Mit Sklaven, Göttern, Munterkeit – Wie man sich (auf Italienisch) so verabschieden kann (Zitieren)

Thomas Krefeld
(1909 Wörter)

1. Sozialisation und Interesse

(Textquelle <F.W. Bernstein, Hintergrundbild)

Meine größte Kritikerin ist meine Frau Nora, denn sie hat auch Romanistik und Germanistik studiert und weiß, wovon sie spricht. Ihre Fundamentalkritik lautet: Ihr macht doch immer nur Dasselbe. In meinem Fall ist damit speziell die Dialektologie gemeint, die mich in der Tat seit je sehr stark interessiert hat. Aber die ganze Wahrheit ist es auch nicht, da ich dreimal wissenschaftlich sozialisiert worden bin:

  1. während des Studium und bis zur Promotion in Freiburg;
  2. während der Lehre und bis zur Habilitation in Mainz;
  3. durch Projektkooperation und bis heute hier in München.

Ich bin also von der Johannes Gutenberg-Universität  zur Universität München gewechselt, die zwar nicht Tim Berners-Lee-Universität heißt, die aber im Hinblick auf die Entwicklung, die ich hier genommen habe, eigentlich genauso heißen sollte. Denn inzwischen bin ich davon überzeugt, dass für die Publikation und Analyse des Wissens das Internet genutzt werden sollte – und nicht mehr Gutenbergs Druck papierener Bücher.

Vor diesem Hintergrund hat sich jedoch die Art und Weise, wie man sich mit Dialekten und empirischen sprachlichen Daten überhaupt befassen muss, grundsätzlich und wirklich radikal geändert.  Die Sprachwissenschaften bewegen sich in die Digital Humanities, und genau dort sind wird mit unseren Münchner Projekten seit wenigen Jahren angekommen.  Was das bedeutet zeigt sich im Folgenden, ohne dass ich dabei ins Detail zu gehen brauche. Ich kann mich – mit anderen Worten – hier und heute entspannt  aus der Lehre verabschieden.

2. Abschiedsgrüße aus der italienischen und rätoromanischen Dialektlandschaft1

Eine bedeutende und alles andere als vollständig ausgewertete Quelle der traditionellen Dialektforschung sind die so genannten Sprachatlanten; der Prototyp, der Sprach- und Sachatlas Italiens (AIS) ist dem Italienischen und Rätoromanischen gewidmet. Er umfasst ## Karten, die überwiegend dem Wortschatz und mit den grammatischen Formen (der Morphologie) gewidmet sind. Einzelne dokumentieren aber auch ritualisierten Verwendungen aus dem Bereich der Pragmatik, wie zum Beispiel den GRUSS (AIS 738 BUON GIORNO!) und insbesondere den ABSCHIEDSGRUSS (AIS 739 ADDIO!). Zwischen beiden besteht in mehrfacher Hinsicht eine deutliche Asymmetrie, wie bereits aus der Legende zu AIS 738 hervorgeht: Pragmatisch gesehen wird der GRUSS keineswegs überall explizit formuliert und darüber hinaus finden sich viel weniger Varianten in der Formulierung; die Asymmetrie wurde den Autoren des Atlas offensichtlich erst zu der Erhebung bewusst.

AIS 738, Legende

Hier beschäftigt uns jedoch der deutlich interessantere ABSCHIEDSGRUSS. Auf der eigentlichen Karte sieht man das Netz der Erhebungsorte (rote Ziffern) und daneben den jeweils erhobenen Sprachbeleg.

