine generico è però fuorviante, perché essi aprono epoche e costellazioni di contatto molto diversi.

 

bletsé MUNGERE, mappa di VA *bligicare #eher alpino occidentale

bletsé MUNGERE, mappa di VA *bligicare #eher alpino occidentale

https://www.patoisvda.org/moteur-de-recherche/bl%C3%A9ts%C3%A9_7909_4/

romanzo locale -- latino locale??

selzionati mostrano che i patois valdostani si inseriscono in modo

vanno quindi gli esempi presentati sono selzinati ale
KÄSE
1-182 le fromage [gén.]

2 spz., etym. unklare Typen *fièitse *bédzo *cafo

 

Area francese

 

??Area del versante sud delle Alpi

Area gallo-alpina

evtll Quark / caillé

Area galloromanza orientale e tedesca

 

magari il verbo un der. dal sost. e non in senso contrario?

###

Der APV/1 erhebt den unbedingt vorbildlichen Anspruch auch für Laien – nicht zuletzt für die Sprecher*innen selbst – verstehbar zu sein und so zur Divulgation der Geo- bzw. Ethnolinguistik beizutragen:

#gibt es eine enstsprechende bem auch im Band?#

"I 112 articoli principali che compongono il volume esplorano le “parole” e le “cose” di un settore fortemente caratterizzante la cultura materiale alpina tradizionale: la filiera del latte. Lo fanno tenendo certamente presente la tradizione scientifica consolidata della geolinguistica delle lingue romanze, ma con una particolare attenzione anche alla “divulgazione” dei contenuti scientifici, al loro riutilizzo come tema di interesse nella scuola valdostana, alla loro “restituzione” alla comunità locale (patoisante e non) che ne è, a ben vedere, la prima proprietaria." (Quelle

Gemessen an dieser Absicht ist die grundsätzliche Entscheidung  für eine gedruckte, buchförmige Publikation schwer nachvollziehbar. Denn einer der unbestreitbaren Vorzüge der Web-Publikation besteht ja gerade in ihrer vollkommen uneingeschränkten Verfügbarkeit – von den anderen Option, wie z.B. der Möglichkeit auch Audiomaterial einzubinden und Aggregierbarkeit durch daten anderer Atlanten/Lexika einaml ganz abgesehen.

###

 

Hans Goebl
GIOVANBATTISTAPELLEGRINI UND ASCOLIS
METHODE DER "PARTICOLAR COMBINAZIONE"
Ein Besprechungsaufsatz, Ladinia 23 (1999) 139-​181.

Modell

Brather, Sebastian, Ethnische Identitäten als Konstrukte der frühgeschichtlichen Archäologie,
Germania 78 (2000), 139–171.
Heitmeier, Irmtraut, Das Inntal. Siedlungs- und Raumentwicklung eines Alpentales im Schnittpunkt
der politischen Interessen von der römischen Okkupation bis in die Zeit Karls des
Großen, Innsbruck, Wagner, 2005.

Martin, Jean-Baptiste / Tuaillon, Gaston (1971, 1978, 1981): Atlas linguistique et ethnographique du Jura et des Alpes du nord, Paris, vol. 1, 3, 3a, Éd. du Centre National de la Recherche Scientifique


  1. Für die Bereitstellung der Belege danke ich Fiorenzo Toso; sie stammen aus dem Material des noch unveröffentlichten Dizionario etimologico storico genovese e ligure 


Bibliographie

  • TLIO = Eintrag nicht gefunden
  • ALEPO = Telmon, Tullio (2013): Atlante Linguistico ed Etnografico del Piemonte Occidentale III: Il mondo animale: I La Fauna: II caccia e pasca, Alessandria, vol. 3, Edizioni dell’Orso. Link
  • ALJA = Martin, Jean-Baptiste / Tuaillon, Gaston (1971, 1978, 1981): Atlas linguistique et ethnographique du Jura et des Alpes du nord, Paris, vol. 1, 3, 3a, Éd. du Centre National de la Recherche Scientifique
  • Gra.fo = Calamai, Silvia / Bertinetto, Pier Marco (2014): Le soffitte della voce: il progetto Grammo-foni, Manziana (Roma), Vecchiarelli. Link
  • Idiotikon = (1881 ff.): Schweizerisches Idiotikon. Schweizerdeutsches Wörterbuch, Basel. Link
  • Sottile 2002 = Sottile, Roberto (2002): Lessico dei pastori delle Madonie, Palermo, Centro di studi filologici e linguistici siciliani. Link

Grundschema_Stratigraphie (Zitieren)

Thomas Krefeld
(28 Wörter)
romanzo ted. sloveno
valdost. (é)couette ita. scotta lad. tʃot(e) ← ← Adstrat dial. Schotte(n) dial. skuta
↑ sostrato ↑ ↑ sostrato ↑
lat. excocta

VerbaAlpina erklärt sich selbst (in 10 Sätzen) (Zitieren)

Thomas Krefeld
(328 Wörter)

Dieser Beitrag versteht sich als eine Vorstellung des Projekts VerbaAlpina  (VA) in 10 Kernsätzen; es handelt sich jedoch nicht um einen Beitrag über das Projekt, denn das Projekts präsentiert sich gewissermaßen selbst  in Gestalt ausgewählter Zitate und Materialien, die auch unabhängig von dieser Vorstellung über die Nutzeroberfläche abrufbar sind. Im Vordergrund steht die sprachwissenschaftliche Seite – die informationstechnische Seite wird in einem komplementären Beitrag von Stephan Lücke (Lücke 2018) in den Vordergrund gestellt. Grundsätzlich handelt es sich jedoch um die beiden untrennbaren Seiten ein und derselben Medaille.