AIS 739 ADDIO! – nordwestlicher Ausschnitt

Diese alten Daten sind in eine Datenbank überführt worden und können durch neue Daten ergänzt, weitergehend analysiert und erschlossen werden. Nach der Digitalisierung, die im Fall dieser Art von Sprachkarten weitestgehend manuell erfolgen muss, präsentiert sich etwa der nordwestliche Ausschnitte aus AIS 739 nun so, dass die Verbreitung zusammengehöriger Form vom Nutzer schnell erfasst werden kann:

AIS 739 ADDIO! – nordwestlicher Ausschnitt in der interaktiven Version von VerbaAlpina (interaktives Original

Es ist damit zu rechnen, dass zwischen den unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten semantische Unterschiede bestehen; sie wurden jedoch nicht systematisch abgefragt und nur gelegentlich spontan von den Informant:innen geäußert, allerdings nicht im hier untersuchten Alpengebiet (vgl. die Legende zur Karte). Parameter zur eventuellen Differenzierung sind:
  • die Vertrautheit der Person, von der man sich verabschiedet; #Zitat#
  • das Alter der Person, die sich verabschiedet; #Zitat#
  • der soziale Status der implizierten Personen; #Zitat#
  • die (In)Formalität der Situation. #Zitat#

2.1. Verbreitung

Die dokumentierten Typen sind in ganz unterschiedliche Ausdehnung verbreitet; manche finden sich grosso modo im gesamten Gebiet (so vor allem addio, ciao, salutare), andere sind dagegen nur kleinräumig anzutreffen (so raccomandare, sani, tanquier, vossignoria u.a.). Die Verbreitung soll jedoch hier nicht weiter kommentiert werden. Wir wollen uns vielmehr auf die Motivation der Formeln konzentrieren.

2.2. Motivation

Die dokumentierten Grußformeln haben zwar alle die Funktion den Abschied auszudrücken, aber viele von ihnen übermitteln zudem andere Informationen, meistens gute Wünschen, die man der Person, von der man sich verabschiedet, mit auf den Weg gibt; oder aber Ergebenheits- und Unterwerfungserklärungen. In historischer Perspektive lassen sich drei Gruppen unterscheiden.

(1) Eine erste Klasse ist aus der christlichen Tradition des Untersuchungsraums hervorgegangen; in diesen Abschiedsgrüßen wird die verabschiedete Person Gottes Schutz anempfohlen. Zu dieser Gruppe gehört der auf der Karte am stärksten belegte Typ adieu / addio. Der DELI, 19 weist darauf hin, dass es sich um eine Verkürzung des Ausdrucks (vi raccomando / vi affido) a Dio 'ich empfehle Euch / ich vertraue Euch Gott an' handelt. Eine alternative Kürzung um den zweiten Teil könnte im friaulischen Abschiedsgruß mandi aus (vi) raccomando (a Dio) vorliegen, denn im Friaulischen endet die erste Person auf -i. Auch das bündnerromanische Verb pertgirar 'behüten, beschützen' ist der ähnlichen Verbindung 'behüte Dich Gott!' belegt. Semantisch genauso motiviert ist ferner der nur in zwei Orten Graubündens belegte Typ piatigot, in dem jemand aus Bayern oder Österreich leicht das bairisch pfüati ('behüte Dich Gott!') wiedererkennt. Es handelt sich in Graubünden jedoch um eine Entlehnung ins Romanische; überhaupt darf man sagen, dass Abschiedsgrüße – wie im Übrigen Grüße überhaupt – schnell in andere Sprachen entlehnt werden. Man beachte, dass eine der beiden Orte, wo diese Entlehnung belegt ist, Sils im Domleschg, inzwischen den Sprachwechsel zum Deutschen vollzogen hat.

Aber auch unabhängig von dergleichen Sprachgrenzkonstellationen ist die Entlehnung von Grußformen weit verbreitet; man denke an en. hallo!, südwestdeutsch/alemannisch sali!, norddeutsch tschüs(s) bzw. rheinisch tschö (vgl. DWDS aus adieu  oder aber an das rezente ciao (vgl. DWDS, das sich aus dem Italienischen heraus verbreitet.