 

  1. VA ist eine webbasierte Forschungsumgebung.
  2. Gegenstand von VA ist der dialektale Wortschatz  der drei Sprachfamilien im Alpenraum (Karte).
  3. VA integriert unterschiedliche georeferenzierbare Quellen, nämlich Sprachatlanten, Wörterbücher und Crowdsourcing.
  4. VA dokumentiert Wortareale, die nicht selten die Grenzen einer der drei Sprachfamilien überschreiten und versteht sich daher als interlinguale Geolinguistik; ein charakteristisches Beispiel ist lat. *excŏcta (Karte), das in allen drei Sprachfamilien des Alpenraums (Romanisch, Germanisch, Slawisch) belegt ist.
  5. Die Auswahl des dokumentierten Wortschatzes erfolgt in der Tradition der romanistischen Ethnolinguistik.
  6. VA visualisiert den erfassten Wortschatz durch eine interaktive Karte.
  7. Die interaktive Karte wird vom Nutzer über komplementäre Filter gesteuert, die einerseits von der Sache, dem außersprachlichen KONZEPT, und andererseits vom Wort, der dialektalen Bezeichnung, ausgehen.
  8. Jede interaktive Karte verweist auf Referenzwörterbücher und vermittelt so vielfältige  lexikographische Hinweise zu jeder dokumentierten Form, wie z.B. die alemannische Bezeichnung Anke(n) ‘Butter’ in Grindelwald (Berner Oberland) oder die romanische Bezeichnung bargun ‘Alm’ in Moena (Trentino) zeigen.
  9. Das Lexicon Alpinum gibt gelegentlich auch projekteigene Kommentare, wie im Fall von Anke (m.) (gem.), in jedem Fall jedoch Normdaten (Q-IDs),  die das jeweilige außersprachliche Konzept identifizieren und die mit einem Link auf das Wikidata-Projekt hinterlegt sind, wie z.B. im Fall von BUTTERFASS.
  10. VerbaAlpina folgt den FAIR-Prinzipien und leistet dadurch einen konstruktiven Beitrag zur Überführung der Sprachwissenschaft in die Digital Humanities.

Bibliographie

  • Lücke 2018 = Lücke, Stephan (2018): VerbaAlpina - Aspekte der informatischen Konzeption und technischen Realisierung. Link

Neue Romania (Zitieren)

Thomas Krefeld
(1931 Wörter)

#global#

Mit einem reichlich vagen Ausdruck werden Französisch, Spanisch und Portugiesisch daher auch als ‘Weltsprachen’ bezeichnet; damit wird in unklarer Weise sowohl auf ihre Verbreitung als Erstsprache (L1) wie als Fremdsprache (L2) angespielt.

##

Für die Tatsache, dass es sich die Sprachen der europäischen Kolonisten im globalen Maßstab so massiv auf Kosten der präkolonialen Sprachen etablieren konnten, gibt es unterschiedliche Gründe, die mit der Kolonisierung zusammenhängen; sie lassen sich unter dem polemischen aber durchaus gerechtfertigten französischen Schlagwort der glottophagie 'Sprachenfresserei' zusammenfassen, das von Jean-Louis Calvet 1974 geprägt wurde #Dieser Ausdruck wurde offenkundig nach dem Muster von fra. anthropophagie 'Menschenfresserei' gebildet.#:

  • Die vorkoloniale Bevölkerung wurde je nach Zeit und Gegend verfolgt und war teils systematischem Genozid ausgesetzt (so vor allem in Uruguay).
  • Nach der Unabhängigkeit wurde der koloniale Gebrauch der europäischen Sprachen in Verwaltung, Bildungseinrichtungen und öffentlichen Medien fortgesetzt.
  • Ein Teil der kolonialen Bevölkerung indigener Herkunft vollzog im Zuge der Akkulturation einen Wechsel zu den europäischen Sprachen  der Kolonisten; aus dieser Tradition entwickelte sich im frankophonen Kontext  die politisch, ideologisch und literarisch auch über Frankeich hinaus einflussreiche négritude-Bewegung; das Kozept wurde 1935 von Aimé Césaire geprägt (« Conscience raciale et révolution sociale », L’Étudiant Noir, journal mensuel de l'association des étudiants martiniquais en France, mai-juin 1935 http://www.letudiantnoir.com/).
  • Die Territorien der postkolonialen Staaten sind historisch willkürlich zustande gekommen; sie lassen sich nicht auf einzelne Sprachgemeinschaften abbilden, sondern umfassen oft sehr vielsprachigen Regionen, ohne entwickelte Schriftlichkeit; die Beibehaltung des kolonialen Sprachgebrauchs beugt Konflikten zwischen Gemeinschaften vor, die entstünden (und teils auch entstanden sind), wenn jeweils eine spezifische indigene Sprache auf Kosten anderer implementiert und offizialisiert würde; allein in Brasilien werden 160 unterschiedliche indigene Sprachen gesprochen, die zu 19 Sprachfamilien gruppiert werden können Überblick und in den beiden benachbarten République du Congo und République démocractique du Conge( früher: Zaire)  mehr als 200 Sprachen und .
  • Manche Kolonien wechselten im Laufe der Geschichte (auch mehrfach) den Besitzer bzw. ihre staatliche Zugehörigkeit, so dass unter Umständen sogar mehrere europäische Sprachen als Staatssprachen eingesetzt wurden (so zum Beispiel Spanisch und Englisch in Puerto Rico; Französisch und Englisch in Kamerun; Spanisch, Portugiesisch und Französisch in Äquatorialguinea).