(2) Mit diesem italienischen Abschiedsgruß sind wir in der zweiten Gruppe der sozial motivierten Formen angelangt. Der Typ geht wohl auf eine venezianische Variante von ita. schiavo 'Sklave' zurück (vgl. Canobbio 2011). Das Wort hat eine kulturgeschichtlich interessante Entlehnungsgeschichte, die unmittelbar zum byzantinisch-griechischen Σκλάβος 'Kriegsgefangener, Sklave' führt. Das Wort wird als Rückbildung aus Σκλαβηνός (sklavinós) 'Slawe' interpretiert, der Selbstbezeichnung der Slawen, mit denen die Byzantiner in fortwährende militärische Auseinandersetzungen verwickelt waren (vgl. FEW s.v. *slovēninŭ). Über die mittellateinische Form sclavus ist es auch in andere romanische und nicht romanische Sprachen vermittelt worden (vgl zum Deu. DWDS).

Die sich verabschiedende Person versichert also die Person, von der er sich verabschiedet, ihrer Unterwürfigkeit, jedenfalls solange, wie die Ausgangsbedeutung 'Sklave' noch existierte. Damit entspricht ciao! semantisch genau dem süddeutschen/österreichischen servus!, das ja in der lateinischen Grundform ebenfalls soviel wie 'Sklave' bedeutet (vgl. Georges s.v. servus . Mit der habsburgischen Verwaltung hat sich dieser Gruß weithin im Gebiet der Österreich-Ungarischen Monarchie verbreitet (vgl. ungar. szervusz, rum. servus).

Ähnlich motiviert sind die beiden Belege von piem. ceréa / seréya, die wohl als Kurzformen des Typs vossignoria (vostra signoria) 'Euer Herrschaft' (vgl. Nuovo De Mauro s.v. vossignoria) zu verstehen sind.2

(3) Es gibt allerdings auch die essentiell zwischenmenschlichen Grüße, jenseits von Religion und gesellschaftlicher Hierarchie. Sie bestehen oft ebenfalls darin, der verabschiedeten Person etwas Gutes, vor allem Gesundheit zu wünschen #state bene, sani, usw.#. Die sich verabschiedende Person kann sich jedoch auch in Wunsch einschließen indem man die Hoffnung auf ein gemeinsames Wiedersehen ausdrückt (aurevoir,  arrivederci)

In ihrer elementaren Form vollzieht man den Abschiedsgruß jedoch performativ, indem man ein Wort ausspricht, das keinerlei andere Bedeutung hat.  Dies leistet in den rom. Sprachen der Typ fra. saluer / it. salutare 'grüßen' usw., der übrigens sowohl für den Begegnungs- als auch für den Abschiedsgruß steht:

salutare2 v. tr. [lat. salūtare «augurare salute», der. di salus -utis «salute»]. – 1. a. Rivolgere a una persona, nell’incontrarla o nell’accomiatarsi da lei, gesti o parole di saluto [...] (Treccani)

Auch das lateinisches Ursprungsverb des Typs saluer / salutare hatte bereits beide Bedeutungen (vgl. lat. salutare). Dieses Verb ist eine delokutive Ableitung  aus lat. salus; 'Wohlbefinden': Offensichtlich wurde die Bezeichnung des Grüßens aus dem Inhalt des Wunsches ('Wohlbefinden') abgeleitet, der als Gruß geäußert wurde.

Im Unterschied zum rom. Typ kann deu. grüßen  dagegen ausschließlich für den Begegnungsgruß gebraucht werden; für den Abschiedsgruß gibt es gar kein performatives Verb.

Man beachte schließlich, dass die nicht sprachlichen Ausdruckmittel des Grußes (Winken, Umarmen, Küssen usw.), die die den Sprechakt begleiten oder auch ersetzen können, auf der hier ausgewerteten Karte (AIS 739) nicht thematisiert werden; ihre Selbstverständlichkeit zeigt sich sprachlich zum Beispiel in der Tatsache, dass die rum. Entwicklung von lat. salutare;, rum. [[săruta
|https://dexonline.ro/definitie/s%C4%83ruta]] nicht mehr 'grüßen', sondern 'küssen' bedeutet.

3. Performative Aneignung

Jeder Fremdspracherwerb, den wir alle vollkommen zu Recht für einen großen Wert halten, ist eine Art von Aneignung (engl. appropriation), die aber gerade nicht im ideologisch verengten Sinne einer destruktiven Enteignung zu sehen ist, sondern als positive Teilnahme an einer Kulturtechnik und den damit verbundenen Werten,. Genau in diesem Sinn möchte ich mir nun abschließend manche der präsentierten Wünsche zu eigen machen und ihnen performativ mitgeben: portez-vous bien 'halten Sie sich gut (auf den Beinen)' und bleiben Sie allegri 'munter'!

#Ende#Ende#Ende#

\https://www.e-rara.ch/zut/content/zoom/22119603

\https://de.wikipedia.org/wiki/Kirchenprovinz

\https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%B6misch-

mandi <https://it.wikipedia.org/wiki/Mandi_(linguistica)> Typ: 'ich empfehle mich!' vgl. zum Deutschen https://www.dwds.de/wb/empfehlen#d-1-3,

"[...] Aus der Abschiedsformel sich jmdm. empfehlenempfehlen lassen entwickelt sich die Bedeutung ‘sich verabschieden, wegbegeben’. [...] " (Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/d/wb-etymwb>, abgerufen am 23.05.2022.)

inzwischen ich

#/media/Datei:Hist_kirchl_Einteilung_CH.png

ADDIO! www3.pd.istc.cnr.it/navigais-web?map=739

www3.pd.istc.cnr.it/navigais-web?map=739

mandi (https://arlef.it/grant-dizionari-bilenghe-talian-furlan/?word=mandi&trad=ftt)

allegra https://de.wikipedia.org/wiki/Allegra_(Gruss)#:~:text=Allegra%20(seltener%20und%20besonders%20im,Spezifikum%20ist%20der%20sprachliche%20Gehalt.

alt – neu P 323 und modern, modern: Typ ciao mit Motivationsverlust

enezianische Varianten von ital. schiavo (byzantinisch < slaw.) Σχλα

ciao

leitet uns zur zweiten Gruppe über

o lassen sich im Hinblick auf auf die Motivation einfache Grüße Grüße ergeben sich drei Gruppen von

. Die Wünsche zeigen – alles in allem – deutlich ihre Herkunft aus einem christlich geprägten und sozial stratifizierten, vordemokratischen gesellschaftlichen Rahmen. Sie zeigen aber gleichzeitig auch die mittlerweile erfolgte Säkularisierung und Demokratisierung, denn die Motivation der Grußformeln läßt sich oft nur noch mit ein wenig Recherche rekonstruieren: Für die Sprecher:innen selbst sind sie ganz oder teilweise unmotiviert geworden und auf den Vollzug des Abschiedsrituals beschränkt.

wünsche der    istHat sich gezeigt, das GRÜSSE oft WÜNSCHE sind.

Halten Sie sich gut und seien Sie munter

sani (nach deu. Lebwohl?) – im Altösterreich Friaul, Zufall?

#ludische Reduplikation venire

Abgesehen von den Loyalitäts- und Ergebenheitsbekundungen (wie ciao, mandi) sind die allermeisten Abschiedsgrüße gute Wünsche für die Zukunft, die ich Ihnen hiermit gern persönlich weitergeben, insbesondere solche, die der Gesundheit und Munterkeit gelten. Über allen steht jedoch der allgemeinste aller Abschiedswünsche: arrivederci / auf Wiedersehen!

Canobbio 2011


  1. Für die Diskussion einiger Grußtypen danke ich Beatrice Colcuc. 

  2. Für diesen Hinweis danke ich Gianmario Raimondi. 


Bibliographie

  • Canobbio 2011 = Canobbio, Sabina (2011): Formule di saluto, in: Enciclopedia dell'Italiano. Link
  • FEW = Wartburg, Walter (1922-1967): Französisches etymologisches Wörterbuch. Eine Darstellung des galloromanischen Sprachschatzes , Basel, vol. 20, Zbinden. Link
  • Georges = Georges, Heinrich (1913-1918): Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel ausgearbeitet, Hannover, Hahnsche Buchhandlung. Link
  • Nuovo De Mauro = De Mauro, Tullio (2016): Il Nuovo de Mauro . Link