Auf der Basis der romanischen Sprachen – das gilt vor allem für das Französische und das Portugiesische – haben sich vor allem in manchen Gebieten während der Kolonialzeit Sprachen  so genannte Kreolsprachen entwickelt (vgl. Vorlesung vom ##), die nicht mehr zu den romanischen Sprachen gerechnet werden. Allerdings sind die Sprecher der Kreolsprachen  zunehmend zweisprachig, was zu ausgeprägtem Sprachkontakt und einer strukturellen und lexikalischen Wiederannäherung der Kreolsprachen an die historisch´zu Grunde liegenden Sprachen der ehemaligen Kolonialmächte führt; diese Konstellationen, die in erster Linie die französisch basierten Kreols betreffen, werden als post-creole continuum bezeichnet.

Die Unterschiede zwischen den spanisch-, portugiesisch- und französischsprachigen Gebieten der Neuen Romania einerseits und innerhalb der drei genannten Gebiete andererseits sind so erheblich, dass es jeder Staat für sich untersucht werden müsste. Dabei sollten in jedem Fall die folgenden Parameter berücksichtigt werden:

  • Mit welche indigenen und womöglich später hinzugekommenen Sprachen stehen die romanischen Sprachen in Kontakt?
  • Wie ist das Verhältnis von L1- und L2-Sprechern?
  • Gibt es zusätzlich zur jeweiligen romanischen Sprache eine romanisch basierte Kreolsprache?

#Spanisch#

Aus den ehemals spanischen Kolonialgebieten entstanden Nationalstaaten, die mit wenigen Ausnahmen (wie z.B. die Philippinen seit 1987) das Spanische als Staatssprache beibehalten haben; in einigen Fällen wurden indigene Sprachen kooffizialisiert #einfügen#.

#Portugiesisch#

Überblick Im Fall des Portugiesischen ist das

Die lusophonen Staaten sind in der Comunidade dos Paises de Lingua Portuguesa, der Gemeinschaft_der_Portugiesischsprachigen_L%C3%A4nder, zusammengeschlossen; im Hinblick auf die Größe und kulturelle Vielfalt der vertretenen Weltregionen spielt das historische Ausgangsland, Portugal, nurmehr eine eine periphere Rolle.

Allerdings ist bemerkenswert, dass es selbst in der portugiesischsprachigen Welt und hier speziell in Brasilien, ebenso wenig wie in der frankophonen oder hispanophonen, bislang noch nicht zur expliziten Kodifizierung und Implementierung nationaler Sprachstandards gekommen ist.

#Französisch#

Die ehemals französischen Kolonialgebiete nahmen eine divergente Entwicklung (Überblick) , denn aus ihnen wurden teils eigene Nationalstaaten (so überall in Afrika), teils Provinzen von Nationalstaaten (Québec, Lousiana), teils aber auch französische Departements (Guadeloupe, Französisch-Guayana, Martinique, Mayotte, La Réunion) oder weitgehend autonome Gebiete (die sogenannten Collecitivités d’outre mermit enger politischer Anbindung an Frankreich (z.B. Französisch-Polynesien). Im Unterschied zu den portugiesisch- und spanischsprachigen Gebieten der Neuen Romania sind die französischsprachigen Gegenden mindestens teilweise in die nach wie vor stark zentralistischen Strukturen Frankreichs eingebunden.  

https://en.wikipedia.org/wiki/Louisiana_French

Obwohl die teils kleinen frankophonen Gebiete außerordentlich weit voneinander entfernt sind gibt es gelegentlich bemerkenswerte, durchaus standardferne Parallelen, wie an einem toponomastischen Beispiel angedeutet werden soll; sowohl in der Karibik wie auch im Indischen Ozean sehr weit verbreitet sind zwei Landschaftsbezeichnungen, die in Frankreich selbst zwar vorkommen, aber nur sehr selten belegt sind: morne ‘Hügel’ und piton ‘(spitzer) Gipfel’:

MORNE2, subst. masc.
[Principalement dans une île ou sur un littoral] Colline, montagne. Un gros morne la termine [une île] à chacune de ses extrémités; et un pic, ou plutôt un volcan, à en juger par sa forme, s'élève au milieu (Voy. La Pérouse, t.3, 1797, p.96). Aux Gonaïves, près du Port-au-Prince. On voit une habitation en ruine sur les flancs élevés d'un morne qui domine une rade (LAMART., T. Louverture, 1850, I, 1, p.1263). Le côté de l'est est barré par de hauts mornes ferrugineux qu'enserre et couronne le bleu de la mer (T'SERSTEVENS, Itinér. esp., 1933, p.88).
Prononc. et Orth.: []. Att. ds Ac. dep. 1798. Étymol. et Hist. 1640 (BOUTON, Relation de l'establissement des François depuis l'an 1635 dans l'Isle de la Martinique, p.30). Mot du créole des Antilles qui s'est répandu ensuite aux créoles de la Réunion, d'Haïti et de la Martinique, d'orig. incertaine (cf. FEW t.21, p.15a). Peut-être issu, par altération, de l'esp. morro «monticule, rocher» (1591 ds COR.-PASC.) qui représente un type *murrum, du rad. prérom. *murr-, v.moraine et morion1Cf. BL.-W.1-5 et CHAUDENSON, Le Lex. du parler créole de la Réunion, t.1, p.619. Fréq. V. morne1Bbg. DULONG (G.). Le Mot morne en canad. fr. In: Congrès Internat. Des Sc. Onom. Wien, 1969, t.1, pp.255-258. (TLFI s.v. morne)

PITON, subst. masc.
I. Clou ou vis à tête recourbée ou en forme d'anneau servant à recevoir un crochet, l'anse d'un cadenas, une tringle, etc. Fixer, planter, visser un piton au mur. Il tailla le bois du pupitre avec son canif, et fit tant qu'il déchaussa le piton de fer dans lequel le cadenas était accroché (CHAMPFL., Souffr. profess. Delteil, 1853, p.35). Un de ces jeunes hommes blonds (...) était monté sur la table et glissait l'autre bout de la corde dans un gros piton qui était enfoncé dans une poutre du plafond (G. LEROUX, Roul. tsar, 1912, p.157). V. agripper ex. 7.
 ALPIN. ,,Broche métallique constituée d'une lame et d'une tête qui comporte un oeil pour le passage du mousqueton dans lequel coulisse la corde`` utilisée pour l'escalade artificielle (PETIOT 1982). Piton de rocher, piton à glace; piton d'assurance, de passage, de rappel, de renvoi, de sécurité. La corde, je l'avais montée au lac Noir, avec des pitons et des anneaux. Je voulais fixer les pitons à l'endroit d'où mon enfant avait roulé, et me laisser descendre moi-même le long de la corde jusqu'à ce que je le retrouve (PEYRÉ, Matterhorn, 1939, p.155):

[...] II. GÉOGR. Sommet pointu et dénudé d'une montagne, en partic., aux Antilles et à la Réunion. Le piton des Neiges à la Réunion. Bourbon n'est à vrai dire, qu'un cône immense (...) dont les gigantesques pitons s'élèvent à la hauteur de seize cents toises (SAND, Indiana, 1832, p.237). Au crépuscule on entendait un bourdonnement: c'était la tante de Charles Lacoste qui, désolée d'avoir quitté ses pitons et ses mornes, effleurait du doigt sa guitare (JAMMES, Mém., 1922, p.14).

 P. anal.
Relief isolé de forme conique, monticule aigu difficile à escalader. Piton rocheux, volcanique; escalader un piton. Un piton qui s'enlevait à brusques arêtes, une sorte de pyramide tronquée, au bout d'une longue falaise noire (VERCEL, Cap. Conan, 1934, p.205): [...] Étymol. et Hist.I. 1. 1382 «clou dont la tête est en forme d'anneau» (Doc. ap. Ch. BRÉARD, Compte du Clos des Galées de Rouen, p.82); 2. 1884 alpin. (Annuaire du Club alpin fr., Année 1883 ds QUEM. DDL t.27); 3. région. a) 1930 «bouton de sonnette, de montre» (Canada); b) 1930 être sur le piton (ibid.)II. 1640 [éd.] géogr. (BOUTON, Relation de l'establissement des Français depuis l'an 1635 en l'isle de la Martinique, p.31); 1862 arg. (LARCH., p.250). I piton «clou» a été introduit dans le nord de la France par les constructeurs de bateaux du Midi; dér. du prov. pitar «picorer, picoter», lui-même dér. du rad. pitt-, désignant quelque chose de pointu (v. pite1); suff. -on1*. II prob. issu, par l'intermédiaire du parler de la Martinique (cf. BOUTON, supra) où le mot semble avoir été apporté par les colonisateurs venus de Gascogne ou éventuellement du nord de l'Espagne (cf. béarnais pitoû «élévation» ds FEW t.8, p.612b), du sens de «corne qui commence à pousser (chez les chevreaux, les agneaux), pointe de la corne du taureau; rejeton d'un arbre qui commence à bourgeonner» qu'a l'esp. piton au XVIIes. (v. COR.-PASC., s.v. pito et AL.), lui-même dér. de pitt-, v. supra. Voir FEW t.8, pp.612a-614b. Fréq. abs. littér.: 73. Bbg. QUEM. DDL t.27. WEIL (A.). En Marge d'un nouv. dict. R. Philol. fr. 1932, t.45, pp.31-32. (TLFi, s.v. piton) #http://stella.atilf.fr/#

Karibik/Indischer Ozean

[map lat="5.32036" lng="-4.01611"]

[marker lat="14.69493" lng="-61.11460"]Morne Chapeau Nègre[/marker]

[marker lat="14.70153" lng="-61.11441" colour="blue"]Petit Piton[/marker]

[marker lat="15.86873" lng="-61.57628"]Morne Rouge[/marker]

[marker lat="16.28008" lng="-61.76034" colour="blue"]Piton Grand Fond[/marker]

[marker lat="16.28874" lng="-61.76544"]Morne Mazeau[/marker]

[/map]

[marker lat="-20.09585" lng="57.63497" colour="blue"]Piton, Dorf (Mautitius)[/marker]

[marker lat="-20.44063006 lng="57.33358973"]Le Morne, Berg (Mauritius)[/marker]

[marker lat="-20.4586107" lng="57.4933333"]Piton Poule, Berg (Mauritius)[/marker]

[marker lat="-17.58373" lng="-149.49182" colour="blue"]Piton de Pirae, Berg (Tahiti, Französisch Polynesien)[/marker]

morne in Québec

[marker lat ="49.22748" lng="-65.57430"]Le Morne[/marker]

[marker lat ="46.47171" lng="-70.45107"]Le Morne[/marker]

[marker lat="46.31399" lng="-70.50604"]Le Morne[/marker]

in F nur ganz selten, morne auf OSM 4 Treffer, piton af OSM 6 Treffer

[marker lat ="44.39464" lng="2.61096"]La Morne[/marker]

[marker lat ="45.52332" lng="4.92062"]Le Morne[/marker]

[marker lat ="46.75534" lng="-1.14601"]Le Morne[/marker]

[marker lat="47.08685" lng="-1.70430"]La Morne (Sumpf)][/marker]

 

[marker lat="44.06317" lng="1.93696" colour="blue"]Le Piton[/marker]

[marker lat="43.71739" lng="-0.29694" colour="blue"]Piton[/marker]

[marker lat="44.38814" lng="-0.98994" colour="blue"]Piton[/marker]

[marker lat="43.71739" lng="-0.29694" colour="blue"]Piton[/marker]

[marker lat="44.32880" lng="0.14894" colour="blue"]Piton[/marker]

[marker lat="44.21269" lng="0.31209" colour="blue"]Piton[/marker]

[marker lat="" lng="" colour="blue"][/marker]

Die Erklärung dieser ‘kolonialfranzösischen’ Gemeinsamkeiten ist nicht leicht; die im zitierten Artikel des Trésor de la langue française vorgeschlagene Ausbreitung ("Mot du créole des Antilles qui s'est répandu ensuite aux créoles de la Réunion, d'Haïti et de la Martinique") ist jedenfalls historisch nicht sehr plausibel; es liegt näher an eine größere Verbreitung der einschlägigen Formen im gesprochenen Französischen des 17. Jahrhunderts zu denken.

 

https://fr.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ais_qu%C3%A9b%C3%A9cois#Phonologie_et_phon%C3%A9tique

  • tu se prononce [t͡sy]
  • dîner se prononce [d͡zine]
  • lit [lit], moi [mwε] anstatt [mwa] oder froid [frεt]

https://apps.atilf.fr/lecteurFEW/index.php/page/lire/e/173651

 

nicht sehr wahrscheinlich , d'orig. incertaine (cf. FEW t.21, p.15a). Peut-être issu, par altération, de l'esp. morro «monticule, rocher» (1591 ds COR.-PASC.) qui représente un type *murrum, du rad. prérom. *murr-, v.moraine et morion1.

portunhol (https://de.wikipedia.org/wiki/Portu%C3%B1ol), lumfardo (< ita. lombardo ‘lombardisch’ ) https://en.wikipedia.org/wiki/Rioplatense_Spanish, porteño

Biblio

Povos indígenas no Brasil

Kassel_Reste (Zitieren)

Thomas Krefeld
(256 Wörter)

Die einzelnen Schriftvarietäten werden darüber hinaus in englischer Bezeichnung aufgeführt und durch einen speziellen ; aber sie lassen nicht mehr durch einen Code identifizieren Glottolog. Im Unterschied zum Ethnologue fehlen auch die Selbstbezeichnungen (vgl. Link).

Die darstellung im  ist grundsätzlich ähnlich, aber sc

https://www.ethnologue.com/language/roh

 

deu und L 482

Dialekt (unvollständig) ISO-693.3 Sprache Sprachfamilie
Tirolerisch Bairisch Deutsch
Walserisch ger
Zimbrisch

Es ist also kein Wunder, dass es in informationstechnischer Sicht ebenfalls an eindeutigen und brauchbaren Identifikatoren mangelt.

nicht accessible disqulifizieren sich hier selbst

roh https://iso639-3.sil.org/code/roh (=romansh)

#nicht bsi zur eigentlich basalen Int´stanz, dem Sprecher, sondern bis LokDial, Typis.

 

selva di Progno, cimbri ob minderheit oder nicht ist unerneblich

Walsergemeinden

 

val resia Benacchio 2011

per def. keine standardformen

#markanter Unterschied: Territorial#

Dialekt (unvollständig) ISO-693.3 Sprache Sprachfamilie
Valdostano / Valdôtain  Valdostano / Valdôtain  rom
Occitan  Okzitanisch
Francoprovençal  Frankoprovenzalisch
Puter Bündnerromanisch Rätoromanisch
Surmiran
Sursilvan
Sutsilvan
Vallader
Jauer
Badiot Dolomitenladinisch
Maréo
Gherdëina
Fascian
Anpezan
Fodom
Furlan  Friaulisch

 

 

einer  Grundprinzip


Bibliographie

  • Benacchio 2011 = Benacchio, Rosanna (2011): Comunità slovena, in: Enciclopedia dell'Italiano. Link
  • Ethnologue = Eberhard, David M. / Simons, Gary F. / Fennig, Charles D. (eds.) (2019): Ethnologue: Languages of the World. Twenty-second edition, Dallas, SIL. Link
  • Glottolog = Hammarström, Harald / Forkel, Robert / Haspelmath, Martin (2019): Glottolog 4.0., Jena, Max Planck Institute for the Science of Human History. Link

Geolinguistik, Kleinsprachen und die FAIR-Prinzipien (am Beispiel von VerbaAlpina) (Zitieren)

Thomas Krefeld | Stephan Lücke
(1763 Wörter)

Dieser Beitrag wurde für die Sektion Rekonstruktion und Erneuerung romanischer Regional- oder Minderheitensprachen im Zeitalter der Digital Humanities des XXXVI. Deutschen Romanistentags verfasst. Der genannte Sektionstitel eröffnet einen außerordentlich weiten Horizont; denn die Ausdrücke, die er zusammenbringt, weisen

  • in die Sprachgeschichte (‘Rekonstruktion’);
  • in die Sprachplanung (‘Erneuerung’);
  • in den Sprachvergleich (‘romanisch’);
  • in die Geolinguistik (‘Regional-’);
  • in die Sprachpolitik (‘Minderheiten-’);
  • in die Sprachsoziologie (‘-sprache)’);
  • in die Neuen Medien (‘Digital Humanities’).

Unser Beitrag ist zwar in der Geolinguistik und in den Neuen Medien zentriert, aber Perspektiven für die anderen Felder lassen sich leicht daraus ableiten, wie angedeutet werden wird.

Romanische Geolinguistik

Ziel des Projekts VerbaAlpina (VA) ist die kleinräumige, d.h. lokale Erfassung des spezifisch alpinen Wortschatzes in den drei im Untersuchungsgebiet gesprochenen Sprachfamilien (Germanisch, Romanisch, Slawisch). Diese systematische Erweiterung der traditionell einzelsprachlichen Dialektologie ist sinnvoll, da zahlreiche Bezeichnungstypen über die Grenzen nur einer Sprachfamilie hinaus verbreitet sind; diese Ausdrücke wurden daher nicht zu Unrecht als Alpenwörter bezeichnet. Die Konzeption, der VA verpflichtet ist, lässt sich als interlinguale Geolinguistik charakterisieren, da Varianten aus mehreren Einzelsprachen zusammengebracht werden; Berücksichtigung finden jedoch ausschließlich georeferenzierbare Belege, wobei  die politische Gemeinde als Bezugseinheit der  Georeferenzierung fungiert. Das potentielle Netz umfasst alle 6990 Gemeinden der so genannten Alpenkonvention.

Dieser Voraussetzung genügen im wesentlichen zwei Typen von Quellen: grundsätzlich die Sprachatlanten und – wenngleich nicht im Grundsatz, sondern im Idealfall - die dialektale Lexikographie. Sobald diese gemeinsame Voraussetzung der Georeferenzierbarkeit gegeben ist, lassen sich beide Quellentypen auch komplementär darstellen, wie es auf den VA-Karten geschieht. So illustriert dieser Kartenausschnitt den Einbezug des DizMT, der einen einzigen Lokaldialekt thesauriert.

Überblicksartige Darstellungen, wie auf der gerade genannten Beispielkarte, sind jedoch nur möglich, wenn die nicht selten zahlreichen lokalen Einheiten zu Gruppen zusammengefasst werden, so wie formˈavo, fromˈazo, fryˈmai, furˈmaj, furmˈaʧ usw., die alle das Konzept KÄSE bezeichnen. Durch die Gruppierung werden die Belege zu Varianten abstrakterer Typen. Systematisch unterschieden werden in VA sogenannte ‘morpho-lexikalische Typen’ und ‘Basistypen’ (vgl. Typisierung; die morpholexikalischen Typen definieren sich über die Wortart, die Konstituenten des Worts (Basis [+ Wortbildungsmorphem]), im Fall von Nomina zudem über das Genus sowie über die Sprachfamilie; nun ist es praktisch, die Typen (d.h. die Klassen von Varianten) auch durch sprachliche Einheiten identifizieren zu können; dazu werden in VA die am besten bekannten/am weitesten verbreiteten Varianten gewählt, also die standardsprachlichen Äquivalente. So wird der morpholexikalische Typ, zu dem alle genannten Beispiele sowie 368 weitere (Stand: 17.9.2019) gehören, durch standardfra. fromage/standardita. formaggio identifiziert.

Noch abstrakter sind die Basistypen; sie gestatten es morpho-lexikalische Typen zu gruppieren, wenn sie eine gemeinsame historische Basis haben; das gilt auch für morpho-lexikalische Typen unterschiedlicher Sprachfamilien, also im Fall von Entlehnungen.   So werden die morpho-lexikalischen Typen fra. fromage/ita. formaggio (m.), formaggia (f.), fra. forme/ita. forma zum Basistyp lat. forma(m) gebündelt oder schweizerdeu. staafel, fra. étable (f.), ita. stabbio (m.) zum Basistyp lat. stabulum.

FAIR

#auf der Basis des Ladinia-Arbeitsberichts

#Stephan#

Lokale Belege, Typen virtuelle Repräsentation#

Wie die FAIR-Kriterien nun im Einzelnen ausbuchstabiert werden sollten, ist jedoch nicht eindeutig zu beantworten, denn es ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten. Ein geolinguistisches Modell für die virtuelle Abbildung dialektaler Kontinua wird von VerbaAlpina entwickelt. Grundlegend für die Identifikation der Daten ist darin die Georeferenzierung, die auf der Ebene der politischen Gemeinde erfolgt. Zusätzlich zu den Geodaten wird jeder Sprachbeleg einer der drei alpinen Sprachfamilien zugeordnet.

Die Zugehörigkeit kann übrigens nicht automatisch von der Gemeinde auf die Daten ‚vererbt‘ werden, denn es gibt durchaus zweisprachige Orte; so wurden für Selva di Progno oberhalb von Verona von Nutzern des CS–Tools germanische und romanische Belege geliefert, wie der Ausschnitt zeigt:

Zufälliger Ausschnitt aus den Crowd-Daten aus Selva di Progno

Zufälliger Ausschnitt aus den Crowd-Daten aus Selva di Progno

Die Zweisprachigkeit der gelieferten Materialien ist im Übrigen keineswegs überraschend, denn zur Gemeinde gehört die zimbrische Sprachinsel Ljetzan (ita. Giazza). Eine genauere Georeferenzierung auf diese frazione wäre übrigens auch keine Lösung, denn das Zimbrische ist in rapidem Rückgang begriffen, so dass auch im Ortsteil Ljetzan mittlerweile ganz überwiegend  eine romanische Varietät gesprochen wird.

Mit den Geokoordinaten und der Zuweisung einer Sprachfamilie ist eine lokal erhobene sprachliche Einheit hinreichend charakterisiert, um sie eindeutig im Dialektkontinuum zu verankern. Damit die lokalen sprachlichen Einheiten außerdem auch lexikologisch  identifiziert werden, weist VA ihnen (wie eingangs gesagt) einen möglichst weitverbreiteten, im Idealfall standardsprachlichen morpho-lexikalischen Typ zu, wie z.B. im Fall der im Ausschnitt gezeigten Form knest ‘Gehilfe des Hirten’ das deu. Knecht.

Geolinguistische Identifikatoren

Allerdings lassen sich aus der Tatsache, dass diese lokale Form  knest (sowie mehr oder weniger viele andere desselben Ortes auch) sich als Variante eines Typs erweist, für den es auch eine standarddeu. Variante gibt (Knecht) auch nicht im Ansatz Argumente gewinnen, ob man das lokale Zimbrische womöglich als eigenständige Sprache und nicht als Dialekt des Bairischen einstufen sollte.  Diese Frage stellt sich im germanisch- und slawischsprachigen Gebiet der Alpen ohnehin selten, allenfalls noch für das Walserische in manchen italienischen Walsergemeinden sowie für das  Rezijansko in der Val Resia.

Im Hinblick auf die geolinguistische Dokumentation, die in sprachwissenschaftlicher Perspektive unbedingt im Vordergrund stehen muss, ist der Unterschied sekundär und letztlich vollkommen unerheblich, denn jeder Erhebungsort hat potentiell ein mehr oder weniger spezifisches Idiom und alle diese lokalen Idiome sind im Hinblick auf das romanische Kontinuum gleichwertig – vollkommen unabhängig davon, ob ihr gesellschaftlicher Status als ‘Dialekt’ oder ‘Minderheitensprache’ eingestuft wird, oder ob sie in klassifikatorischer Absicht als ‘Kleinsprache’ oder ‘Subdialekt’ eines regional weiterverbreiteten Dialektverbunds eingeschätzt werden. Die romanische Situation muss man im Hinblick auf diese sprachsoziologischen und arealtypologischen Fragen als außerordentlich unübersichtlich bezeichnen. Ganz unterschiedlich motivierte Sprachnamen und klassifikatorische Kategorien werden oft vermischt.

Das Problem muss hier nicht im Detail beschrieben werden; es reicht ein Blick auf das Rätoromanische in der Schweiz.   Mit diesem Ausdruck wird in der Bundesverfassung eine der vier ‘Landessprachen’ bezeichnet. Im Art. 4  heißt es ganz lapidar:

"Die Landessprachen sind Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch."1 (Bundesverfassung)

Es wird in Art. 70 weiterhin spezifiziert, dass diese Sprache auch ‘Amtssprache’ ist:

"Die Amtssprachen des Bundes sind Deutsch, Französisch und Italienisch. Im Verkehr mit Personen rätoromanischer Sprache ist auch das Rätoromanische Amtssprache des Bundes." (Art. 70 Sprachen)

Auch in der Verfassung des Kantons Graubünden ist vom ‘Rätoromanischen’ die Rede: 

"Art. 3 Sprachen
1 Deutsch, Rätoromanisch und Italienisch sind die gleichwertigen Landes- und Amtssprachen des Kantons.
[...]
3 Die Gemeinden bestimmen ihre Amts- und Schulsprachen im Rahmen ihrer Zuständigkeiten und im Zusammenwirken mit dem Kanton. Sie achten dabei auf die herkömmliche sprachliche Zusammensetzung und nehmen Rücksicht auf die angestammten sprachlichen Minderheiten." (VerfassungGR)

Dem verfassungsrechtlichen Gebrauch entspricht die Sprachkodierung in ISO 693-3 , denn dort ist ebenfalls für  'Rätoromanisch' (bzw. eng. Romansh) ein Identifikator vorgesehen, nämlich roh. Diese Kodierung lässt sich zwar als ein verlässliches Normdatum in geolinguistischen Metadatensätzen verwenden; es ist jedoch nicht genau genug, denn ‘das’ Rätoromanische in Graubünden existiert in Gestalt von mindestens 7 Varietäten, von denen 6 auch in der Schriftlichkeit ganz selbstverständlich und mit lang zurückreichender Tradition gebraucht werden.2 Daher sind weitere Sprachcodes erforderlich, die z.B. vom Wikidataprojekt oder vom Glottolog angeboten werden:Ethnologue zu nennen.</span>" rel="footnote">3

Varietäten gemäß Lia Rumantscha Wikidata QID Glottolog Verfassungen CH, GR ISO-693.3
"Standardsprache" Rumantsch Grischun "Rätoromanisch" roh
"Schriftidiome" Puter
Vallader Q690226 Lower Engadine
Surmiran Q690216 Surmiran-Albula
Sursilvan Q688348 Sursilvan
Sursilvan-Oberland
Sutsilvan Q688272 Sutsilvan
geprochener Dialekt Jauer Q690181

Man beachte, dass Wikidata das differenzierteste Angebot an IDs macht. Unabhängig davon, ob sie sich auf Dialekte oder (Klein)Sprachen beziehen, sind diese Codes mindestens dann für die geolinguistische Datenstrukturierung relevant, wenn sie in Referenzwörterbüchern explizit erscheinen, wie zum Beispiel in S, V oder P.

Glottolog identifiziert zwar die "Schriftidiome", bezeichnet sie jedoch teils (Puter, Vallader) nur mit englischen Termini. Darüber werden die in der Tabelle (Spalte Glottolog) identifizierten Idiome weiterhin auf der spezifischsten Ebene einer zwölfstufigen Hierarchie positioniert, die teils auf rezent geographischen, teils auf genealogischen Kriterien beruht (in Klammern steht die Anzahl der erfassten Sprachen)4:

Taxonomie des Glottolog

1.▼Indo-European (588)
  • Albanian (4)
  • Anatolian (10)
  • Armenic (3)
  • Balto-Slavic (23)
  • Celtic (14)
  • Dacian
  • Germanic (106)
  • Graeco-Phrygian (11)
  • Indo-Iranian (324)
  • 2.▼Italic (86)
    • 3.▼Latino-Faliscan (83)
      • Faliscan
      • 4.▼Latinic (82)
        • Imperial Latin (81)
          • 5.►Latin
          • Romance (80)
            • Eastern Romance (5)
            • 6.▼Italo-Western Romance (70)
              • Italo-Dalmatian (5)
              • 7.▼Western Romance (65)
                • 8.▼Shifted Western Romance (63)
                  • 9.▼Northwestern Shifted Romance (31)
                    • Gallo-Italian (8)
                    • 10.▼Gallo-Rhaetian (23)
                      • Friulian
                      • Ladin
                      • Oil (20)
                      • 11.▼Romansh
                        • Lower Engadine
                        • Rumantsch Grischun
                        • Surmiran-Albula
                        • Sursilvan
                        • Sursilvan-Oberland
                        • Sutsilvan
                        • Upper Engadine

Jede taxonomische Ebene ist durch einen (hier nicht wiedergegebenen) Identifikator ansprechbar, so dass sich natürlich die Frage erhebt, ob diese auf den ersten Blick elaborierte Taxonomie, speziell die sechs romanischen Stufen für die digitale Strukturierung geolinguistischer Kontinua aus der Romania – im Sinne der FAIR-Kriterien F und I (Findable, Interoperable) – einen nützlichen Fortschritt bedeutet. Die Antwort ist ebenso klar wie kurz: nein.

Es fehlt den Kategorien jedenfalls am Ort, wo sie bereitgestellt werden, jegliche Transparenz, da keine Daten hinterlegt sind und keinerlei Kriterien mitgeliefert werden, die sich auf konkrete Daten anwenden ließen; dazu müsste gesagt werden, wo z.B. der Westen ("Western Romance") beginnt, wie eine alternative Trennung in 'Gallo-Italian' und 'Gallo-Rhaetian' abgeleitet wird usw. Von der fehlenden  Operationalisierung dieser klassifikatorischen Kategorien abgesehen muss ganz grundsätzlich bezweifelt werden, ob sich derartige top down formulierte trennscharfe Klassifikatoren überhaupt auf Kontinua anwenden lassen. Der einzig mögliche Weg für eine raumbezogene Klassifikation geht bottom up durch die metrische Bestimmung gemeinsamer bzw. nicht-gemeinsamer Merkmale, also im Sinne einer induktiven, datengetriebenen Dialektometrie, deren Präsentation stets gestattet zu den zugrunde liegenden Daten zurückzugehen und insofern auch reusability verspricht. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass nicht nur die lokalen Idiome, sondern alle relevanten sprachlichen Merkmale mit eindeutigen Identifikatoren versehen werden; Ansätze dazu finden sich bereits im bereits erwähnten Wikidataprojekt in Gestalt von QIDs für grammatische Kategorien und LIDs für lexikalische Typen. Dieser Bestand sollte durch alle geolinguistischen Projekte im Sinne der FAIR-Prinzipien systematisch ausgebaut werden. Angesichts dieser eigentlich fundamentalen Herausforderung ist die skizzierte Taxonomie nicht nur unnütz sondern schädlich.


  1. Französisch: "Les langues nationales sont l'allemand, le français, l'italien et le romanche." | Italienisch: "Le lingue nazionali sono il tedesco, il francese, l'italiano e il romancio." | Rätoromanisch: "Las linguas naziunalas èn il tudestg, il franzos, il talian ed il rumantsch." 

  2. Weitaus schwieriger ist die Frage der Klassifikation im Hinblick auf das Dolomitenladinische, da die Extension dieses Klassifikators außerordentlich umstritten ist. 

  3. Außerdem ist der Ethnologue zu nennen. 

  4. Die Ziffern wurden vom Verf. hinzugefügt. 


Bibliographie

  • Bundesverfassung = (1999): Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft (Stand am 23. September 2018). Link
  • DizMT = Grassi, Corrado (2009): Dizionario del dialetto di Montagne di Trento, San Michele all'Adige
  • P = Uniun dals Grischs: Dicziunari Puter. Link
  • S = Decurtins, Alexi: Niev vocabulari Sursilvan ONLINE. Link
  • V = Uniun dals Grischs: Dicziunari Vallader. Link
  • VerfassungGR = (2003): Verfassung des Kantons Graubünden (Stand am 27. September 2016). Link

Stand der Dinge – 18. Juni 2019 (Zitieren)

Thomas Krefeld
(31 Wörter)

Der ursprünglich unter dieser Adresse präsentierte Text ist nunmehr Teil der Kongressakten des zweiten VerbaAlpina-Arbeitstreffens und kann, minimal modifiziert, unter der Adresse http://www.kit.gwi.uni-muenchen.de/?p=45335 abgerufen werden.